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Full text of "Schneeballen"

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Schneeballen 




Heinrich 



Hansjakob 




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University < 

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RARY 

F THE 

df California. 

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Schneebällen III. 



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33on bemfelben SBerfoffer ersten in Qleirifjem Vertage: 

Änö meiner ^ugendjeit. Erinnerungen. 6. Stuft, eleg. geb. 9JM. 4.— 

Stu$ meiner Srubtcnjeit. Erinnerungen. 4. Stuft, eleg. geb. Sßf. 4.50 

«uö fronten £ogen. Erinnerungen. 4. Stuft, eteg. geb. 9Jtt. 4.40 

©Übe Ätrfdjen. Erhärtungen aus bem ©a>ar$tt)alb. 

7. Stuft eteg. geb. 2JW. 5.- 

3nt)alt: SJalenttn ber 9lagler. — ©alenttn« 3unftgenoffen. — 
Der rrtttfäV ßan«. — Dte ©anbbafen. — Der närrtfrfje 
2Rater.— Der£t)rtfttan. — Der «ßoftfetretär. — ©nmpattjte 
unb ®e&eimntffe. — Der §oftg. 

$ürre ©lotter. Erfter 93anb. 3. Stuft. . eleg. geb. Wli. 3.— 

3nt)a(t: 3m 9tetc$. — <Stn3tu8flug tnSftlofter. — Umwege. 

— HuS bem Seben eine« 9letd)Stag«;«anbibaten. — 3m 
©djroabenlanb. 

«Dürre ©tötter. Smeiter SBanb. 4. Stuft. . eteg. geb. 9Jtf. 3.80 

3 n f) a 1 1 : «u« meinem fcagebucfje. — Erinnerungen etne« alten 
$ute8. — Qm Sdjiuar^iualb. — (Stne föunbretfe. 

©((neeDaüen. Erfte afteit)e. 5. Stuft. . . eleg. geb. 2JH. 3.80 

3n&alt: Die ftarfuntelftabt. — Der SBenbel auf ber ©dbanj. 

— Der lefcte flftetdjSoogt. — Der ©ottfjarb auf bem SJüt)l. 

Srftneebaaen. 3roeite SReit)c. 3. Stuft. . . eleg. geb. Wt 3.80 

3n&alt: Der »ogt auf 3Rüt)lftetn. — Der 3atöbele In ber 
örub. — Der ©fetSbecf oon $a8le. 

©djneebollen bom <©ee ober dritte Steide. 5. Stuft. 

eleg. geb. Httf. 4.60 

3n^a(t: SBie Id) an ben See tarn. — Die swet dürften. — 
SWeln ©alrlftan. — Unfere Dorffdjnetber. — Der ftranso«. 

©auernblut Erklungen aus bem Scfjwarj&Qlb. 4. Stuft. 

eteg. geb. 2Kf. 4.50 

3nt)alt: Der öraf SWagga. — SUtarttn, ber fhtedjt. — Der 
©epple unb ber 3örgle. — Der Sorena In ben ®ud)en. — 
Der Setter ftaöpar. 

$er ßeutnont bon ©oSle. 4. Stuft. Eine Erching 

aus bem breifjigiäfjrigen Kriege . . eleg. geb. 2Rf. 5.— 

$m $orobie3. £agebud)blätter. 2. Stuft. . eteg. geb. 2Jtf. 4.80 

3n ben 9Heber(onben. SReifeertnnerungen. eleg. geb. 2Rf. 6.90 

3m 2djtuar,}iualÖ. Jvür bie beutfd&e ^ugenb unb ba$ 

SSolf ausgewählt. 5.-8. 2aujenb . eleg. fort. 2Rf. 1.— 

Stuf ber ^eftung. Erinnerungen eines babifdjen &taat$* 
gefangenen. 4. neu burdjgefe^ene Stuft, ©ei). 80<ßf.; 

eleg. fort. 2ttf. 1.05 

StuSgewälilte (©djriften. 8 SBänbe. . . . eteg. geb. 9ttf. 24.— 

3nljalt: I. 9lu8 metner Sugenbjelt. — II. BuS metner ©tu» 
blenaett. — III. SBtlbe Ätrfd)en. — IV. V. Dürre »lütter. 
2 »änbe. - VI VII. VIII. Schneebällen. 3 »ftnbe. 



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Schneebällen 



Bodenfee. 



Beiimcb ßansjakob. 



«fünfte, iiur^gefeljfne Auflage. 



Oblaiu 

©erlag von ftxanz fietd)tcr. 

1906. 



vom 



SSon 




3n§afts-3Uer?eicßu$. 



Settf 

ggfe tdj an ben See fam 1 

«Die &rcei grinsen 15 

gfteht ©ocrifton 89 

Unfere ^orffrfyneibcr 195 

%tt granaoS + , , 297 



Drutf toon ©refencr & 6d)ramm, Setpjig. 




T8k id} an hm 6ee ßam. 



Ijabe ba3 SBüdjlein „2lug meiner ©tubienseit" 
gcfdjloffen mit meüiex im grü^ja^r 1864 erfolgten 9ln* 
ftettung al§ £el)ramt§prafttfant an bem ©tjmnafium in 
2)onauefd)ingen. 

(Sin befannte§ (sprtdjmort fagt: ift eine Stleinig* 
feit, xpeß ßinber freut/ 3Jtan fann biefe§ $otf3roort 
rul)tg aud) auf ba§ QftngltngSalter anroenben, ba§ au8 
kleinem ©roj$e§ fd&afft burd) bie Qbeale, bie e3 baran. 
fnüpft, unb fo ftc§ au§ einer armfeligen irbif d)en ©Etftenj 
einen Gimmel „ooH tum $8afjgeigen" fonftruirt. fmb 
biefe Qbeale ein magrer Segen. (Sie machen bem jungen 
3Jtanne feine fubalterne SBerufSjeit leidet. Unb fo ging e§ 
aud) mir. 

©ecf^unbjtoanaig ©tunben Unterricht in ber SDBodfje, 
jeben ©onntag ©otteSbienft mit ^rebigt für bie ©tjmnaftaften 
— beifcdjSljunbert ©ulben ©efjalt, oon benen eintjunber U 
jmanjig Bulben für SQBoImung abgingen, ift genrif* ein 
armfeligeS $)afein für einen Sttenftfjen, ber groei gaM* 
täten abfoloirt Ijat. 

$lber in bem geplagten unb farglicf) bejahten getftlidfjen 
Sel)ramt§praf tif anten lebte ba§Qbea! oon einem „$rofeffor". 
Qd? glaubte bamaB, ergäbe fein f)öl)ere§ SDBefen auf (Srben 

£an8iafob, e^neeöallen. £ ritte 9tei$e. 1 



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als ein ^rofeffor unb ©taatSbiener, unb Ijattc t>or biefem 
©tanb fo oielen SUcfpcf^ als ^cutc noch ein ©chroaram&lber 
SBauernjunge, ber nie auS feinem $orfe gefommen ift. 

■Ufteine geifilichen ©tubiengenoffen, bie als 93ifare mit 
hunbert ©ulben ©ehalt ihren SBeruf übten, glaubte ich 
an äußerer SebenSfteHung ^immelmeit ju überragen unb 
al3 ich gar ein ^ahr fpäter, im Frühjahr 1865, als $or- 
ftanb an bie fjityere Sürgerfchule nach SBalbSfmt oerfefct 
reurbe, ba meinte ich, eS gäbe feinen fdjöneren unb työfycrcn 
S3eruf als ben meinigen. 

Unb bodfc) möchte iri} Ijeute um alles in bet SBelt fein 
^rofeff or fein, am aHerroenigften ein ©nmnaftal^ßrofeffor, 
unb wenn idt) noch einmal unter ähnlichen SBerhdltmffen 
auf bie 9Belt fame, mürbe idt) als befcheibener SBifar in bie 
©eelforge gehen, ftatt mich mit einem plnlologifdjen ©taatS* 
ejeamen abzuplagen, um bann ^ßrofeffor ju werben. @3 
märe bieS auch meinem ©eelenheile weit erfprieglid^er ge* 
roefen, als bie fünf 3al)re, bie ich mit bem ©röfjenmafm 
eineS babtfehen fie^ramtSpraftifanten in ber ©djule oerlebt 
Ijabe. ©S roaren „wenig Qahre, aber böfe", böfe in mannig* 
fadjer #inftcht. Unb ich banfe eS näd)ft ber ©nabe ©otteS 
heute nod) bem SDRinifter QoUn, ber mich, gang nahe am 
3icle jum ^ßrofcffor unb ©taatSbiener, abfegte. Qdt) ^abe 
ihm be^alb in ben jlebenjiger fahren einmal in einer 
öffentlichen Stammerftfcung meinen $anf auSgefprochen 
für bie mir fo fegenSreich geworbene Slbfefcung. 

3)iefe tyetlfame Operation fam aber fo: 

3$ hatte als ©rftlingSprobe meiner ©chriftftelleret 
in SBalbSfjut ein*8üchletn gef ^rieben über „bie ©alpeterer", 
eine religiöS*polttifche Seite auf bem ©chroaramatb. %iz 
Arbeit mar inhaltlich ebenfo forrett fircf)lich als formell 
fchlecht gefchrieben; benn ich hatte roeber am ©gmnafmm ju 



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— 8 — 

IRaftatt nod) auf bcr UnioerfU&t beutfd) gelernt. SBegen 
be3 QnfyalteS tabclten liberale SBlätter bie $oxm. ©ie 
meinten, ^ein Sftann, ber md)t beutfd) fdjreiben fönnte, 
foüte nidjt SBorftanb einer ©cfjule fein". Sie Ratten redjt, 
benn mein <Stul mar ju aßen fttittrt fein guter, bamalS 
aber gerabeju unter bem ©tridj. 

Qdj roeifj nun nid)t ob megen be8 fd)led)ten ©tnleS 
ober wegen be§ fatf)olifd)en Qnl)alt§ — mein oberfter SBor* 
gefegter, ber Sttinifter Qqüx), fdjritt ein. 2Beü er geäußert 
tyatte, „bafür forgen &u müffen, bafi SMtur unb gute 
(Sitte bem babif^en 93olfe nid)t entriffen mürben burd) 
bie fat^olifd^e ftirdje", mußte er natürlich audf) bafür 
forgen, bafi ben babifdjen ©djulbuben ber ©tul ntt^t oer* 
borben werbe burd) einen fat(jolifd)en ^riefter. 

Unb fo fam e§, baß idj junäd)jt r-om SBorftanb ber 
böseren SBürgerfdjule jum legten ßeljrer an ber gleiten 
ülnftalt begrabirt mürbe. $>aj} id) biefe (SbrenfteUe fofort 
ablehnte, Dcrftctjt ftd? r-on feibft. 3$ melbete bte§, furj 
entfdjloffen, ber Dberfdfculbeljörbe, mit bem <8ufa$, 
mit beginn be8 Sommerhalbjahres bie ©djule in 2öalb3* 
fjut ntdjt mefyr betreten mürbe unb mid) auci) nidjt in ge* 
maßregelter 9lrt an einer anbern 9lnftalt oerroenben ließe. 

hierauf tiefeg ©djroetgen in ftarlSrutye. Qcl) mar nun 
auSfdjliefjlid), roa§ td) feiger nebenbei geroefen, ftaplanei* 
aerroefer be§ r)crrXtd^ gelegenen ftaloarienbergS in SD3alb§r)ut. 

©8 mar bteS aUe3 im JJrül)jat)r 1869 cor ftd) ge* 
gangen, in welchem $rüf)jaf)r im gefegneten Säuberen 
58aben ein frifdfjer, fröhlicher ftulturfampf losging. $)ie 
$atholtfen mehrten fxdt) mannhaft gegen bie ftultur* 
Rettung be§ 9Rinifter§ %oUt), bem bamalS unb lange nadlet 
nod) unter #atU £aUo aUe§ unbebingte £eere§folge leiftete, 
ma§ liberal ^ieß unb e§ &u etroaS bringen moflte. 



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idj nadj bcm obigen Vorgang ntd)t auf be£ 
SJtinifterS (Seite fämpfen würbe, war fonnenflar. 
ftedte nürf), nrie e8 einem tat fjolifdjen *ßriefter gekernt, 
auf ©eite bei &u fultioirenben ftirdfe. 

©iner tyrer bamaligen Vorfämpfer, ber eble 3*eil)err 
uon Slnblau, Iub mid) in biefer ©ttmmung ein, mit iljnt 
eine Volföoerfammlung in ©ngen im £egau ju befudjen 
unb eine Siebe gu galten. 

Qd) fagte ju unb reifte mit bem SBaron, ber lanb* 
aufwärts gefahren tarn, an einem frönen 9Jlat*©onntag. 
Don SöalbSfyut roeg bem alten ©täbtdjen ber ©rafeu von 
fiupfen ivl. 9ttUb fdjien bie ©onne. 3)ie Äegelberge be& 
£egau§ mit it)ren Ruinen £of)entn>iel, ©ofjenftoffeln, 
©ofjenfjöroen unb §of)enfräl)en flauten ltd)t unb Ivette in& 
Sfjal fyerab, unb non aöen ©eiten tarnen bie £>egauer 
SBauern, um ber Verfammlung beiguroo^nen. 

Sfteue Vefen teuren gut. 3$ mar unter ben Der* 
fdjiebenen SRebnern ber neuefte unb jüngfte unb fyielt, 
n>a§ nalje lag, eine fcf)arfe ^ß^tüppifa gegen meinen 9Jlaf$* 
regier, ben SJlinifter Solln. 3$ meinte unter anberenv 
roenn ba§ SJliniftertum Qollu fo fortmache, fo werbe 
„$arl§ruf)e für bie babtfdjen ftatljolifen ba§, roa§ $eter3* 
bürg für bie Sßolen*. 

Qu ber Sßerfammlung fafc ber bamalige SRebafteur 
be§ „Trompeters von ©äefingen", mein ©tubienfreunb 
5lbam ©albig, jefct Pfarrer in 93üljl bei Offenburg. ®r 
bruefte bie Iftcbe in feinem Sölättdfjen ab unb ber „93abifd)e 
SSeobadjter" fie nad). 

$)er Staatsanwalt in 2Balb§f)ut, ein ffinb 3§rael§, 
er^ob Slnflage gegen ben Ütebner unb gegen bie Verbrei- 
ter ber Sflebe. ßurj juoor fatte er ein deines Vüdjlein 
von mir, ba§ SebenSbilb be3 ©rabifäofS von Sßicari ent* 



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— 5 — 

fialtenb, mit SBefdjlag belegt wegen bet ©teile: 0 %\t 
Pforten ber £öHe werben bie ßird^e nidjt überwältigen*. 
%a bem 5Hanne be§ alten $eftament§ ni$t jujumutf)en 
war, baf* et ba3 neue Seftament fenne, fo mar e3 tym 
nicfjt oerübeln, wenn er meinte, jene ©teile fei oon mir 
erfunben, um bamit ftarlSrufje unb ba8 9Jtiniftertum 
QoUu, als „bie Pforten ber £öOV ju besetdjnen. 

©djon au§ Sftücf fkf)t auf berartige jmeibeuttge (Steden 
t>e§ neuen $eftament§ follte man feinen Staatsanwalt 
au§ einem 93olte wallen, ba§ am liebften ba3 ganje neue 
$eftament mit SBefdjlag belegen mödjte. 

$)er ^ßrojef? wegen meiner (Sngener tftebe jog jid) in 
tne Sänge, unb tdj befcfylofj, inbeft nod) etwas ju lernen, 
unb unternahm im Quni eine ©tubienreife nad) SBien. 
3m Sluguft fe^rte td> surücf an ben Dberrfjein unb fanb 
eine Sabung be§ SBestrfäamtS SBalbSljut oor. £ter er- 
lesenen, eröffnete mir ein junger IKeferenbär, SRaftna war 
fein Sftame, bafc ber SJtinifter 3°Ü9 meinen # ©trid) au§ 
oer ßifte ber afabemifdj gebildeten fieser" oerfügt fyabe. 

Sttetne tßrofefforen*päne oon efjebem waren bamit 
^rünblid) furirt, unb id) fal) mid) um eine ©teile in ber 
©eelforge um. 

SBifäof ftübel rief mtdt) nadj greiburg unb bot mir 
bie ^ßfarroermaltung in bem ©täbtd&en (Snbingen am 
#aiferftuf)l an, wo eben ber Pfarrer geftorben war. Qd) 
wollte mir ben jugeb achten Soften juerft befefjen unb 
fuljr an einem frönen ©erbfttag be8 Qal)re3 1869 naef) 
Siegel, wo bie alten Börner fd>on ßiegel matten, unb 
wanberte oon ba 31t $uf$ hinüber an$ ©ebirg unb tn3 
malerifd)e, alte ©täbtdjen. 

©o gut mir biefeS gefiel famt feinen swei äirdjen, 
«benfo feljr mißfiel mir ba3 *PfarrI)au3 — eine alte, ger* 



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faHene £ütte. Unb ba bei mit gut gerooljnt fjatb gelebt 
tft, fo roat id) gleich entfd)Ioffen, nidjt nad) ©nbingen ju 
gelten. 

Zubern backte id) an ba3 befannte ©ptid)roott, baf* 
in (Snbingen „bet @tofd)en (9 Pfennig) einen 93a£en 
(12 Pfennig) roettf) fei", b. baj bie „SKnbinget* etroaS 
pr 0(313 feien unb firf) etnbtlbeten, xfjr ©elb Ijabe fjöfyeten 
2Bettlj aB ba3 anbetet ;äftenfd)enfinbet ber ^Wac^barfc^aft. 
S)a td) aber in jenen jungen Qafyten felber §od)gtabig 
an „©inbtlbung" litt, fo Ratten bie (Snbinget unb id> 
un§ nid)t roo^I oettragen. 

3>tum fdjüttelte id), of)ne jemanben al§ ben Kaplan 
©Stiele gefptodjen ju f)aben, ben ©taub von meinen 
güfjen unb ging roiebet Stiegel unb ^i 0 "^ S u » 

2tm SIbenb, ba id) mit »ifc^of ftübet ju Stifte faß 
unb mir über eine anbete *ßfattoetroefung fpradjen, 
fonnten mit ntdjtS finben. Qn bet Stockt fiubirte id), 
Iängete geit fdjtaftoS, übet meine gufunft nadj unb, ba 
id) ootab auf eine „fd)Öne ©egenb" abf)ob, fo ging id) 
im ©eifte bie frönen ©egenben unfeteS £anbdjen§ butd> 
unb fam aud) an ben SBobenfee. 

$)a fiel mit ein, bafj im ©ommet 1868 auf einet 
©tubtenteife nad) 9Jtünd)en bei bet $al)tt übet ben ©ee 
ein ftitteS, liebttd)e§ $ötfd)en mit f 0 imponitt ^atte. ®a§ 
©djiff fjatte unweit oon feinem Ufet gehalten, unb auf 
einem Äaljn eine „fytüin", ein gtofjeS, ftatfeä SJläbc^cn, 
*ßaffagiete fjetangetubett 

3$ ftagte einen 3Jlattofen, nrie biefe ©tation Ijeiße, 
unb erhielt bie Slntroott: Hagnau. $>et 9iame roat mit 
fo ftemb, bafc td) roiffen wollte, ob bet Dtt babifd) fei 
obet mütttembetgifd), ba bie beibetfeitigen ©tenjen fid) 
bott berüfjten. %tx ©djipmann beflatitte ba3 $)ötfd&en 



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— 7 — 

als „babbifd)* , unb tdj backte mir bamalS fdn>n einen 
Slugenblicf: ba möchte td) Pfarrer fein. 

2Iuf ber IHcife unb nadj ber OlüdCfc^r f>atte ief) ba§ 
Silb be§ 5)örfc^en§ ganj oergeffen. ©rft in obiger 9?ad)t 
taufte e3 roieber in meiner ©eele auf mit feinen #teb* 
Mügeln unb bem filberglänjenben ©eeufer. 

$e§ Borgens fpracfj tef) bem 5Mfd)of con biefem 
$)orfe unb baf$ ic§ „unbebaut* borten ginge, falB e3 
»afant märe. 5118 ber bamalige Regent ber £)iflcefe am 
Sttittag oon ber ftanjlei fam, fagte er mir, bie Pfarrei 
fei unbefefct, ber $farroermefer ein SO&ürttemberger, unb 
er, ber 93ifd)of, motte fud)en, meinen SBunftf) &u erfüllen. 

3$ galt ju allen Reiten & e j Sßifc^of ftübel weit mef)r, 
al§ tef) e§ oerbtente, unb raupte fid)er, bafc id) an ben ©ee 
fäme, roefftalb tdj beruhigt von bannen ging, SMbSfntt 
ju, um ben SluSgang meine« *ßrojeffe§ abjuroartetL 

©f)e biefer &u ©nbe mar, SJtitte Wooember, hatte id> 
meine Slnftetlung als *ßfarroern>efer nad) £agnau am 
SBobenfee. $)er genannte Sßürttemberger ging niefct gerne 
unb fyatte allerlei ©egenoorftettungen gemacht unb meine 
Slnroeifung fid) fo bi§ in ben Sftooember ^inauSgejogeu. 
3$ war aber bamate eine 5lrt partum" be§ Kultur* 
fampfeS, unb bejftalb mufjte ber ©djroabe fdjliefjlid) bem 
langen ätnaigtfjäler meinen. 

2lm 25. ÜKooember follte mir enblid) non ber ©traf* 
fammer in ßonftana ba3 Urteil gefprod)en werben, unb 
gleid) nad^er wollte id) meine neue ©teile antreten. — 
S)er $ed}t£anroalt oon 3Bänfer in gretburg mar aller brei 
3lngeflagten Sßert^eibiger, ber iäraelitiföe ©taatäoer treter 
berSlntläger. Srofc ber vortrefflichen SBertfjeibigung mürbe 
id) ju oier 2Bodjen, bie jroei SRebaf teure ber SBlätter, meiere 

bie föebe gebruet t Ratten, ju je brei 2Bod)en Jeftung oerurt^etlt , 

.i ■ . 



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. *- 8 — 

SRein Süd&lem ^tttuf ber JJeftung, Erinnerungen 
ctncS babifdjen (Staatsgefangenen", eben jc^t wteber neu 
erföienen, gibt näheren 9luffd)luf} über bie folgen btefeS 
UrtfjeilS, beffen SBoHjug auf meine 93itte uerfdjoben warb 
bis sunt 1. Sttat 1870. 

Qd) ging am Sage nad) ber Verurteilung woljlge* 
mutf) über ben 6ee, um meine jutunfttge *ßfarroermeferS* 
(Stelle ju infpiciren. ©S mar ein trüber, f alter, nebel* 
feudjter Sötntertag, als id) t>on 9Heer§burg l>er auf ein* 
famer Sanbftrafje bem Dörflern auwanberte, baS micr) fort* 

an fünfjefjn Qaljre beherbergen follte. %k SBeinberge waren 
entlaubt, unb bie SBinjer fafjen fjtnterm mannen Dfen. 

ßura oor bem $)orfe begegnete mir ein altes Sflütter* 
lein, bie Stiefmutter meines fpäteren, großen ©acriftanS. 
©S gilt befanntlict) für fein gutes Seidjen, wenn einem, als 
bie erften, „alte SBeiber* in ben 2Beg laufen. Unb bie mir 
SBegegnenbe machte gubem ein äufjerft nerbrie§Iicr)c§ ©eftdjt. 

„SBenn bie $agnauer alle foldje ©eftdjter machen, 
fo roirb bie (Sadfje nid)t gut werben, unb bu fyfttteft am 
(5nb* lieber an bie ©nbinger SBafcen geglaubt/ fagte id) 
mir unb fdjritt weiter ins 2)orf hinein. 

£>aj$ bie Begegnung mit ber alten %xau „ntdfjt ol)ne" 
war, jeigte ftdf) alSbalb. Qm *ßf ankaufe, wo mein wiber 
2BiHen fdjeibenber (Sonfrater nidjt &u £aufe war, madjte 
feine Stf)mefter ein nodf) weit oerbriefjltd)ereS ©eftd)t, als 
bie 9llte auf ber £anbftrafje. 

SÖBetberaorn $at mir im Seben nodE) nie impontrt. Unb 
falt unb rul)ig erfud)te id) bie grimmige ©crjmäbin, mir 
baS Qnnere beS £aufeS gu jeigen. 211S id? in bie oberen 
^immer^en trat unb fat), bafc jebeS oon if)nen einen §err* 
litten Sölid auf ben nur wenige (Schritte r»om Sßfarr* 
f)äu3d)en entfernten See g*mäf)rte, ba war id) mit allem 



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— 9 — 



oetföfytt. $ie fcifcnbc sßfarrerSföchm, bie nebenher 
immer fchimpfte, bafj ihr ©ruber bei ber .gahreSjeit 
fortmüffe, trübte meine greube über ba§ fo fchön gelegene 
Räuschen feine ©efunbe. 1 ) 

3Bie bie fieute jetjt auch fein motten, mir gefiel baS 
neue £>etm über atteSJcafjen roegen feiner prächtigen s 2lu§firf)t 
auf baS fd^niäbifc^e 3Jleer. S)aS Slnbere überlieg ich ruhig 
ber ^ufunft. 

3$ machte bann noch einen Söefucf) beim Bürger* 
meifter Sttobel. Unb auch ^ier fpufte ba§ Unheil, meines bie 
^Begegnung mit bem alten 2Betbe oerfünbigt hatte. s 3ttobel, 
«in ehemaliger 3*lbtoebel, aber ein gefd)eibter SDlenfch, mar 
Slccifor unb langjähriger SBürgermetfter. ©eine ©igenfehaft 
al§ 2lccifor offenbarte ihn fchon aB einen getreuen ©taatS* 
btener. Unb baS mar er in ho&em 9ftafje. ©eine mehr 
al§ nöthige SttegierungSfreunblichteit rourbe ein ©runb, mar» 
um ich, einmal $ahn im ßorb, mithalf, ihn 1870 oon 
feiner $öt)e als aUgebietenber DrtSoogt ju ftürjen. 2öir 
mürben aber fpater nriebergutjjreunb, unb jahrelang, fo oft 
er ben UebergangSjoU für mein ^äfcchen 3ttünchnerbter bei 
mir einjog, fafjen mir beifammen, tranfen eins unb f pradjen 
oon alten Reiten unb oon längft oergangenen Sftenfchen. 

2ln jenem 2lbenb aber, ba ich 8 U eintrat, um 
mich ben neuen Sßfarroerioefer oorjuftellen , hatte er 
eben bie ftonftan^er Rettung aus ber £>anb gelegt unb 
gelefen, bafj nrieber ein „junger $etjf aplan, SftamenS 
#an§jafob, §u oier SOSochen ©efängnifj oerurtheilt roorben 
fei megen Störung ber öffentlichen Sftuhe unb Orbnung*. 

$)er Sllte fragte mich allen ©rnfteS unb mit bitterem 
©efuht, ob ich „Derjenige fei", oon bem er eben gelefen 
habe. 3ch gab ihm jur 3lntioort, bafc ich aUerbingS 

$eute, 1902, ftnb ©ruber unb ©$toefter längft unter ben lobten. 



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10 



„berjenige", aber ju thm getommen fei, nid)t um ntich als 
„Denjenigen*, fonbcm als ben neuen Sßfarroerroefer von 
©agnau am SBobenfee ju präfentiren. 

@r mochte auS meiner Antwort erfehen, bafc ber 
junge Kaplan nicht febr höflich unb auch nicht erfdtjrocfen 
fei, unb meinte, eS gebe ifjn baS aUerbingS nichts an. 

$)ann ging et auf ben im QaJjr juöor r-erftorbenen 
Pfarrer über, mit bem er titele 3at)re lang fehr gut ju* 
fammengeroitft habe. $)er fei ein liberaler Sflann geroefen, 
ber jefcige ^ßfarroerroefer aber, ber äBürttemberger, finfter 
unb bigott. <£r bebauere nicht, bafc biefer fortfomme. 

$ch mufj offen fagen, biefe Unverfrorenheit eines 
SanbbürgermeifterS, ber frifch oon ber Seber meg rebete, 
imponirte mir, unb ich gab ihm baS Sßerfpredjen, meber 
in bie gufjftapfen beS oerftorbenen Pfarrers, noch in bie 
meines Vorgängers treten &u roollen, ba ich roeber „liberal" 
noc^ „finfter unb bigott" fei. (Sr möge eS je£t einmal 
mit einer anbern Kummer oerfuchen, um fo mehr, 
i^m feine anbere 2Baf)l bleibe. 

£)ef$ mar er aufrieben unb begleitete mich/ ^ a w 
jener fttit baS Slbenbfdjiff noch nicht in $agnau lanbete, 
eine Strecfe weit gen StfleerSburg. Unterwegs serrieth 
er mir, bie „ganj ©chroarjen 4 ' im S)orf verlören ben 
„bigotten" *ßfarrt>erroefer nicht gern unb mürben mir 
flroeifelloS (ein freunblicheS ©eftdjt machen. 

$ch tröftete ihn mit ber SBemerfung, bafc ich auch 
bie ©eftchter ber „gan& (Schmarien* nicht fürchten unb. 
in ber lommenben SBoche mit ©aef unb <ßacf eintreffen 
mürbe. 2lm „#arlacber SBeiher", halbroegS 3JleerSburg, 
trennte« mir unS; er, ungeroifj, wen er cor fleh gehabt, 
unb ich, ficher, einen liberalen unb aufgeflärten SBürger* 
meifter im jufünftigen ^farrborf ju befifcen. 



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— 11 — 

<5p5t am Slbenb fam td) in ftonftaitg an, wo mein 
Slbftfigequarttet Bei einem 9Jtit*$a§lacher fidj befanb, 
beim ©pitalpfarrer *Pfaff, ben ich in früheren (Schriften 
fehon gejeic^net habe. 

§ter ermattete mich bie in ßonftan§ mohnenbe ßötfjin 
be$ oerftorbenen „liberalen* Pfarrers oon Hagnau, eine 
fchneibige, auch liberale Sßerfon, um mit bie Söerhältniffe 
ber ©emeinbe ju fchilbern, mich oor ben bortigen „@p 
tremen" ju warnen unb mir ben SBürgermetfter empfehlen. 

•äftit bem ganzen üiebemerf einet eckten Käuferin" 
ftürmte fte auf mich ein, bod) bie 2Bege be§ feiigen 
Pfarrers ju roanbeln unb # bie fchtoarjen £eud)ler unb 
SBetbrüber" ju oerad)ten. 

(Sie mar bie Richte beS befannten freiftnnigen <Pfar* 
terS Shienjer an ber ©pitalpfarrei in ßonftanj, ber im 
erften beutftfjen Parlament ju fjranffurt fa§, unb fie mag 
ihre SRebfeligfeit unb ben Liberalismus oon biefem Dnfel, 
bei bem fte lange mar, gelernt haben. 

®3 ift betanntltch ferner, einem rebegeroanbten roeib* 
liefen Söefen älteren Datums gu miberfprec^en, einer alten 
^farrerSfödun aber ettoaS $u roiberlegen, ift unmöglich. 
Qd> hütete mid), fo fdt)neibig ich bem SBürgermeifter ent- 
gegen getreten, „ber JFrdulein Emma", fo hi*6 fie einft 
in Hagnau, Dppofition ju machen. Qtfj machte ihr ein 
Äompliment über bie geroanbte $)etaillirung ber 93er^ält=» 
niffe, banfte für ben „guten ftath* unb oerfprach, att 
ihre 2Barnungen unb Empfehlungen ju benfen. 

3^ hatte bamit ihr #era gewonnen , unb fie be« 
mü^te fleh um cinen tüchtigen „©dnffmann* oon 

Hagnau, ber meine ^abfeligfeiten anfangs nächfter Sßßoche 
am Bahnhof in Äonftanj in Empfang nehmen unb über 
ben ©ee führen foflte. 



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©djon am anbeten 9Jtittag brachte fte ben ihr fgm* 
pathifchen ©duffmann Detter oon £>agnau, ben fpäteren 
SBürgermeifler, einen btaoen, fatholtfchen 5ttann, tn3 
©pitalpfarrhauä, unb ich übergab ihm bie Ueberfafjrt. 

SQBemge £age fpäter, unb id) ftunb am $afen oon 
^onftanj, roo ber gäljrmann meinen oon SBalbSlmt ge« 
fommenen §au§rath bereits in fein ©d)iff oerlaben hatte. 
%tx batnalige babtfehe DberjoUinfpeftor, ein Äulturpaufet 
erften langes, glaubte aber, ben #e£faplan, beffen <Pto* 
jef* er wohl auch gelefen, noch „fuchten* $u müffen unb 
machte allerlei ©chroierigfeiten, weil ber ©ee al§ 2lu3* 
lanb gelte; et muffe auf meine Soften ©renjwächter mit» 
geben, unb SlehnlicheS. 

deinem ©djiffer, bet jebe SBoche einmal Dorn jen» 
fettigen Ufet nach ftonftanj fegelte, fiel biefe neue ©inrich* 
tung auf. 3$ gab ihm aber Slufflä'rung mit ben Söorten, 
er werbe eben noch nie bie Söaare eine« 9flanne3 übet ben 
©ee gebracht haben, ber wegen ©törung ber öffentlichen 
IHuhe unb Drbnung ftn ßanbe Saben oetuttheilt worben fei. 

S)em fchnaujenben Qnfpeftor aber, ber fic3t) mit einet 
lächerlichen ©ro^t^uerei in bie SBruft warf unb wie alle 
geiftlofen SBureaufraten burd) ©robheit ben Langel an 
SBerftanb erfe|te, erllärte ich: „er möge meinetwegen fo 
r»iele ©renjwächter auf baS ©djiff fefcen als $la$ hätten 
unb mit bann bie Rechnung f Rieten; abet ich oerlange, 
bajj et mein ©djiff nic^t länget hinhalte*. 

©3 ging bann ohne ©ren^auf feher. ©päter erfuhr 
ic^, bet SKann fei ein altet SKeoolutionämacher oon 1848 
her gemefen, hotte alfo bie Sttuhe unb Drbnung weit ftctf* 
tiger geftört als ich. ©r behanbelte mich ober nichts 
weniger benn als Scollegen. $)an!bar für ben frönen 
$ienft, ben ber alte 2lchtunbmer$iger ohne ©taatSe^amen 



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— 13 — 

errungen, glaubte er um fo färtetbiger ftd) al* Kultur* 
tämpfer unb *Pfaffenfreffer aeigen ju müffen. 

2US meine fieben ©ad>en einmal im See fdjroammen, 
machte autf) \d) mid) mit meiner Sdjraefter, meinen S #Ö* 
geln unb Rauben auf 8 Dampf fdjtff gen 9Jteer§burg. $ier 
mietete td) ba§ elenbe ©efä^rte eine§ alten &>l)nfutfd>er8 
unb f u^r auf ber Sanbftraße gen £agnau. 

SBon ßorb 93uron miffen mir, baß er in stalten 
£ülmer, Pfauen unb ftafcen mit ftcb, führte auf ber SHcifc. 
•Jftan fann e§ beßfjalb aud) mir, bem armfeligen $fan> 
uermefer, niefct oerübeln, menn id) mit einer Slnjabl oon 
Käfigen unb einer großen Xaubenfifte in meinem *ßfarr* 
börfdjen am SBobenfee einjog. 

@§ mar grimmig falt. SJleine gute ©d)roefter, ber, 
nrie allen roeibltdjen SBefen, „ein ©Rüffele ooll ßaffee" 
lieber ift, als bie f fünfte, mit ben >}äf)nen ungenießbare 
Statur, mar traurig, baß fie jum erftenmate im £eben auf£ 
Dorf follte, auf ein Dorf fo abgelegen unb fo einfam, unb 
auf ein Dorf „an fo einem rauften, großen SBaffer*. 

9fletn §er$ aber jubelte, roenn id) über ben ©ee Inn- 
flaute, unb jeber 2Beüenfd)lag, ber an mein $farr§äu3d)en 
l)tnauftönte, gab meinem Seben einen neuen $mpul§. 

Der ©ee mar mir junädtft alle§, entf<f)äbigte mid) 
für aüe§ unb ließ mid), unbekümmert um ba§ erfte Ur* 
tbeil meiner §agnauer, Reiter in bie gufunft flauen. 

2lm 1. Dejember 1869 trat id) mein 2lmt al§ 
©eelforger beS flehten Dörfdjen§ an unb oerblieb fn'er bi§ 
jum 1. 9tuguft 1884, nad)bem icf> anno 1872 buref) $ollt)§ 
©nabe, ber mir al£ geprüftem *ßf)tlologen ba§ bamal£ 
oertangte ©taatSejamen fc^enfte, Pfarrer geraorben mar. 

©o tarn id) an ben 35obenfee unb lernte Ijier bie 
Schneebällen f ernten, meiere id) im golgenben fdjtlbern werbe. 



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— 14 — 

$)abei werbe id) aud) Gelegenheit ftnben, mein eigenes 
$)orfleben nutein$ufled)ten. 

®ine8 tritt itf) aber gleich bemerfen: bie (Schneebällen 
am 33obenfee finb feine ©auero au3 bem ftinjtgtljal. 
£)iefe gleiten fentimentalen, poetifc^en Tannenbäumen, 
jene ben fulttmrten SRebftöcfen, bie nur nod) Statur jetgen 
in ihren Tanten unb in ben nrilben ©djoffen, meldte bie 
Gebleute am ®ee „9Iberjuiner* nennen* 



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3>ie ?wei "3?rin?en. 



tDenn ein neuer Pfarrer ober *farrnern>efer in ein 
fatyoliföeS 3>orf f ommt, fo fmb bie Mannsleute ftetS fe^r 
bereitwillig, beim ©injug be^tlfltd^ gu fein. SBei mir war 
biefeS ©ingie^en nodf) mit erfd) werten Umftänben begleitet^ 
weit bie Sttöbel crffc nom 6d)iff nerlaben unb burd)8 S)orf 
herauf not ba§ *ßfarrf)äu§d)en geführt werben mußten. 

5)iefe8 liegt mit ber ftirdje etroaS obfeitS unb l^er 
als ber unmittelbar am ©ee gelegene Sfjeil beS $orfe3, 
Unterborf genannt. $)ie Untcrbörfer matten ftdj nun 
in etftet Sinie baran, bem ©dnffmann unb feinen awet 
(Sefäfjrten $u Reifen/ aßerbtngS in fixerer (Erwartung 
eine§ $runfe8. 

(Sinen tüchtigen $run! nad) einem noUbradjten 
fiiebeSbienft erwartet jeber Sttebmann am SBobenfee fo 
fidjer, wie ben Slbenb auf ben borgen. 

Unter ben jungen 9Jtännern, bie tf)ätig waren an 
jenem falten 3>ejembertage, meine ,§abc in8 £au§ gu 
tranSportiren, fiel mir ein überaus fräftiger, fdf)öner 
junget Sülaun auf mit ftattftdpem Vollbart, ebel gebogener 
ÜRafe unb großen, bunfeln Slugen. 

3$ fragte, wer ber Sflann märe, unb Ijörte, e§ fei 
# be5 dürften ftonrab". ©3 fiel mir an bem tarnen 



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- 16 - 

ntd)t§ auf, unb td) badete nicht anber§, als ber äontab 
bet&e eben gürfi ^um ©efchlecht", unb, weil nod) lebig, 
werbe et als feines 93ater§, be§ dürften , ©olm bleich« 
net, fo roie ich als ßnabe unb als ©tubent „beS *Becfe* 
^P^ilippe feiner" genannt nmrbe. 

Sftachbem alles eingeräumt war, fpät am SIbenb, ging 
\d) mit ben Mannen inS benachbarte SirtbShauS „jum 
3=ri^ unb lief* ihnen gu trinten geben. 1869 nmdjg ein 
guter Steuer, unb ben liegen bie £eute ftch fehmeefen. 

Qdj blieb einen 9lugenblict bei ben luftigen (See* unb 
Gebleuten, unb als ich mich oerabfehiebete, ging mir ber 
ftattltdje junge 5Jtann nach unb fprad): „§err Pfarrer, 
wenn ®ie morgen nod) jemanb brausen, um baS ober jenes %u 
beforgen, f o Riefen ©ie nur nach mir. Qd) hab' immer 3ett." 

©r hatte einen fo guten, ehrlichen (Sinbruct auf mich 
gemacht, ba& ich ihn gleich für morgen befteHte, motu* 
nriffenb, ba& e§ noch manches ju orbnen geben roerbe. 

$aum mar ich in ber fommenben grühe auS ber 
Kirche, fo ftunb beS „dürften ftonrab* fdjon ba, aber 
bieSmal in ©ala, bie er fonft nur an Sonntagen trug 
unb in biefer 9trt allein trug am ganzen SBobenfee: furge 
Änietjofen, Sammetjacfe, filberne ©dmaHcnfchuhe, fernere 
filberne Uhrfette unb einen großen fthmarjen $il$hut faft 
größer als mein eigener. 

$)er SJcenfd) hatte mir burch fein SluSfehen geftem 
fd)on imponirt, h^te aber fam er miroor roie ein fcf>ottif<^cr 
£anbebelmann, unb ich backte mir, bei bem trifft baS 
©pridjroort ju: „nomen et omen habet" — er ^et^t ntct)t 
blofc Surft, fonbern hat auch roa§ gürftiicheS an fid). 

3»ch beraunberte feinen Slnjug, meinte aber, in folgern 
Slufpu^ fönne er mir nicht helfen meine SBogelfäfige auf* 
juhängen unb meine SBdcher au^uuaefen. 



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— 17 — 

$ber jefct fom feine noble 9tatur abermals &ur ©eltung. 
<Sr Ijabe fidf), antwortete er, mir jnnä^ft einmal in einem 
anftänbigen bleibe oorfteßen motten, geftern f)ab' er ba3 
nidjt gefonnt, unb ein $err, rote id), fotlte bodj audf) fefyen, 
baß be§ 5" r ^ en ^onrab roiffe, toa§ ftdf) fdjicfe. Qsr roerbe 
aber jum 23ütf)erau§r»acfen unb jum $äfigauff)ängen bie 
Kleiber nidt>t roecf)feln; benn biefe leiste Arbeit oertrage 
aud) fein ©onntagSanjug. 

SJlein <ßroteft l)alf nicf)t§. Qn (Ma mar er mir 
befjilflid), meine bamal§ nod) fteine SBibliotfjef ju orbnen. 
>Ju meinem Staunen fanb id) aber eine *ßfarrbibliotfje£ 
meiner Vorgänger au§ bem 18. Qafjrfyunbert oor unb 
fd)lofj barau§, baß rotffenfd>aftlidj gebitbete Seilte oor 
mir fdjon üjren ©ef allen gefunben Ratten an bem einfamen 
^farrbörfdjen am SBooenfee. 

ftaum mar idj etroa§ eingerichtet, fo roollte i<$ audj 
meinen liebften JJreunb, ben ©ee, ncifjer fennen lernen unb 
ibm beßfjalb auf einer ©onbel einen Söefuct) machen trojj 
Stalte unb ©djnee, roeldf) lederen bie erfte 9Zact)t reidjlid) 
gebracht hatte. 

%a tarn id) aber bei be§ dürften ßonrab an ben 
rechten 9Jlann. ©r befaß eine eigene, fdjöne ©onbel, 
galt al§ ber fünfte ©egler unb al§ ber fräftigfie Ruberer 
im 2)orf unb mar beßl)alb feit Qaljren fd)on Seibgonbolier be» 
bringen unb ber ^rinjeffm 2Btll)elm auf bem benachbarten 
<5ct)toffe $ird)berg. 

sßrinjen unb ^rinjeffinnen in ©üUe unb ftütte, ja 
felbft ben ftaifer 2ltejanber oon 9tußlanb rjatte be§ gürften 
Äonrab fdjon in feiner ©onbel gehabt. 

£)er ©nf el be§ großen Proletariers unb ^erren^einbeS, 
be§ d£fel§becf3 oon £a§le, befam alfo einen %zx$en uno 

^anSiafoö, <2$nee&aßcu. dritte 9tei§e. 2 



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— 18 — 

eine ©onbel, bie für ihn faft gu oornehm roaren. Seben» 
faHS aber burfte er folgern gü^rer fiel) anoertrauen. 

meine, e§ mar am britten £ag nach meiner 2ln* 
fünft, an einem SJtontag, al§ ich bie erfte ©eefahrt unter* 
nahm. $onrab§ ©chroager, ber „rothe §aa§*, ein IHiefe 
in ber Arbeit unb im £runf, ein fehr intelligenter Bürger 
unb ©ememberath, toollte in bem jroei ©tunben oberhalb 
Hagnau am fchroäbifchen ©eeufer gelegenen roürttember* 
giften $)orfe ffifdjbac^ eine ftvtf) taufen. 

(£§ roarb befcfjloffen, ihn begleiten unb nad) $tfchbach 
ju gonbeln. $er „rothe £aa§", ber fonft bei ber Stalte 
lieber gelaufen märe, foüte ben gmeiten Ruberer machen, 
bamit meine ($rftling§fahrt rafdjer oon ftatten ginge. 

2113 ich pr beftimmten Sftachmittagsftunbe an§ Ufer 
be§ ©ee§ ^inabtam, trat au§ einem ber§äu§chen am©ee ein 
britter, älterer SJtann, ärmlich gef leibet unb mit einer *ßelj* 
mütje auf bem ©aupt, aber mit einem noch oiet abeligern 
Äopf, al§ ber ßonrab ihn befafj. ©ine roatyrljaft fürftliche 
Sftömernafe gab bem Gilten jenen $upu§ männlicher 3l^nen* 
btlber, nrie er in abeligen *ßuoatgalerten un§ oft begegnet. 

(£r melbcte ftch auch als Begleiter auf ber gfefßt, unb 
ber „rothe £aa§" ftetlte ihn oor al§ „^ßrina £anne (Johann), 
©tiefbruber be§ ßonrab", unb meinte baju: „£)err Pfarrer, 
heut* ^aben ©te noble ©efeHfchaft, ©ie fahren mit jmet 
^rin^en." „2Bie heifjen benn bie Seute junt ©ef dE>led>t?" — 
fragte idt> jefct neugierig, toeil icf> früher fchon ba§ 2Bort 
{Jürft gehört hatte. „Sie tyifcn äBegiS, werben aber ftetä 
bie grinsen genannt," antwortete ber £aa§. Qe^t gingen 
mir bie fingen auf, unb ich «tonnte, bafj ich & bti bem 
tarnen „^rinj" nicht mit bem ©efchlecht, fonbern mit ber 
9lrt &u thun hatte. Qtf) glaubte aber an eine 3lrt oon (Spott* 
namen unb unterließ e§, ben rotl)cn §aa§ toeiter ju fragen. 



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— 19 — 

3 m S Iu 9 tfKtt ocr öon otei Ruberem bewältigt, 
über bic falte fflutt). ©in letztet S^cbel lag über beut ©ee 
unb ließ nur wenig, nor ftch ^infe^en. 2lber ba§ 3BeHen* 
fptet neben unb unter bem ©chtffcfjen war mir ödnjlid^ 
neu unb machte mir bie jtemlich weite ^aljrt intereffant. 
$>ie Ruberer fprachen wenig, ihre Arbeit befdjäftigte fte, 
um fo mehr, als fte mir aeigen wollten, wie rafd) fte mid) 
fortbrächten. 

3m ®orfe Jtfchbach, bem öbeften am SBobenfee, ge* 
lanbet, warb bie Ihth getauft, ©ie ftunb beim ©cf)ult* 
heif?, unb ich ging als ehemaliger „#ul)l)trt" meinet 
SSaterS natürlich mit baf)tn. 

©p&t am Slbenb festen mir über ben bunfeln ©ee 
heim, bie „jwei ^rinjen" unb ich allein, ber „rotfje $aa3" 
aber gog mit feiner ftuh ben Sanbweg. 

Qch lub bie beiben Jorgen bei ber £eimfunft ju einem 
©la§ SBier ein unb fing babei an, fie ju ftubiren. ©ie 
gaben ftch mir burdjauS ungenirt, aber feineSmegS roh 
unb ungebilbet. sßrtns £aune mar ber gefprädn'gere unb 
ber gefcheibtere; ^rinj Äonrab hatte etwas ungemein 93t* 
berbeS unb ©utmüthigeS, beibe aber unoerfennbar oor* 
nehme ©efichtS^üge. 

2BaS ich an ih nen benmnberte, unb waS alSbatb alle 
ßagnauer ober, wie fie ftch felbft nennen unb oon ihren 
Nachbarn genannt werben, „^angouer" auch befunbeten, 
war bie ungemeine gerttgfett im ©efpräch, eine Lebe* 
geroanbtheit unb eine §anbhabung befferer Lebensarten, 
nrie ich f ic bzi £anbleuten nur in ben Leborten am 
SBobenfee getroffen habe. 

$)er Sauer im ftin^igthal ift, waS biefe gewählte 
©prachweifc betrifft, ein ungelecfter SBd'r ben ©eehafen 
gegenüber. 

2* 



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— 20 — 

$)er SBcmer im ©dfjroararoalb ift etegifdj angelegt 
©eine büfteren, fcfjroarjen Sannen atfjmen biefe ©legte au3. 
(Sein geben unb Arbeiten in ben bergen ift mitkam, unb 
fo auc§ feine SRebe unb fein ©ang. $n ben $erfef)r mit 
fremben 9ftenf d)en fommt er in feinen abgesoffenen SBergen 
feiten ober gar nie. 

$)er Sanbmann am <5ee ift ooll Reitern §umor§ unb 
oott Sebenbigfett. ©eine Steingärten forgen für ben $umor, 
unb ba§ eroig lebenbige Gaffer, ba3 in ben SÖBeüen beS 
©ee§ ftänbig an be£ £)orfe§ Ufer f dalägt, bringt audj 
fieben in bie 2ftenfcf)ett. 

Qlber Sßaffer trinft ber §agnauer trotjbem feinet er 
ift ein gefcfjroorener geinb beSfelben. (Sr ift fc§on fatt oom 
5lnf<$auen ber SQßaffermenge, bie er tägUcf) oor fidfj Ijat. 

©eine eigentliche Sebenbigfeit unb feinen £umor oer* 
banft er bem SBetn. ©ibt'3 oieten unb guten 2öein, fo 
ift fein £umor unoerroüftlid) unb fein ^Durft unlöfcpar. 
©tbt'3 roentg 2Bein, fo roirb fein |>umor pm bitterfüfsen 
©algeulntmor , fein 3)urft aber bleibt gleid). 9htr fttflt 
er i^n bann mit SBirnenmoft unb mit £ire*). 

2Kan fagt fo gerne, „ber 9Jtenfd& ift ba§, roaS er 
igt" — am Söobenfee t)ab' id) mief) überzeugt, bafc er „ba§ 
ift, roa§ er trinft". Qu ben ^afjren, ta melden ber £ag* 
nauer 2Bein trinft unb nur SBein, ift er ein gang anberer 
Sflenfcf), al§ roenn er mit 3Jloft unb £ire feinen %ux\t 
löfdjen mufi. 

2Benn er SBein I)at, fönnte er, roie man fagt, ben 
$euf et au§ ber §ötle Irolen; roenn er Sire trinft, roirb 
feine ©timmung tragifcf), matt unb mitbe. 5lber oerjroeifeln 
roirb ber richtige £>agnauer erft, roenn einmal gar fein 



*) ein (BeMnt aus Xrau&entreftern, SBafier unb Surfet, 



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— 21 — 

anberer Stopfen met)r gebebt aU ba8 SRegenwaffer, fo 
vom ©irnmel fällt unb ben (See uitb bie Brunnen ernährt. 

DaS (£ffen ift ihm Siebenfache. (Sr tfet ungemein rauh 
unb einfa^ aber tm $rinfen gilt fein ^ahlfprudp *$iet 
unb gut", ober, wenn'3 nicht anberS fein fann, ,oiel unb 

Saturn erzählen bie Seute im $>orfe heute noch i»n 
jener fehreef liehen 3eit, n>o in golge einer SKebfranfheü 
fedtj§ Qahre lang f eine %oxt el *) „gelaufen* fei Sßon ber 
großen «ßeft aber anno 1635, roä'hrenb melier ba§ 5)orf 
faft ganj auSftarb, roiffen fte nichts mehr. 

Öhr 2Bol)l unb SBet)' hängt eben oom «Bein ab, unb 
bie meinlofe ift ihnen bie fchrecflichfle Qtit. 

$och wenn fd)on ber alte $omer oon einem 2Betn* 
gelage fagt: „<5o roa§ bünft mich im ©eifte bie feligfte 
Söonne be§ Sebent, fann man ben $angouew ihre 
greube am 2Bein auch oerübeln. 

$)ie gemanbte iHebe ^at auch noc^ eine anbere Ur* 
fache: 3ln ben (Seeufem mar wegen be§ 2Betnbaue§ feit 
Sahrhunberten oiel Sßerfehr mit ftremben, namentlich in 
ber ©erbftjeit. Unb bie ©eloetier oulgo „Schmuser* 
am gegenüberliegenben (Seeufer oerfet)ren jahraus jahrein 
mit ben „(Schroaben am ©ee*. (Sie bringen allerbingS 
mehr „gräntli 4 ' als S5ilbung mit, aber fie üben ben Um- 
gang mit anberen ßeuten. — 

®o fah i<h benn an jenem Slbenb, jum erftenmal im 
£eben länger unter anberen Sanbleuten a!3 im ftinätgthal, 
bafc ein gang anberer Sftenfchenfchlag ba oben roohne. 

$ie groei ^ßrinjen £anne unb ftonrab aber hatten, 
wie fchon gefagt, fo oomehme ©eftchtSjüge, baft man un* 
* nnttfürlidh an ihre ftürftlichfeit &u glauben oerfudt)t mar. 

») ffietnprtffe mit ^olafptnbcl, oom lateintfäen torqoere. 



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®a$u härte ich noch gleich anfangs, baß betbe bis 
t)or furjem altabeligem, ritterlichem Sport gehnlbtgt Ratten. 
Sie gogen an Sonn* unb geiertagen ins SBinnenlanb, in 
ben Benachbarten Sinjgau, unb bef erbeten bie Sauernburf djen 
in ben SBirthShäufern. 

<ßrin& $amte reigte fie mit fpöttifchen SBorten, unb 
^Pring $onrab jeigte ihnen bann feine getjbefraft unb fdjlug 
ftc nieber. 

SBeibe ^ßrinjen roaren brausen in ben Dörfern bei ben 
üftadt)fommen ber alten „Siutijen* fo gefürchtet, baß bei 
i^rem (Srfcheinen bie 3Btrth§ftuben fleh leerten. 

So mürbe idt> immer begieriger, oon ihnen mehr unb 
Näheres ju hören, unb roaS ich «« Verlauf ber Qahre 
hörte unb erlebte, fofl nun er^lt roerben. 

$rtnj Johann hotte fchon in feiner erften Qugenb 
großen ritterlichen -äftuth gezeigt. (Sr mar ber erfte ge* 
mefen, ber, als anno 1830 ber See überfror, ben roeiten 
2öeg non Hagnau in bie Schmeiß über baS (StS gemacht 
hatte. @r mar roeit älter als fein Sttefbruber Äonrab, 
unb barum hotte er bereits bie roeite SDBelt gefehen, ehe 
biefer aus ber Schule getommen. 

$)ie w 3 ur P in 9lnna" mar 1826 geftorben unb hatte 
beut Johann ein namhaftes Stücf ©elb hinter laffen, baS 
er anno 1837, ooßjährig gemorben, alSbalb ©ermanbte 
&u ritterlichen gahrten. 

©r mußte, baß er oon altem 9lbel ftamme unb eine 
„ftürftin" ihm baS (Mb hwterlaffen. $rum wollte er, 
obmohl feither als Siebmann auf gemachfen , auch einmal 
ben abeligen $errn fptelen. ©leid) im fyrür)ja^r 1838, als 
bie (Sonne bie Üftebel com See oerfdjeucht l)attc unb bie 
3l(penmelt locfenb herüberfchaute anS beutfehe 3KeereSufer, 
jog er auS, feines (SrbeS größten Ztyil in ber Safere. 



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— 23 — 

Obroof)t ber <&ov)n feineä 23ater§,be§ gürften ^ofef 
9lnton, unb ber ©rojweffe ber gürftin 9lnna, unb obwohl 
er im $)orf al§ ber ^ring 3fof)ann umging, füllte er bocf>, 
bag feine ginanjen eS nityt erlaubten, al§ ^rinj ju reifen, 
unb begnügte ftd) bepalb mit bem $itel *©raf oon 2öegt8*. 

9Iber aud) als ©raf füllte ber ^rinj $anne eine 
©djroädje: 9tod) nie mar er au§ bem $8ereic§ ber (See* 
fpradje unb ber 9tebmann3*<£onoeniena am färoäbifdjen 
SDtee §inau§gefommen, unb er afjnte, bajj ©rafen bod) 
anber§ reben motten al§ bie rebegeroanbten §angouer unb 
aud) etroaS feinere Sanieren Ratten. 

%oü) ber $ring nutzte ftd) $u Reifen. ©6en mar ein 
guter greunb oon ifjm, ber Hornel SRebftein, fjeimgefommen. 
%tx mar jung r-on bafjetm fort unb als Tambour beim 
babifdjen Militär angegangen. Sftadjbem er einige Qafjre 
als fold&er gebient, tarn er aurücf, um auf neue Abenteuer 
au3jugef)en, benn um in ben Sieben ju arbeiten, baju 
f)ielt fid) ber (£r,tambour für ju gut. 

3n biefer UebergangSpertobe SHebftein§, eine§ Sufjerffc 
geroanbten iDtenfdjen, fam ber ^ßrinj $anne ju it)m, offen» 
barte \t)m fein SBorljaben, eine tHeife al§ ©raf ju tljun, 
unb feine Sebenfen, nidjt alle Sanieren eines folgen ju 
Ijaben, unb lub tf)n als Biaxin oon SBilbung ein, bie Sfteife, 
auf be§ ^ßrinjen Soften natürlid), mitjumadjen. 

$)er $anne mar jum ülec^ten gekommen. (Seine Offerte 
roar bem SRebftein fo angenehm, aB einem gudjS Trauben, 
unb alsbalb entroicfelte er bem ©rafen oon 2öegi3 ben 
gangen *ßlan, nad) meinem gu oerfaf)ren roäre, um ben 
©rafen comme il faut fpielen ju fönnen. 

,8unäd)ft fagte ir)m ber Hornel, bajj ein richtiger ©raf 
nie ofme einen 33ebicnten reife, unb ben moHe er, ber Tam- 
bour ütebftein, felber fpielen. gerner t äme e§, um für einen 



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— 24 — 

©rafen angefeuert §11 werben, aud& auf bie richtige ftleibttng 
an, unb bie trolle er bem #amte in Slonftanft oerfdfjaffen. 3ßa§ 
bie Sanieren Betreffe, fo feien mdt)t alle ©rafen feine 
Seute. <£§ ejiftirten aud) bumme, Iäppifdt>c unb grobe 
(trafen, er felbft Ijabe einmal in einem ©udje getefen, 
baß e§ aucf) Otaugrafen gebe. 

Unb bie ©prad&e, meinte ber Sftebftein, foHe ben 
^Prinjen £anne aucf) md&t geniren. 2lud) ba miffe er einen 
SluSroeg. @te mürben ifjre Steife nur auf bie ©djroeis au§* 
betonen, unb bort brüben rebeten ber Qunfer unb ber größte 
£err aud) ntcf)t otel fd&öner al§ ein §angouer. 

„Unb bann braudtft %u," fo fdjloß ber Cicerone, „aud£> 
nid# oiel ju reben. ©djroeigen ift m'el oornetjmer, nament* 
Kd) menn man nid&tS Drbentlid&eS $u reben weiß. 3$ 
wiU ba§ ©efprädf) fd&on führen/ 

„$ie £auptfac§e, um ben ©rafen fpielen $u fönnen, 
ift ba§ (Mb, unb ba§ Ijaft $u ja, £amte! Stimm eine 
orbentlidje Portion oon bem mit, roa§ bie „gairftin" $ir 
tynterlaffen §at unb jefct jahrelang am Q\n$ gelegen ift!" 

Qefct fielen bem ^ßrinjen §anne alle ©teine 00m 
£erjen. fjreubig ging er auf alle «orfdfiläge fetne§ 
£afaien ein, unb nad& wenigen Sagen fuhren bie groei 
3unädt)ft über ben (See nadt) Äonftanj. 

#ter mürbe ber ^rin^ülebmann von feinem Liener 
in einen £errn umgefleibet unb nadj bamnliger Slrt mit 
gract unb ©ulinber au§ftafftrt, roäfirenb ber Tambour 
Äornel ftdf) in einen ^errenbiener jener >}ett umroanbelte. 

Unb nun, nacfjbem bie fonftigen fteifeeffeften bt3 auf 
einen ©d&lafrocf unb eine lange pfeife beforgt unb ein* 
gepacft ttmren, ging'8 auf bie fteife in bie ©djroeij. 

(£ifenbaf)nen gab'§ bamalä nodf) feine in ber Oft« 
fd^roeij. 3Jlan fufyr mit bem ©Uroagen. 2lber ber Hornel 



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— 25 - 

fjatte bcm ^rin3en £anne fdjon auSetnanber gefegt, bafj 
ein ©raf ©jtrapoft neunte unb md)t mit Äreti unb 
^ßletln' im ©üroagen fafjre. 

©o rourbe beim fdjon oon ßonftanj au§ mit ©jtra* 
poft gefahren, roobet ber £afat, nrie üblid), auf bem f8o& 
neben bem ^oftitton fafc, ber ©anne aber ftolj ftd) im 
2Bagen au§bef)nte. 

$ie <ßoft ging bamalS über SBetnfelben, ftrauenfelb 
unb 2Bintertt)ur nad) ^ürid), bem ©auptreifejiel be§ ©rafen 
von 2Begi§ unb feine§ Söebienten. 

©in edjter |>angouer Sftebmann, unb ba§ mar ber 
£anne tum ©eburt unb ©rgie^ung au§, gef)t ober fäfjrt, 
wenn er ©elb t>at, nify leicht an einem SBirtl^auS 
uorbei, ofyne einen ©poppen ju nehmen. 

Unfer £anne rooHte nun in jebem ®d)roeijerborf an« 
teuren unb eins trtnfen, roäfjrenb fein ßafat, fo gerne er 
felber tranf, ben Komment feines ©rafen magren moHte, 
bem e§ al3 folgern ntdjt gezieme, oor jebem $8auernroirtl)§* 
4au§ abjufteigen. 

3m Anfang ließ fid) ber „©err ©raf e8 gefallen, 
toenn ber Hornel in fanften 2Borten abroinfte. Slber in 
ber ©egenb oon Söeinfelben unb fjrauenfelb unb roeiter 
gegen SBintertfjur Inn fa§ ber £anne überaa «Reben, unb 
ba wollte er aud) überall oerfoften, roa§ für einer ba roadjfe. 

3ubem mürbe e§ bem ©rafen langweilig, fo ganj 
attein im Sagen *u fifcen unb ben §errn p fptelen, 
roä^renb ber Hornel mit bem Sßagenlenfer biScurrirte. 

211$ nun hinter g*auenfelb, roo umgefpannt morben 
mar, ber Liener immer roieber gurücf^ielt mit bem ©in- 
tegren, ging bem ©rafen oon 2Begi§ bie ©ebulb au§, unb 
tt rief in gutem £angouer ®eutfdj feinem SBormunbe 31t: 
*3 Ppf $>ir in ben ©rof, raenn i ntje fufe foU! Utt 



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— 26 — 

allut (allein) in bcr ©c^efe ftfce, ifdj mer ou bumm. %o 
ftfc inner (herein) jua mir, $u bummer #og, un in 
jebem S)orf fufe mir ui§ (ein§). 2ßenn mir bemo in c 
(Stabt inner fomme, fo fann i roiber ben ©rof fptle. 
9lber t>or bene ©djronjee ^utfdjer unb bene ©djronjer SBure 
bruc^' i be§ nit" 

$er iRoffelenfer mochte nid)t fcf)led)t bie D^ren fpttjen, 
al§ er ben „#errn ©rafen", fo ^atte ber Liener if)n ftet§ 
titulirt, nad) ^orm unb ^nfjaft fo burenmäfjig reben Ijörte. 

. $ocf) ber Hornel befdjroidjtigte tf>n, ber ©raf fei nie 
au§ feinem Sdjlojj, ba§ in einem 5)orf am <5ee liege, 
f)ütau§gefommen unb §abe immer nur mit „gemeinen 
£euten" oeitefjrt, brum rebe er fo. 

£)a gubem ber Qnfjalt ber gräflidjen SKebe ftdf) auf 
eine ©ad^c bejog, bie jebem ^utfdjer angenehm ift, auf 
ba§ galten oor SBirtljgljäufern, fo flimmerte fid) ber 
gufyrmann roenig um bie ©djtfyeit be§ ©rafen. ©r nm^te 
in jebem ^)orf, roo ber befte SBein ju fjaben märe, unb 
blieb ntdjt burftig, ba ber ©raf meift im SBagen tranf 
feinen Safaien neben ftdf). 

£)a§ ©djroeijer $olf aber umftanb jeweils balb nad) 
Slnfunft ber ©jtrapoft ben 2öagen beS ^ringen unb 
ftaunte über ben 33olf3grafen, ber eine fo populäre (Sprache 
tebete unb jebem ba§ ©la§ jum Printen anbot. 

S3i§ bie $errfd)aften nac^ SBintertfjur famen, fjatte 
ber §err oon SBegtS fdfjon jiemlid) „f)odj", unb jetjt oer* 
fiel er in ©röfjenroalnt unb wollte partout oon ba ab 
bis 3ürtd) oterfpännig fahren, um ben oorneljmen §errn 
aud) red)t ju fpielen. 

$er Hornel, ber bem £anne früher fdjon oom oier* 
fpännigen Jahren gef proben fyatte, riet!) aber jetjt nod) ab, 
weil fein £err ju ittuminirt mar unb bereits im 2ßagen 



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— 27 — 

ju fingen angefangen Ijatte. (Sr machte tf)tn flar, bafc ein 
£err, ber üierfpänntg fafyre, ftcfj im f)öd)ften ©rabe manter* 
lid) benehmen unb ntdjt frafefjlen bürfe. Unb er erinnerte 
ben ^ßrinjen £anne an ben ©rojjfjerjog Submig, ber in 
tf)rer $nabenjett auf ber JJa^rt nac§ feinem £uftfd)lof* 
äirdjberg am ©ee merfpännig burd) ©agnau gefahren fei 
in einem bicf)t oerf djleierten 2Bagen, fo baf? niemanb ben 
twrnebmen $errn falj, nodj nie! weniger ityn reben l)örtc. 

^)er £>anne lieg fid) befcf)wicf)tigen unb futyr jroets 
fpännig weiter gen .ßürtcf). Slber Ijter angefommen, mar 
et md)t mefyr länger ju galten unb befahl, bafj fortan 
wäljrenb be§ Aufenthaltes in biefer ©tabt oterfpännig 
gefahren werben folle, bamit bie 3ürid>er aud) wüfjten, 
bog er in ber ©tabt fei. 

$er Hornel ging barauf ein unb gab nun feinem 
§errn eine fyalbe SRadtf fyinburdj auf beffen Limmer $8or* 
lefungen, wie er fid) ju benehmen §abe in einem 93ier* 
gefpann; namentltd) müffe ba§ eroige 9lnfef)ren unb ©aufen 
aufhören, ©rojje Herren tränfen jmar meift aud) gern, 
allein ba§ gcfd)ef)e in i^ren ©djlöffern unb nicr)t in öffent* 
liefen 2ßirtl)§ftuben unb auf ber ©trage, ftreunb £anne 
fönne e§, meinte ber SReifecaoalier, ja audj fo machen unb 
bei ber $etmfef)r auf feinem gimmer effen unb trutfen, 
fo vid fein ©angouer 9tebmann§^erg begehre. 2lber oor 
bem *ßubltfum müffe er manterlid) fein, wenig reben unb 
mögltdrft I)od)beutfd), wenn er al§ ein ©raf gelten wolle, 
eine ©Ijre, für bie er ja fo oiel ®elb ausgebe. 

S)er ^ßrinj #anne oerfprad) aUe§ ©ute, wenn er nur 
merfpännig fahren fönne in ber $auptftabt au ber fiimmat 
unb al§ oorneljmer $err angeftaunt werbe. $>er Hornel 
Ijolte ifjm nun nod) einen polmfdjen ©dmürroef ; benn ba* 
mal§ lebten befanntlid) oiele junge unb alte ^Jolen oon 



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Abel in bcr ©chroeia, unb bcr Hornel meinte, al§ pol* 
nifdjet ©raf würbe ber £anne leicht angefehen werben, 
fo lange er fchroetge. 

©8 ging aUe$ brillant. $)te ©chwtföer ftaunten, wie 
alle SRepublif aner, über ben oornehmen jungen £errn, ber 
rierfpännig burd) ihre ©trafen fuhr, unb ber SBtrth jum 
Schwert unb feine ßeUner Ratten allen Sftefpeft cor bem 
©rafen, ber ftch auf bem 3immer fermren lieft unb, mo3 
einem $otelier am meiften tmponirt, oiel tranf. 

3lm adjten £age be§ Aufenthaltes, ber Sßrinj $anne 
hatte etwa§ über ben $)urft getrunfen, fuhren fxzitöXtyateT. 
£)er ©raf in feinem Sßolenrocf warb vom Safaien in eine 
Parterreloge geleitet, währenb biefer fid) unter ihm inS 
parterre fe^te. 

£>a§ ©tüct ging lang, unb ber #anne befam einen 
graufamen $)urft, wie bie $angouer fagen. ©r winfte 
in ben Raufen wieberholt feinem Liener ju, um tlm &u ftd) 
$u befteHen unb tlmt ben Auftrag $u geben, etwas jum 
Srinfen gu bringen; benn ber ©raf hatte gefeiten, wie bie 
©chwgjer tarnen mit ©t3 unb ©üfcigfetten fid) erfrifchten. 

$)er Hornel war aber fo in ^Betrachtung be§ *ßubli* 
fumS r-erfunfen, bafc er ganj r-ergafj, nach feinem #errn 
$u fehen. S)em #anne aber ging fchltefjlich bie ©ebulb 
unb ber SBerftanb oor $)urft fo au§, bafj er feines hohen 
©tanbeS gang oergafj unb in einer $aufe feinem Liener hinab 
in§ parterre bie ©orte jurief : „ Hornel, %u bummer ßog, 



Stttt biefem £uruf hatte ber <ßrin& ba§ gange Spater* 
publtfum auf feiner ©eite, unb ein ©türm oon ©eläd)ter 
50g burd) ba§ %tyaUx. Aber bie ©chwnjer merften auch, 
baft ber junge, polnifche £err feiner ©pradje nach ^i» 
«ßole, aber auch fein echter ©chwgjer fein mochte. 



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- 29 - 

SRur eine (Stimme rief: „$er *ßol if$ Bigott uS'm 
£l)urgi" — unb fte fatn ber 3Baf)rl>eit siemlidj naf)e, weil 
ba§ £f)urgi *) unmittelbar am @ee liegt, $agnau gegenüber. 

$)er (S^tambour unb ©rafenbiener Hornel mar auf 
ben $ob erfdjrocfen, al§ er ben £anne fo gräfjlid) au3 
ber OtoHe fallen faty. (Sr eilte hinauf, 30g ben Unglücf* 
liefen au§ ber Soge unb Ijinauä in bie bunfle g*üf)ltng§* 
nad)t unb erf lehrte ümt, jefct fei aUe§ oerloren unb ba3 
SBefte, fid) mögltdjft balb au§ bem (Staub ju machen. ^)ie 
^ßolijet mürbe morgen früh fdmn auf ben fallen ©rafen 
im $oleuroct fafynben, unb bann (önnte e§ fommen, bajj 
beibe nad) einigen ©efängnifitagen auf bem <5d)ub nad) 
ber $eimatf) jurüdbeförbert mürben. gelte nun, mög* 
ltd)ft balb gur (stabt ^inauSjufommen. 

$er verblüffte £>unne mar mit ädern einoerftanben, 
aber ef)e er feinen $)urft gelöfd)t, jöge er md)t non bannen, 
unb roenn er biefe £öfdmng aud) mit einer 93er Haftung 
erfanfen müfcte. 

3m <5d)roert roarb ber ganne getränft unb bie Stted)» 
nung nod) am $lbenb bejaht, roobei e§ fi$ ^erau^ftetlte, 
bafi bie beiben $angouer über tuftg gränfli oerbinirt 
unb ©erfahren Ratten. 9lber baS ©elb be3 ^ßrinjen mar 
nod) uirijt ade. 

Stuf ben folgenben borgen, gleich nad) brei Uf>r, 
marb eine (Srjrapoft beftedt unb ju 3üridj hinausgefahren 
unter ^wrücflaffung be§ *ßolenrode3. 

@ie fd)lugen ftd) ber Dftfdjmeis ju, unb ber §anne 
gefiel ftd) balb mieber, bie Atolle etneS „iRaugrafen" in 
ben Dörfern ju fpielen, roo ein gef)ltrttt ober ge^lfprudi 
nid)t fo auffiel, roie in gürid). 



») Äanton Turnern. 



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beibe etwa adf)t Sage fpäter oon 8t ©allen §er 
bei 9forfd)ad) roieber an ben SBobenfee famen, mar ein 
grojjer Sfjeil be§ ©rbeS oon ber gürftin balun. 

©§ langte fnapp nod) jut Ueberfaf)rt an ba§ fdfjroä* 
bifdje Ufer, unb arm roie $tr<f)en*9Jtäufe roanberten ber 
©raf von SBegiS unb fein Sfteifemarfd^aCl unb Cammer* 
biener ju gaifj ÜOn ^riebrid^afen £>agnau ju. 

#ier in ber ©eimatf) l)atte ber <ßrin$ aber nodf) einen 
^r)ctl feine§ fürftlidjen SBermögenS an Bürger auggeborgt. 
$)te§ roodte er ergeben unb mit feinem 9Jtepf)ifto abermals 
eine Steife tfjun. Mein bie ©djulbner oertröfteten Um 
mit ber 3 a ^ un Ö au f ^ e ßirfdjenemte, bie jeroeilS 
©elb inS $orf bringt. 

S)er Hornel machte bem ©anne nun ben !8orfcr)Iag, 
er fotte als $irfdf)enfpefulant im ©ro&en auftreten, baS 
imponire ben Seuten aud) unb fei eines ©angouer ^ßrinjen 
ntdjt unmürbig. ©efagt, getfjan, ber ©raf t>on SBegiS 
faufte feinen ©cfmlbnern bie $trfcf)en auf ben SBäumen ab, 
(teilte Sßflücfer unb *ßflücferinnen an unb begann |U ernten 
unb en gros mit $irfcf>en ju ^anbeln. 

Qn ben ftebljalben am (See tyin ftefjen jnrif djen Hagnau 
unb 9JleerSburg bis hinauf auf bie £b> ber föebfjügel iaty* 
reiche fttrfcfybäume, bie gut S3Iüt^e* unb ©rntejeit einen 
fjerrlid&en 5lnblicf gewähren unb ir)re *ßrad)t tief l)inab* 
fpiegeln in ben ®ee. 

3lm frühen 2ttorgen, wenn bie fieute beS sßrinjen am 
„(£l)rieSs23eeret", b. t. am Sttrfdjenpflücfen waren, erfd)ien 
ber $rüi8 £anne, bie grofce pfeife im Sttunb unb ben 
©d)lafroct lofe über ben Seib getragen unb mit rotier 
Ouafte bef eftigt, an ber ©pifce feines 2lbjutanten unb 
fyielt SReoue ab. 

$)ann befahl er, bie gefüllten ftörbe gen Slbenb nadf) 



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— 31 — 

$Heer§burg ju bringen, roo^in nad^ ber ajlorgen^nfpcftion 
„ber (£f)riefen^tin3" abging unb roofjm er nod) $irfd)en 
au3 ben umliegenben Dörfern beftettt ^atte. 

©letdf) innen am alten Dfttfjore oon 3Jteer§burg ftefjt 
ba§ 2Btrtl)§I)auS jutn SBären, ein $8au au§ bem 16. Qa^r* 
(junbert, ben ein fd)öner ©rfer giert. 

Sn biefen ©rfer fe^te ftd) ber ©raf oon 2Begi§, a% 
ixanl unb raupte im ©djlafrocf mit feinem 3*eunbe unb 
wartete, bt§ ber $irfcf)entran§:port pm £f)or f)eretnfam 
unb bem ©ee juroanbelte &um 93erlaben auf ba§ ©djiff 
nad) ^onftanj. 

Qefct oerlegte ber *Prin$ fein Quartier inS #oteI 
&um ©df)iff am 9Jteere§ftranbe unb am #afen, roo bie 
Sßerlabung ber ßtrfdjen in ein ©egelfd)iff ftattfanb. 

„2Benn bie Könige bauen, ^aben bie Kärrner ju 
tfum" — unb wenn einmal ein ^ßring am ©ee mit 
Stirfdjen fjanbelt, fo Ijaben bie ^ßflücfer, bie Saftträger, 
bie ©d^tpleute unb bie Ätnber gute £age. 

S)a3 war edfjte ^ürftenart, bie audf) ber ^ßring ßonrab 
f)atte, baf$ ber £anne freigebig mar über alle Wlafyn, fo 
oft unb fo lange er etroaS Ijatte. 

$)ie mit ben #irfcf)en &u tlmn Ratten, befamen im 
„©dnff" — nadfj $erjen§luft ju trtnfen, unb bie ©üben unb 
■äftäblc in 9tteer3burg unb ^onftanj oon bem luftigen ©Ijrie* 
fen^ringen gange S?örbe ooU ber füfcen Jrud^t gefdjenft. 

SÖSenn bann in ber fommerlauen S^ac^t bie ©terne 
über bem ©ee aufgegangen roaren unb ber 9Jlorgenftero, 
ben ber $rtnj auf bem SBalfon am ©ee trinfenb erwartet 
fjatte, über bie 9IHgäuer Serge in ba§ fd)tnäbifcr)e 5tteer 
blingelte unb ber Dftminb bie ©egel ber ©cfyiffe fdjroeUte, 
erljob er flcf) unb ging ju ©djiff, um feine $irfd)en in 
Äonftanj auf ben Sttarft ju bringen. 



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— 32 



$ange — fo fjeifjt £agnau in bcr Sprache am ©ee — 
ift ein deines $)örflein, aber bod) berühmt ringsum unb 
roeitt)mcm — im ^eloetifdjen „Slmrgi", in ©t. ©allen, gürtc^, 
©raubünbcn unb im ©djtoabenlanb, berühmt jroetcr feinet 
*ßrobu(te wegen, liefert ba3 gartefte S?atbfleifdt) am ©ee, 
toeil e§ bie „größten Kälber* güd^tet unb fein SHebmann 
ba§ Qunge oon ber Rufy oerfauft, ef)e biefeä fünf SBodjen 
lang ben ©ee §at raufdjen Pren. Unb in §agnau'3 ©e* 
filben machen bie feinften unb fünften ßirfdjen am ganjen 
fdjroäbifdjen SJieer tun. 

$ur 3eit ber Sfrrfdjenetnte löfen fid) fjeute nod) in 
ben erften 9ftorgenftunben täglid) einzelne ©djtffdfen t>om 
§agnauer ©eeufer lo§ unb fegein Roftnitj ju. Qoxt roarten 
am ©tranbe fefmfudjtSoott bie §änbler au§ ber ©tabt unb 
au§ ber ©djtoeij auf bie „§angouer (^riefen", bie ©bei* 
bamen unter ben ^trfdjen am ©ee. 93i3 pürier) unb fjinauf 
bi§ nad) (Sf)ur in ©raubünben unb ^inab bt§ nad) Ulm 
nwnbern bie fd&toarjen unb rotten §angouer (Striefen unb 
tragen toeitfjin ben tarnen be§ (leinen ^ÖrfdjenS. 

Qn ber ©rntejeit be§ Qa^reS 1838 (am ber ^ßrinj 
§anne alltäglich auf einem gro&en ©egelfd)iff im £>afen 
oon ftonftanj an mit feinen orinjlidjen ©^riefen, feinem 
rotten ©d)lafrocf, feiner langen pfeife unb feiner fürft* 
liefen greigebig(eit. 

©eine fiabung mar balb „gelöfrfjt", nrie bie eckten 
©eeleute fagen, unb bann ging ber $rtn$ mit feinem 
Hornel unb mit ber ©d)ipmannfd)aft in ben 9lbler ober in 
ben £ed)t, bamatö bie erften $otel3, löfdjte aud) feinen 
2>urft unb tafelte, wie e§ einem dürften unb feinem 
©efolge gekernt. 

SOBeun bie ©onne über ben §of)entnnel fn'nabgefunfen 
mar, befttegen bie luftigen ©eeleute mit bem ^ßrinjen baS 



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— 33 — 

6d)tff unb fuhren an§ anbete Ufer nadj $ange. 9lm 
fommenben borgen ging ber (£f)riefen*§anbel roteber oon 
Dorne lo§, rote am Sage juoor, unb ber „ßfjrie^eevet" 
oon anno 1838 würbe burdj ben ©ro^anbet be§ ^rinaen 
§annc ber Iuftigfte be§ 19. Qaf)rf)unbert§. 

9U§ bie brei 2Öod)en ber Slirfdjenjeit um waren, ba 
roar aud), trotj be§ guten 5lbfa^e§ ber |)angouer (Striefen, 
ber 9ieft be* fürftlidjen <£rbe§ batjin — bte auf einen 
Sronentfjater. $er, meinte ber ^rinj, ba er mit bem 
Hornel ba§ föcfultat ib,re§ £>anbel§ überfaf), mfiffe aueb 
nod) roeg. $enn feine Butter, bie $8ewf)arba, be§ 9teb* 
mann§ $od)ter auf ©d)lof$ $ird)berg, fyabe if)m oft pro* 
pfjejeit, er werbe tro£ be§ ju fyoffeuben (£rbe§ ber gürftin 
aB armer Teufel fterben. 

Unb ber §anne felbft glaubte nad) ben Ijomerifdjen 
^Borten: 

S #13 mid) bie 2ftutter gebar, fpann mir'3 bie (Spinbel ber $ar3e, 

oaB e§ if)tn nid)t beftimmt fei, auf (Srben (Sdjäfce &u 
fammcln, unb barum gab er mit £mmor ben legten ftronen* 
tfjaler Inn. 

(£r ging in ben £öroen, fe^tc ftd) mit feinem Kumpan 
an§ Dfenttfdjle, lief} am f)eUen Sag ein £td)t an§ünben, 
legte fein le£te§ Vermögen baneben unb tranf unb fang, 
Big e§ ade roar. 

9lm 9lbenb nocl) roarb oon beiben ber (Sntfdjlufj ge* 
fa§t, oon morgen an al§ cfyrltdje Seute tfjr S3rob 31t oer* 
bienen unb ber Erinnerung an bie gehabten guten Sage 511 
leben. Unb fo gefdjal) e§. $er ^rinj £anne, bem bie oäter= 
lid)e SBurg oerfdjloffen roar 00m Sage feiner ©rafenreife 
an, oerbingte ftd) aU Stnecfyt jum alten ehemaligen Softer* 
$lmt£biener Dominif Uifer (3linf er), roeld)er oon $lofter$eitcu 

$anä iafob, otytec&allen. dritte Diethe. 3 



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— 34 — 



her unter bem Söetngarten'fchen $lofterf)of ein fchöneS 2ln* 
mefen hatte 1 ). $)er ©jtambour rourbe Saglöhner. £>ören 
mir, ehe mir bem ^ringen #anne folgen, rote e§ ihm ging. 

Sroifdjen bem 93obenfee bei £ange unb bem roalbigen 
(SW&renbera, im Sinjgau Hegt eine grofce SBiefenfläche, ein 
ehemaliger Sinnenfee, ba§ gürftenrieb genannt, einft im 
SBefUj ber dürften, nach beren einem auch unfere jroei 
dürften genannt mürben. 

Qn jenen Sagen, ba ber $rinj ganne abgebrannt 
mar, mürben grofie 2Bäfferung§*9lrbetten im fjürftenrieb 
riorgenommen. ©ine Kompagnie $angouer Surfte hatte 
fte aufführen übernommen. S3ei biefen trat ber Hornel 
al§ (Kompagnon ein. ^Iber gu fernerer Arbeit mar ber 
Tambour unb ©errenbtener meber tauglich noch aufgelegt. 

<$r, ein netter -tUcenfch unb äufjerft geroanbter SRebner, 
unterjubelte nun mit feinen ©enoffen, fte follten arbeiten, 
unb er rooUte — fle camptrten auf bem ^ürftenrieb — 
für gang billige ober unentgeltliche 5flenage forgen unb 
fo reichlich feinen Slntheil an ber Arbeit oerbienen. 

Sftun patrouiUirte ber fchöne, junge Tambour auf ben 
einzelnen $öfen unb in ben Dörfern unb focht für bie 
armen Arbeiter im $ürftenrieb, oie ben gangen Sag im 
SBaffer ftünben unb nichts oerbienten. 

SBei ben tarnen hatte er ©lücf; er oerftunb auger 
bem (Sinbrucf fetner JJtgur auch 8 U reDen / raa § °i e 2Beiber 
gerne hören, unb befam ©pect, $leifd), ©emüfe unb $ar* 
toffeln tmUeberfluft. 2Ba§ er fo juf ammengebracht, fchleppte 
er in§ fjürftenrieb, föchte c§ in einem JJelbfeffel, unb bie 
Gompagnie hielt SJttttagS unb SlbenbS ein luftig .ßigeutter* 
mal)!. 

') Das S)orf §agnau g«b<$rte 3a&r&unberte lang bem Älofter SBein* 
garten in Cbcr|cöroaben. 



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35 



%ofy and) baS fjfelblaget im ^ütftentieb ging ju Qnibe, 
tüte alles auf ©rben, unb bei Hornel follte roteber als echter 
unb rechter $aglöf)ner arbeiten; baS aber besagte ifnn nidjt. 

(SineS SageS war er oerfärounben. 9?ad) Monaten 
fam ein ©rief aus bem fernen ©üben mit ber SMbung, 
er fei päpftlicfjer ©olbat geworben. 

3el)n %al)xz lang biente er unter beS *ßapfie§ gafjnen, 
bi§ ber SJrieg in Italien uno bi c Sfteoolution in SBaben 
ausbrachen. Qetjt überfam ben Hornel baS $eimroef) nad) 
beutfcfjen 2öaffentf)aten; er befertirte bem ^ßapft unb ftettte 
feinen #elbenmutf) bem babtfdjen Sßaterlanbe jur Verfügung. 

<£r melbete ftcf) aber ni^t in eitlem £anbSfned)tSbünfel 
bei einem ber DleoolutionSgenerale, fonbem erfd)ien be* 
fdjeiben in $ange unb trat in baS $agnauer Aufgebot, 
bem mein fpäterer ©aertftan trorftanb, als Unteroffizier 
ein, obwohl er bereits päpftlidjer ©ergeant geroefen. 

QnS geuer famen, nrie mir in einem anbern Kapitel 
fjören werben, bie £agnauer JJretfdfjärler nidjt. 2US aber 
nad? furjem 2Bafm bie SReoolution ein ©übe Jjatte, oer* 
hafteten jroei ©enbarmen ben päpftlid^en ©ergeanten Hornel, 
©r (jatte fdmrf mit Lebensarten gekämpft unb roarb befc* 
fyalb eingebogen, oertljeibigte ftd) aber fo geroanbt, baf; er 
nad) nur achttägiger £>aft auf freien gufj gefegt rourbe. 

Satyr unb Sag fud)te nun ber einftige 9)?epl)ifto beS 
*ßrinjen £>anne feinen SebenSuntertyalt roieber mit ber 
ßänbearbeit, um in ber £>etmatl) leben unb bleiben $u 
fönnen. Slber ungeroobnt müfjfamen £aglöf)nererroerb3, 
treibt'S ifm im Qafyre 1850 roieber in bie roette 3Belt, unb 
jroar x>om fdjroäMfcfjen 2tteer an ben ©olf oon Neapel. 

$>er Hornel rourbe neapolitanif d)er ©olbat unb jeidmete 
fid) fo auS, bafj er uierjetyn Satyre fpäter beim ©tur$ ber 
bourbonifetyen ©crrfct)aft Kapitän roar. Qn ©aeta tyatte er 

3* 



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— 36 — 

nod) mitgefämpft unb nad) bem gälte biefeS $lafce§ be* 
fdjtoffen, mit feiner grau, einer ätemlidj reichen granjöftn, 
einen 93efud) am- f)etmatt)ltd)en (See $u machen, um fid) 
feinen §angouern ju geigen al§ alten Krieger unb Offizier. 

(£ine 2tnja^l großer Giften fam oor feiner SCntunft, 
oon itmt abgefanbt, in ba§ fälle $)örfd)en, in roeldjem 
bie £ottt bebeutenben (Sinbrucf mad)ten. 

@r felbft aber, fd)on unter roeg§, follte bie $eimatl) 
nicfyt metjr fe^en. (Sr ftarb in ©enua am £npbu§ unb 
liegt auf bem nmnberbar fcfjön gelegenen griebljof jener 
(Stabt begraben. Seine grau fam fpäter mit ihrem trüber 
unb tjolte bie Giften, nicht ohne bie eine unb anbere ge* 
öffnet unb barau§ feinen greunben unb $erroanbten 9ln* 
beulen an ben dornet gemacht gis haben. 

©eine beften Bücher befam ber 93ürgermeifter ÜJlobet, 
non bem fie in meinen $8efit$ übergingen. (Sie jeugen 
oom ^oljen (Sinne be§ einftigen $ambour§, ber ftd) nach 
großen SJZuftern btlben wollte unb barum ben „neuen 
Putardj ober Silbniffe unb Biographien ber berühmteften 
Männer unb grauen aller Nationen unb ©tänbe", in mer 
Söänben, ju feiner ßiebting§leftüre erhoben hatte. 

(Sicher mürbe bie grau, roenn fte gemußt hätte, roa§ 
mir roiffen, bie mer SBäube bem *ßrtn$en §anne bebijirt 
haben, aber fte oerftunb fein beutfcf)c§ Sßort. ©in £)ot* 
metfd), ber oon 9Jceer§burg citirt morben mar, mußte 
alle§ vermitteln. — 

2Bie eS fo oft im Seben oorfommt, baß e§ bem Liener 
fdjtießlich beffer geht, at§ feinem einftigen §erm, fo gefchah 
c3 aud) beim ^rinjen Spanne unb feinem ehemaligen Safaien. 

$latf) ber ©rafenreife unb bem S^riefene^port blieb 
ber ganne 3al)rc lang beim 5lmt§biener ein fleißiger 
Unecht, ber im grüljjahr unb (Sommer in ben Weinbergen 



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— 37 — 

unb auf ben gelbem tüchtig arbeitete unb im SOßtnter 
$refter*Srf)na?)§ brannte. 

9ßur von 3*it ju geit famen tt)m prinjü^e ©elüfte. 
Qm ©ommer, wenn bcr ©ee „blühte", ba§ ^ei^t feine 
Dom gefd)mol$enen ©letfchereiS fchäumenben SBeHen anS 
£angouer Ufer warf unb ber ©änti§ unbebecften §aitüte§ 
jugenbltch in§ fchwäbifdje 3)leer ^inabf^aute unb ber 
^ßrinj £anne am Ufer ftunb, fo überfam tr)n bie 6et>nfucf)t 
nad) einer „Suftfahrt". 

tiefer ©ehnfud)t mtberftanb er nicht, wenngleich SBerf * 
tag war unb Arbeit genug auf bem gelb unb im SReblanb. 
®r nahm eine ©onbel unb fuhr über ©ee in§ „$h ur St"/ 
tränt mit ben ©chwnjern Sfloft, afc oon it)rem weiften 
SBrob, fo lange er (Mb hatte, unb bann fuhr er wieber 
heim unb arbeitete mit neuen Gräften, ftiltoergnügt, wieber 
eine Suftfahrt gemacht &u haben. 

ÜRachbem fein ©tiefbruber $onrab h^rangewachfen 
unb ein SRecfe geworben war, nahm ber ^?rtnj £aune ihn 
mit auf feine £anbfaf)rten, bie wir oben bereits erwähnt. 

SBeil ber ©anne (Erholung auf bem ©ee liebte unb 
gerne auf bem Saffer war, oerbingte er ftch SJtttte ber 
oierjiger ^ahre einem gif eher, bem „$äfchler*©epper", 
ber ein nettes £äu3chen am ©ee hatte, beftänbig bem 
gifchen nachging unb für feine Sieben unb gelber einen 
Unecht hielt, ber ihm ab unb gu auch half/ feine Sttetje 
ju werfen. 

$>er ©epper (Qofef) war §ageftolj unb hau§t)altete mit 
jwei ©chwejtern, mit ber 3enj ((£re§centta) unb mit ber 
9tönm (5lnna). S)er <ßrinj mit feiner 9tömernafe unb 
bem turjen, oornehmen ©chnurrbärtchen barunter war 
ein fchöner Sttann unb ein fleißiger Unecht; in biefer 
lederen ©tgenfehaft gewann er bie ©unft feines #errn 



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38 



unb in bcr etftetn bic ber jroei 3tfd)er*3)amen, oon benen 
eine fjäfclid)er mar al£ bie anbete, $te £äf$lid)en ober 
fudjen befanntlicf), roenn'3 gef)t, frf)öne Männer, um i^ren 
Defeft etroag ausgleichen. 

$>a§ fieben etne§ ßleinftfd)er§ am SBobenfee, ba§ ber 
(Sepper lebte, ift ein ungemein monotones, unb e§ gehört 
grofje ©elbftoerleugnung baju. 

Borgens in aller grüfje fängt er am ©tranbe feine 
$öberftfd)d)en, bann geljt er in ©ee, ein ©tücf SBrob unb 
einen $rug 3ftoft ober fauern 2Bctn§ in feiner ©onbel, 
auf bereu £intertf)etl ber „§a§pel" mit ber 9lngelfd)nur 
angebracht ift, bie er nun feeab unb feeauf, freuj unb quer 
burdj bie glut^en fä^rt. Oft „fdnoebt" er fo halbe unb 
gange Sage lang im fjeifjen ©onnenfchein, im ftrömenben 
Olegen auf bem SEBaffer hin, ohne bafc ein ©ro&fifd) anbetjjt. 

©egen 5lbenb fommt ber einfame SJlann roteber an£ 
Sanb, roenn'S gut gegangen ift, mit ein' ober ber anbeut 
(Seeforelle unb mit einigen Rechtlern al§ SBeute. 

£rofc biefer Monotonie ^at e§ ju allen Qziten in 
bem flehten Dörfchen §ange einzelne fieute gegeben, bie weit 
lieber allein auf bem ©ee auf unb ab ruberten, als in ©e* 
fetlfchaft in ben Sieben arbeiteten. 2Bie Birten einfam ihre 
Spiere roetben, ftiUoergnügt in ihrer ©tnfamfett, fo ftnb 
biefe (Sinjelfifcher am ©ee; fte ftnb bie ©eelnrten, meldje 
bie ftifche, fo roeiben motten, in ihren $ahn gießen. 

Qu ihnen gehörte auch ber £err be8 ^ringen, ben 
fein fürftlidjer Unecht nur am Slbenb ober am frühen 
borgen btSroeilen begleiten burfte, wenn e§ galt, grofje 
Segfchnüre in ben (See &u bringen ober ju holen. 

©o mar ber ©epper unter $ag3 brausen auf bem 
Söaffer, nmhrenb ber £anne mit ben jroei ©chroefiern auf 
bem Sanbe arbeitete unb ba3 befte Seben ^atte, weil bie 



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genj unb bie 9lönni bcm jugenblidjen *prtn$en gar rooljl 
wollten unb eine bie anbere überbot, if>m gut &u focfyen. 

$n bcr grüfjjafjrS* unb ©ommerSjeit, roenn bie 2Bein* 
berge bearbeitet werben, ftnb an SBerftagen in £ange alle 
£äufer menfdjenleer, baS ©dmlfiauS unb baS ^farrfyauS 
ausgenommen. 2Ber arbeiten fann, ift in ben Sieben. 
2Benn ber „SJtefjmer" über See unb Sanb Inn „olfe tütet 4 ' l ), 
fommen bie SÖtberoölfer, roie ber Sur im Äinsigtfjal fagt, 
au§ jeber ^amilie jroei, auS ben Sieben beim; bie eine 
jief)t in bie $üd)e, bie anbere in ben (Stall. 

(Sine f)atbe ©tunbe fpäter rüden bie anberen nad), 
unb roenn'S um jroölfe oom ßtrdjtfjurm ben engltfdjcn 
©rufe oerfünbet, fjat alles gefpeift, an 2Berftagen Sonnen 
unb Hnöpfle abroecfjfelnb mit föiöpfle unb 53ob,nen, je 
nadjbem baS eine ober anbere biefer jmei ©ertdjte unten 
ober oben in ber ©Rüffel liegt. 

Keffer ging'S beim (Sffen bem *ßrinjen £anne. SÖßenn 
er f)eim£am, fyatte biejenige r-on beS JifdjerS ©c&roeftern, 
welche bie $our in ber ßüd)e traf, bem fdjönen ßnedjt 
„eine Ärajete" ober „®üd)len" gefdjmorrt unb füllte ben 
SBeinfrug, ben ber $anne leer auS ben Sieben f)etm* 
gebracht, eilig bis oben, um ja feine ©unft ju geroinnen. 

%oä) ber £anne, roiffenb, bafj große Herren gerne 
in <ßolitit madjen, roar in feiner ©tgenfdjaft als $rina 
ebenfalls fefjr politifd) unb fd)metd)elte, fo lange ber 
©epper lebte unb £err oon £auS unb fjelb roar, beiben 
Sftnmpljen unb lieg ftcf) oon beiben mit „Straeten" unb 
oielem Sßßein fjofiren, beibe auf bie ßufunft oertröftenb. 

$n biefe ßett fiel bie babifdje Oteoolutton, bie am 
SBobenfee i^ren Anfang naljm unb, roie mir in einem 



») elf U$r läutet. 



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— 40 — 

anbeten Kapitel erfefjen merben, ftarfe 2BeHen aud) am 
#angouer Ufer fctylug. 2ludj in biefer nerfüfnrerifdjen $ät 
erinnerte ftd) ber ©raf oon 2öegi§, bafj Sttänner Pieren 
©tanbe§ fonferoatio ftnb, unb l)telt ftd) ftreng lonal an 
bie alte Regierung. 

„Springen/ fo pflegte er ju fagen, „ftnb feine gm* 
fcf)örler unb machen aucf) nid)t mit i^nen. £)rum bleibt ber 
^rtnj £>anne grof^eraoglicf) unb mirb nicfyt Ijccferifd) V %a 
er gubem bamaB über breifctg ^afyre alt mar, tonnte er 
aud) nicljt gejroungen roerben, „bie Staffen für beS SBater* 
lanb§ Befreiung" ju tragen. 

©eine republitaniftfjen Mitbürger billigten feine prinj* 
licf)e (Stellung jur ©cfjilberfjebung gegen ben £anbe§f ürften, 
unb unbehelligt ging er, einer ber wenigen ^rinjen in 
3)eutfd)lanb, benen in jener 3eit nichts raiberfu^r, buref) 
bie SHeoolutionSjafjre fjinburd). Unb auf§ -fteue erfyob 
er ftolj fein $aupt, nadjbem ber Slufftanb fo fläglid) 
geenbet Ijatte, unb freute fuf), bafj bie Jürften lieber 
$u ©fjren gekommen unb bie greifdjärler unterlegen 
maren. 

follten audf) fonft balb beffere $age für ben 
gürften Solm fommen. ©epper, ber unoerbroffene gifdjer, 
fegnete baS ßeitlicfye. 

Söenn ber ^Srinj Qofjann nadE) JJeterabenb am genfter 
feines £>errn fafc, ben 2Betnfrug, ben bie gmei ©rajien 
ifmt gefüllt, neben fxdf), fo flaute er jeweils über ben ©ce 
f)tn, um be§ (SepperS §eimfafjrt f<f)on von ferne gtt feigen. 

Oft rourbe e§ fpät, bis biefer oom gtfdjen f)eimfef)rte, 
bie SBetglocfe hatte if)n umfonft gemannt. 3lm 2lbenb 



») 2)er $auptreoolutton$mann anno 1848 war in »ob«n &efamttli<$ 
lit Hboolat fceder. 



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— 41 — 

beißen bie O-tfdje am liebften an, unb ber gifdjer bleibt 
bcfjfyalb oft lange auf bem SBaffer. 

Söenn ber $anne ben ©epper roegen ber $)unfelf)eit 
über bem ©eroäffer nidjt feljen tonnte, fo machte er ba§ 
©dn'ebfenfterdjen auf unb „lofte* (f)ord)te) f)tnau§, bis er 
bie 9iuberfd)läge be§ §etmfef)renben oernafmt. 

$ann eilte er hinunter an§ Ufer, empfing ben §errn, 
30g fein ©d)ifflein an§ Sanb unb trug i^m bie SBeute 
beim ober ba§ gt|d)ergerätl)e, bamit aud) ber ©epper fein 
SBoljlgefallen an ifyn l)abe. 

©o wartete ber $rinj Qoljann 2lbenb§ auf ben 
gifdjermeifter. @r blieb lange au§. $)te 9kd)t brad) 
über ben ©ee herein, unb ber #ncd)t laufd)te ben SHuber* 
fdjlägen be§ $errn. (Snblict) fyörte er fie, aber mübe unb 
matt, bem Ufer git f erlagen. 

$er £anne eilte lunab. S)er ©epper lanbet mit 
tylüty, unb ef)e er auSfteigt, ruft er* „©ottlob, baß td) ba 
bin. Qd) f)ab' geglaubt, td) fam' nimmei Ijeim; 'S ift mir 
fterbeuäübel." 

(£r ftieg mit §ilfe be§ erfefjroefenen $anne au§, 
roanfte feiner £>ütte $u, legte fid) nieber unb ftarb. 

Qetjt fmb bie 3^8 utib bie -tftänni Verrinnen in §au§ 
unb gelb, unb ber *ßrinj Qoljann ift Sfrted)t jroeier tarnen, 
von benen jebe gerne bie §errfd)aft mit ifmt geseilt ^ätte. 

£ätten bie jroei ©djroeftern fiänber unb Sßölfer ju 
regieren gehabt, fo roftre ftdjer blutiger $rieg entftanben, 
wenn eine ben ^ßrinjen jum SJtitregenten erhoben unb bie 
anbere entthront Ijätte; benn leiber müffen bie Sßölfer 
ber ©rbe nid)t nur oft roegen ber <Sroberung§fud)t tfjrer 
dürften, fonbem aud) roegen bereu ßiebfdjaften unb 
©eirat^en bluten. 

SÖßäreu bie 3^8 unb bie Sftännt aber £öd)ter befferer 



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— 42 — 

(Stänbe, fulttoirte 9Jtobebamen geroefen, fo ^ötte e§ bitteren 
gafj imb geinbfcfjaft, gamilienfcenen unfcfjönfter $lrt 
gegeben, wenn eine f)ätte lebtg bleiben unb ttyrem §erjen 
® eroalt antf)un müffen nm be§ £anne§ mitten. 

(So aber gehörten bie jroet tarnen in bem ftifcf)er* 
l)äu§le am <See jum ungebtlbeten 93olf, brum matten |ie 
tf)re ^amitten* unb £erjen§angelegenl)ett im ^rieben au§. 
S)ie _3* n 8 roar ™ ocn langen 3 a f) rcn / ba ber ^ßrinj im 
£aufe biente, noef) älter geroorben, na^bem fie bei feinem 
3>tenftantrttt fdron alt mar. Unb ba, &u iljrer ©f)re fei'§ 
gefagt, bie grauen im Hilter roeife werben, roäfprenb bie 
Scanner in geroiffen fingen Sporen bleiben, fo reftgnirte 
fte in ftitlem ^rieben. (Sie überlieg ber jüngeren (Sdjroefter 
ben ^ringen fammt bem ^alai§ am (See unb ben Sänbe* 
reien unb Steingärten am Ufer fjin, bat ftd) nur ©erberg 
unb Sßfleg für SebenSjeit au§ unb oerfprad) bafür, fo 
lange fte fönne, in Üleben unb ffelb mitzuarbeiten. 

©o rourbe, im 3al)re 1855, ber ^ring Qoljann oom 
^ned)t gum §errn in bem reijenb gelegenen £äu§d)en am 
(See unb in (SepperS SOBeinbergen, Niedern unb 2Biefen. 

203er nid)t roüfjte, roie feinfühlig ba§ SBolf ift unb 
roie fultioirt bie $angouer Gebleute ftnb, ber fönnte e§ 
baran fefyen, bafj bie -iftänni mit bem £age, ba fte beS 
^rinjen grau rourbe, nid)t etroa „^rinjefftn SKänni" 
genannt rourbe, fonbern alle Sage bi§ an tf)r ©nbe nacf> 
roie oor Ijie&: Jb& S)äfd)ler3 9Mnni". 

(Sie roar bem *ßrtnjen nid^t ebenbürtig, unb ba§ 
füllten bie £>angouer f)erau§ unb gaben barum ber üftänni 
unueränbert ben angeborenen bürgerlichen Sitel. 

dagegen roarb ber ^rinj Qofjann natf) bem £obe 
feine§ 93ater§, be§ alten dürften, nic^t feiten aud) ^ürft 
^o^ann genannt ober §anne, ber fjürft. 



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— 43 — 



Unb boch fyat noch fein $agnauer, bcn Hauptmann 
9tebftein aufgenommen, je einen genealogifchen £offalenber 
in bet £anb gelobt ober oon morganatifchen ©hen gehört. 

9lber bie 93olf§feeIe ift eben oon ©otteS ©naben unb 
geht be^aI6 fpielenb mit ben fünften, SBiffenfchaften unb 
Gepflogenheiten bet fleinen unb großen SBelt um. 

Staum mar aber ber ^ßrtng Johann oom ßned^t $um 
$errn geworben, al§ er, einem natürlichen $uge folgenb, 
feine £uft jur Arbeit oerlor unb an ihre Stelle prinjlidje 
©elüfte traten. 

@r machte Luftfahrten in be§ ^ifc^erS ftahn, fftauf* 
partieen mit feinem SBruber $onrab ober er ^ielt Srinf* 
gelage ab auf feine Soften mit jebem, ber Dürft hatte. 

„(Sin $rinj/ fprach er, „ift, roenn er'3 irgenbroie 
anberS machen fann, nicht jur fehleren Arbeit beftimmt," 
unb überlief ben $n>et tarnen bie ganje Sorge im gelb. 
Sie mußten felbft ba§ ©ra§ für bie Slühe holen. 9htr 
im §au§, roo niemanb e§ fah, roenn $anne, ber ftürft, 
fnechtliche Arbeiten oerrichtete, mar er thätig; er fütterte 
baS SSieh unb molf bie $ühe. 

Unb noch eine ^h^tigfeit liebte ber ^ßtinj in feinen 
$agen al§ #err in ber ^ifcherhütte. ©r ging gerne 
nächtlicher Sßßeile auf eine 2lrt ftaubritterei au§. 

Den ßamm be§ 9floränehügel§, melier am Seeufer 
hinzieht unb beffen ©efjänge bie SBeinberge ber §agnauer 
bilben, $iert ein ftattlicher SBalb, einft, roie baS Dorf, 
im 93eft£ be§ SHofterS SBeingarten, beffen tarnen er heute 
noch trögt. 

Diefen 2öalb, meinten bie ©angouer oon jeher, habe 
bet <Staat bei ber Säfularifation ber ßloftergüter fet)r 
billig ge— holt, unb jie bürften be^halb auf ähnliche 2lrt 
einzelne S3äume holen. 




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— 44 — 

>}ur SöinterSjeit, roenn bic rieftgen Kachelöfen im 
$orf nach £olj fchreten, wenn ba§ (Seeufer mit ©i§ tan* 
tixt ift unb über bcn fteben ba§ ©chneetuch liegt, gleicht 
in fpäter Slbenbftunbe manch einer bem „Sparte" 
unb fdjaut, roo §olg ift. 

Qch bin mehr benn einem begegnet in ben melen 
Qahren, ba ich am ©ee lebte, ber feudjenb eine gahrt 
£ol$ au§ bem SÖBalb fd)leppte, hab' ihn aber nie befdjrieen. 

(£iner ber eifrtgften greoler mar §anne, ber gttrft, 
obwohl er felbft ein SDBälb^en fein eigen nannte. 
machte ü)m ©pafc, fd)öne „$)ürrftänber" ober auch „SHeb* 
ftecfen" ju annectiren au§ bem alten $loftergut. 

(£r ^ielt ben ^oljfreoel für eine ritterliche £t)at, bie 
er fo lange trieb, bis ber ^oljfreuel burd) ein neues 
gorftgefe^ als 3)tebftahl gebranbmarft rourbe. SBon biefer 
©tunb' an Ijielt ber ^rinj Johann baS für eine ©djanbe, 
roa§ er juoor für faoaliermäjjig erttärt unb betrieben 
l)atte, unb unterliefe feine nächtlichen SBanberungen in 
ben SBetngarten. — 

^ürftlich mar, roie mir fchon oben gefetjen, bei ^rinjeu 
grofee Liberalität, wenn er ©elb hatte unb fo lange er 
welches hatte, ritterlich feine Vorliebe fürs $z<S)m unb 
einen guten Srunf . Qm $erbft behielt er ben beften 2ßein 
für ftd), ben geringeren aber oerfaufte er. ©in Sßrinj, 
meinte ber $anne, trinft fein Sumpenjeug. 

Sftobel mar feine 3lrt ber ©erablaffung, mit welcher 
er jeben, ber am 2öirth3hau§, in bem £>anne, ber Surft, 
fajj, cor bei ging, hereinrief unb jum Printen einlub. Unb 
roenn einer ber (berufenen auch junger äußerte, roarb auch 
ber gefüllt. 9flehr benn einmal ging ber $rin$ tyim unb 
holte ganje unb halbe Seiten ©pect au§ bem $amin unb 
opferte fte bem Slppetit ber ©agnauer Söinjer unb ffifcrjer. i 



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— 45 — 

Slnbere luftig gu machen, tfjren junger unb ^urft au 
füllen, mar be§ ^ßrinjen größte JJreube, felbft wenn bcr 
leijte Sfjaler braufging. 

%k 3 en S bi c SWiwk waren mit biefcr noblen 
*ßaffton be§ einfügen £ned)tc§ nicht einoerftanben unb 
jammerten, ba& er fo ben grinsen fpielte, mit ihrem 93er* 
mögen fo üppig umging unb ihnen Mo§ bie Arbeit überlief. 

•Ser Spanne aber meinte, er f)abe „be§ ^äfchlerä 
•iftänni" nicht geheiratet, um weiter $ned)t§bienfte §u 
tfjun, fonbern um „ftanbe§gemä§" leben ju fönnen, wie e§ 
^ringen unb (trafen oft matten in ber SBelt brausen 
unb in§ SBürgertfmm heirateten, um ihre Jinanjen mieber 
in Drbnung ju bringen unb herrenmäjng leben $u fönneu. 

(£3 fei §erabtaffung genug, wenn er bie ^üJje melfe, 
wag noch nie ein ^rinj getrau. 

©o fam ba§ Qfa^r 1865 unb mit ihm ein SBeinjahr 
er fter ©üte. (Sin folcrje§ bewirft am (See boppelte unb 
breifache greube, weil an ben fühlen Ufern be§ fd;wä* 
bifdjen SfteereS feiten „ein guter" wädjft unb bcr (Seewein 
ja nur berühmt ift buref) feine (Säure. 9Jcit >Hed)t be* 
rühmt ift nur ber 9Jleer3burger, be§ ©agnauerS Nachbar, 
©ine alte Segcnbe gibt aber ben ©runb an, warum bcr 
9Jteer§burger oiet beffer ift, al§ feine Machbaren. 

Qux _3eit, al§ nod) bie Börner in ihrem ftaftefl 5J<ari3* 
purgum fafeen unb bie Helten ringsum ihre Untertanen 
waren, fei einmal unfer £>err mit (Sanft ^eter am See 
herunter gefommen auf einfamer SBanberung. 

2)a, wo tyuU bie Dörfer ^mmenftaab unb Hagnau 
liegen, ^abe er an oerfchiebenen fyifdjerr)ilttcn unb Pfahl- 
bauten um Nachtquartier gebeten für fid) unb feinen 93e* 
gteiter, fei aber, feiner fremben (£rfd>einung wegen, oon ben 
mi^trauifd)en fteltenmännleiu grob abgewiefen worben. 



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— 46 — 

Stteeräburg, roo römif^e Kultur ftd) niebergelaffen, 
waren bie Seute gaftfreunblicfyer unb höflicher. €>te gaben 
ben jroei JJrembltngen Verberge für eine $lad)t. 

9lm anbern 2ftorgen oor ber Sttbreife fprad) ber $err: 
„Söeil Qftr mid) unb meinen Jreunb fo gaftltd) empfangen, 
miß id) ©ud) eine bleibenbe greube madjen. SBeinftöcfe 
foUen alSbalb ©ure ©ügel bebecfen unb Söein bringen 
gu ©ureS $erjen8 3*öf)lic$feit. # ©o gefd)af) e§ al§balb 
unb fdbon am 5lbenb jenes $agc§ tranfen bie 3Jleer§burger 
filmen 2ßcin. 

5ll§ nun bie groben SMtenbäuerletn oberhalb 9fleer§* 
bürg oon ber rounberbaren ©abe hörten, eilten fte bem 
grembling nad), ber inbefc am ©ee unterhalb bc§ Börner* 
faftetB ebenfo gröbltd) bejubelt rourbe nrie oberhalb unb in 
feiner §ütte aud) nur einen SBiffen SBrob befommen fonnte. 
$)er roeinfüdjtige Sanbfturm t»on oben oerfünbete ben untern 
<5eeljafen, roa§ in 9fleer§burg oorgefaüen fei. ©emeinfam 
eilen alle bem SBunbermann nad), erreichen ihn noch, ehe 
er bei ben Pfahlbauten t>on (Sematmgen ba§ fct>roäbifcr)c 
SJker oerläjjt, fallen ihm ju güfjen unb bitten um 93er* 
$eif)ung für ihre ©robfjett unb auch um Söeinberge. 

%tt $err, gütig nrie immer, nerjeiljt unb fagt ihnen 
bie ©rfüUung thre§ 2Bunfd)e§ ju. 33i§ fie $eimtämcn, 
foUten Sftebftöcte bie Uferhalben gieren. 

9Jlit freubigem $)anf unb jubelnb jogen bie ßeltcn* 
unb Pfahlmännletn oon bannen. St. Peter aber, ber e§ in 
menf etlichem Unmuts nicht fo leicht ocrfc^mergen fonnte, bafc 
fein Sfletfter f o gröblich mar behanbelt roorben, f prad) : „9lber, 
£>err, wie fonnteft $)u biefen ©robianen jur 93erjei^ung 
noc^ ein fo fdjöneS ©efdjenf machen? ©ie roerbeu jetjt 
ftd)er ju otel trinfen unb deiner erft recht oergeffen." 

£er $err aber, fo fdjliefjt bie Segenbe, antroortete: 



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— 47 — 

„$etru§, Beruhige $)id). SBemberge f ollen fie fjaben, ber 
Söein aber wirb fo faucr fein, bafc fic geftraft genug ftnb 
burd)§ Printen." 

©eitbent roädtft ber ©eeroetn fauer, unb nur tn feltenen 
Sauren erbarmt ftd) ber ©irnmel unb läßt einen guten 
nmcf)fen. $)a$ ift aber bann ein 3ubeljaf)r, von bem 
SUnber unb ©nfel nod) reben, bi§ roieber cine§ fommt. 

mar fünftefmQafjre am SBobenfee, unb alle bie fünf* 
$ef)n Qafjre fjörte id) ba§ £ob be§ ^ünfunbfedfttgerS fingen, 
weil feitbem nie meljr ein foldjer geroad)fen war. 

$a& biefer Qabrgang ba§ 2Bol)lgefaden be§ ^rinjen 
Sodann in erfter Sinie errang, oerftunb ftd) oon felbft; 
benn ba§ mar nidjt blo§ ein gewöhnlicher „Herren wein*, 
f onbern ein echter gürftentranf, mepalb unfer gürft in alter 
IHitterart ben ganzen £ag in feiner §ütte beim pumpen fafj. 

Unb al§ fein eigen Quantum getrunfen war, ging er 
hinauf in ben 2lbler, fe^tc ftd) in ba§ „©eejtmmer* unb 
traut, ben oerflärten S3licf auf (See unb s 2llpen gerietet, 
günfunbfedßiger. 

5Jtit fürftltdier JJretgebigfeit lief} er aud) anbern 
■3Kenfd)en oon bem „©errenmi" jufommen. 2Ber oom 3*lb 
fjeim am $lbler ooritberging, warb fjinetngcrufen unb oom 
£anne mit Jünfunbfe^giger regalirt. 3Benn aber einer 
ber ©elabenen nad) bem erften ©poppen ftd) bebanfen unb 
roteber feines 2öege§ ge^en wollte, braute ilmt ber ^rinj 
mit (Belägen. Qeber mufjte menigftenS brei ©poppen 
trinfen nad) bem ©prtdjwort: „2We guten $>ingc ftnb brei/ 

$n ben legten $agen be§ JünfunbfedföigerS blieb ber 
^Brinj fo einmal eine ganje 2Bod)e im ülbler, unb wenn 
fein Söetb, Jbt* $äf$ler3 Spännt", if>n holen wollte, 
fpradj er: „$>er günfunbfe^jiger ift mir lieber al§ be§ 
$äfd)ler§ 9iänni, bie gef)t mjr nidjt baoon, wohl aber 



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— 48 — 

gibt'S balb feinen 5" n f un M e ^)^Ö €t wehr, unb barum 
muß ich bei ihm bleiben.* 

9ll§ aber er am ©nbe feiner Qubefroodje fpät 2lbenb3 
heim rooflte, Ratten ihm bie beiben (schmeftern ba§ £au3 
wrfchloffcn, nnb all fein Sttufen nm ©tntaß mar oergeblich. 
$a begann er eine regelrechte ^Belagerung be§ .£)äu3chen3. 
©rft rooKte er Sörefche in bie $hüre fließen mit großen 
ßtefelfteinen oom nahen (See, unb al§ biefe nicht genügenb 
roirften, Ijolte er einen SÖSieSbaum au§ einem benachbarten 
Schopf unb ftieß ihn nrie einen Mauerbrecher an ba§ $bor. 
9lber bei jebem (Stoß fiel er mit feinem günfunbf eckiger 
ftll $8oben, unb bie $l)üre roiberftanb. 

„3Öer ad)t Sage günfunbf eckiger getrunfen," fpracfj 
er enbltch, t>on ferneren SSerfucfjen abftefjenb, „famt and) 
unter freiem £>tmmel übernachten/ unb legte ftd; oor* 
£au§ jum (Schlafe nieber. 

Sttrn anbern Morgen, ba bie Ijelbcnfiafte §au§tf)üve 
ftch öffnete, ging be3 £>äfchler§ 9?änni herau§ unb ber 
^rinj (Gemahl hinein, (Sie ging eilenben (Schrittet am 
(See hinunter nach MeerSburg unb aufs 2lmt3gcricht unb 
beantragte 23crmögen§abfonberung, roctl ihr Mann ba§ 
ganje Vermögen in günfunbfechjiger gu oertrinfen brohe. 

^ic genj fato oem fürftlid)en 3chroager bei feinem 
Eintritt in bie (Stube alSbalb mitgeteilt, roarum bie 
SRänm {ort unb nach MeerSburg fei, benn fte beibc feien 
nid)t länger gewillt, feinem s JMcht3thuu unb Srinfcn müßig 
unb gebulbig jujufefjen. 

%od) ^rinj §anne forest fidr) nit unb ftärte bie 
ßenj bal)in auf, baß fo roa§ feine Schanbe für ifjn fei, 
benn bei dürften unb s $rtnäen märe e§ Mobe, baß jebe§ fein 
SSermögen befonberS oerroalte. Unb roenn nur bie s Jiänni 
t>a3 irrige behalte, fo fei er fchon aufrieben, ©elb roerbe 



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— 49 — 

et von tfjr fcrjon herausbringen. Slucf) feien bie oor* 
netymften ©rafen unb dürften fcf)on fo befyanbelt toorben 

%k 9lbf onberung roarb auSgefprodjen unb be§ ^rinjen 
Sfrebit baburd) bod) gefdjäbtgt, weit er o^ne ©elb md)t3 
meljr befommen fonnte, um ftanbeägemäfj leben unb an* 
bexn eine greube machen ju fönnen. 

$)od£) er fanb WUtttl unb $öege, um ju SBaarem &u 
gelangen, wenn er (sonntags eine £uftfaf)rt auf bem See 
machen ober einen ©djoppen trinfen wollte. @r hatte 
einen grofjen, alten ©äbel in feiner (Schlaf fammer, ben 
gürtete er um, wenn tyn ber $}urft plagte ober baS SBetter 
auf ben @ee locfte unb er fein ©elb hatte, fteUte jtd) 
oorS $)äfcl)lerS Länni b,in, jog Dorn Seber unb broljte 
xf)x mit bem $ob. 

„(Seine (Sfjre oertrage eS nimmer länger, obne einen 
Sfreujer ©elb im S)orf herumzulaufen. (£r müffe jum 
aSerbrec^er werben, roenn il)m bie Länni fein ©elb gäbe.* 
©ei biefen unb äljnltd&en Lebensarten fuchtelte er, grim* 
mige 93licfe über feine #abid)t8nafe f)eroormerfenb, mit 
feinem (Säbel, bis bie üftänni in ftd) ging unb etwaSl)ergab. 
2)ie ©taat3oer&red)en, bic ber ßrone gelten, 
SSerjei^t ber Gimmel, nienn fie unä gelingen — 

utod&te ber *ßrht8 mit (Sorneitle'S „©inna" benfen. Unb 
eS gelang tfjm regelmäßig. Slber banu mar er mieber ber 
befte 9ttenfd) oon ber SOSelt, molf bie ©aifen, bie nadj 
unb nadf) an ©teile ber ftüfje getreten waren, unb gab 
feiner Lännt bie fünften SBorte. — 

$)er ^ßrinj Qofyann ^atte alle ©igenfd&aften eines 
SftanneS oon höherem Lange; er mar freigebig, grojjmütfng 
unb felbft tapfer, wie fein ©ang über ben ©ee beroeift. 

9htr eines fürchtete er: bie lobten. 

2118 feine (Schwägerin ^enj auf! fcobtenbett fam, 

$an$ jafob, e^netboßen. »ritte SRet&e. 4 



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nahm fle oom *ßrtnjen9lbfchteb mit benSBorten: „Johann, 
jefct muß idj ft erben, fei auctj brat) mit ber üftänni unb 
trinf nicht mehr fo otel, bcnn $)u roetßt, mir treffen un§ 
nrieber." £)ie legten SDBorte hatte fte unbeutlich mit fterben* 
ber ©timme gebrochen unb ber ^rinj oerftanben: 
fontme ja roieber." $eßhalb erfaßte üm eine furchtbare 
3lngft, unb er f$rie: „Um ©otteS mitten, 3enj, %vl mirft 
boch nicht mehr fonunen!* D^ne Um ju beruhigen, oer* 
fc^ieb fte unb hinterließ ben #anne in einer oerjroeif* 
lungSooüen 9lngft. 

G£r fürchtete, bie genj tönnte ihre ©rolmng noch 
ausführen, mährenb fte al§ Seiche im £aufe lag, unb trug 
beßhalb Sag unb 9tocf)t feinen großen ©äbel, um jich 
3Jhith einzuflößen, unb lub jur Sobtentoache bie herj* 
hafteften 9Jlänner au§ ber 9ßachbarfchaft unb SSerroanbt* 
fchaft ein, um ja §ilfe bei ber $anb gu hoben, f<*H3 bie 
3enj oom £obe auferftünbe. Unter ihnen mar ber üftadjbar 
Stünde, ein ehemaliger „©chiffmann", furd)tlo§ &u SBaffer 
unb p ßanb, unb au3 ber Sßertoanbtfchaft ber *ßrin$ 
ßonrab, ein SRecfe erfter ©tärfe. 

S8ei einer Setchentoache in £ange mirb Diel gebetet, 
aber noch mc $ r getrunfen; benn com oielen S3eten fann 
man ebenfo burftig merben, wie oom oielen Sieben. 

$)rum ift e3 altherfömmlich iu ben SBeinorten am 
(See, ben SBächtern „orbeli j'trinfe 4 ' hinstellen, bamit fte 
nicht „oerfchtafen" unb fo ba§ „etoige Sicht* beim lobten 
auggehen laffen, toa£ aB bie gröblichfte Sßerle^ung ber 
2Bächteroflidf)t angefehen mirb. 

$)aß £eicr)entoächter beim ^ßrinjen Qofjann feinen 
©urft leiben burften, mar bei feiner befannten freigebig« 
feit flar. 9ll§ er aber bie »tttc fteUte, ihn in ben $Mer 
au begleiten jum 2Beitiholen, meil er ftch fürchte, fo lang 



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— 51 - 

bte Sena !tid)t unter bem SBoben fei, er^ob fid) lautet 
SBiberfprud) unb £olnt von ©eite ber roadjenben Mannen. 
$)er $rin& foüe ftd) fdjämen, ntcf)t allein in ben Detter 
gu rooden. ©r möge nur rufn'g gefyen, fte mürben bie 
3enj fdron f)üten, bamit fie tljm ntrf)t nad)fomme. 

©nblicf) ließ £anne, ber gürft, ftd) befttmmen, allein 
in ber ftäffer ©ruft Innabjufteigen. $en ©äbel fyatte er 
fd)on um; brum 509 er ba§ ©etyroert mit ber SHed)ten, nalmt 
in bie ßinte ben SBetnfrug unb ging bte Stiege hinunter 
in ben Heller, um oon feinem beften 9totf)en ju Ijolen. 

SBäfyrenb er, ofjne ba§ ©d)roert au§ ber £>anb ju 
legen, aufjer um ben £af)nen be§ JaffeS ju öffnen, ben 
ßrug füllt, fpringt ein fdjroarjeä Sfyier gum ßetlerlod) 
herein unb auf§ %a% $er ^rinj, md)t anber§ glaubenb, 
benn bie 3^8 fei im Slnjug, wirft ben (Säbel roeg unb 
jagt baoon. Sftur fo otel ©eifteägegenroart Ijat er nod), 
bafj er ben Shrug ntdjt roegroirft. 

. Seidjenblafj unb jittemb fommt er gu ben SBädjtera 
unb er$äl)lt, roaS iljm begegnet, ©ie lachen ilm au§, leeren 
luftig ben erften Ärug unb verlangen nad) bem $roeiten. 

%oä) jefct gefjt £anne, ber JJürft, um feinen *ßrei3 
meljr allein in ben fteUer. groei 3Jlänner begleiten ifni. 
Slber wie erfcfyrecfen biefe SBeinfeelen, als ber Sßein im 
Heller herumläuft, weil ber $rinj in feiner 5lngft ben 
^a^nen offen gelaffen Ijatte unb ba§ gafc faft leer ge* 
laufen mar. Unter iljrem Jammer über ben guten SRotben 
fprang „ber ©eift", roeldjer ben $anne oertrieben, in ©e* 
ftalt einer ftat>e roieber gum Heller IjtnauS. 

%xt ganje SBadjmannfcfyaft aber lief? bie tobte 
famt bem „eroigen 2\$t" im ©tid), bis fte oon bem 2Betn 
fo oiel aufgefd)öpft hatte, al§ nod) ju retten roar. 

$)er £apferfeit beS ^ringen gab bte SJurdjt oor ber 

4* 



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tobten @d)toagerin einen ftarfen ©tofc im $)orfe, unb er 
fud)te fte burtf) häufigere 21u3fätle inS fianb ber Stutigen 
an ber Seite feinet SBruberS ftonrab triebet gu tjeben. 

©einer fixen aber fäbette er, fo oft fte ©elb Ijatte, 
baSfelbe ohne ©rbarmen au§ ber £afd>e, wenn fie nic^t 
freimütig ihm einen ©htenfolb ju ftüjjen legte. 

Unb als ich ben ^rinjen fennen lernte , roar ba$ 
baare ©elb ber Sftänm langft fort unb #au3 unb SReben 
oerfchulbet, anbere ©üter oerfauft unb ber #anne ein 
jiemlich armer SRann. 2lber bei attebem trug er, einem 
echten dürften gleich, ben ftopf hod) unb benahm fleh rote 
ein burdjau§ unabhängiger (£^arafter. 

<£r räfonnirte unb frttiftrte aUeS, roaS ihm mi&fiel, 
als roöre er ber erfte im $>orf. Unb baS gefiel mir. 
Männer mit gutem Sftunbftücf haben immer mein 2öohl* 
gefallen, unb roäfjrenb zungenfertige SBetber mich lang* 
toeüen, ^öre id) einem 9Jtann au3 bem ißolf e, ber oiel ju 
reben unb oiel %\x behaupten raeifc, ungemein gerne ju, 

Unb fo einer roar ber $rinj Qohann. 

©o oft er mir nach unferer erften ©eefahrt begeg* 
nete, tarnen mir in§ ©efprädj, unb ber $rinj erhielt mach* 
fenb mein Wohlgefallen ob feiner fchnetbtgen 3unge unb 
feiner Ungemrtheit; ©igenf haften , bie einen gebomen 
^a^ lad) er immer fqmpathtfd) berühren. 

geh mar faum jroei Monate im £)orf, al§ bie ffaft* 
nacht fam. £ätte ich nicht fd)on oorher gemerft, bafc ein 
rtefiger Unterfdjteb fei annfdjen einem ^tnjtgt^&Ier $ur 
unb einem SRebmann am Söobenfee, bie gaftnacht ^ätte 
mic^ baoon überzeugt. 

SBährenb ba§ £ anboolf im äinjigthat nichts roeifi vom 
„9Ra§f engeren* unb noch roeniger oon 9tta3tenbällen, unb- 
jene dauern, roenn fte »Statten" fehen motten, ,tn3 ©täbtle* 



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— 53 — 

manDern müffcn über bic JJaftnadfjtStage, geben bie Satibleute 
am ©ee ifpre „Wlcßt enbäUe", fptelen ftttterftücte unb siegest 
in Sttarren^ügen mm $au% ju £au§. 

2Ber glauben wollte, bie Sftarretfyeien an $aftnad)t 
«nttyiellen aud) nur einen Junten oon edjter SBolfgpoejtt, 
märe auf bem ©oljroeg. $ie „Sftarrljett" tjt ht aUeroeg 
ein ^3robuft ber Kultur unb niemals ber *ßoefie, unb 
bejjfjalb Derfdjmäljt ein edjter unb rechter SRaturmenfcf) 
biefelbe. 

$lm erften ^ftnac^tbienftag, ben tef) am ©ee erlebte, 
tarnen bie aroei ^rin^en, Qoljann mo Konrab, nad) bem 
©otteSbienft ju mir in§ $f arrl)au§, unb ber *ßrin& Q^ann 
fprad): „#err Pfarrer, bie £angouer gtajjnat wirb ^ftne 
l 1 bumm fi. $rum Ijann i benft, i unb ber ftureb roent 1 ) 
<5ie in b' <5%mi burrt 8 ) ffifaeV 

%a2 mar ein Sßorfcfjlag. Quer über ben SBobenfee 
in einer ©onbel ju fahren, ba£ mar mir etn>a§ ganj 
9teue3, unb bei meiner grofien Vorliebe, bie id) für ben 
<5ee bereits gefaxt Ijatte, brauste mief) ber Britta ntd)t 
aroeimal einjulaben. 

©ine tyalbe 6tunbe fpäter fdjroammen mir fdjon über 
ben Söaffera, unb bie groei Sßrinjen ruberten mit einer 
Kraft, bajj bie ©onbel nur fo über bie SBerge unb $f)äler 
ber SOBeden balnnflog unb balb ba§ babifcf)4tf) roäbifdje Ufer 
mit bem ganzen $interlanb oor unfern SBlicfen laa. 

S)er $rinj $anne mar unermüblicf) beftrebt, mir 
»om (See au3 bie SBerge, Dörfer unb ©djlöffer ju be* 
nennen unb &u e^plictren. 

9Iber er fprad) aud) von feiner Siebe jum See unb 
feineu SGßeUen; mie ba§ Söaffer e8 if)m früher angetfjan 



>) »offen. * $titü&er. ») 3>te protcftanttfd^eit ©(Stpetjet fetent lint 
gaftnac^t Tpätct. 



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— 64 — 

$abe, baß er am fetten 2Ber!tag Suftfaljrten gemalt; 
nrie eS il>n fo oft von ber Arbeit meggelocft, aber aud) 
frof) unb frei gemacht l)abe. 

9lud) ber troefene ^ßrinj fömrab, ein nod) tüchtigerer 
Seemann als ber $anne, ftimmte ba ein unb prteS ben 
(See, baS 2Birtf>3f)au£ unb eine orbentltdje Lauferei als 
feine gauptoergnügungen. 

Sttir fiel e§ auf, bafc biefe beiben 9faturmenfd)en ba§ 
SBaffer fo liebten, unb bod) hätte id) längft roiffen fön« 
neu, bafc ber geheime 3 U Q beS 2öaffer£ unb gum SBaffer 
in ber menf etlichen (Seele oon jeher lebte unb bie (Sagen 
alter SSölfer baoon ju erzählen nnffen. 

2Bie eilt fc^on ba§ (leine fttnb bem lebenbtgen Söaffer 
$u, unb wie gerne fptelt e§ am gefährlichen SQBaffcr ! Unb 
wie oft fudjen alte, unglücf liehe, oon (Schroermuth unb 
©eifte§nad)t umbüfterte 5ttenfchen ba§ 2Baffer auf! — 

3lm anbern Ufer im X^urgi gelanbet, führten mich 
bie jroei ^rinjen ju ihrem greunbe 58är oon ^ejjronl, 
einem bief en, urnmehftgen (Schroujer, ber atlroöchentlich über 
ben (See fam, um ben babifchen „(Schrooben* am anbern 
Ufer g*udf)t unb 93ief) abkaufen, wobei £ange fein 
©tapelplatj unb $rinj ßonrab fein (Scf)iff3tapUän mar. 

„§z bigott/ rief ber biebere £eloetier au§, als mir 
brei in feine niebere (Stube traten, ,bo d)ümmet jo jroee 
^rin^e un a *ßfarr\* 

$)te ^ßrinjen fteHten mich bem berben ©eloetier oor, 
unb nun fcpttelte er mir fräftig bie ftedjte mit ben 
SBorten: „©ruejji, #err <ßfarr'I Qfes will td) d)U in 
Ghär 1 ) un a (Saft hole." 

(£r eilt baoon unb holt einen (Saft, mie bie befte Ctuali* 



») Keller, 



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— 65 — 

t8t be§ SBtmenmofteS Ijeifjt. Sttoft aber ijt ba8 ©auptprobuft 
im Xtyurgi, mefcljalb biefer ©au oon bcn ©djroeiäem aud) 
„Sttoftinbien" getauft nmrbe. SBär§ 2Bib braute einen 
Sftiefenlaib roeifjeS „©dnonjerbrob", unb balb war bie Unter* 
fjaltung im Dollen Crange. Grüben im SSabifdjen f>at ber 
SBär bem SJlüöer in ^Bermatingen Joggen abgefauft, ben 
foll ber ^Srinj ftonrab biefe 2Bod)e nod) über ben ©ee 
bringen unb gleich bie „jroo fette ©u* ins ©cf)iff laben, 
toeldje ber©d)roojer beim „^ebammer ä'^ange" fielen Ijat 

5)er gä&tloljn roirb fofort ausgemalt: ftünf ftränfti, 
jroei Siter SJtoft unb ein £aib ©djrouaerbrob. 

$)ie jmei fßrinjen referiren bem fteßroaler *93ä> 
Ijänbler", baf$ ber „93ud)er grenfebadj" „a fd)öne ©u" 
feil f)abe unb ber„mötf in ftüttt" £anf f amen unbSofoien. 

©3 mar mir, bem Saien, nidjt ferner ju bemerten, rote 
bei biefem £anbet^@efpräd) ber brei SBobenfec^annen ber 
biebere ©d^ro^er bie groei fürftlidjen ,,©eef d&rooben" an ©cf)lau* 
f>eit unb 58ered)nung roeit übertraf. Slber jene erfcf)ienen 
mir, trotj iljrer SRaufjett, nrie jroei poetifd) oerflärte ©e» 
ftalten, bem urprofaifdjen, nur mit (Mb unb SBerbienft 
redjnenben SBär gegenüber. 

908 $rin$ ftonrab im ©efpräcf) bemerkte, er rotffe 
nid)t, ob er feine jugefagten Transporte über ben ©ee 
ade jur beftimmten ßeit ausführen f önne, weil im 3*üf)jaf)r 
ba§ Sßßetter oft ungeftüm fei unb ©türme über ben ©ee 
gingen, ba fing ber SBär über ba3 fdjnwbifäe 3Jlecr &u 
Wimpfen an : „®er foge l ) ©ee. Q rooUt', er mär' a SBife.* 

2Bie ibeal fjatten ftd) furj §uoor bie beiben ©ee» 
färoaben überS Sßaffer au§gefprod&en biefem 9*eattften 
gegenüber! 



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— 56 — 

SCbcr folgen Seuten gehört in atlcroeg bte SBelt. 3)te - 
beiben ^ringen ftarben al3 arme Seufel, ber $8är con 
$ef$n>gl aber ift Ijeute ein teilet 9Jlann, ber unentwegt, 
wie x>or breiig Qa^ren, über ben ©ee fommt, „<5u 
unb 3rudf)t" Jauft, aber feit be§ ^rin^en ßonrab $ob 
mit eigener Flottille am färoäbifdfjen Ufer anlegt unb 
feine SOBaare einlabet. 

2Bir luben ben ftefjrouler ein, un§ ein ©tütf gen 
„iftumeSljorn", bem alten SRömerfyafen unb bem heutigen 
4)auptftapelpla*3 am ©djroeijer Ufer, ju begleiten, eine 
(Strecfe, bie mir &u fju§ machen roottten. 2lber aud^ bei 
biefer (Sinlabung glänzte ber föealiSmuS be§ $eluetier§. 
# 3 l)o tu 1 ) git juom ummer*) laufe,* meinte er unb 
&erabfd)iabete un§. 

gortan aber blieben ber SHealtft von ßefcroul unb idj 
gute SBefannte. Unjöljlige 3Jlale §abe id) if)n im ©ebiet 
meines *ßfarrborfe§ getroffen, mit ifjm gefprod&en unb 
mtd) trotj feiner $rofa gefreut an feinem ausgekrochenen 
<Sefdf)äft3getft; benn ma3 ein SJtenfd) fein nritt, mujj er 
tedjt fein. — 

2Bir famen auf bem SRücfroeg gegen 2lbenb normal 
$um 93är, bieSmal in einer Slngelegenfyeit, meiere mir ganj 
neu mar, mir aber meine gmei Begleiter in einem impo* 
nirenben ßtdjte jeigte. 

©in biefer Sftebel, wie if)n nur gro&e SBinnenfeen 
fennen, Ijatte fidf) über ben ©ee gelegt SCßtr faljen faum 
baS 2Baffer in ber nöd^ften -iftälje unfereS (Schiffchens, unb 
über baS ganje, weite fd^roäbif^e 3Jleer hotte eine graue, 
biegte 2Mfe ftd) gelagert gleich einer SJlauer. 

„2Btr müffen eine Sateme ^aben/ fprach $rinj 
ftonrab, als mir am Ufer unb bei unferer ©onbel ange* 

») fein«. *) um&er. 



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— 57 — 

fommen waren, „beim mit (wir) «tont (müffen) noch ber 
SKobel (SKabel) fahre." 

Unb nun erflärte er mir auf bem 9Beg gum ©djwgger, 
bafc nach ber SRabel fahren h«ifte, ben äompafc in 2ln* 
roenbung bringen. Qd) ©chwargwälber ftaunte, bafs bie 
einfadtften <5d)ipleute auf bem fdjroäbifdjen 3Keer ben 
Svompafj ju benutzen uerftünben. 

$)af5 bie Steuermänner auf Stampffchiffen fleh feiner 
bebienten, mar mir wohl befannt, aber bafc bie Keinen 
^alntfchtffer an ben Ufern fn'n fo grofce nautifd)e ßennt* 
niffe hätten, mar mir neu. 

•S&lit einer SRtefenlaterne teerten mir oom 93är gurücf. 
5S)er ^ßring ßonrab holte ben ftompafj au§ bem „Srögle" 
im Schiffchen, beleuchtete ihn oor fuh, griff, roie ber 
«ißrtng $anne am anbern ©djrtffSenbe, in bie SRuber, unb 
hinein ging'3 in8 Sßebelmeer. 

3$ fafc auf ber Schtpbanf in ber 3Jlitte. Qe weiter 
wir in ben Sftebel einbrangen, um fo unheimlicher würbe 
e3 mir. <5o mod)te ftd) bie gahrt über ben ©tnj auS* 
genommen haben, wenn ©haron, ber Sobtenf Ziffer/ bie 
Seele eines SBerftorbenen gum #abe§ geleitete. 

Unb wie ber ftruppige, gerlumpte (Sharon mit ben 
(Seelen noch allerlei Spott trieb wäfjrenb ber gahrt, fo 
erzählten meine beiben fttxwn von Irrfahrten im 5Jlebel 
ohne ftompajj, wie fte bann bie gange 9 facht auf bem 
See gugebracht hatten unb am 9Jcorgen ftatt in ber ©ei» 
math am Süboft=®nbe be3 See§, in ber Sftähe von Söre* 
g*ng, gewefen feien. 

9Jceine rege ^hantafie malte fleh fdt)on eine folche 
Irrfahrt au§, öngftlich flaute ich bisweilen auf bie 
ÜRabel, beren natürliche [Richtung auch bie unferige fein 
tnujjte, weil £ange gerabe nörblid) oon ftefjwgl liegt. 



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Um meine groei ©eelöroen oon iljren gefährlichen 
SReben abzubringen unb meine $!)<*ntafte von einer Rvt* 
fa^rt in bem Sftebel abzuteufen, fragte ich bie beiben 
springen, woher e§ benn fomme, bafc fte folch fürftliche 
tarnen trügen im $)orf. tyatU gmar fdjon allerlei 
bariiber gehört, aber fte felbft müßten e8 boch am beften 
roiffen. 

Unb nun nahm $rins £anne ba§ SBort unb cr^&^Itc 
mir t)om alten dürften unb oon ber ftürftin. Unb mäh* 
renb biefer (Stählung unb meinen ^roifchenftaö« 1 burch* 
fchifften mir ba§ -iftebelmeer. 

$)er ßefer wirb natürlich/ ehe mir lanben, auch 
roiffen motten, roa§ ber £anne mir erzählte über bie 
fürftliche SBenamfung jmeter armen (Seehafen. 

SJlan roirft mir gerne oor, meine ©raählungen h&tten 
$u roenig fünftlerifd) abgerunbete gorm; allein roo fotl 
ich biefe hernehmen? $)eutfch hob' ich roeber in ber 93olf§* 
fdmle noch auf bem ©mnnafmm gelernt unb entflamme 
von £au§ au§ einer Familie, beren männliche ©ippen 
burch brei ©enerattonen hinburch „(^ofchenlatble" formten 
unb SBrejeln brehten. 

9Bo foll ba einem Sftachfommen folch* f ormlof er 2lfmen 
bie äfthetifdje gorm hetfommen? <5r mufc be^h^lb, roa§ 
ihm an angeborner unb erlernter ftunft abgeht, burch 
allerlei ^ineffen ju erfetjen fuchen. $)rum mach' ich meine 
©rjählung jetjtbaburd) fpannenb, baj} ich fchmeige bis jutn 
@nbe über ber beiben <ßrin$en tarnen unb #erfunft. — 

3Bir gleiteten an jenem SKebelabenb furjroeitig über 
ben ©ee, unb alle ängftlichen ©efühle waren gefchroun* 
ben ob be§ ^ßrinjen §anne naioem SBertdjt über ben 
dürften unb bie fjürftin, auf bie meine beiben ftofyx* 
männer ihren erlauchten ©tanb jurüefführten. — 



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— 69 — 

2Ba3 id) oon beiben ■ gelernt, bie ©djiff ab,rt auf bem 
©ee,. übte id) balb allein au§. SDer $anne aber machte 
tntr ^a^llofe 5Jlal meinen eigenen ftab,n flott, trug mir bie 
9hxber in8 ©d)iff, banb bei meiner Sftücffeljr bie ©onbel 
roieber an unb „oerforgte" bie SRuber. ©tetS mar et 
gefällig, aber ernft unb oorneljm in alT feinem 5£fjun. 

©eine Slrmutl) ftieg oon 3af)r ju ^afjr. @r fam 
Ijödftft feiten meljr in ein 2BirtI^au§. Qa, er unb feine 
grau litten, nrie id) fpäter erfuhr, manchmal Uttm %loÜ). 
5lber gebettelt blatte ber $rin$ §anne nie, unb auf feine 
2lrt, bie nur im entfernteften einen bettelfjaften 9lnftrid) 
gehabt Ijätte, mürbe er gefugt Ijaben, ftd) einen Srunf 
ju oerf Raffen, unb tfmt, ber fo oielen einft greitrunf 
gegeben, bejahte jefct feiner audj nur einen ©poppen. 

Unb noä) <Sine§! 3n ber tiefften 9tott> behielt er 
feinen §ünb, feinen treuen SÖBäd^ter unb Begleiter, ©r litt 
el>er junger, nur um bie §unb§ta£e erfparen ju fönnen, 
al§ bafc er feinen ^intt" oerf auf t ober erf plagen f)ätte. 

gürftenart ift e§ ni$t, im fjclbe ju arbeiten, unb 
brum lieg ^ring £anne feinen SBeinberg im „ftrüaacfer" 
terroa^rlofen unb hungerte lieber, al§ ba§ er arbeitete. 

Qn ber ^ßolitif oerleugnete er ebenfalls alten dürften* 
brautf} nidfjt. SBäfjrenb be§ ganzen ftulturfampfeS, ber in 
jebe§ ©eebörfdjen feine SBeHen fd)lug, In'elt er ftrengegu 
ben „©djioarjen 4 ' unb fonnte e§ md)t begreifen, bafc e3 in 
jenen Sagen oiele dürften gab, bie &u ben SKotljen gelten, 
nrie bie Sftationalliberalen im SSolfe Riegen, unb ju jenen, 
bie anno 48 unb 49 in Sfteoolutton gemacht Ratten. 

©o geigte ber $anne oSV fein Sebtag, felbft in ber 
größten Sftotfj, feines SftamenS fidj toürbig unb im ©ter* 
ben erft retf)t. 

©r enbigte tragifrf), ber ^rinj #anne, balb nadjbem 



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td) #ange netlaffen. SBeim 3lbfd)teb Ijatte et mir nod) 
gefaßt: „#ett Pfarrer, roenn'S roiebet einmal einen guten 
#etbft gibt im ftrü^aefer, fo befuge id) ©ie." 

$)ie guten ^erbfte blieben au3, unb ber ^tin^ roatb 
atmet unb ätmet. ®t Ijatte eine fleine SHebfdjule an« 
gelegt, um butd) junge SReben beffete ©offnung auf einen 
guten £etbft fefcen &u fbnnen. (SineS SageS roaren iljm 
eine . Slnjaljl feinet „SBütslinge* geftoljlen rootben. @t 
befd&ulbigte, futj unb fdjatf im Utttyeil, roie e§ bei ^ßtin« 
jen 9Jlobe ift, einen butdjauS unbefdroltenen SJlann, bet 
im $)ienfte eines mitfliegen unb edjten ^ßtinsen ein SHeb* 
gut am ®ee netroaltete, beS föebenbtebftafylS. 

S)et efjtlidje Sftann mufjte ben $tinjen $anne net* 
f lagen, fdfron um feines $)tenfte3 willen bei einem anbeten 
springen. $)a§ ©djöff engetidjt oetutt^eilte ben atmen Teufel 
ju ad)t klagen ©efängnifc megen fallet Slnfdjulbigung. 
S)a3 2lttefttofal in Uebetlingen roat übetfüttt, unb als 
bet $tinj oon £>ange ftdj gut ©tfte^ung feinet ©ttafe 
melbete, roatb et auf ein ®d)tff gefeftt unb uad) Jtonftanj 
gefdjicft, um bott bet ©etedjttgfett ©enüge §u tljun. 

9lud) mit roat eS einft äfmlid) etgangen. 9113 tdf) 
anno 1873 meine fed)3roöd)entlid)e ©efängmfjfttafe roegen 
SBeleibigung babifdjet Beamten in Uebetlingen abfttjen 
füllte unb rooUte, roat bie bottige alte Qtefängmfcbaracfe 
befefct, unb man infttabitte mid) nadj SRabolfjeH. 

Dljne einen Pfennig ©elb, roeil feinet mefjr in feinem 
SBefifc roat, ^atte bet $tinj bie ©eimat^ netlaffen, unb 
als bie Sage bet £aft um roaten, ftunb et auf bet 
©ttafje in ftonftang, fonnte abet ntdt)t übet ben (See 
f ommen, roeil et eben immer nodj fein ©elb tyatte. 

$)ie öfters oon ©eeberoo^netn obet autfj tron $anb* 
roetfSbutfd&en in folgen fällen geübte ^raftif, eine ftembe 



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— 61 — 

©onbet am (Seeufer nädt)tltcfjer 2Betfe lo$aumadt)en unb 
^inübctjufa^ren unb bic ©onbel bann ihrem ©c^tcffal 31t 
überlaffen, ocrfd)mä^te bcr $anne aus alter QfyxlifyUit 
Qu betteln fdfjämte er ftdfj, unb jum ©elbletyeu fonnte 
er fidj als au einem fjoffnungSlofen (Stritt aud& ntcf)t 
entfalteten. 

$a blieb nur ein SluSroeg, aber ein müljfamer, n&m- 
li$ um ben See berumjulaufen; ein $et)nftünbtger 2flarfd> 
war baju nötf)ig. ©ungertg unternahm ifjn ber $rinj. 

@S mar ein falter, rauher Sftcroembertag, ba er über 
bie ftfcetnbrficfe ju Äonftanj ging, SKabolfeeH unb bem 
roeftltdjen <£nbe beS färoäbifdjen 9tteereS $u. junger unb 
flälte mürben immer empfmblitfjer, je meiter ber einfame 
2Öanberer tarn, aber ber tapfere Sßrinj blieb fjart gegen 
biefe ©mpfinbungen. lieber fterben als betteln. 

©S bunrelte, als er burdf) baS ©täbte^en SRabotfjea 
fdfcjritk $aS ©nbe beS (SeeS roarb ^ier erreicht, unb es 
galt nun, bem Ueberlinger (See aussteuern unb an ihm 
hinauf ^etmaufommen. $er weitere 3Beg jtunb noch be* 
cor. SBiS Tagesanbruch hoffte ber *ßrins unbemerft oon 
feinen SJUtbürgern #ange ju erreichen. 

©unger unb ßälte nahmen abermal ju. <Ste mürben, 
als bie Sftadjt hereingebrochen mar, ftärter benn Ranne'S 
fürftlid^er (Stolj. (Sie legten ihn eine ©tunbe unterhalb 
SKabolfeett im freien gelbe nteber jum — eroigen (Schlafe. 

2lm Sttorgen beS 17. SKooember 1885 fanben dauern 
beS Dorfes ©Öhringen einen tobten, fremben 3flann un- 
t>erle# im gelbe. ®ie ßälte, meinten bie fieute, hat 
ben JJremben getöbtet, ber wohl in einem (SchnapSbufel 
fich ba Eingelegt. 

<5o roarb ber^rinj, unerfannt als fold&er, im 95er* 
bad)t beS (SchnapStrinfenS begraben , er, ben junger 



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unb ©lenb auf bic ©rbe niebergelegt unb ber Äölte tyr 
£obe§roerf leicht gemalt fjatten. 

$n feiner dlod tafele Ratten fte ein ©ebetbud> ge* 
funben, benn bog tyatte ber d^riftlid^c ^rinj mit tn§ @e* 
fängnifj genommen. Qn bem SBudje ftunben 9tome unb 
#ex£unft be§ lobten. 

©o tarn bie Sftadjrtdjt nad> #ange, unb bie SWnni, 
fein SBeib, fonnte i^m jum ©rab folgen. Qe^t mar fte 
crlöft oon iljrem Sßrinaen, aber roelje tfytt e3 tfjr bodj, 
bafc er fold) ein ©nbe genommen. 

9toe fjätte ^rinj §anne im ßeben fein sßalaiS am 
6ee oerEauft, er märe eljer £unger§ geftorben. ©ein 2Beib 
mar ni^t fo ftolj, nrie ber £anne. $)rum, fobalb ber 
Sttann tobt mar, serfaufte bie ^tönni £ab' unb ©ut. 

©in junger ftifdjer, ber jidj ein #eim grünben rootlte, 
faufte atteS unb bejahte e§ fo gut, bafc be§ ^ßrinjen 
©attin, bie feit Qa^ren mit biefem junger gelitten f)atte, 
nod) gu einem flehten Sßermögen uon einigen Saufenb 
2Jlart fam. 

SIber — unb ba§ e^rt bie SKänni — ba3 erfte ©elb 
uertpanbte fte, um iljrem £anne, ber fo oft im £eben 
fdjltmm mit tljr umgegangen mar, ein 3)en! mal feiert. 

2luf bem fttrd)I)of in ©Öhringen, unroeit t>om ©rabe 
be§ bringen, Uefj fte eine roeijje 9Jlarmor*$afet anbrin- 
gen, auf ber in golbenen Settern folgenbe SBorte unb 
feilen fielen: 

„§ier ruf)t Qoljamt SBapiift 2Begi§ r-on Hagnau, geboren 
ben 16. Sanuar 1816, geftorben ben 16. Sftooember 1886, 

Born Süngling big tum ©reife, 
ift nur eine ©panne 3eit; 
Oft fä)nett unb uwerfe^ner SBeife 
Stuft ®ott jur langen ®m\tfeiL M 



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— 63 — 

3Beldjer SSolfSbic^ter am ©ee ber -ftänm btefe fdjönen 
SOerfe gemacht/ fonnte ic$ md)t erfahren. 9lber ber ©tetn 
f elber ift ein neue§ SÖBafyraeitfjen oon 2Betbertreue, rote 
benn bie grauen, trofc aller fonftigen g^ler, in biefen 
fingen n>eit gröfeer bafteljen, als bie Männer. 

Sftemanb aber, ber ben (Stein lieft auf bem einfamen 
*J)orfftrd)l}ofe am Unterfee, roetfj, bafc ber fem ber §ei* 
matt) 93erftorbene im ßeben ein $rtnj war. 

9lud) für feine ©eelenrufje forgte ba§ trene 2Beib; fle 
ftiftete in ber ftirdje jn Böhringen eine $obtenmeffe für 
ben $anne, unb ebenfo für ftd) unb tyn ein ©eelenamt 
in £ange. Unb wenn in fpäteren Reiten ber Pfarrer 
von ber ftanjel ben Qa^rtag für Qoljann SBaptift 28egte 
unb feine ©^efrau nerfünben wirb, bürfte niemanb me^r 
roiffen, bafc ber, beffen ©ebäcfjtnijj am Elitäre gefeiert 
werben foU, einft al§ „^ßrina #anne" im $)orfe umging. 

SBenige Qafjre nad) bem ^ringen $aben fte aud) bie 
Sftänni begraben. 



Sange t»or feinem weit älteren SBruber $anne mar ber 
fßring ftonrab au§ bem Seben gegangen, (£r ging wilber 
unb fülmer buref) baäfelbe, brum hielt e§ aud) fürjer; 
fdjon in ber ©djule fjatte er feine erfte öffentliche Straft 
an bem alten Se^rer probirt unb tfm eine§ £age§ hinter 
ben Dfen geworfen. @o geigte fdjon ftlein*S!onrab, wa3 
für ein Sttecfe au§ tym werben foUte. ©rofc geworben, 
befam er in noct) höherem ©rabe rate fein ©tiefbruber 
§anne prin&ltd)e (Sigenf haften, gute unb f djlimme. ©r 
mar tapfer, furdjtloS, ftarf, ein ©pieler unb §aubegen, 
ein SBkttenmadjer, fur$ aUe§, nur (ein s Jtebmann unb 
tetn gelbarbetter. 



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— 64 — 

SRocf) weit mef)r als ^ßtinj £anne liebte ^rinj 
ßonrab ben (See unb ba3 Seben auf bemfclben. Unb n>ie 
edjte ^rinjen eigene ©quipagen galten unb felbft fut* 
fairen, fo l)ielt ftdf> ber „Shtreb" ftetS ein eigenes ©dn'ff* 
d)en, ein ßujuS, ben anbere Gebleute, foroeit fte ntd&t 
nebenbei gifefrfang ober ©egelfd&tfferet betrieben, fid^ nidjt 
leiften tonnten. 

Salb war er mit feiner ©onbel auf ben SBeHen fo 
vertraut, bafc er einer ber getoanbteften Segler nwrbe 
unb fpäter, als fein Sßermögen fort mar, mit feinem 
©d)iffe fein SBrob oerbiente, SBaaren unb SBief) tran§* 
portirte, aber audf), wie mir oben fdjon ermähnt, ecfjte 
^rinjen unb dürften auf bem @ee fpajteren führte. 

©ine§ £age§ Ratten ©turmroetten feinen #af)n von 
bem ^ßfafyl, an ben eine eiferne ftette ifjn banb, lo§* 
geriffen unb in ben ©ee f)inau§genommen. ßurj ent* 
fdjjloffen ftürjte ber $rinj feinem gefäf)rbeten ^a^rjeug 
nadj, fcfjroamm ttyn burdj bie ^odtflutf) barauf %u, na^m 
bie State smif^en bie 3äE)ne unb 30g fo bie ©onbel 
fdjroimmenb anS Sanb, trofcbem bie SBetten mit Wlaty 
gegen ifjn anfämpften. 

©in anbermal fufyr er in einem ©türme in feiner 
©onbel oon 3Jleer§burg herauf. 3m 2lngeftd)t be§ Dorfes 
fdjlug fein 3^rgeug um. 9lm Sanb fcf^rie atteS um #tffe; 
9Mnner matten einen ftafjn lo3, um fte if)m &u bringen. 
SIber ber äureb ^atte pdf) auf ben SHücten fetne§ ©d&iffdjenS 
gefd^roungen unb rief: „93ltbet buffa, i forum' fdjo.* 1 ) Unb 
er fam famt feiner ©onbel richtig an§ fianb. 

9lber auet) auf bem ^eftlanb mar er befannt ob feiner 
Jlörperftarfe. SBon feinen g^bejügen in3 Sinjgau mit 



>) Sleiöt brausen, i$ fomme föoru 



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— 65 - 

bcm Grübet £anne ^ab' ich oben fdwn erzählt. Qm 9fctng» 
fampf unterlag jeber feinen 2lrmen. 9lber auch in feinen 
^almen ftaf feine iftiefenfraft. (£r tyob jeben auSgewachfenen 
9Jtann, ber ftd) auf ben SBoben gelegt hatte, mit ben 3ähnen 
an ben Kleibern tlm faffenb auf unb trug ilm in ber 
Stube ^erum. Oft gab er biefe Sßrobe gunt ©paß in ben 
2ötrtf)3häufern am ©ee h™ gum beften. 

(Sin richtiger $rin$ muß ©port§mann fein. 5luch ba§ 
war unfer ßureb. ©ein ©port mar ba$ Söetten. @r 
wettete beim Äegeln unb fötrtenfpiel höh* ©ummen unb 
verlor fürftlid). ©benfo ging er 2Betten auf feine Äraft 
ein, s- 33. fo unb fo oiel ©äefe ftrucht ober ©als auf 
einem ©djubfarren einen SBerg hinauf $u beförbern. £ter 
gewann er meiftenS, auf Soften feiner ©efunbfjeit. 

SÖBte ber $rtnj §anne roar auch ber Äonrab fefjr frei* 
gebig. SBenn er (Gelb hatte, Bejahte er allen burftigen ©ee* 
leuten, unb ein greitrunf ift für einen richtigen SHebmaun 
am SBobenfee, wa§ für ben ledföenben |>irfch bie Duelle 
uub für ben Nachtwächter ber 2ttorgen. 

©olche greitrünfe feiern brum bie ©angouer bei jeber 
einigermaßen paffenben (Gelegenheit; ba roirb fein Bürger* 
meifter unb fein 9latf)ZtyxT gewählt olme einen Srunf. 
%a£ £rinfen geht im 2Öirth3hau§ oor ftd), aber ben SBein 
bringt ber ©penber meift felbft mit in einer großen „93utte", 
bie er auf bem ftücfen ins 2Birth§hau3 trägt $)a§ ift 
noc^ ein ©tücf <ßoefte. 

2lUe ©trettärte werben bei biefen (Magen begraben, 
unb felbft biejenigen, meldte bem (Gewählten ihre ©timme 
nicht gegeben, fommen jum Xrunf unb trinfen ihren Un* 
muth über bie SJlieberlage bei ber Sßahl frieblich hinunter. 

Sttan muß fte gefehen haben, bie trinfbaren SSinjer, 
bei folchen Slnläffen, um ju begreifen, wie fröhlich auch 

$an*iato&, «Schneebällen. 2 ritte flei&e. 5 



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— 66 — 

bct faure ©eeroetn madt)t. felbft Bin ber @tift«r eincS 
folgen grettrunfS. 

Sllljährlich im SJlat roaUfahrtete ich mit meinen £ag- 
nauern in golge etne§ öffentlichen ©elübbeS nadt) ber jroei 
©tunben entfernten 9Jcuttergotte§*£apette 311 SBaitenhaufen. 
£och auf bem $8erge liegt flc über bem ©alemer $hat 
uub labet, juic feine/ gum SBeten ein. 

9luf bem unb Sftücf roeg nmrbe ftanbhaft gebetet, 
unb e£ gab troefene Äehlen. 3)rum lief* ich nach ber SRücf * 
fefjr am SKachmtttag ben SJtannen au§ ben Vellern be§ 
oon mir gegrünbeten 2Binjeroeretn§ einen grettrunf geben, 
bem ic^ für furje geit anroohnte. $)a mar aller £aber 
einzelner oergeffen, unb roaefer, roie im ©ebet, geigten ftch 
bie SJcanner im £runf. 

3lud) für bie grauen grünbete ich einen folgen $rei« 
trunf, unb e3 hat mich ™ c gereut. 3)er Pfarrer mug 
nicht blofc für bie religiöfen, fonbem auch fö* bie fokalen 
unb gemütlichen SBebürfntffe feiner ©emeinbe forgen. Unb 
je mehr er bie le^teren im 9luge hat um fo leichter wirb 
ihm bie ©orge für bie religiöfen. 

(££ gibt nicht leicht auf ©rben arbeitfamere SÖSiber» 
oölfer al§ bie SRebfrauen r-on $ange. Unb wenn ber 
$erbft fommt, befommen fle oom 2Bein, an beffen *ßflan* 
jung fte am meiften gearbeitet haben, in ber Siegel feinen 
ober nur oom geringften in§ £au§. $)er Sttann oerfauft unb 
mufc in ber Siegel f aft allen 2ßein oerf aufen, trinf t aber feine 
guten ©poppen im SQ3trth§hau§. 3$ §abe nun in jenem 
^reitrunf be§ 2Binjeroerein§ bafür geforgt, baft bie grauen 
menigften§ ein -SJcal im %at)x ben SBein tüchtig oerfuchen 
fönnen, an beffen ©eroinnung ftefo müheooüen^lntheil haben. 

Sttetn Nachfolger al§ Pfarrer hat ben frönen SBitt* 
gang uad; ber Capelle „abgerafft", wohl roeil e§ ihm gu 



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— 07 — 

weit nrnr. SMc SRebmänner aber, in it^rer 3Ttt gefdjeibter 
al§ il)r *ßaftor, haben jenen £runf beibehalten. — 

$)afj bei foldfjen fürftfidfjen *ßafftonen ba§ vom Söater 
ererbte fcfjöne ©tammgut be§ bringen ßonrab balb ber 
Sfteige suging, ift leicht erflärlid). 

2Bie anbere grotfc Sperren e§ in ö^nlid^er Sage machen, 
fo oerfaufte ber Shireb bie ©tammburg famtnt ben ©ütern, 
baute fid) ein fleineS £äu£<i)en unmittelbar am ©ee unb 
errichtete eine größere ©df)nap§brenneret für ®jport oon 
Sftrf d)en* unb £reftertoaffer. Nebenbei begann er einen 
fdjraungfjaf ten £anbel nad) ^onftanj, im ©ommer mit 
Sftrfdjen. unb im SBtnter mit ©djtoetnen unb Kälbern. 

„Noblesse oblige«, badete ber *prin$ unb nmrbe 
©ef)nap§brenner unb Kälber* unb ^riefen^änbter. Slber 
nadf) bem gleiten ©runbfatj ber üftobleffe mar ber #ureb 
auch freigebig mit feinem ©dfjnapä unb feinem Kälber* 
unb $trfd)engelb. 

. 2lm 9lbenb, toenn bie ftifdjer heimf ehrten vom müh* 
famen gang, bie ©egelfd&iffer Ianbcten ton ftürmifcher 
ga^rt unb bie Sftebmänner au§ ben Weinbergen famen 
oon ber falten 9lacf)herbft*S(rbeit „be§ ©d)lagen§" *) — 
ba festen fte beim ^rtnjen ftonrab ein, tranfen oon 
feinem ©d)nap§ unb ajjen oon feinem ©chtoartenmagen, 
ben er oon ^onftanj gebraut, aUe§ natürlich grati§. 

2)en Profit fetner Brennerei unb feine§ ©sporthan* 
bel§ braute ber neble *ßrinj gerne jum Dpfcr; aber 
ioenn'3 auch barüber ging, hotte er feine greube, anbere 
glücfüd) ju machen. 

. Unb an falten £erbft* unb 2öinter4Ibenben Sifd^er, 
(Schiffer unb Gebleute mit ©dfjnapl unb ©chtoartenmagen 



>) 2l&fie#en beS SRajenS tinfl* um öa3 JRebfelb. 



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— 68 - 

regaliren, tyeißt glüdttic^e 9ttenfdjen machen, weit glftcf* 
lieber , aI8 bie jenigen fmb, meldte in berfelben Qzit an 
rvvdliti) fürftlidjen Safein unb ©ofbäUcn ftd^ ergötjen. 

Unb in be$ ^ßrinjen ftonrab ,,©cl)napsl)ü3le" würbe 
in jenen Sagen weit mefjr 2Bi$ unb $umor loSgelaffen, 
als auf einem Smfcenb „Soireen" befferer 3Jtenfd>en, bie 
ftd) gegenfetttg falfdje Komplimente fagen, anlügen unb 
mit i^ren ©ebanten „SBerfterfenS" fpielen. 

(58 ejiftirte nodj, al§ id) nad) £ange fam, be§ 
^ringen ©djnap§f)äu§le, ba§ SRenbejüouS frierenber fjif^cr^ 
Schiffer unb Gebleute, roo fie ftd) wärmten innen unb 
außen unb bie Keine unb große SBelt befpradjen. 

®ie Heine 2BeIt ift bem edjten unb regten ^agnauer 
fein Keßer, ©o burftig er ift nadj harter Arbeit, ebenfo 
befcfyeiben ift er in ber Clualitöt be§ $runfe§. 2öenn er 
ein gaß „93ire*9Jtoft" im Keller Ijat, ift er baß aufrieben, 
ift biefer 9ttoft gar au§ ^öcttesSBire", ber beften ©orte am 
frfjroäbifc^en Stteer, fo ift fein »eftfcer unb fcrinfer ein 
glücfltd)er, ftoljer Sttann. 

$>aß einer bem anbern r-on feinem KeHer fpridjt, tum 
ber SDtoft*©orte, bie er trtnft, unb ben paar „Uimern* *) 
$Bi, bie er einget^an für feine barin beftefjt ba& 

©efpräd) über bie Heine 2Belt. 

£>ie große SBelt ift n>a§ über bem Steiler liegt, #au& 
unb $orf unb ©ee. $a roirb erjitylt, mer fd>on am 
meiften w 93anV 2 ) gemacht Ijat Innterm Dfen, wer am 
legten ©onntag einen „SHufd)" gehabt roer in ber 2Bod>e 
fein 2Bib gefdjlagen, roieoiel jeber auf SWartini bem $>o* 
mänenoermalter ober bem „Suben" %\x jaulen gehabt. 



«) Cirner = 40 SUer. •) gefd^lt^te Selben jum «n&lnben ber Beben; 
eine etu&enar&elt be« 9ie&marin* im 28i»i«r. 



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- 69 - 

3)aS aEe$ warb befproctyen in be§ *ßrinjen £onrai> 
(ödmapSfüdje; bie 3ftänner ttanfen baju bcn Äranntroein 
be$ grinsen, unb bic SBeHen be§ ©eeS, bic am £&u3d>en 
ftranbeten, fdjlugen ben £aft ba^u. 

9lber md)t blofc an SBtnterabenben mar be3 £onrab§ 
IBrenneret bcn gremben offen, fonbcrn audj an £erbft* 
unb SBintertagen. 2Benn er tn3 §interlanb ging auf ben 
„^ä^anbei" ober um „ eingemachte 4 ' Äirfdjen unb ^roetfef)* 
gen ju faufen für feine Brennerei, überlief er ben ®ame« 
taben feine 93ube * discretion. <5te brannten iljm ben 
€dmap3 unb tranfen baoon, fo oiel fte rooEteit unb 
tonnten. $)en SReft oerf aufte ber $rin3, unb mit bem ©elb 
bejahte er feinen iftttbürgero im 2öirtf)§fjau3 guten 2Bein. 

$>afj bei biefer fürftlidjen Liberalität, bie fd)on oiele 
<5d)löffer unb grofje Sanbgüter oerjefjrt Ijat, aud) beä 
^rinjen ftonrab ©dmap§ljäu3cf)en am <5ee nid^t bei feinem 
£erro bleiben fonnte, ift flar. 

©r mu&tc fdjliejjlid) aud) biefeS £äu§d)en oerf auf en 
unb jroar an ben bebeutenbften Wlann, melden $ange im 
neunzehnten Qatjrlmnbert neben „bem großen dübele" §eroor* 
gebraut hat, an ben Hofmaler Di @. 3tmmermann in 
3ttünd)en l ), ber eine SBiEa an feine ©teile fefcte, um bie 
©ommer feines 2Uter§ am ®ee feiner ftinbljeit $u oer* 
Dringen. 

©in £eim f anb ber $rinj äonrab in ebler 2lrt bei feinem 
©ruber, bem ^rinjen $anne, beffen $oljpalat$ gerabe 
gegenüber ftunb, unb ber tf)n gerne aufnahm, weil er 
wufjte, bafe fein Hgnate aEe§, roa§ er noch befa£ unb auf* 
braute, mit ihm teilen mürbe. 



*) Heber fdn «eben erf$ien 1884 ein 8u$: „«rinnerungen eine« alten 
ÜRaleri. Seinen Sö&nen erjäbjt von JR. 6. 3tmmermann." 



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— 70 — 

ffonrab roarf fid) mit bem SReft feine§ (Srlöfe§ um 
fo energifd&er auf bcn ©anbei mit ©dnneinen, Kälbern 
unb Äirfd&en; ein ©efdt)äft, ba§ er noef) jiemlic^ flott 
betrieb, afö icfj na<$ ©ange fam. 

©3 ift bie§ pfudjologifci) merfroürbig, ba| beibe 
springen mit Siebe ben $irfdf)enf)anbel betrieben. SBefannt 
ift, bafj bem ftaifer 2luguftu§ ein römifd^er Söafyrfager 
fagte, er ftamme oon einem SBäcfer ab, roeil ber SBclt* 
bel)errfd)er eine grofce Vorliebe für 93rob geigte. 3lefntltclj 
ging'S unferen jroei ^ringen; benn nrie mir fefyen roerben, 
Ijing mit fttrfcfien ifjr fürftltd&eS ©erfommen jufammen. 

Slber aud) ber ^ßrinj ßonrab oergafc, rote einft ber 
©anne, bei biefem feinem $irfcf)enf) anbei bie $tnber nidjt. 
Unb ba er ein noc§ oiel größerer ^inberfreunb roar, al§ 
btefer, oerfdjenfte er bie meiften „(Striefen* an bie kleinen, 
unb fo gefcfyaf) e§, baft au<$ biefer ©anbei feine 3 in f en 
trug. 5)aju fam noef), bafc er felbft oiel brauchte. 2Benu 
er mit einer Sabung Sftrfcfjen unb einigen Kälbern allein 
über ben (See gegonbelt roar, bie breiftünbige Söafferftrafje 
gen ftonftanj, fo fjatte ber ßureb felbftoerftänbltd) rte* 
ftgen Slppetit nadf) ©peife unb £ranf. • 

(Seine (Sinfefjr r)atte er, roie ade überfeeifcfjen ©Ziffer, 
im Samm $u ^onftanj. 9Jtef)r al§ einmal fjat ber er« 
fd&öpfte „(Sdjiffma* bei ber £ammroirtf)tn ein ©ffen für 
brei SJtann beftettt unb ber 2öirtl)in, bie mit bem ©eroiren 
roarten rooUte, bi§ „bie anbern aroei* filmen, erflart, er 
effe freute für brei. 

SBäfyrenb er aber fo mit bem t>öUigen üftiebergang 
fcine§ 23ermögen§ fämpfte, ging tf)tn ein neuer (Stern auf, 
©r rourbe, roie fcf)on erroäljnt, ©ofgonbolier beim ^ringen 
2Btlf)elm oon SBaben unb beffen ©emapn, bie in bem be* 
nacharten ©cJjlojj S?ircf)berg, bem einfügen ©ommerft^ ber 



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— 71 — 

klebte oon ©dem, jur 6ommer§* unb $erbftjeit ifyren 
Slufentljalt genommen Ratten. 

$)te ftattlidfje gigur be§ ^ßrinjen flonrab, fein ele* 
gantet Slnjug, fein iHuf als unerfdjrocfener (Seemann 
Ratten i§n empfohlen, unb feine ©utmütfn'gfeit, ©rabljett 
unb $reue iljn bei ben „©Odetten" mit ber Qzit beliebt 
gemalt. 

2U3 iljn nacfj ber erften *ßrobefaI)rt ber leutfelige 
*ßrtn$ fragte, ob er jefct eine fjlafd&e 93ier ober eine 
ftlafäe SÖBein moUe, antwortete ber Shireb: ^SBeibe Steile, 
^ofyeit!" 

©r tyatte pr (Sommerzeit al§ ©onbolier Ijofye unb 
I)örf)fte £errfd)aften jungen ber Snfel Hainau unb bem 
©djloffe ftirdE)berg l)in unb fjer ju führen. Unb mit ©tolj 
erjagte er immer roieber, einmal aud) ben rufftfdjen JSaifer 
auf feinem ©d&iff gehabt ju fjaben. 

2OT biefe £errf duften, felbft bic babifd)en, i)attm 
feine SUjnung baoon, bafj ber macfere, ftarfe Skrfenfübrer 
als ^ßrinj in feinem ©eebörfdjen umfyergefye unb fein 
SBruber £>anne gürft genannt roerbe, unb bafj ein Sßrin§ 
Sßrinaen unb ^ßrinjefftunen al§ Sftuberfrtedfjt biene. 

$atte er feinen ßafjn an einem ber ©cf)löffer 3Jlainau 
ober $ircf)berg gelanbet unb bie oornefjme $radf)t gelöfd£)t, 
fo banb ber ©angouer ^rinj feine $arfe an unb trug 
betreiben hinter ben £errfd)aften allerlei ®cpäcf bem 
6d)lof$ 8u. Unb mä^renb biefe im fürftlic^en ©aale 
binirten, fpeifte ber 93ruber be3 dürften $annc in bet 
$offüd)e. 

©o eine #offüdje ijt aber bekanntermaßen für Seute, 
bie gerne effen unb trinfen, fein leerer 2öaljn. $a ift 
ja ntdjt ©djmalljanS #üdf)enmeifter, fonbern Sßielbraudf), 
unb bie £offüdf)e auf ßirdfjberg mar be3 ^rinjen ftonrab 



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— 72 — 

<Scf)Iaraff enlanb , bcr !jier bie £Jleifd)töpfe bcr Samm» 
roirt^tn oergafc. 

SBeil er in bienftfreien (Stunben bi§roeiten aud) bcn 
ßütfjendjef, ben £au§f)ofmeifter unb beten Trabanten auf 
bem @ee gonbelte, mar ber ®ureb bei biefen Äüdjen* unb 
ßetter*$otentaten beliebt unb tonnte toeber aUeS effen 
nodj trinfen, mag if)m oorgeftettt nmrbe. 

©fjrlid) unb rebltd) trug er bann ben unoertilgbaren 
jfteft allabenblid) bem giften §anne &u, feinem §au§* 
f>etrn. (So afjen beibe ^ßrinjen roenigftenS bie fetten 93ro« 
famen oon fürftlidjen tafeln. 

$abello§ mar in ber £eit feines £ofbtenfte8 bie 
©ala*£rad)t be§ ^rinjen ftonrab. ©eine Quppe, feine 
cStumpfyofen nom fdjroäraeften (Sammet unb bie au§ge» 
fc^nittenen (Sd)uf)e mit ben fübernen (Sdjnatten glängten 
an (Sonntagen weiten, roenn er ba§ $)orf Ijerauffam ber 
ftirdje &u. 

3Bar bie #aute*<Saifon für unfern §ofgonbolter 
Dorüber, fo ftieg er befcf)etben nrieber $u feinem ßälber* 
fjanbel nieber unb beförberte großäugige S!uf)*$tnber unb 
borftige 3)tclfjäuter in bem gleichen (Sdn'ffe, ba§ ben 
©ommer über bie x>omeI)mften ber (SpecieS 3ttenfd) ge* 
tragen tyatte. 

gleite Xrinf gelber feiner fürten ^affagiere Ratten 
feinen Beutel gefüllt, unb e§ ging im $alai§ be§ dürften 
$anne unb in ben 2Birtf)§I)äufem einige Qdt W ¥ x * 
SDenn roenn ber 8onrab (Mb Ijatte, ließ er alle feine 
SUlitmenfctyen teilnehmen an feinen JJreuben, gerabe fo, 
toie e§ fein SBruber, ber 3=ürft, gemalt ^atte in befferen 
Sagen. 

ift befannt, baß bie meiften (Sterblichen ftdfc) etn>a§ 
barauf einbilben, mit oorneljmen beuten unb gar mit 



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— 73 — 

fürftlicfjen SJtenfdjen umgeben fönnen, uttb fid> fd&ameu 
armer unb proletarifdfjer SBerroanbten unb SBefannten. 

%xnnx mar e§ bem ^ßrtnjen ftonrab aucf) nict)t &u wer* 
Übeln, wenn er ftolg war auf bie®unft berftird&berger^err* 
fdjaft unb auf bie 93ornef)mf)eit feiner ©dfn'p^affagtere. 
Unb wenn tfpn feine 9Jhtbürger anbädjtig lauföten, 
er r»on ben oerfdjiebenen £ol>eiten erjagte, bie er auf bem 
€>ee f parieren gefahren, unb feinen fyofjen Umgang rühmten 
unb benetbeten, roarb er ftolj, unb in ber greube feine§ 
^erjenS lief} er ben legten S£l)aler fpringen. — 

@r fam aucf) bie erfte £eit nad) jeber £offaifon ntd&t 
au8 bet ©leganj IjerauS. $jn feinem neueften ^tnjug, einen 
ferneren, gefticften $abaf§beutel über bie redjte ^ruftfeite 
Ijerunterfjängenb, eine lange pfeife im Sftunb, ging er auf 
ben halber* unb Sufjanbel. 

Sttandjmal fa§ er im ©pätfyerbft am Slbenb in meiner 
(Stube unb erjagte broUtg oon feinen ©onbelfafjrten ober 
von feinen ^ärfdjen in§ £interlanb, wo er eingefauf t Ijatte. 

@in foldfjer SBieftfauf getyt am SBobenfee nie ofme 
einen tüchtigen £run! ab, ben ber 93erfäufer meift au§ 
bem eigenen Detter fpenbet, roäfjrenb ber ftaufer bem „2Bib" 
ober ber 5ttagb ein Srtnfgelb ju geben l)at. 

£ofgonbolier r)atte ber *ßrins ftonrab ©clb oer* 
bient unb roarbepalb in feiner (Stgenfdjaft al§ „®ul)änbler" 
ftet§ fplenbib beim Slauf, unb ber 93erfäufer beantwortete 
biefe Sftobleffe mit einem um fo tüchtigeren £runf. 

9lber be$ ^ßrinjen ©elb unb feine ©efunbfjett gingen fo 
in ©runbe. ©eine SRiefenfiärfe gerfiel rafd), weil er ir)r um 
fo tneljr $umutljete, je meljr fte &u roanfen begann. <Sv 
tonnte eS md&t glauben, bafj ein fo ftarfer Sttenfdf), roie 
er, umzubringen märe. 

SBon feiner legten Kraftprobe war id) felber unfrei* 



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— 74 — 

tmtltget Beuge. ©§ war im SSorfommer be§ Jahres 1872. 
(Sin prächtiger 3uni*£ag ging über ben ©ee. «3$ f tun *> 
am SRac^mittag t-or meinem *ßfarrhäu§chen unb flaute 
über ba§ glänjenbe SGBaffer fyn. 

$>a tarn ber ^rinj &onrab ba§ Unterborf hetauf unb 
rief mir r-on weitem ju: „2Ba§ monet ©e 1 ), ©err Pfarrer, 
hüt fönnt ma a fiuftparthie uf'm ©ee mache?" 3$ fölug 
eine Jährt nach $riebrich§hafen t)or, unb eine halbe ©tunbe 
fpäter glitt unfer ©chiff über bie ebene Jluth hin, von brei 
Ruberem mit -JJtacht oorroärt§ getrieben. 3lm ©eeufer 
hatte ber ßureb noch jroei Kollegen für bie SRuberbanf 
aefunben — ben Machbar be§ Jürften ©anne, ben Hüntel, 
einen altbewährten ©eemann, unb ben „$uni Uifer" 2 ), 
einen Jif d)er erfter©üte, ben fpäteren „93urge*9Jtoaftet 4 \ 

2lufmärt§ jum „©äffe", wie bie mürttembergifche 
©eeftabt Jriebrich^hafw von ben babifchen ©eebewohnern 
genannt nrirb, ging'3 flott. Srotjbem bie ©ntferoung ju 
fianb brei Söegftunben beträgt, legten mir fchon nach l m ^ s 
ftünbiger Jährt oberhalb be§ ©chloffeS, ber ©ommerteflbena 
be§ ^önig§, an. 

©ben mar „ba§ fturhauS" in JriebrtdhShafen eröffnet 
worben, unb borthin nahm ich nieine ©onboliere mit. 
$enn wenn ich m tt einem meiner ©angouer eine $our 
machte, lebten mir im 2öirth§h°u § &1 pari» unb wo ich 
hinöing, nahm ich auch weine (Seeleute mit. 

3m #urhau3*©aal war „bie grofje 2öelt* »om ©äffe 
oerfammelt &u einem ^onjert. Unb bie große 2Belt com 
©äffe war bamal§ groß. $)ie „©aifon" ^atte begonnen, 
unb e§ waren manche Stuttgarter ba, beffere SBürger, 33e* 
amte unb fold)e Seute, benen ber 5lthem ausgeht, wenn 



l ) meinen Sie. *) 2lnton Sllnfer. 



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— 75 — 

bcr £of bie Steftbena oerläfjt, unb bic fce&t)aib bcm §of 
nachreifen, in griebrtcpfyafen bie ftur gebrauchen unb 
gefunb Bleiben, roenn fte nur jeben $ag, einen £>offaoalier 
ober einen ftammerbiener ober fauto de mieux — ein 
<ßferb oom föntgltdjen ©ejtüt fefjen. 

Qu btefen Äurgäften gefeilten fid) nod) bie beften 
ber befferen „£äffler", ooran mein Jreunb „föubolf", 
bamal§ ber fdjönfte, gcfucrjtcftc, aber aud) neroöfefte junge 
3Jlann oom £>affe. 

©in ©arbelieutenant ^ätte fein ljalbe§ Vermögen ge* 
geben um 9tubolf§ frönen, fcfjtoaraen 33art, unb ein Reiben* 
Bariton bie ©rgebniffe einer Sängerreife burcf) Slmerifa 
um SftubolfS (Stimme, unb bie fcpnfte Sdjroäbtn bie trotte 
il)re§ $önig§ um IRubolfä $erj. 9lber ntd)t§ mar bem 
SRubolf feil al§ fein gucfer, fein Kaffee, feine (£tgarrcn 
unb fein *ßrima ©mment^aler SdjroeisertcB , unb biefc 
ßolontal* unb Sllpemoaaren oerfaufte er ntc^t einmal felbft, 
fonbern burd) feine 9?icf)te, bie unermübltdje 9lngeltfa. 

@r felbft roibmete feine freie Qzit bem Sluffdjnmug 
be§ heimatlichen fturortS burd) ©ebung be§ gefeHfd)aft= 
liefen £eben§. 9lud) be3 heutigen ^onjerteS Seele mar 
ber SKubolf, unb aB fte ihn fingen Nörten, meine #an* 
gouer, wollten fte gar nicht mehr fort, Selbft meine brei 
roetterharten Seeleute mürben meid) unb elegtfd), als ber 
Wubolf ba8 Sieb feine'S fang: 

Stt) fjabe geliebt man et)' fdjihteä Äinb 
Unb tnandjen guten ©efeUen. 
2Bo finb fie jjin? 

(So hatte e3 ber IRubolf uns angetan mit feinem 
Singen, bafj e§ nachts &efm Uhr mar, al§ mir mer $)orf* 
bemohner bie glängenben Säle im ÄurhauS oerliefjen unb 
auf ßonrabs ©onbel in ben See ftadjen. 



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— 76 — 

„%a Kütten, von SBregenj §er, fommt ein SBetter," 
fpradf) bcr feefunbige Äfinjcl. Unb als id) umfdjaute, 
gucften fdjon bic SBlitje fem oom *ßfänblerberge f>er. S)ie 
See würbe unruhig, bte SBeUen singen Ijöljer unb f)ö!jer. 

„$>e§ Sßetter fummt mir grab tWfc 1 )/' weinte ber 
^Prinj Äonrab, „jefct fönnet tner go mit bem Dftroinb 
fägle." Sprad^, Ijob Segeltudf) unb Stange au3 ber 
^icfc be§ 6$tff8 unb fteHte mit ftarfer £anb, bem 2Binb 
3um %xo%, ben Sftaftbaum im £er&en ber SBarfe auf. 

$>er Dftroinb Ijatte fidf) be§ sßrinjen ©inlabung md)t 
jroeimat fagen laffen. (Sr fufyr mit feinem gangen, orien* 
taltfdjen fjeuer in ba§ Segeltud), unb ba8 Sdjiff fd&oß 
über bie SBeUen Inn, al§ ob mir auf einem im ©alopp 
bafyinfaufenben ^ßferbc fäßen. 

2lber fcfyon bonnerte e§ aud& gewaltig hinter un§ brein. 

Stteine SBootSmänner roottten, tote üblich, tiefer in bie 
See fahren, toeil e3 t>tcl fixerer ift, bei einem Sturme 
roeit oom Sanb roeg &u fein. oerInnberte biefe roeife 
Maßregel burcf) meine gurdfjt oor 9laä)t, SöeUen unb 
Ungeroitter unb bat ben $rut$en, ber am Segel faß, bem 
fiaube auftreiben, ba id) lieber %vl ftu§ fjeimtefjren, al§ 
einem nädfjtlid&en Sturm auf Ijo^er See mid) anvertrauen 
wollte. 

Äaum §atte aber bei ber SeitroärtSbreljung be3 
Sdn'ffeS ber 2Binb ba§ Segel erfaßt, als er mit folrfjer 
©eroalt unter "Donner unb SBlifc loSbrad), baß ber Kapitän 
$ureb Sflaftbaum unb Segel nieberlegen mußte, fonft fjätte 
ber Sturm unfer Scfjifflein umgelegt. 

$>ie Ruberer legten ein unb fugten bem Sanbe juju» 
treiben. 2lber je näljer mir bemfelben (amen, um fo fräftiger 



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— 77 — 

festen bic 903ellen, eben oom ©türm an§ Ufer gepeitf^t # 
jurücf unb warfen un§ nrieber ber See ju. 

Qmmer roiebex müßten bie brei ftarfen Männer ftch 
ab, ben Anprall ber burdj bie ^Berührung mit bem Ufer* 
boben geftärftenSBogen ju übernrinben. (S§ mar, fo nahe mir 
auch bemßanb waren, unmöglich, an baSfelbe hinkommen. 

%a fprang ber ^ßrinj, beS vergeblichen $ampf e§ mübe, 
füfnt über SBorb unb hinein in bie bunt le fyiuttj. „ftünael, 
fumm," rief er au3 bem SBaffer, „t ha 93oba V $>cr 
Dingel f prang nach, unb mit SRtefenfraften sogen bie jtoei 
unferen ßahn burd) bie fchäumenben, tobenben SBeHen bem 
Sanbe ju. 

%\z SBlitje leuchteten, ber Bonner roßte bumpf über 
unferen Häuptern, unb ber SRegen ergofc ftch in (Strömen 
über bie oter Mannen, bie bei „SJcanjell" (SeHa 9Jlagni) 
über§ 5 el0 htnftolperten ber Sanbftra&e $u, um &u gug 
heimkehren. 

aller Jrühe mar ber ^ßrinj roteber ben 2öeg in* 
rücf gelaufen, um fein Schiff &u holen, ehe (Stranbläufer 
e§ al§ l)errenIofc$ ©ut betrachtet hätten. 

9118 ich nm ac §t Uhr 8 ur ffitche ging unb über ben 
See ffinfäcwU, fah ich ben roacfern Äureb fchon oom 
„ftippenhorn" h^fegeln in ber 9Rorgenfonne. 

t£» mar feine Ietjte ftürmifche Jährt geroefen. @tn 
alte§, fdt)were§ agenübel machte ihn im fommenben 
(Sommer fchon fo fraftloS, bafj er feinen $ofbienft nicht 
mehr aufnehmen fonnte. 2ln feiner ©teile ruberte ein 
anberer mit ben Roheiten ben (See auf unb ab, roa§ ihm 
roehe t^at. <£r fchleppte ftch oft noch hinauf jum ©d)lo&, 
fonnte ftch * m £°f un *> ptäfentirte ftd) ben #errf duften, 



") 3<$ ba&e ©oben, 2rnb unter b«n güBen. 



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78 — 

wenn fic vom ©ee ^crauffamcn. ©ie liegen ifim bann 
au§ ber £offüd)e ©tärfung retten. $od) umfonft. £)ie 
Ärfffte be§ Sßrinjen fanfen mehr imb mehr. Unter ©d^merjen 
verlebte er noch, elenb burch§ S)orf roanfenb, ben £erbft 
unb ben Sötnter. 3113 e§ grühling rourbe über ben ©ee 
|itt/ ba ging's* mit ihm ans Sterben. 

war ein frtfd)er SJcärjentag be§ Jahres 1873. 
9lm borgen Ratten mich bie ftoljen Wappen be§ SBiriheS 
von Simbad), bes entlegenften $8ergbörfd)ens im Singgau, 
abgeholt, bamit td) bem franfen SBirtf) leibliche Teilung 
brächte. Stent! id) trieb bamal§ in meinem $)orfe unb in 
ber Umgegenb ba§ ©eroerbe eines 9^aturarjte§ unb feilte 
mit Söaffer nach *ßrief$ni^£ahn'fcher 9lrt. SBicfelungen, 
©i^bäber, §albbäber fennen bie ©angouer heut' nod) unb 
feit breiig fahren von mir. Unb manch einer tarn auch 
aus ben umliegenben Dörfern, ber von meiner „Söaffer* 
für* gehört hatte. 

©pät am Hbenb mar idf) {)eimgefommen. $>enn ber 
Pfarrer oon Stmbad), ber oereinfamfteu einer / mar ein 
©tubiengenoffe, ben id) feit fahren nicht gefefjen, unb bie 
5lusficht üon biefem $8ergbörfd)en unb feinem ^farrhäuSchen 
über ©ee unb 2llpen unb ©djroabenlanb unb SIHgäu ift 
fo eingig fchön, bafc id) gerne länger blieb, als meine 
ärztliche ®onfultation es erforberte. 

2U§ id) ^eimfam, h^f* es, ber ^ßring $onrab fei am 
©terben. Qdj eilte $u ihm. 2Bie ein fteinerneB Üiittcr* 
bilb auf einem alten ©arfophag in einer £>omftr$e mit 
aufgehobenen #änben lag ber ©terbenbe ba — aud) im 
©terben nod) ein fdjöner, gewaltiger Sftenfd). 

^inblidt) fromm ©errichtete er feine 93eid)te unb empftng 
bie heilige SBegjehrung, ftiU, gefaxt, muthig, groß im 
9lngefichte bes £obc§. 



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— 79 — 

„5ftir if bo numm l ) j^etfc, §err Pfarrer, un gof)t 
mit am befte, roenn t fterb" — meinte er jum Slbfchieb. 

Unb er ftarb in ber gleichen «Radfrt. 3lm 29. Sflära 
1873 ^aben wir ben fchönften unb ftärfften 9Jtann im 
$orf, erft 38 Qahre alt, hinaufgetragen auf ben ftirdj* 
hof, Don bem au§ bie Sebenben einen fo rounberbaren 
SBlicf genießen auf ben (See, über beffen Söaffern ber tobte 
^ßrtna fo manchen £ag »erlebt fjatte. 

Unb als mir oom Kirchhof heimgingen, fprad) mein 
alter ©acriftan: „£)er ^ßrinj ßureb ifdj ber ftärfft' 3Jla 
gft, aber ber $ob ^et en bo jrounge/ 



2ßo bringen fmb, muf* ein gürft*93ater juoor geroefen 
fein. ©o Ratten auch bie ^ßrinjen £anne unb ßureb einen 
Sßater, ber JJürft genannt roarb unb fo bie Sitel gürft unb 
$rinj oererbte auf feine ©ohne, ©r hiefc „©epper*$uni" 2 ), 
trug alfo, roie'S fürftlicher brauch ift, mehr aB einen 
tarnen unb baju ben @hten*$ftamen JJürft. 

(Sr mar ein luftiger, ftarfer unb grofjer 9ftann, be* 
roohnte aber in feinen jüngeren Sauren unb fo lange bie 
qlte fjürftin ihm nicht ba§ Calais unb bie ©ütcr über* 
geben hatte, eine alte Lehmhütte unter bem „SBurgftatt". 

£)a er wenig fein eigen nannte, nahm er oon ben 
[Reben, welche bem ©eiligen, b. i ber Sßfarrftrche, ge* 
hörten, „in 23au". $ie Bauleute ber Kirche hatten aber 
auger ber Pflege ber fird^lichen SRebgärten noch einige 
ßirdfjenbienfte gu oerfehen. ©ie fimgirten al§ Jahnen* 
unb ßreuaträger bei ^ßrojeffionen unb Seerbigungen ober 
aB £obtengräber unb Söalgtreter. 

$te ©eeberoohner Raiten von jeher eine Vorliebe 

*) bo$ nimmer. •) Sofef Slnton. 



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— 80 - 

für *ßroaefftonen unb Sittgänge, unb bie gütigen ©an* 
gouer ^aben bicfc Vorliebe, bie immerhin auch noch ein 
<5tücf aSoltspoefic in fid) fd)ltef$t, energifd) beibehalten. 

3fc§ halte auf fir<^licfye ^rojefftonen in ©täbten, wo 
me^r 3ufd) auer al§ £h c ü nc hme* ftd) etnfinben, gar wenig 
t>om ftreng religiöfen ©tanbpunft au§. (Sie fmb höchftenS 
ba§, n>a§ ber ^ranjofe „une manifestation catholique« 
nennt. 2lber wenn eine ganje ©emeinbe betenb in *ßro* 
geffton geht unb bieä gar noch am Ufer eines großen 
6ee§ Inn, in welchen bie fcf)önften Serge ®otte§ hinein 
fdjauen, ba§ ift 3lnbacht unb ^ßoefte. Unb bie otelen 
Sittgänge, bie ich t« ton fünfzehn fahren meiner Seelforge 
am See mitmachte unb einführt*/ 1>abm ein unoergäng* 
Uche§ Stlb in mir jurücfgelaffen. 

9lber bie alten ©agnauer hatten nicht blofc (See unb 
3llpen bei ihren ^ßrojefftonen als äußere Staffage, fonbern 
auch einen dürften aB Fahnenträger. 

<Sepper*£uni, ber f ürftltche Sttebmann ber Kirche (Sanft 
Johannes be§ Käufers ^u ©ange am See, trug bie rothe 
3ahne mit bem Silbe be§ heiligen Sebaftian, be§ nächft 
bem Patron ber Kirche gefeiertften ©eiligen be§ $)orfe§. 

£)ie rothe ^ahne eröffnet in ©ange jeroeilS bie 
^Projeffion. %l)x folgt bie männliche 3ugenb oom Schul* 
buben an. 

ber Jürft mit fetner %afynz t>or bem £h°r 
ber Kirche brausen, hinter ihm bie Schaar ber ftnaben, 
al§ er mit lauter Stimme rief: „Suabe, Sftul uff! betet 
au: Sater unfer, ber bu bift" u. f. n>. 

Sßottten bie fleinen SHacfer im Serlauf be§ SittgangeS 
im Seten nachäffen, fo rief ber gürft mit einem liefen* 
Senor immer roieber : „Suabe, '3 9ttul uff! betet au : ©eilige 
2Jtarta, 3Hutter ©otte§" u. f. xo. 



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— 81 — 

2Beil er oon ber ßirdje fooiel Sieben in 95au Über- 
nommen fyatte, als fonjt jroei Stebmänner bauten, f)atte 
aber ber ©epper»$uni nodj einen groetten Shrdjenbienft 
— er mar SBalgtreter auf ber £)rgel unb Slbjutant be3 
,©d)ulmeifter§\ 

®o ein Salgtreter in einer djrtftlic^enßirdje ijt eigent* 
lief) ba§ einzige menfdjltdje Söefen beim ©otteSbienft, ba3 
nidf)t im ©tanbe ift, ba8 ju tfjun, roaS man babei tljun foU. 

2Bäf)renb bie einen beten, bie anbem fingen, ber 
Organift in feinen Eimen ©ott lobt — muß ber Saig* 
treter aufpaffen, roie ein §äftlemadjer, unb im ©d)toeif$ 
feines 2lngefid)t§ feine Xxet^öl^er ber ©rbe guftampfen, 
roäfjrenb anbere ifjre Seele pm Gimmel ergeben. 

©r ift aber audf) ber einzige in ber £ird)e, bem man 
e§ nid)t oerübeln farn, bag er nid)t betet. SBafjrenb ber 
^rebigt fdpft er in ber ftegel, fo ba&, roenn'S flirdjen* 
jaf)r vorüber ift, ber Sftann, melier am regelmäjjtgften 
in ber Sftrcfie mar, nie gebetet f)at. 

©§ gehört fd)on ein ©ente uon einem ßalfanten ba* 
in, roenn er etroaS erftnbet, um feine profatfcfje gutrftion 
§u einer gottroo^Igefälligen ju machen. Unb biefe ©r* 
ftnbung J>at ©epper*$uni, ber erfte fjürft oon §ange, 
gemalt, ©r fjalf nämlicf) bem ©cfjulmetfter fmgen. 

93ei $rauergotte§bienften fangen ber ©epper*$uni unb 
ber ßeljrer, alfo Söalgtreter unb Drganift, jufammen. $)ie 
©timme be§ gü r f* en gab aber fo au§, baj? e§ für jetyn Sflann 
gelangt Ijätte; brum, nad^bem ber ©epper*$um einmal 
fapitelfeft mar im ©ingen, liefj ber Sefjrer üjn allein fingen. 

©o fang in ben jroangiger unb breiiger 3af)ren 
ber Syfoft'Sklgtreter alle ©eelenämter allein, unb er fang 
fte fürftlicf). 9Iud£) nadjbem er regierenber „$ürft" ge* 
roorben mar, im ^afyre 1826, behielt er ben Salgtreter* 

^onSjafob, 6<$nee&allen. »ritte SRei$e. £ 



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• 



— 82 ~ 

bicnft Bei — um be§ ©ingen§ rotHen; geroifc ein bemü* 
tf)iger unb befdfjeibener %üx\L 

9Iber fonft rourbe bet ©epper*£um grofc, al§ er in§ 
$alcu§ ber ^ürftin eingebogen roar. $)te Dieben, bie er 
ef)ebem aU Sagtityner bearbeitet f)atte, unb roeldt)c bie Sftrdje 
fpäter oerfaufte, erroarb er felbft, ftols, eigener #err gu 
{ein, ba roo er ftnecfjt geroefen. 

(Sr machte al§balb nadE) bem eintritt be§ dürften* 
tf)um§ ein großes £au§, roa8 in £ange unb ber Um« 
gegenb fooiel bebeutet, als er fjatte oiel 2öein im Äeüer 
unb Iub feine guten greunbe boju ein. 

(£3 gab ^aljre, ba ber ©epper*$um au§ feinen 
[Reben 2—300 ©eftolüer 2Betn „machte", unb baoon 
nafym er feinen fleinen Sfjeil Ijeim unb l)telt £of. 

©eine $rau, obroofjl au§ einem ©d&lofc ftammenb 
— - tfyr SBater mar #lofter=SHebmann auf ©df)lofj fttrdj* 
berg geroefen — befam fo wenig al§ fpäter i^re ©oljn§* 
3*au, be§ <3)äfd)ler3 9länni, ben tarnen Jürftin. ©ie 
\)\t%, roie uon Sttnbfjeit cm, be§ „$aHer§ SBern^arbe* unb 
roar bie ftittfte unb bräofte $rau im S)orf. 

©ie fdfnmeg, wenn ber JJürft oft bi§ nadE) bitter« 
nadjt ober in ben fommenben 3ttorgen hinein £of fjtelt, 
b. i mit feinen ftreunben tranf unb fd)Iief unb bann 
roieber tranf unb roieber fc^Iief. 

SBätjrenb biefeS £rtnfen§ am 9lbenb fa§ hinten auf 
ber Dfenbanf ein alter, jitternber Sttann, fjungrig unb 
burftig. roar ®onrab, be§ dürften Sßater, gegen 
reellen ber ©ol)n fo tyart roar, al§ ob er nid)t fein Sßater 
roäre. 2)ie ^ed^ßameraben be§ dürften brauten bem 
©reifen regelmäßig einige ©läfer 203ein hinter ben Ofen 
mit bem SBemerfen: „£)er ©rofjoater muf$ audf) ein 
©djöpple baben, roenn roir im Uebermut^e trinfen/ 



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— 83 — 

£)a§ war ein unfdjöner 3 U 0 ®eppet*£uni% bet 
fonft bem 2Baf)lfprudj f)ulbigte: „SBeten unb arbeiten unb 
trinfen, unb trinfett unb arbeiten unb beten*, bajj er 
feinem frommen SBater, ber täglich $ur Äirdfje ging, nid&tS 
$u trinfen gab. 

2113 feine $rau franf mürbe unb in tljrer ftranffjett 
öfters bie 93efud)e beS Pfarrers erhielt, fam ber ftürft, 
nadjbem ber (Beelforger einige 3ett am SBette ber fieibenben 
oerroeitt Iwtte, in bie Cammer unb fpraef) : „£err Pfarrer, 
je£ ifd) roieber genug getröftet, jefc roolle mir einS trinfe.* 
$>ann führte er ben *Pfarrf)errn in feine ©tube, unb beibe 
tranfen. Unb ber alte ^ßfarrfjerr r-on bamalS, gtnf, mar 
ein ftarfer, „trtnfbarer* Sölann, ber nad) alter Sttitterart 
bem pumpen jufpraci), eine @igenfd)aft, bie tym feine 
Popularität nidjt oerringerte, fonbem vergrößerte; benn 
trinfen f önnen gilt in £ange nie als eine ©dmnbe, fonbem 
al§ eine @^re. SKur barf ber *ßfarrf)err audf) nid)t geigen 
mit feinem 2Bi auS bem „^farrgärtle unb auS bem <5tröle\ 

SBernljarbe, bie fdjroeigenbe, ftarb, unb ber JJürft 
Ijeiratfyete eine <StoaS*£od)ter auS £ange, bienidjtfdjroeigen 
fonnte. 

©o oft ber fttirft £of Ijtelt ober, nad)tS mit feinen 
5?amerabenauSbem©trt^auSfommenb, nodf) etnS trinfen 
wollte, madjte fte ©peftatel. S)aS empörte ben ©epper* 
%nnx, unb er fdjlug bann juerft fein 2Beib auS bem 
<Bdjlo% baS fie in jener 9^acf)t nid)t me^r betreten burfte, 
unb bann ging er in feines ÄeHerS ©rünbe unb tranf 
mit feinen Mitbürgern bis jum gellen 3Jlorgen. 

9lber roenn er aud) noef) fo lange #of gehalten §atte, 
in aller grül>e mar er mieber bei ber Slrbeit unb §ielt 
$au3 unb ©ut.in befter Orbnung. 

©iSmeilen reute eS iljn, wenn bie §off)altung $u oiel 

6* 



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r ~_ 84 — 

Sein fonfumirt Ijatte, unb bann lie& et 2Betb unb 8xn* 
ber faftcn unb gab üjnen rood&enlang feinen tropfen au§ 
feinem fteller, um ba§ ftefott roteber auSaugletdjen. ©r 
felber aber tranf in altgewohnter SBeife. 

(S§ fotl au^ bei anberen dürften fdjon uorgefommen 
fein, bajj fte e§ ftd& an nichts festen liefcen, roäfjrenb bie 
Untertanen barbten unb fafteten. 

Sein 2Beib, ba§ fo oft i(?m ben SBurgfrieben geftört, 
fegnete balb ba§ Qtttüäp, unb ber alternbe ftürft naf)m 
eine dritte, aud) eine S)orffcf)öne, bie aber mehrere Qafire 
in Strasburg gebtent unb etroaS £eben§art hatte, ©ie 
fanb ftdE) begfjalb mit ber (Sttquette am £ofe balb gured&t. 

£)a§ erfte 2Beib hatte gefdjrotegen unb gebulbet, 
roenn ber ©hegemahl feine ©elage hielt, baS aroette ge* 
fdhimpft unb bafür trüget geerntet bie dritte Iöfte ben 
Sfrxoten am einfachften, fic — tranf tapfer mit. Qa fie 
tranf auch, roenn ber gürft nidt)t tranf. SBenn er in 
ben SKeben arbeitete unb fte in ber 2Bafdjfüche fyanüxtt, 
tranf fte eine ßanne um bie anbere. SHktnfröhlich ging 
. fte bann bem dürften entgegen, roenn er heimfehrte, f ochte 
ihm ein gutes 9Kittageffen, unb ber Sitte mar feinet 
SBetbeS bafc aufrieben. 

Stteinen Seferinnen aber gebe td) jefct auf, ba§ 
ftctthfel att löfen, roelche t>on ben brei „gürftinnen" bie 
ftügfte roar. ©3 bürfte nicht leidet fein, biefe ftrage gu 
entfchetben; benn roenn grauen fur$ befonnen für bie 
erfte ftd) entf Reiben rootlten, oergeffen fie, bafc 6chroeigen 
bie fchroerfte Xugenb thre§ ©efchlechte§ tft unb ein roafjre§ 
■ättarttjrium für ein „3Biberoolf". — 

(Srft ju Anfang ber fe^iger Qahre haben fie in 
£>ange bem alten $8algtreter, bem langjährigen (Solofänger, 
bem luftigen dürften ©epper^uni bteSobtemneffegefungen. 



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— 85 — 

Sßrina £anne würbe uom $age an %ux% $>e§ 9Uten 
t lugeS britte§ SBeib aber, bie Butter bc§ sßrinjen ftonrab, 
bcr im *ßalai§ unb in ben ©ütern fuccebirte, traut mit 
tf)rem £iebltng§folme nod) weiter bis sunt (Snbe be§ 
genannten QafjrjeljntS. 



Unb nun jur Söfung ber ganjen ^wtften^errltc^fett, 
von ber mir f eitler erjäljlt baben. 3Btr fyaben bi§ jetjt 
<ßrtnjen unb einen dürften, aber feine gürftin. 93ct ttjr 
erft pnben mir ben Sdpffel jutn dürften unb ju ben 
^Prinjen. Unb nun pafT auf, lieber £efer, bu mufct 
amif^en meinen geilen lefen fönnen bei bem, roa§ jetjt 
fommt, benn fcfyon ber SBeife im Gilten Seftamente fpridjt: 
# <£§ ift beffer bie ©efyetmniffe ©otteS &u offenbaren, al§ 
bie ber dürften", unb befjfjalb mufc icf) fubtil unb &n>ei* 
beutig reben, n>a§ id) fonft ntdjt (ann unb noef) weniger mag. 

Sßor metyr benn Imnbert Qa^ren lebte in einem fcf)ö* 
nen ©dtfoffe unfern oom fdjroäbifd&en Speere ein lebend 
frofyer Sürft, frau* unb finberloS. ©r lu'elt alle Sage 
eckten fjürften^of. SBaronen, ©rafen unb SKUter gingen in 
feinem <5d)lofj au§ unb ein, unb jaftfreidje ßaoaltere bil* 
beten in ben »erföiebenften §ofdf)argen feine Umgebung. 

SBet gutem Söetter fu^r ber prft, ein ferner 3Jlann, 
•beffen Vortrat icf) bejtfce, in einer ferneren, golboerjterten 
tfaroffe fpajieren unb trug babei in ber Sfteget einen 
rotten feibenen ftxad, roetfie, feibene ftnieljofen unb ftlber» 
$län&enbe ©cf)nallenfdmf>e unb, mie e§ bamalä 2Jtobe mar, 
eine grofje $erücte auf bem #opf. 

2lud) bie umroo^nenben Sanbleute, jum £f)eil feine 
Untertanen, jum Sljetl feine SRebbauero unb *ßäc§ter, *er* 
festen im Schlöffe. ®ie brachten ©ier, Butter, Kälber, 
<£d)weine, Sein unb Dbft für ftüdje unb ffeUer ober fte 



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wollten bem ftürften bitten xrortragen obet jum Samens- 
tag unb 9foujaf)t gratultren, wie e3 an fürftli^en Sfteft* 
ben^en übtitf) ift. 

Unter ben Sanbleuten nun, welche ber #offficf)e 
wegen im ©cfjlofj au3* unb eingingen, befanb ftd) gut 
©ommer^eit audf) ein 3Jl&b(^en t>on §ange. @§ brachte 
in ber SHegel bie erften fttrföen in bie £offudje. 

2Bir rotffen bereits, bafc #ange bie beften ftirfd&en 
ringS um ben SBobenfee probujirt unb bafür von altert 
§er fo befannt mar, rote Ijeute nodfj. 

S)a§ SJtäbdjen $ief$ SImmrei 1 )/ roar btlbfd&ön, Ijatte 
SBangen, fo rotfy roie bie ftrüljftrfdjen, unb Slugen, fo 
glänjenb rote bie ©pätfirfdjen, bie fie in tyrem ßorbe auf 
bem ßopfe trug. 

£)xe ©ofbtener, #ödE>e unb $ücf)enmetfter, bie ber 
frönen $irfcf)enträgerin um bie SBette ben $of matten, 
fertigte fte in gutem, fcfjneibigem ©angouer S)eutfc§ ab. 

2lber roenn fte mit ifjrem ftörbdfjen über ben <5d)lofc 
J)of fd&rttt, faf) fte eben audj ein ober ber anbere ©aoa* 
lier unb flammerljerr. 2lud) ber ftürft fal) fte, roenn er 
bei iljrer 9Inftmft eben au§* ober tyeimfufjr. Unb als 
nun bie leeren unb f)ödf)ften $errfc§af ten ftd) um ba3 
fc^öne Slmmretle interefftrten, tonnte fte biefe Herren 
ntd&t fo abfertigen, roie bie äöd)e, ßutfdi)er unb Safaten. 

©3 Ijetfit fonft im Spridjroort, mit großen £erren 
fei ntdjt gut ftirfd&en effen, aber bie fd)öne Slmmret mug 
baS bod) fertig gebraut fyaben; benn halb roar fie am 
£ofe fefjr bzlkbt. 

SDBic ba§ fam, weif* iä) ntd&t ©8 ift fdron gar 
lange Ijer; fte felber fjat eS niemanben in #ange erjagt 



*) änna SKario. 



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— 87 — 

unb fytnterlaffen, unb unfercincr bfirfte e§ aud) md)t ex* 
lafyUn, fclbft roenn et e§ nm&te. 

gtem, ba§ 9lmmreile nmrbe fo beliebt bei £of unb 
feine ©efeUfdjaft fo gerne gefefjen, bafj e§ oft wochenlang 
brin blieb, nrie man faßte, aB — 2öeifoeugbefd)Uefjerin. 
$)ie üflenfdjen ftnb in folgen fingen immer ein wenig 
bo§l)aft gewefen, unb baju fjatte ba§ 9lmmreile ftdjer aud) 
com SKetb &u leiben. @o fam e§, bafs, wenn e§ nadt) 
2Bocf>en wieber im $eimatf)§borfe auftauchte, bie 2Betb§* 
leute hinter ben ©pmnräbern, an ben 9Ö3afdj§übern unb 
an ben SBrunnentrögen, unb bie 9ttann§leute in ben Sfte* 
ben, am ^Brennt effel unb in ben Worfeln ftdnupfterten : 
,$ie gürftin ift and) wieber ba." 

©o trug ba§ $irfcf)enmäbd)en biefen ftoljen tarnen 
jahrelang im ftiHen. 91B aber ber JJürft geftorben unb 
fein gan&e§ gürftenttjum im Sturme ber napoleonif djeu 
Kriege untergegangen mar, ba gab man bem Slmmreile 
offen unb laut ben Eitel ber fjürftin. 

(5& faufte fxd) ein fd)öne§, geräumige^ £au§, richtete 
e§ befdjeiben, aber wofjnlid) ein, legte com unb hinten 
an i^rem £oljpalai§ tleine Dbftgärten an unb fnitete im 
©ommer unb im §erbft ängftlicf) feine $trfd)en unb Slepfel 
oor ben (leinen S3uben. 

$)a§ 5lmmreile fjatte eine ©djwefter, bie an einen 
armen SRebmann, ftonrab 2öegi§, oerfjeiratfjet mar, an 
benfelben, ben mir al§ ©reifen Ijinter bem Dfen be§ 
dürften <3epper*Xuni fanben. 3)er ©epper*$uni aber 
fjielt ftdE), grofc geworben, oorab an bie „33a§" 3lmmret 
oulgo bie 3?ütftin, ^ er cr ö ^ e§ Ö^lt. $>iefe gab if)m 
nod) bei ßebjeiten il>r ^ßalail unb ifjre SHebgüter um 
billigen $rct§ unb fefcte feine ©öfjne £anne unb ^onrab 



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— 83 — 

$u ©rben iljre§ Baoren <Mbe§ ein. gftr ftdj behielt fte 
nur eine 2öof)nung unb bic Dbjtgärten. 

911* fte ftarb, Ijiefc e§ im $>orfe: „$te prftin ift 
geftorben" — unb von ©tunb* an roarb bet ©epper=$uni 
bet gürft genannt. 

©o fam eine 9tebmann§familie junt dürften* unb 
*ßrtnaentttel, unb ba§ fleine SDörfdjen ©agnau tyatte ein 
fytlbeS Qa^r^unbert lang Sßrinjen unb dürften. Qe^t fmb 
bie SRadjfommen be§ dürften ©epper^uni im $itel au§* 
geftorben. SKod) lebt gnmr abfcitä von £ange, im ein* 
f amen £)örfä)en ftippentyufen, ber britte ©o^n be§ dürften, 
Sljeobor, ber aber um $itel unb ©tanb fam, metl er at§ 
#nabe fdjon ben väterlichen S5oben verlief*. 5lber eines 
föniglid^en 3)urfte3 unb eines fürftlid^en SlppetiteS fyatte 
ftdf) ber Sljeobor al§ gamilienerbt^eU bod) attejeit ju er* 
freuen. 

$er (Stamm be3 eckten dürften aber, ber fo gerne 
£angouer #irfd)en afc, ift längft auSgeftorben, roeil ber 
£ob alle dürften groingt, bie fronen*, bie $irdjen* unb 
bie ^irfdjen^ürften. 



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JÖJ$ td> am crftcn ^florgen meines $agnauer $)a* 
feinS in bic fttrcfje tarn, präfentirte ftcf) mir in bcr 
flehten, bunfeln ©acrtftei ein fjuftenbeS, puftenbeS 9ttänn* 
djen mit einem $öcfer als ben „Sttefjmer" nnb jufünf* 
tigen ÜlmtSgeljilfen. 

@r mar nodj jung, faum etliche jroanaig, ber „Se* 
polb*, nrie er allgemein nad) feinem SSomamen l)iefj, litt 
aber offenbar ijod&grabtg an ©d)roinbfud)t unb mar oon 
tftatur auS oerfrüppelt. 

©eine§ SBaterS ©ruber, ber „alte ©tebcnljaller", e^e* 
maliger Älofterbruber im ftlofter Sfreujlingen am gegen* 
überliegenben ©eeufer, mar oiele Qa^re lang ein oortreff* 
lieber ©aertftan geroefen, unb nadfj feinem £ob ^atte man 
ben Seopolb, ber fonft nichts ftätte oerbienen fönnen, auS 
(Snob* unb SBarmfjeraigfeit jum „9Jlef}tner* ernannt; ein 
Dienft, ben aud) baS franfe Sftännlein oerfefjen fonnte, 
wenn eS orbentüdje 9ftintftranten*ftnaben l)atte, bie bem 
£eopolb läuten Ralfen. 

©ein SBater mar tobt unb feine Butter im „#of", 
b. i. im SIrmenfjauS. 

$)aS SUofter Steingarten, bie alte ^errin beS mein* 
reiben 3>orfeS, fcatte ftcfy ju Anfang beS 18. $af)rf)unbertS 



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— 90 — 

einen neuen ftattlxcfjen ßlofterhof an ben ©ee gebaut, ber 
jefct ber ©emeinbe al§ Ernten* unb IRathhauS btent unb 
bem $)orfe, vom ©ee au§ gefehen, weithin ein gewaltiges 
Sinfehen gibt. 

Qn ben 5lrmenhftufem oercinfamter Dörfer lebt unb 
ftirbt manches Original. $jm #agnauer §of lebte in 
ben erften fahren meiner ^aftoration noch ber ^Üng« 
ling", ein alter Sanb§f nedjt , ber ade napoleontf d)en 
Kriege mitgemacht unb faft unter allen europaifdjen Po- 
tentaten gebient hatte unb auch regelmäßig jebem befer* 
tirt mar. ©r mußte Diel $u erzählen, nicht oon feiner 
2l)ätigfeit bei ©flachten, roofjl aber oon feinen 3(rrfahr* 
ten unb Verfolgungen al§ $)eferteur. 

3n ber alten ^apftburg &u Slmgnon mar er einmal 
Safjr unb £ag eingefperrt geroefen, entfam unb fchlug fxd) 
unter ben größten (Entbehrungen, immer ju guß, bt§ 
an ben 93obenfee burc^. 

(£r rourbe aber ganj bö§, roenn man ihm fagte, er 
^abe „feine (Sourage* gehabt, weil er fo oft befertirt fei. 
3um £)efertiren in SfriegSjeiten , morauf bie ftugel aB 
©träfe gefegt fei, meinte er, gehöre mehr 3ftuth, als in 
9faih unb ©lieb gu bleiben unb eine ©flacht mitzumachen, 
mo bie ftugel nicht fo ftcher märe. 

grieblich manberte er jeben Wittag unb jeben 3lbenb 
an meinem £aufe oorbei jum ®emeinberedmer ©egfrteb, 
ber ihm bie ftoft gab, unb ebenfo frtebltch mieber heim 
in bie höh« @tube im £of, mo er auf einem ©tuhle faß 
unb haftete, bis eS roieber 3ett mar aum ©ffen. 

3ll§ ich ihm bie ©terbfacramente reichte, f a 9* c cr: 
fommt ber einzige *ßotentat, bem feiner befertirt, ber $ob, 
unb bem toerb' ich ouch nicht mehr bnrchbrennen fönnen, 
obroohl ich *>a3 £)eferttren einft gut oerftanben habe.* — 



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— 91 — 

• 

<£§ wofytte bamalS im £of aud& nocf) bcr ßfifcr 
$aul, bcr auf ^unbert Qaljre jurüdC ade guten unb 
fdf)ledf)ten SBeinjatyre fannte unb wie mel SÖßetn e3 im 
®orf gegeben unb wer am meiften in jeber Generation 
Ijabe trinfen fönnen. 

$)er letfte ed)te ßIofter*£offüfer, ©Ijrlinfptel, fo er* 
S&^Xte er mir öftere fei ber befte Printer in biefem Qafjr* 
Ijunbert gewefen. $)er f)abe einmal an einem ©ommertag 
gewettet, einen ®tmer, b. i. 40 Siter, SBein an einem 
Sag &u trinfen unb fo frü^eitig fertig ju fein, bafc ber 
Ijölaerne (Sinter nodj in ber 6onne troefnen fönne. Unb 
er §abe bie SBctte gewonnen. 

S)er *ßaul felber fjatte fidf) in ben £of getrunfen unb 
meinte, wenn einer e§ tn§ 9Irmenf)au§ bringe unb bamit 
juglet tf) gum „£offüfer", fo fei ba§ bod) ein &unftftücf. 

Qm £of wohnte aud(j, wie gefagt, bie SJlutter be§ 
Seopolb, bie „blinbe Sren^, bie wegen ifyrer böfen 3unge 
allgemein gefürchtet war unb bei welcher ber fanfte £eopolb 
e§ nid)t wof)l hätte präfttren fönnen. <Sr hatte beßljalb 
feine Verberge bei einer Safe, ber SBittwe be§ alten 
■äflejjnerS, feines DnfeB, auf gef plagen, wäljrenb fein 
älterer SBruber, ber „©epper*, bei einer Xante lebte, ber 
grau be§ SJtarti Sttobel. 

tiefer 9Jlarti war ber bieffte 9lebmann in #ange. 
9llt geworben, fajj er &ur ©ommerS* unb 3öinter§jcit im 
Dberborf in feinem fonnigen ©tüblein mit SluSftcht auf 
ben (See am Jenfter unb tranf, tranf, tranf, wä^renb 
feine g-rau unb ber ©epper bie 3Beingärten bearbeite* 
ten, bamit ber SJtartt ju trinfen hatte. 

$)er SJtarti ging jahrelang nicht mehr au§ ber Stube. 
g$ befugte ihn bisweilen, ba er auch nicht jur Hirdje 
fommen fonnte ob feiner (5d)werleibtgfetk 



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(Sr erjätjlte mir oft oon feinem ©ruber grantfepp, ber im 
Unterborf roofnte unb ein harter, alter -JJtonn mar, mit 
bem niemanb gerne oerfefyrte. tiefer f)tefjim3)orf allgemein 
„ber SBäfjmobel* 1 ) wegen feines ftörrigen, unoernünftigen 
SDBefenS unb ©eba^ren§. (Sr arbeitete rote ein SBiel), tfjai 
aber audf) fo, roenn er auS bem ©eleife tarn. <Sr trug in 
feinen jüngern Qafjren an Sonntagen ftetS einen langen, 
ijetlblauen SRocf mit oergülbeten ftnöpfen unb einen fyetl* 
grünen ©eibenfut in <£t)Uttberform. $rot$ biefer dujern 
(Siegana mar er aber ber tyänbelfücfyttgfte Sftenfd) be§ 
SJorfeS unb betam bef#alb unjäfjlige 3JlaI *ßrügel unb 
blutige ©daläge. $)abei fjatte er bie ©eroofnljeit, fo oft 
er gefdjlagen roorben mar, roenn er feimfam, feine gäna- 
lid) unfdjulbige Jrau aud) gu fd)lagen, roetf fte, bie gar 
nidt)t babei roar, if)m nid)t geholfen Jjabe. 

3lBbann legte er fid) in SBette unb meinte bitterlidj 
über feine ©djläge unb verbot feiner $rau, etroaS jufod)en, 
fo lange er in biefem ©eelenfdjmera 8« S3ettc lag, roa3 
oft tagelang roäljrte. $)te grau glaubte fd)Uefjlid), roie 
fte felbft fagte, SBrob unb SBein gäbe audf) eine ©uppe, 
unb tranf 2öein in fjüdc unb afc örob baju. 

©ein trüber, ber bufe 3ttartt, roar baS ©egentljeil 
com Jranjfepp: ftin^ gemütljlidj unb frtebltdf}. (Sr traut 
im ^rieben bis &u bem Sage, ba idf) &u i^m fam mit 
ben ©terbfacramenten. $)ann oerfd&teb er alSbalb. 

S)er 93ä^mobel f)atte übrigens aud) eble 3üge. 2Baren 
feine SBBunben ausgefeilt ober manchmal am borgen 
nadj einer ©df)lad)t fdjon ging er mit uerbunbenem Slop] 
unb einem ftrug oon feinem beften 3Bein &u feinem ©egner, 
ber i§n gefdtfagen, unb tranf mit tytn „ben ^rieben". 



') QtymobeL 



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— 93 — 

9£ie, fo ferner er auch imgfjanbelt roorben fein mochte, 
ging er gum 93ürgermeifter ober gutn 2Imt, um gu f lagen. 

©erabeju »ütbenb aber rourbe er, wenn ihm jemanb 
ben tarnen &urief, ben er im ganjen Dorf trug : 93äf)tnobel. 
Einmal riefen fte ihm biefen tarnen au§ einer $orfel 31t, 
wo angeheiterte Gebleute beifammen roaren. 5)a ging ber 
granjfepp heim, fpannte feine S?ühe ein, f)olte einen SBagen 
ootl ftief elfteine, fuhr vox bie Sorfel unb eröffnete ein 
SBombarbement auf §au§ unb -äftenfrfjen. 

SBaren bie SBeinpretfe im £>erbft niebrig, unb bot 
man ihm nicht genug, fo nahm er allen feinen SBein heim 
unb tranC ihn felber. 

3$ hab r ihm fterben Reifen, bem ftörrigen, ^i^igen 
3ttann. ©r meinte, er habe alle feine ©ünben abgebüßt, 
weil er (einen Qoü fjlctfc^ an feinem Seibe trage, ber nicht 
bie ©puren oon 9Rif$hanblungen trage. ©chroer franf fei 
er fonft nie geroefen im Seben unb habe nie einen Doctor 
gebraust; feine Stur, bie ftet§ angef plagen, habe im £un* 
gerleiben unb SBettliegen beftanben. $t$t aber roerbe 
rno^l beibe§ nichts mehr Reifen. Unb er hatte recht. — 

2Iber noch einen 93etter oon ©eroic^t außer bem 
SJlarti hatte mein „Stfceßmer", ber fieopolb, unb ba§ mar 
ber (£t)ef ber öffentlichen Sicherheit, ber ^olijeibtener 
©iebenhaller, ein noch burftigerer 2Jknn al$ ber 3Jlarti, 
unb ber trinftüchtigfte in feiner ©eneratton. 

Sehnlich nrie im ßinjigthal bei ben dauern ber 
^ßoligeibiener „bie Sicherheit" genannt wirb, fo heißt er 
in ben Dörfern am See „ber ^ßolijet". tiefer Sßolijei 
aber tjerfteht in ben Geborten am fchroäbifchen 9fleer ein 
fehr feuchtet 9lmt. ^n jebem §au§, roo er ju amten hat, 
gibt'S ju trinfen, im (Sommer 3Bein, im SBinter SchuapS. 

©inen Sag hat ber ^olijei Seiitc üorjulaben, roeil 



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— 94 — 

ber Sfotar ober ber Steuer commiffär fommt, am anbern 
mujj er ju ben JJtoljnben für bie ©emeinbe „bieten" ober 
■Mahnungen ^um ©teuersten herumtragen. Ueberatt 
gab'S, roentgften§ ju metner Qtit noch, einen $runf . Unb 
„ein spolijei", ber '3 Srinfen noch nicht fonnte, mufcte e3 
auf biefe 9Irt lernen. 

%tx ©iebenhaUer mar tro£ femeä $rinten3 alt ge* 
roorben unb mehrte ftch in feinen alten Sagen noch mann* 
haft, roenn bie ©eifter ihn bedingen rooüten. ©r, ein 
alter Dragoner, mar ftet§ ftramm beim £)tenft, auch wenn 
er noch fo oiel getrunfen hatte. 

©leid) im erften SBinter begegnete er mir eine« 2lbenb§, 
ba er oon ^ttenborf ^er ben „Suoen&tchel" 0 tytabt am, 
über ben glatten ©chneeroeg rechts unb linf§ taumelnb, 
aber roaefer (ämpfenb gegen ben ftaU. 9113 er in meiner 
■ftäf) c angetaumelt mar, blieb er fdjroanfenb fielen unb 
fpradj: „£err Pfarrer, ber fatbe ©dmap3 möcht' mi gern* 
&' SBobe bringe, aber beS mär a ©djanb für a ^ßolisei, 
roenn er a SKufch tyätV unb enni 2 ) falle thät. $)rum 
roefjr i mi, unb ber ©chnapS bringt mi roeUeroeg 8 ) nit 
SBobe." ©prach'3 unb fdjroanfte mächtig roeiter. aber 
hielt ben 9Uten, ber fonft ber ftiCtftc 2ttann im £>orfe 
roar, oon ©tunb an für „einen Driginal^oltjei". — 

©ein Sfteffe, ber Seopolb, fo unbebeutenb er roar, 
rourbe mir in ben erften Xagen bod) ein wichtiger -ättann. 
©r iheilte mir bie Drbnung be§ ©otte§btenfte§ mit unb 
gab mir eine (£t)araftertftif ber ©emetnbe. 3)a§ tfjut fonft 
jebe§ Pfarrers Vorgänger; allein ber meine roar als 
groUcnber Sljar. x>on bannen gebogen, ohne bafc id) ihn 
über biefe fünfte hätte fragen fönnen. 

') W\$tl, 33Ü&J, $ügel. 8uf bem fcagnauer ^ubenbübj foU im Mittelalter 
ein 3ub« Eingerichtet wotben fein, ba&er ber Käme. ^ ffin, *) jebenfoM. 



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95 



©eine 9JHt'33ürger unb Bürgerinnen jeidjnete ber 
Seopolb ganj furj mit ben SBorten: „©ie mulen 1 ) gern/ 
Unb befcfjalb, meinte er gutmütig, foUte td) tttd^t uiel 
änbern an ber feitljerigen ©otte§bienft-*ßra£t§, bamit bie 
#angouer nid^t gleich „mulen über ben neuen $erm\ 

3$ folgte faft burdjmeg feinem weifen 9tatl), nur 
ben 2öerftag§gotte3btenft verlegte id) auf eine fpä'tere 
©tunbe unb beruhigte ben fanften ßeopolb bamit bafj 
id) audj mulen fönne, falls bie SRebma'nner unb ffltb» 
frauen barüber mulen foHten. 

S)od) bem guten ©acriftan waren feine Sage gejä^It. 
$)er fommenbe l)arte SBinter griff iljn fd)ärfer an. Dft 
mufjte er feinen ©ruber ©epper als ©teUoertreter fenben, 
ba er an ben falten SBtntermorgen nidjt auffielen fonnte. 
Unb at§ ba§ ^rü^a^r fam unb ber SJtai mit feinen 
©lumen, ba Ijaben mir ben Seopolb begraben. 

SllSbalb meibete ftdj für ba§ erlebigte „fielen 4 ' fein 
©ruber, ber SRebmann ©epper. Qd) nalnn ilnt, obwohl 
er ju einem SJlefcner ftdj wenig eignete, lebtgltd) weil er 
ber alten ©acriftanen*$)unaftie angehörte. 3)er ©epper 
war linfifd) unb täppifdj für ben £trd)enbtenft, fonft aber 
ein guter Äerl. ®r l>at mid) oft geärgert, aber aud) 
wieber erfreut burd) feine trodene Sftatoetät. 

gehört $u ben Zeremonien ber fatfjolifdjen fttrdje, 
ba& ber ^riefter, elje er ftd) jur ^eiligen Ütteffe anf leibet, 
in ber ©acriftei eine flüchtige 9lbmafd)ung ber $änbe uor» 
nimmt, £ierju Söaffer bereit au galten, oergafj ber ©epper 
faft regelmäßig, unb als id) ifjn einmal heftiger al§ fonft 
barüber tabelte, fagte er in aller ©emfityStu^: „#err 
Pfarrer, id) mäfdi) meine £änbe immer baljetm, efje id) in 



«) räfonniren, fälmofen. 



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— 96 — - 

bic Stirpe gelje, unb idf) mein', ber §err Pfarrer f önnt T 3 
aud) fo madjen, toie anber* £eut\" 

gortan mar idj bem ©epper nie mzt)x bös, wenn er 
ba§ SBaffer oergeffen f>atte. 

S)od() balb jeigte audj biefer Sruber SeopolbS bie 
Meinte von beffen flranffjeit, unb rafd) flechte aud) ber 
Sepper f)tn. $er ältcfte unter ben 9tttniftranten*flnabcn, 
(Stefan, mein fpäterer £au§burfcf)e unb jetziger SBefi^er 
ber tmterüd)en $8urg ber groet ^foftai/ amtirte lange für 
ben franfen Sflefcner, bi§ mir im Sluguft 1871 aud) biefen 
©rabe trugen. 

Unb jefct fonnte id> ben Wann, bem ber Sitel biefer 
@rjä^Iung gilt, ben „grojjen dübele 4 ' als ©acriftan an* 
ftetlen, mag \i)m fdjon längft sugefagt mar. 

2Bcnn ber grofje Börner (lato von bem punifdf)en 
^elbfjerrn §amilfar SBarfaS einft fagte: „hieben $amil* 
far 93arfa§ ift fein $önig roertl), genannt gu werben/ 
fo fann id) fagen: „Sieben bem großen Äübele ift fein 
9Jtej3ner mxtl), genannt ju werben/ 

Unb wie unter ben fielen Säulen ber SBüfte nur 
bie 9Jtemnon§*(5äuIe flang, wenn bie ©onne festen, fo 
Hingt mir unter allen ©aertftanen, bie id() f ennen gelernt 
habe, nur ber grojje Rubele. 

2113 tdf) im SJtai 1871 bie 9Manbad)t in meiner 
Pfarrei einführte, bie 9?cb*$)amen unb SReb^räulein 
be§ Dorfes eifrigft bemüht, ben Slltar ber Butter ©otte§ 
mit 93Iumen ju fdjmücfen. Sftadjbembieg beenbigt n>ar,foHtc 
aud} für bie93eleudjtungbe§ SJlabonnabilbeg, einer prächtigen 
|)oljftatue au§ bem 16. Qahrhunbert, Qe f orßt werben. 

©3 mar 9iad)mtttag, unb am Slbenb foHte bie erfte 
9lnbad)t gehalten roerben. Qn einem abgelegenen ®örfd)en 
ift in folgen JJäHeu guter dlatl) treuer. SftatfjloS, rote 



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— 97 — 

matt eine Beleuchtung nod) ju ©tanbe bringen fönnte, 
ftunb id) mit meinen „tarnen" oor bem „SJtaialtar" ; 
hinter un3 eine ©d)aar ßinber unb in beren Sttitte ein 
grofjer, älterer 9ftann in ärmlicher ftleibung. 

©tili fyatte er un§ bei ber 2Iu§fdt)müclung be§ SHtareS 
jugefc^aut. ©rft al§ mir un§ nidt)t 31t ratzen mußten, 
trat er cor unb fprad) befdfjeiben: „£err Pfarrer, idj 
miß 3$ntn bi§ jum 9lbenb eine Beleuchtung machen." 
Qe^t erft flaute tef) ben Sttann näher an. mar 
ein hagerer, langer 3ttenf ch mit breiten ©dfjultern unb fpär* 
lichem, fd^margem ©aar auf einem rieftgen ftopf, ben ein 
f leinet fchmar^eS, tlugeS 9lugenpaar unter einem SBalb 
oon fchmarjen brauen belebte. S)a§ bis auf einen furjen 
„Ohrenbart" glatte, blaffe ©eftdjt jeigte harte, oerwetterte, 
aber geiftooUe güge. 

fragte ihn, ob er ein ©anbroerf fönne. „-Wein, 
ich bin nur ein SRebmann," antmortete er, „aber ich mach r 
bie Beleuchtung bodf) bi§ Ijeut 9lbenb." 

„3a/ fielen bie ©ee*$)amen ein, „ber grofj* ßübele 
bringt^ fertig/ 

Qefct übergab ich tf)m bie ©ache, unb langfamen 
©df)ritte§ ging ber grofc' dübele, fo geheimen megen fetner 
Hörperlänge unb feines ©efchlecht§namen§, oon bannen. 

$>er 9lbenb fam. Ueber ben ©ee hin riefen bie fyerr* 
liehen ©laden oon #ange jur erften 3Jcatanbad)t. 9ll§ 
ich in bie Stirpe trat, ftrafjlte ba§ Sftabonnenbilb in feft* 
Udjem Sichterglanje. hinter bem 9lltar aber ftunb — ber 
JJeuermerfer, ber grofj* dübele unb lächelte feelenoergnügt, 
al§ icf> ftefjen blieb unb bie Beleuchtung bctracfjtctc, bie 
originell genug mar, um mir ein (Staunen abzugewinnen. . 

©in langes ©tücf ©rlenfjola, wie bie ftüfer e§ nehmen, 
um fHcifc barau§ 31t fd^netben, ^atte ber 2llte gebogen, 

$ ölt« ja r 06, e^mtbaUm. dritte Jleifce, 7 



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— 98 — 

mit grünem Rapier überbecft unb mit flehten Sirmen von 
SDraht oerfchen, auf benen ©Reiben von rohen Kartoffeln 
befeftigt waren. 2luf biefen ©Reiben hatte er nun 2öach§* 
lichtlein angebracht, ba§ ©anje um ba§ 9JlabonnenbiIb 
herumgeftellt unb bie Stüter angejünbet. 

2Bährenb ber ganjen 9lnbad)t aber ftunb er, vom 
SSolfe ungefefjen, hinter ben Tannenbäumen, bie ben Slltar 
abfdjloffen, unb überwachte mit $Borftcf)t fein Jeuerwert. 

9In jenem Slbenb würben ber groß' Kübele unb ich 
gut Jreunb. lub ihn auf ben anbem Tag ju einer 
$lafd)e 2Ö3etn in§ $farrhau§ ein. ©r fam, unb al§ id> ihn 
nac^ ber ^Rechnung fragte für feine originelle Beleuchtung, 
ba fprach er: „£>err Pfarrer, ich Mn ein armer Sftann, 
aber ich würbe mich fernen, etwa§ ju verlangen. %a% 
hab* ich ber Sftutter ©otte§ unb fflnen p lieb gerne gethan. 
9lber bie jwet Kreujer für ba§ grüne Rapier bin ich &eim 
Krämer fcfjulbig geblieben, roeil ich !ein ©elb hatte, unb 
habe gefagt, ber £err Pfarrer werbe e§ fdjon bejahten/ 

Sttetne Hochachtung oor bem großen Kübele wuch§. 

SBalb nach ber SJlatanbacht feierten mir in unferm 
Dörfchen am ©ee ba§ f ünf unbjroansigjährige ^Japftjubiläum 
*ßiu§' IX. 2Ber in ©uirlanben unb Verzierungen in ber 
Kirche unb am Pfarrhaus wahre SMfterftücfe lieferte, 
ba§ mar ber groß* Kübele. 

Unb am 3lbenb be§ #efte§, als broben beim „SBetter* 
freuj" unfer Jreubenfeuer weithin leuchtete über ben ©ee 
unb bi§ hinter gu ben 2llpen, oon wo bie gleichen Jeuer 
ju un§ herüber grüßten, ba ftunb ber arme, in Sumpen 
gehüllte Sflann hinter ber feftlichen 5Jcenge unb freute 
ftch im ftiüen. 

Qch aber behielt ihn fortan in ben 9lugen, unb aU 
im Sluguft ber Sepper ftarb, ernannte ich *>en großen 



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~ 99 — 

ßübele, betn tdf)^ fd)on oorljer oerfprocf)en f>atte, gum pro* 
otf orifdjen 9ftef$ner mit ooUem ©efyalt, unb ba§ blieb er übet 
jefjn Qaljre lang, immer prootf orif cf) , roeil er, um feine 
befmitioe SöeftaUung 311 erlangen, eine Kaution r)attc [teilen 
muffen, ber arme Serl aber baju nid&t im ©tanbe mar. 

©0 mu§t* tdf) ifjn jahrelang oerf)eimlid)en unb e3 
bem 3 u f°ö übertaffen, ob mein prooifortfdjer Sftefmet ben 
9lrgu§augen eine§ SReoiforS beim fatr)oIifd^cn DberfttftungS* 
rattye in #arl§ruf)e entgegen mürbe, ^ätte man aber bei 
biefer peinlidt) genriffenfjaften S8er)örbe ba3 graufe $8er* 
brechen entbeeft, bafc an bem $ircf)leüt in £agnau am 
SBobenfee ein ©acriftan angefteöt fei — oljnc Kaution, 
fo märe ber gro{5' flübele, ber arme Teufel, erbarmungS* 
lo§ in fein abfoluteS 9^id)t§ jurüefbeförbert toorben, unb 
icf) Ijätte einen fogenannten SöerroeiS erhalten. 

Unb botfj geigte mein „gefcfnnuggelter* ©acriftan 
morgen^, el)e er SBetjeit läutete, mefjr ©eift, als id) in 
bem ganzen SBierteljatyrljunbert, ba id) ^farroerroefer unb 
Pfarrer bin, in ben 9teoifion§bemer(ungen be§ fatljolifcfyen 
Dberftiftung§ratl)3 gefunben Ijabe. 

$)er arme 9flann setbradf) allerbtngS l)ie unb ba ein 
gläferneS 9flef}fännd)en jrotf^en feinen s Jtiefenpngem, aber 
bann bejahte e§ ber arme Pfarrer, unb ber gonb unb 
bie nicf)t t»ort>anbene Kaution gingen fdjabloS au§. 

2Baf)rltd), eS ift etroaS ©d^recflicr)e§ um bie Bureau* 
fratie, aber aud) etroaS 6df)redlidf)e3 um bic 9lrmutf), bie 
feinen $orf*2yiefmer^often, ber (aum 80 3Jlarf trägt, 
erhalten fann — oljne Kaution, roäfyrenb man ©eneräle 
unb SDtinifter, bie £anb unb fieute ruiniren unb SfliUiar* 
ben f c^aben fönnen, oljiie einen Pfennig Kaution anfteUt! — 

3u einem richtigen ^tr^enbiener Ijatte ber groft* 
dübele ba§ 3 eu Ö abfotut nict)t. £>enn ein richtiger 9ftejjuer 

7* 



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— 100 — 

mufc oor allem ein pünftltdjer, reinlicher, fleinlidjer, agiler 
9ttann fein mit einer billigen $)enfung3art, bamit er bem 
Pfarrer fd)ön folgt unb nid)t opponirt. 

93on allen biefen ©igenfdwften ^atte mein dübele 
nur bie erfte, rocnn aud) ntcfjt in fyofjem ©rab. (Sr mar 
&iemlid) pünftlid). 9lHe anbern Sffterfmale etneS guten 
9Jtefmer8 aber gingen ümi im ^öc^ften Sflafce ab. ©anj 
befonberS, unb baburd) fte^t er über allen feineä ©leiten, 
mar ber grofc' dübele fein bittiger Genfer, fonbem ein 
burd) unb burd) geiftretdjer Sftenfd), ber ba§ geug ä u 
einem flarbmal gehabt ^ätte / e§ aber burd) be§ ©efd)icfe§ 
oft unerklärliche 9fläd)te nur &um ©acriftan einer armen 
$)orfftrdje braute. 

.ßunäcrjft galt e§, meinen neuen ©aertftan entfprec^enb 
ju uniformiren; benn er mar eigentlich nur in beffere 
Sumpen gef)üttt. $)a er naljeju fo lang geroad)fen mar 
mie fein Pfarrer , fo gab idj ihm eine ganje Uniform 
oon mir, bie ihm mie angegoffen ftunb. 

9ßer ilm nid)t fannte, mürbe ihn unbebingt für einen 
ärmeren alten ©eiftlichen gehalten haben, befonberS roenn 
ber gro^ dübele ftd) nod) baju oerftanben hätte — meine 
au§rangirten großen ftüjhüte &u tragen. roeigerte 
er ftch aber attejeit ftanbhaft, fo oft td) ilmt aud) einen 
abgetragenen „grand chapeau« antrug. 

„§err Pfarrer/ meinte er lädjelnb unb ablehnenb 
feine grofje Steckte fdjüttelnb, „ber $ut ift für ©te fdjon 
&u grojj unb manche lachen barüber. 3$ w meinem 
£eben einmal einen fo großen ^ecferfmt 1 ) getragen, unb 
e§ ift mir fehlest be!ommen. damals rourbe td) ein* 



») 2)€r «boocat unb 9teooUitlon«»2lnfü$rer $ecfer &atte 1848 bie grofcen 
f$ioarjen gtlfyatc In »oben eingeführt. 



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— 101 — 

gefperrt, unb je$t mürbe man midf) auslasen am @ce 
unb meinen , tdj wollte ben Pfarrer ober ben £ecfer 
fpielen.* 

©o trug er benn gur (Sommerzeit ju meinen Treibern 
eine grofce (Bd&ilbtappe unb im äBinter eine riefige pl)rn* 
gifd&e 2BoHmü£e. — 

$)ie #agnauer Rüttelten anfangs bie ftöpfe, baf? ber 
alte SHeoolutionSmann unb gänjlid} „t-erlumpte" grofje 
dübele ©acriftan geworben mar, trofcbem fid) „ehrbare 
unb beffere" ^Bürger um ben Srtenft gemelbet Ratten. 2113 
er aber am ©onntag baS erfte Sttal nad) alter Uebung 
in ber gWUjmeffe nad} bem #tof entrang bie Sitanei betete 
mit ber (Stimme etne§ fommanbirenben ©eneralS, ba be* 
famen fte föefpett unb lobten ilm über alle SDtafjen, bafc 
er „fo laut ^ergebe*. 

Seute auf bem £anb tarjren gerne ba§, ma§ in ber 
Jftrdje gefprod^en ober gefungen wirb, nad) ber Sfraft be§ 
93ortrag§. ©in Pfarrer, ber laut prebigt unb laut fingt, 
Ijat fd)on gum oorauS einen ©tein im SBrett bei ben 
SBauero, aud) wenn man oon feinem ^rebigen fagen 
fitonte: „SBtel ©efärei unb wenig 2BoHe." 

S)a3 Sßolf ift ein STCaturfinb unb $at unb txtiht 
ottcS gerne etwas maffig unb fubftantieU. ©o bei allen 
©enüffen, aud& bei benen, bie burdf) ben ©efjörfmn 
fommen. 

Slber glei<$ nadfj ber erften ftrüfjmeffe, wo ber grofj' 
ßübele erwHirte burdf) fein brillantes ®ebut im Sorbeten, 
Ijielt er mir in ber ©acriftei eine föftlidfje Eorlefung, in* 
bem et meinte: „£err Pfarrer, eS ftimmt nidjt gang. Qd) 
bin mit ber Sitanei nocij nid&t fertig gemefen, als (sie f d&on 
t>om Elitäre weggingen, unb bodj füllten mir $wei Ijarmo* 
triren unb miteinanber fertig werben. Sllfo entweber müffen 



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— 102 — 

©ie ba3 nädfrfte Sttal langfamer ober idfj mug fc^tteUcr 
machen, bamit mir cinanber nidjt mefjr wfefjlen." 

3$ natym biefe $8elef)rung, bic auf mid) ©inbruef madjte, 
freunblid) f)in unb fagte Ijalbernft: „Senn icf) ba§ nädfrfte 
9Jlal wteber f o balb fertig bin, f o will id) bießitanei oor beten." 

9tber ba fam id) bem großen Äübele redjt. 5ftit 
@ntfd)iebenl)eit antwortete er: „%a$ gefjt nid)t. S)a§ 93or* 
lefen in ber ftirdje ift meine ftreub'. Unb oft l)ab' id) 
gebaut, wenn al§ ber Seopolb ober ber ©epper oorgebetet 
Ijaben, bafc e§ fein 9ftenfd) oerftunb, id) möchte e§ einmal 
tlmn bürfen. Qfyt Ijab' id)'3 erreicht unb bin am SRuber, 
unb barum müffen ©ie e§ mir ntd)t abnehmen/ 

Qd) fagte if)m gerne ju unb tröftete tfm aud) bamit, 
bafj e§ nid)t§ &u faß™ &&tte, wenn mir in bem *ßunft 
nid)t Imrmomrten. 

9llfo im Sßorlefen waren bie £angouer mit bem 
neuen -äJlefjner aufrieben, aber balb fragten fte über ilm, 
roeil er bie ©tütyle unb kernte in ber Hirdje ntdjt ftaub* 
frei fjalte unb fo i^r ©onntag§f)ä3 fd)äbige. 

tyielt tljm bie Slnflage ror, obwohl xcf) bemerft 
fjatte, bafj er mit feinen Södjtern jeben ©amStag in ber 
$trd)e mit $ut$en tf)ättg mar. (Seiaffen antwortete ber 
Sllte: fann nid)t allen ©taub oon ben SBänfen ab? 
fcf)lecfen. ^ie #angouer fielen bie 2Bod)e über ben ganjeu 
£ag in ben Sieben im Rot!) unb ba werben fte am ©onn* 
tag unferm ©errgott pi lieb aud) in ein bissen ©taub 
fnieen fimnen." 

©o merfte id^ immer mefjt, baf? mein ©acriftan nicfjt 
unter bie Summen auf (£rben $$Ut, unb td) trat ifrni 
audf) aufcerbienftlid) näfjer. 

3unä^ft interefftrte mid) fein SebenSgang bi§ ju bem 
Sag, ba wir un§ jum erften 9ttal trafen. Balb bieg, balb 



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— 103 — 

jene§ erachte et aus ber Sßergangenfjeit, unb all' ba8 
gab fd)liefcltd) ba§ folgenbe SBtCb. 

$)er groft' dübele entftammte einem alten SftebmannS* 
gefdjtedjt, baS, foroeit beffen ©ippen jurücfbenfen tonnten, 
im Dtenfte be§ ftlofterS ©alem 1 ) SHeben baute unb fo fein 
SluSfommen l)atte. 2113 ber ftonrab, fo Ijiefc mein ©acriftan, 
1812 jur aOSctt fam, mar bie ßlofterfjerrltdtfeit $u @nbe, 
unb er f)Örte nur nod) baoon erjagen, ©ein Sßater ^atte 
ein eigenes £>au£ unb oon ben ftlofterreben einige ©tücfe 
billig ju eigen befommen unb trieb fo feinen alten SBeruf 
weiter, audj nad) be§ ÄlofterS Untergang burd) napoleo* 
nifdjen 9Jlad)tfprud). 

$>er $ourab mar aber nod) ntcf)t jroei $af)re alt, ba 
feine SJlutter ftarb. ©in ©ruber feiner Butter, 3Jlartin 
,3in3maier, ber ein £äu§d)en im Dberborf befafj unb 
ebenfalls ittebmann mar, naljm, roeil l inberloS, ben ftnaben 
in fein §au§ unb behielt ifnt mie fein eigen. 

9lu3 feiner fttnberjeit blieb bem grofjen dübele oorab 
baS $ungerjal)r 1817 in (Erinnerung mit feinem Bleien* 
brob unb ben gefönten Sörenneffetn. 

Qm gleiten .Qafyre ^ a ^ c auc § öer ©obenfee feinen 
fjödjften ©tanb feit 9flenfd)engebenfen unb überfc^roemmte 
baS ganje am ©ee gelegene Unterborf. 2>ie Unterbörfer, 
in beten Vellern überall SBaffer ftunb, proptirten allein 
baoon jut ©tiüung ifjreS £unger§. 3n oer 9lad)t famen 
nä'mlicf) in bie ßellerräume allerlei fjtfd^e angefdjroommen, 
bie bann, am SJlorgen gefangen, gute ©peife gaben in ber 
treuem 3eit. 

3lber tro$ junger unb Ueberfdjroemmung ging bei 
ben ©angouern bie ^oefte nidtjt unter. Da bie ©trafen 

') Calem, berühmte alte etfterjienfer»a&tei i» Sinjgau, brel Stunben 
von Hagnau entfernt. 



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— 104 — 

im Unterborf fußhoch untct SBaffer ftunben, befdjloffen 
bic ^Bürger, gum Slnbenfen alle ©chultinber in einem 
großen ©cgclfd^iff burdj ba§ gange Unterborf führen p 
laffen. ©8 gefdjah, unb bie hungrigen ftinber Ratten 
bie größte 3* eu be; unfer ftonrab aber weinte, roetl er 
nur 8ufef)en unb nicht mitfahren burfte, ba er noch nid) t 
in bie <3$ule ging. 

3ln ba§ £ungerjahr 1817, biefe feine fchmeralichfte unb 
erfte ^ugenber inner ung, fnüpfte aber mein geiftretcher 
<3acriftan eine pftjcrjifcrj^fomatifd^c (feelifch4eibltche) @nt* 
beefung. ©r fagte mir, baß er oon jenem $ahte an, n>o 
er immer junger gehabt, ftet3 eine übermäßige Suft nach 
©ffen in ftch Dcrfpürt habe, fo baß er big jur ©tunbe 
jeben £ag jroeimal ju 9Jcttta£ unb groeimal gu üftacht effen 
tonnte. Diefe (Sßmanie fei aber groeifeBohne ein ©rbftücf 
von anno 17 her. ©o roie man au§ einer ßeit, rafonnirte 
er ganj getftreich, ©ebanfen faffe unb erbe unb fein Sebtag 
behalte, fo fönne man auch ben junger erben au§ einem 
junger jähr, roie ben Dürft oon einem truntf listigen Sßater. 

@r felbft habe in ben niergiger Sauren au§ ber Qtit* 
ftrbmung feine freiheitlichen unb bemolratifchen $been in 
ben &opf bekommen unb biefelben feitbem fo wenig oer* 
loren, aU feinen Appetit feit 1817. 

Da§ jroeite mistige (Sreigniß feiner ^ugenbjeit traf 
ihn im ^ahre 1830 - ®% njar bie Ueberfrierung be§ 
93obenfee§ unb bie berühmte ^ßrojeffton ber £>agnauer 
Gchulftnber über§ fchroäbifche SJleer. Der größte junge 
SJtann im Dorf mar bamal§ unfer ftonrab, unb beßhalb 
mürbe er jum Fahnenträger ernannt, ber nor ben Slinbern 
einherfchreiten foßie. 

$oefte unb Religion fmb ftet§ im Sßolfe baheim, unb 
jenen beiben ©enien oerbanfte bie „Seeproäeffion* ihren 



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- 105 - 

Urfprung, unb um ihretwillen aUcin oerbtenten bic alten 
£>angouer nid)t oergeffen 511 werben. 

©ine faft brei ©tunben breite SBafferflädje oon einer 
£tefe oon 200 —800 Jufj trennt ba§ Dörfchen Hagnau 
oon bem ehemaligen t^urgauifc^en^enebictinerinnen^lofter 
SWünfterlingen *) am See. Sroifd^en biefem ftlofter unb 
bem Dörfchen £agnau beftunb nun feit alter Qzit eine 
eigenartige SSereinbarung. 60 oft nämlich ber Söobenfee ju* 
fror, toa§ nicht jebe§ Qahrlmnbert oortommt, rourbe ein 
höljerueä Sruftbtlb ^channeS* be3 ©oangeliften über ben 
See getragen, b. h- ba geholt, mo e8 bei ber legten *ßro* 
jeffton ^ingebrad^t morben mar. Anno 1830 polten bie 
£>agnauer ba§ 93ilb in ber ©chroeiä, trugen e§ ^eim unb 
»oftirten e§ auf beut 9iat{)l)au§. 

3$ habe ba§ tntereffante 5Mlb im ftahre 1880 00m 
tftathhau§ rcegnehmen unb in ber ftirdje aufftetten laffen, 
um e§ sugängltcher ju machen, ©eine Uebertragungen fmb 
auf bem *ßoftament alfo erzählt: 

„3)iefe $8ilbni§ ift anno 1573, ben 17. Jebruar, als 
ber 23obenfee überfroren mar, oon SJtünfterlingen nad^er 
Hagnau übertragen unb bort auf ba§ yiattyauä gefettet 
roorben. 9lach hunbert fahren rourbe fte bei überfrorenem 
©ee roieber ^icrljer (nach 9Jlünfterlingen) gebraut. Anno 
1796 aber jur £ett be3 ftrangofen Sktegä ba§ jroeite 9Jtal 
jurücfgefteüt unb renooirt oon 3. 3B. gatore." 

„Mm 5. gebruar 1830 mürbe ba§felbe bei über* 
frorenem ©ee oon SJlünfterlingen in Begleitung ber geift* 
liehen unb weltlichen Borgefefcten, foroie ber ©dmljugenb 
nach ©agnau übertragen.* 

$)a3 feltene ©reignifj ber Ueberfrierung be§ ®ec3 



») £eute eine ^rrenanftalt. 



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— 106 — 

mürbe 1830 in £agnau von ber 9latux fetbft eingeleitet. 
Qn ber ^flüdjt voxix L auf ben 2. gebruar erfdwtl vom 
(&ee her ein fo fürd)terlid)e§ $ofen unb Bonnern, bafc 
bie £agnauer au§ ihren Letten (prangen. 

9lm borgen fatjen fie oberhalb be§ $)orfe§ am Ufer 
ungeheure ©töhügel auf gefristet; ein gewaltiger 3*13* 
btoef xvax au§ ber Siefe be§ ©ee§ herauf gefrfjteubert roorben 
unb tag auf bem @t§. %k ^ßfä^Ie ber Pfahlbauten, bie 
fonft zahlreich am Ufer in ber &iefe fuf)tbar roaren, 
fdjroammen loSgeriffen jnrifchen ben (SHSbIMen. 

©in Sag fpäter unb ber <5ee mar gänjlicf) über* 
froren. 3nm £angouer waren bie erften, bie über ba§ 
(£i§ nach bem brei ©tunben entfernten 6d^roeijerborf 
Sütnau gingen unb bort felbft oon ben profaifdfjen Sdhroei* 
gern mit £)enfmünje unb ehrenbem Seugtrffi if)re§ 9ttutf)e3 
gefrönt mürben, (£iner uon tlmen unb jroar ber erfte, 
ber anfam, mar, roie mir nriffen, #anne, ber ^ürft. 

©d)on am 4. gebruar fam bie 6df)uljugeub be§ ge» 
nannten Sdjroeijerborfeä mit bem Sehrer unb ben ©djut* 
Pflegern überä ®t§ nach §agnau. Um 5. gebruar roagten 
fogar brei Spulen non tljurgauifcfjen Dörfern mit ben 
geiftltchen unb roelttirfjen 93orgefe$ten J)erüberaufommen 
unb benmnberten ben fjel^blocf, beffen ©ruption am ganjen 
©eeufer mar gehört roorben. 

$ie Mfmheit roucf)£, unb balb famen Seute mit 
(Schlitten unb Leiter im ©alopp über bie (SiSbecfe baljer. 

$et}t befchlofj ber ©agnauer ©emeinberath bie *ßro* 
jeffton anzuführen unb ba3 SBtlb be§ Johannes in 3Jlün« 
fterlingen ju \)olm. 9lm 6. Februar mittags 12 Uhr 
roarb abmarfchtrt, 100 ©chulfinber, Pfarrer, 3Sogt unb 
©tele Ottern bitbeten bie ^ßroaeffton. 3)en alten Kaplan 



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— 107 — 

©feiler, ber nid£)t gehen fonnte, jogen ©cfmlbuben auf 
einem ©glitten htnterbrein. 

eytftirt über biefe <ßrogeffUm ein reijenbe§ Sttlb, 
ba§ tef) f elber befafj, gezeichnet von bem alten SRathf Treiber 
gyiobel, einem ©ehr einer: SBorauS ber Pfarrer unb ber 
«Bogt mit langen pfeifen — felbft ber Kaplan fdhmaud)t 
auf feinem ©glitten — bie SBübletn unb 9Kägbletn, Wart* 
ner unb grauen in ihrer alten, frönen, leiber letngft oer* 
fchrounbenen 93olf§trad)t folgen nad). 

Unterroeg§ foKte aber ein Stü<f neuer *ßoefte gegrünbet 
werben. Söeil bie ©chuljugenb be§ oberhalb 2Künfterlingen 
gelegenen S)orfe§ 3lltnau bie erfte geroefen mar, meldte 
am babifdjen Ufer SBefuche gemalt hatte, mürbe juerft ben 
9lltnauern ein ©egenbefuch jugebac^t unb aufgeführt. 

<£)ie poetifrf)en §angouer oon bajumat Ratten ein 
Silb beS £eilanbe§ mitgebracht unb ben ©c^roeijern mit 
bem ferner fen übergeben, „e§ möchte baSfelbe in ber 
©chule in 2ütnau al§ ein 3lnbenfen biefer feltenen 23e* 
gebenheit aufbewahrt werben, bi§ ber ©ee einft wieber 
überfrieren mürbe, roo e§ unfere -tftachfommen aBbann t>on 
ihren Sftachfommen über ben SBobenfee abholen mürben." 

©enau fünfzig ftahre fpäter, faft um bie gleiten 
fcage, überfror ber ©ee roieber. 3lber niemanb backte an 
ba§ 93ilb in 5lltnau, unb oon 3ttünfterlingen fam auch 
niemanb, um ben ffl Johannes ju holen. 2Bir fcfjcn 
barauS, wie ©emüth unb Sßoejte feit einem falben ^ah* 5 
hunbert in ber SDSelt abgenommen haben. 

<£)od) bie Jungen #angouer non 1880 jeigten nodt) 
etwas $oefte. ifteun SSurfd^e, meiere al§ bie ©innigen im 
$orfe über ben gefrorenen ©ee gegangen waren, mälzten 
ben JJelSbloct oon 1830, ber feitbem einfam bei ber 9Jtün* 
bung be8 $>orfbad(je3 am ©ee gelegen hatte, mit meler 



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— 10S - 

üttitye in3 2mttelborf herauf unb festen i$n an bic ©trage 
aU Monument &ur Erinnerung an bie ©iSjeit oon 1830 
unb 1880 unb an ftd) felber, inbem f!c tyre Manien in 
ben ©tetn gruben. 

QdE) foHte einen 93er§ auf ba§ $)enfmal madfjen, bin 
aber allezeit ein fdf)ledf)ter $)icf)ter geroefen; barum erfudjte 
td& ben größten ^oeten naef) Steffel am SBobenfee, ben 
9Mnfterpfarrer&rugter oonftonftanj, unb oonifjmftammt, 
xoa§ auf bem «Stein über ben etngefyauenen tarnen ber neun 
jungen Sftänner fyeute gef ^rieben ftefjt unb alfo lautet: 

2Us anno breifjig btad) bnö @tö, 
CS'ntftot) tdj meinem 2Baf[erarab, 
9iiü)t' auö am Eorfbaa) fünfaig 3a§r\ 
2ßer jefct ben @&renpla& mir gab? 
Steg $ier bie SReun, bie Unoeraagten, 
Sie $euer übern ©ee fiä) magten. 

2U§ bie alten £angouer anno 1830 am üftadjmittag 
be§ 6. Februar in§ Softer 3Jtünfterlingen famen, roo ba* 
mal§ nod) ßlofterfrauen roolntten, mürben fie gar rooljl 
aufgenommen unb $ung unb 9llt mit mariner Suppe unb 
bann mit 33rob unb SBetn erquieft. 9lber ba ber 93ogt 
unb ber Pfarrer ba§ SBilb be§ ©oangeliften ©erlangten, 
um e§ „oertragSgemäfj" über ben See gu tragen, mürben 
bie ftlofterfrauen fef)r traurig unb wollten fidf) nid&t non 
i^rem Cannes trennen. 

5)ie £angouer beriefen ftdfj auf ba§ alte #er!ommen 
unb oerfprad&en ein anbereS Slnbenfen bafür ju fdjicfen, 
worauf enblid^ bie Verausgabe erfolgte. 

greubig machte fidt) nun bie ^rojeffion mieber auf 
tyren (StSmeg ber #eimatl) ju — ber grofce dübele noran. 
<B mar Sftad&t, al3 fic bem 3)orfe ftdf) näherten. %a bie 
ßeute am Sanbe an ben nielen ftinberftünmen Nörten, bafc > 



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— 109 — 

bie 2BalIfahrer mit bem heiligen Silbe famen, würben alle 
©locfen geläutet, unb unter bem Qubel be§ ganjen S)orfe3 
jog man mit bem alten ©aft in bie *ßfarrftrche ein. 

©leid) am folgenben 9Jtorgen mußten jroet „©ericht§* 
perfonen" (©emetnberäthe) ein SBilb be§ £eilanbe3 nach 
Sflünfterlingen tragen als nerfprodjeneS Slnbenfen. 

$)a§ mar bie *ßoefie unb baS religiöfe ©emüth ber 
alten 3eit. 

Oft fpradj mir mein ©aertftan von biefer gahrt tn3 
©d^roeijerlanb unb meinte babei ganj richtig, nicht ofm* 
grimmiges Sachen, „wenn bie 2Belt anno 30 regiert 
morben mär' wie heute, Ratten mir bie sprojeffion gar 
nicht unternehmen bürfen*. — 

^Qugenb ^at feine Sugenb/ ba§ beroahrte ftch aud) 
an bem Fahnenträger bei ber ©iSprojeffton. Unfcr 
langer $onrab rourbe, roa§ man fagt, ein Riegel. %od) 
ba ber größten beutfehen dichter einer aud) feine Riegel* 
jähre hatte, barf man e§ einem SReb* unb ©djipmanu 
am See nicht verübeln, roenn er in feiner ^ugenbfülle nicht 
gerabe Ertlich thut in SOBorten unb $>anblungen. 

Unb ein ©chiffSmann mar ber Äonrab jeroeilig auch. 
@d)on 1830 fuhr er auf (Schütten über ben (See mit 
grüßten für bie ©chroeijer unb fpäter mit manchem 
©egelfchiff an§ heloetifche unb an§ öfterreichifche ©eftabe. 

®ie Seeleute ftnb in ber ganzen SBelt oerfchrieen 
wegen ihrer Derbheit unb befannt roegen ihrer Unh ö f l üh* eit 
— am 93obenfee aber gang befonber§. ©§ h ß if$t ba gleich: 
„'§ ifdj f)a\t a grobe ©d)iffma." 2Bo fommt ba§ her? 
SDic Statur, ba§ SOBaffer unb ber 2Binb, bie ©lemente gehen 
eben auch gar oft am SBobenfee roüfter mit ben ©d)tff3> 
männern um als auf bem SJleere. SBalb ftürmt ber göfjn 
batjer, legt ihnen, roenn fte auf offener @ee ftnb, ba§ Segel 



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— 110 — 

tun unb übcrgiefct baS Schiff mit SBaffer, fo bog bic 
6d)iffSleute uid)t genug auSfcl)öpfen fönnen, um fi$ oot 
bcm ©tnfen &u retten, roä^renb fte &u gleicher fyit aud) 
bte Söellenftöfje an ben *ßlanfen pariren f ollen, ©in 
anbermal fällt ber Dftroinb über bte bauertfdfjen &erge 
herein, roenn fte feeaufroärtS motten, unb treibt fte oer* 
bienftloS in ben nädjften beften #afen. 

3m SBinter plagt fte oft ein fold)' eiftger üflorbmtnb, 
bajs fte bie SHuber unb baS ©teuer faum galten fönnen 
oor ftälte, unb im ©ommer jagen SBetterftürme oon Söeften 
f)er ©djtffer unb ftaljn erbarmungslos in ben 2Baffern 
auf unb ab. 

S3ei folgen 9ttül)falen fann ber SJtenfcf) ntt^t jtmper« 
lid> werben, roie ein ©cfmetber auf feiner 6d)netberSl)ölle 
ober eine Sftäfyertn an iljrer SJlafd^ine. 

3ft er baju nod), rote bie ©d^iffSmänner am babifdjen 
©eeufer f)in, ein iftebmann unb fämpft ber Dfobenfaft in 
tym mit ber Sftaturfraft auf ben Sellen, fo gibt'S ein 
©ebtlbe, baS aufjtfcf)t unb aufbrauft, toie wenn $euer mit 
Söaffer ftdj menget. 

<5o t)atte audE) unfer #onrab, ber balb als SRebmann, 
balb als ©cfytffSmann tf)ätig mar, feine raulje, tyarte, l)it}ige 
Geite. @r mar ein Käufer, wenn eS galt, feine Straft gu 
geigen, unb meljr benn einmal fd)lug ftd) ber grofce 
dübele, nrie er fritfoeittg genannt mürbe, in ben buntein 
©äffen beS $)orfeS. Unb felbft fein *ßflegeoater, ber 
SJlarti .Qi^nwier, ein alter Sftemnann, burfte nicfyt oiel 
fagen, roenn ber ftarfe ©eebär in feinem JJuror mar, er 
f)ütte fonft ben 3lltcn famt bem flehten gäuS^en oom 
glect getragen. 

Qn guror fam er aber nur, menn er junger unb 
Surft fyatte unb ber alte -üftarti (£infpracf)e gegen bie 



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— 111 — 

Quantitäten erhob, bic bcr ftonrab brauchte, wenn er 
abgearbeitet oom (See ober au§ ben SKeben fam. 

(Sin betannter Qurift unferer ßeti r)at mir einmal 
erjahlt, feine ©rofcmutter fyabe oon ihm al§ ßnaben oft 
behauptet : „SBenn beraub ju effen befommt, fo oiel er 
null, fo wirb ber $erl gefährlich." 

9ttein dübele fagte mir bagegen oft, er fei nie ge* 
fäbrlicher geroefen, al§ roenn er junger unb $>urft gehabt 
unb man ihm bie Heilmittel b<*be oorenthatten motten, 
©efättigt fei er ber friebltchfte 3Jlenfct). 

(£r mar alfo ba§ ©egentfjeil oon bem eben genannten 
^uriften, ber Ijcute al§ Sflinifter einer Regierung bient, 
meiere an oielen fingen junger leibet, juni ©lücf otel* 
leicht für ihren leitenben (Staatsmann, ber, roenn gefättigt, 
noch gefährlicher roerben fönnte, al§ er jetjt fdwn mannen 
beuten ift. 

9Iber eine§ ehrte ben ftonrab in jenen JJlegeljabrcn, 
bafj er trotjbem an feine geiftige 9lu§bilbung badjte. $)a 
fam in jener 3ett ein fremb' SJlännletn, ber £e& genannt, 
oft an bie ©eeufer unb oerforgte bie hühnerlofen $eb* 
börfer mit (Siern. ®r mar ein armer Teufel, trug Gumpen 
ftatt ber (Schuhe um bie JJüfce unb hatte eine ©erberge 
im ^Irmenhaufe $u £ange für bie 3eit feinet 2luf enthalte, 
aber er mar ein grunbgelehrter $erl, ber namentlich roahre 
£ejenfünfte im Rechnen auf ben Sifcfjen ber 2Birth§ftubcn 
aufführte. 

£)er grofj' dübele unb feine intimen ^ugenbfreunbe, 
ber Qaf ob 93ocf unb ber 2Begt§ vulgo ber Jranjo^, ben mir 
fuäter fennen lernen, nahmen ©tunben im Rechnen bei 
bem £>ej$. — 

SBenn er mir oon ben alten ©chifferjeiten erzählte, 
mein (Sacriftan, fo fd)impfte er j^rceiB auch über bie 



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— 112 — 

S)ampffraft, welche ber flcincn ©egelfdnfferei, bem $rob 
meto (Seeleute, ein @nbe gemalt höbe. 

„$)er £>ampf/ meinte et, „hat mit feinem 2Kafchtnen* 
roefen mehr ßeute ruintrt, als ber SBobenfee fdjon oer* 
fd^tucft. $)aS ©lement beS Kampfes ift gefährlicher für 
bie arbeitenbe 3Jlcnf^cit als bie ©lemente SQBaffer, fteuer 
unb £uft sufammen/ 

Unb bann fprach er oon ber alten, poefteoollen 3eit 
ber ©egelfdn'ffe, roie bie ©chiffSleute, oter 2ftann in ber 
SRegel , oon $ange um Mitternacht abgefahren unb mit 
£ilfe beS conträren DftroinbS fchräg ben ®ee hinauf gen 
Bregens gefegelt feien. $)ort hätten fie nach sebnftünbiget 
g-ahrt gelanbet, einen guten Srunf gethan in Suroler* ober 
Ungarroein unb bann btS junt Slbenb ihre ©djiffe mit 
Brettern beloben. Wit bem gegen Slbenb einbrechenben Oft» 
roinb warb bann abgefegelt, feeabroartS, am „Shntgt" hin. 

SBei Sag unb Stacht hatten fte an biefem ©chtoetjer 
Ufer ihte (Stationen, oon benen aus man ihnen ©chroojer* 
brob, Sftoft unb ftäS auf Heinen Zähnen auführte. 

$n ber 9lähe biefer pitye angekommen, ergriff einer 
ber (Schiffer ba§ #om unb „rief 93rob unb 9Jloft hwein*. 

2lm jtoeiten Sage nach ber Abfahrt in SBregenj toarb 
in (Schaffhaufen gelanbet, bie Stacht gelöfcht, unb bann fuhr 
ba§ ©dnff mit ©npS belaben an ben Dberfee. Ueber jebe 
gjla^eit gab'S auf ben 9Jlann oier (Schoppen „SBi". 

SRhcmaufioärtS tourbe baS (Schiff meift oon ^ferben 
gejogen. ^Berühmt als ^fHoffcr" mar ber „SBarthle oon 
$$teftngen", ber alle (Schiffe, bie nach bem Dberfee heimfeht» 
ten, bis jum ©tetbtehen (Stein , hinauf roffte". Slber unter* 
rcegS warb im Säioen oon Liebenhofen, roo ade (Schiffs* 
leuf einfehrten, bie geheiligte SBterjahl ©poppen getrunfen. 

Jßon ©tein bis ©tiegen, 100 ber ©ee beginnt, mußte 



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113 



Da§ (Schiff von 9ttenfdf)enf)anben geföoBen werben, ba 
*ßferbe md)t meljr getyen tonnten. 3Jttt Sftiefenftangen 
ftemmten bie ßeute an bie planten be3 ©c^tffe§ unb 
fttefjen e$ fo ooHenbS am Ufer be§ S^etnS hinauf in 
ba§ öeefen be§ fdjroabifd&en 9tteere3. 

tarnen fte glüctlid) mit beiben grasten §tn unb Ijer, 
fo Ratten fte 60 ©ulben SKetngenrinn. $raf aber un« 
günfiiger SÖinb ein unb mußten fie in einem $afen Ianbcn 
unb, roa3 oft gefcfjaf), liegen bleiben, fo tränten, tränten, 
tränten bie müßigen ©Ziffer unb oertranten allen Profit. 

SIber ba§ mar bann, nrie fte ^eute noc§ ersten, bie 
einftigen ©c^ipleute, bie fdjönfte gafjrt; roenn fte Ijeim* 
teerten, nafj roie eine 9ftau§, oon SBinb unb SBaffer au§* 
gepeitfd&t, o^ne ©elb, aber innerltcf) frol) „über bie guten 
Srünfe, bie fte gehalten, unb bie gute ©efeUfdfjaft, fo fte 
gefunben". 

%a trieb ber Söeftmtnb oft fed)§ unb ad&t ©egelfd&iffe, 
©djrouser, Defterretc^er, ®df)n>aben, Säuern unb 33abif cf>e, in 
einen flehten §afen, nrie Sßafferburg, Langenargen, ^Irbon, 
jufammen. Sitte räfonnirten über ben „toge 2Binb", aber 
alle tränten in ber „^ßutte" am £afen, im ©dfjiff ober im 
hinter, erjagten oon oiel grauftgem SÖBettem, al§ bem 
beseitigen, unb oon ben alten ©Ziffern, wie bie nodf) mef)t 
©elb oerbient unb nod) meljr getrunfen Ratten. $jn feudjt* 
ftäf)lidjem ©algentyumor warb fo guter 2Binb abgewartet. 

§eute tyaben ©ifenba^nen unb £)ampffd£)iffe aud) 
biefe§ ©tüct 93olf§leben§ faft gänjlidf) begraben. fkux „ber 
9lot^ oon ßefsmul" bringt nodf) auf feinem großen (Segel* 
fdjiff ben Sttaurern an beiben Ufern Ijin bie 93acf* unb 
3tegelfteine oon SBobmann herauf, unb bie Ufylbtnger 
©Ziffer fegein für bie gro^e $unftmül)le oon £etlig nad> 
fiinbau unb fyolen ben ungarifdjen SBei^en. 

$anSia!o6, Schneebällen, dritte SRetye. 8 



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— 114 — 

@o oft mir, mein ©acriftan unb idt), vor meinem 
#au3 ober hinter ber Sttrdje füjenb, ein grofceS Segel* 
f$iff fahen, begann er feine ©eufjer über bie oer* 
gangene, gute alte Qtit ber Segelf chiffaljrt. <&r ledfote 
nad) bem SJcoft, ben er in feiner %uwn\> mit bem £oro 
„oom Eljurgi in ben See gerufen", nad} ben oier (Stoppen 
im Söroen gu 3)iefjenhofen unb rebete oom „Stertfjle 
oon SBiejtngen", feinen guten Stoffen unb feinem ftarten 
$)urft. 

Unb er Wagte bitter über ben „Staat", ber mit feinen 
S)ampffdjiffen bie fleinen Seute ruinirt unb au§ ihrem 
Seben fo ooll oon Sujt unb $)urft, fo ooll oon Arbeit 
unb (Shtfjolung bie frönen Sdjtffertage genommen fyabe. 

93 on ben legten Schiff bleuten biefer abroedjfelnb ebenfo 
luftigen als müheooBen guten Qtit ber Segelfd)ifferei leben 
heute nodj in Spange gtoei #auptmatabore. 2)er jefctge 
„^oftmeifter", ber «aptift Stteichle, unb fein «ruber, ber 
SRiefe Slnfelm, ber bie $>ampffchiffe, fo am ßanbungSfteg 
oon £ange anlegen, „anbinbet" unb bie ©üter ejpebirt. 
53ctbe finb in ihren bermaligen friebtid^en Verrichtungen 
Stteifter erften SHangeä, unb niemanb, ber e8 nid^t roetfj, 
mürbe in biefen pünktlichen Beamten ber $oft unb be§ 
^)ampfe§ bie ehemaligen roilben Seeleute roieber erfennen. 

©in unb ba§ anbere fyabm fte gerettet auS jenen 
ftürmifdjen Sagen, fo bie Siebe gu einem guten $runf, 
ferner bie SRuhe gegen jebe brohenbe SBeroegung beS 
SBBafferS. 2113 im #erbft 1891 ber See fo hoch ftieg, 
bafi bem *ßoftmeifter ba§ Söaffer in feinem £äu§chen im 
Unterborf nicht nur in ben Detter brang, fonbern audt> 
in fein *ßoftbureau, unb fein 2öetb, bie Rüther, unb feine 
elf ütnber &u meinen anfingen, nimmt ber SBapttft rufjtg 
feine *ßoftf adjen sufammen unb f priest ju ben SBeinenben: 



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— 115 — 

„2Ba§ Märet 1 ) 3f>r no, 'S ifd) jo bigott SBaffer g'nug 
im £ü§le." 

» SBenn it)m, bcm brauen 2ftann, feine pfeife unb ber 
fcrunf fdnnecft, oerliert er feine ©efunbe ben §umor, 
ob audj ringS um ifm bie SBelt in krümmer getye. — 

SBäljrenb ber grofje dübele im grüfjjaljr unb ©om* 
mer, wenn ein „fte^r" in ben Sieben roieber um mar, 
oft auf bem (See arbeitete, 309 er jum ©pätljerbft unb 
&ur SBinterSjett, wenn bie bieten (Seenebel unb ba§ ®i§ 
auf bem SRfyein ben Sßerbtenft auf bem (See erfdt)roerten, 
in ben Söalb unb machte #olj ober er arbeitete in ben 
Kiesgruben für ben (Staat, ber Material für bie ©tragen 
am ©ee l)in brauste; Arbeiten, bie ü)tn ebenfo votier 
$oefte waren, nrie bie Sage auf bem (See. 

SBBir fennen ben 2Balb Steingarten hinter bem $orf* 
pgel bereits au§ ben SRaubfafjrten be£ $rinjen §anne. 
©r tyolte l)ier freoelnb fein £ol$. @3 ift ein nmnber* 
fc^öner SBalb mit f)errlidjen Mannen unb Suchen, eben 
rote ein ^art unb mit ben ©tragen eines <ßarifer 93oule* 
uarbS. 

Söenn i$ alles, roa§ mir im Seben fdfjon pafftrt ift, 
»ergeffen follte, bie ja^Uofen, einfamen ©tunben, bie id) 
m'erje^n ©ommer Innburd) „tm 2ötgarte" augebracfjt f)abe, 
benfenb unb träumenb, roerbe iti) nie oergeffen. 

©tet§ f)ab' idj it)n feiner ganjen Sänge nad) burdt)* 
roanbert, beim ©ingang nod) einen langen SBIicf auf ©ee 
unb SBerge roerfenb, unb beim SluSgang, ruljenb, roieber 
in ©ee unb $8erge geflaut. 

3Ber nie alltäglich, mutterfeelenallein, &ur ©ommerS* 
$eit in einem beutfdfjen 2Balbe gegangen ift unb nidjt feine 
©pracfje erlernt unb nidjt feinen ©timmen gelaufdjt Ijat, 

») bittren = freien unb weinen }ugfeu$. 

8* 



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— 116 — 

bcr fcnnt nid)t bie 2Jtad)t ber ftittcn Statur auf ba$ fülle 

(£r begreift aud) nidjt, roie tdj meinem alten (5a* 
ertftan e§ nacf)füf)tte, wenn er von feinen 203interfreuben 
im Söatb erjagte, wenn biefe feine ftreuben aud) roeit 
berber waren al§ meine ©ommerträume unter ben Stin* 
bern jener Söäume, bie er al§ Holjmadjer gefaßt. 

S)ie arbeit§Mftige, männliche $ugenb von £ange 
fjatte ju allen ßeiten einen lobenswerten ©tfer, bie ®affe 
be§ 93ater§ Sfabmann, bem feiten ein ooller £erbft gu 
nrirb, ju fronen unb fid) ba§ ©elb für Kleiber 
unb SSergnügen mit Nebenarbeiten felbft oerbienen. 

$8alb roirb bie§ £anbgelb auf bem ©ee, batb in 2Balb 
unb f^elb geholt. S3atb ftnb bie jungen $angouer ^ifd^er *) 
unb ©Ziffer, balb goljmad^er unb £agelöf)ner — immer 
aber f)tejien fte „Sftebleute". 

©o tft'§ jum grofjen $f)eil Ijeute nod), unb fo roar'3 
ju be§ grofjen ftübeleS .gugenbäeit. 9iur mar, roie er oft 
fagte, &u feiner Qzxt ba§ ^olpiadjen im Steingarten 
luftiger, roeil ftd^ babei eine 9lrt unblutigen SftäuberlebenS 
abfpielte, ba§ fjeute nirfjt me^r möglich wäre. 

(£3 ift un§ Sterblichen aßen eigen, bafj mir mcfjtö 
gemetnf am ausführen fönnen, olme bafj babei (£ffen unb 
Srtnfen eine Hauptrolle fpielten. ©aben Könige unb ßaifer 
^ufammenfünfte, um mistige ©taat§fragen gu beraten, 
fo fyaben bie £)iner§, bie babei gehalten werben, ftdjer 
nief)t bie letjte Kummer. Sßereimgen ftcf) ifjre -ättinifter 
ju gleiten Qmdm, fo fielen bie Safelgenüffe nic^t hinten* 
bran. kommen irgenbmo bie 2Känner ber SÖötffenfd&aft jiu 

*) 3u meiner Jeit oerbienten einzelne auJ) (Selb mit Suffu$en von 
SUtertf;üiucm aus ber Stein« unb Sronje^eit in ben alten Pfahlbauten am 
eeeufer tjiu. 



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— 117 — 

fammen, flugg vereinigt ein Wlafy bie ^bealiften unb bic 
Sftaterialiften, unb ba erft planen bic ©elfter lo§. SBirb 
irgenbioo oon bürgern ein ©efang*, Sunt», *ßompier3# 
fefi gehalten, fo ift '3 ©ffen unb Srinfen bie §auptfad)e. 

bringen bie Bauern auf bem 6dE)roar$toalb ein Stirb 
gut Saufe ober einen lobten oon ben bergen Ijerab, bem 
Diele 3*eunbe unb 93ef annte oon fernher ba§ (Mette geben, 
fo oereinigt ein fcaufeffen beä ßtnbeS Begleitung ober eine 
,£eibfcf)etuV bie £eibtragenben. 

Shir^um, bei alT unferer ^olitif unb 2Btffenfd)aft/ 
bei aW unferen patrtotifdjen unb bürgerlichen fteften, in 
greub unb Seib fteljt ber Sflagen im SJttttelpunft unb 
f priest: # $olttiftrt, fdfjioä^t, räfonnirt, fingt, arbeitet, 
weint — tf)ut, roa§ ifjr wollt, iljr Unfterblidjen unb ifjr 
©ötterföljne, idfj birigire eud) bod) alle. 9JUt atT euren 
Sbealen unb alT euren erhabenen ©eelenftimmungen oer» 
inöget i§r nidjt, mtdfj ju fättigen. Btelmeljr fe^nt i^r 
eud>, oon jenen gefättigt, mir bienen ju fönnen/ 

%xum freut ftcl) ber Schnitter im ©ommer, wenn 
gur SJMttagSjett überS gelb fjer bie 9flägbe ober bie £öd)ter 
be§ £aufe§ in großen körben ©ffen unb Printen bringen, 
unb e3 freuen im SBinter ftcl) bie £oIamaa)er, wenn fte, 
um3 geuer gelagert, it)r 3Jla^l oerjeljren. 

Qn meiner Sfttabenjeit f am an SÖBtnterabenben reget» 
m&fstg ein ^oljmad^er au§ bem Urioalb in meinet SSater» 
SBäcferftube, tränt einen ©cf)nap§ unb aft ein „©rofdjen* 
laible" baju. (Sr f)tef$ ber „^faffe*6epp*, war au3 
Schneflingen jenfeitS ber Sttnjig unb ein ftitter, mort* 
farger Sttann. Slber ba3 fpracl) er bod) regelmäßig: 
freu' mi be ganje Xag uf mi ®c$näp3Ie un mi ©rofd^c* 
laible am D be V 

H a&enb. 



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— 118 — 

@o freute ftd) aud) ber grofje dübele auf§ Sfttttageff en 
ttm§ ^euer im Sßatbe unb fjatte beff en ^oefte felbft md)t im 
Ijoljen 2Ilter oergeffen. 2lber um jene§ SD^littageffcn l)ing eben 
aud) ein <5tüd SRäuberpoefie. ©3 mar eine Sttrt Ütäubermafjl. 

^n feiner ^ugenDjeit Ratten bie Gebleute am <5ee nur 
im ©ommer, roo ber 2Beinftocf burd) feinen Ueberflufc an 
^Blättern gutter gab, je ein $üf)tetn. ^a§ rourbe nad) bem 
£erbft getöbtet, gef al jen unb geräuchert unb gab bie einzigen 
fleifd)lid)en Secferbiffen für ben SBinter ab. ©djroeine ju 
galten mar fernerer; baju fehlten bie Wild) unb ba§ 9flefu\ 

$)en ^oljmac^ern im 2Beingarten rourbe ba§ Wittag* 
effen, nrie je^t nodj, vom $)orf Ijer gebraut: S^nöpfle unb 
Sonnen unb al§ Parität einmal in ber 3Bod)e „btgen" *) 

$)iefe§ einfache, ftet§ ftd) roieberfjolenbe 3Jlenu mar 
unferen ^oljmadjern unter ber gityrung be§ langen ßon* 
rab ungenügcnb, um fo meljr, aB fte von ben Sauern» 
Ijöfen im ftücfen be§ 2BaIbe3 täglich fterbenbe Scheine 
f freien Nörten. Unb roenn einer ober ber anbere von 
ifjnen in einem ber £öfe $euer f)olie ober einen $od)* 
fjafen lief), um ba§ (Sffen ju roärmen, ba faf) er, roie bie 
S3uren 9Jte^elfuppen gelten, roäljrenb ben ^olgmadjem nur 
bigen Rttfcffeifd) blühte. 

SRidE)t blo§ jroei Siebenbe miffen e§ ju machen, bafe 
fle jufammenfommen, aud) bie Sfttfyfletfd) oerfdjmäfjenben 
^oljmadjer unb bie fpeef reichen 93auern fanben ftd) in 
be§ 9Ba(be§ büftern ©rünben jufammen unb fdjloffcn ein 
SBünbnif* auf Soften eines dritten, ber ben SEBeingarten 
annettirt, ju beutfd), bem Softer genommen f)atte. Unb 
biefer dritte roar ber ®taat. 

$>ie dauern brauten am 2lbenb ©pect, ©d&utfen, 

») geräucherte«. 



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— 119 — 

SBürfle unb (SdjnapS unb fjolten bafür £olj , gefpalten 
unb ftammroeife, rote fte e§ gerabe brausten. 

Qxoax fafj unroeit oom SBalb in einem ehemalig 
fcifcfjöflicf) fonftangifdjen Sagbfdjlofc ein O^tfter, bem be3 
3BaIbe§ £ut anoertraut roar unb ber einige Sflal in ber 
2öocf>e nadj ben ©oljmadjem fal). Silber er roar gerooljnt, 
nad) jeber iftetme, bie ifjn in bie 9läf)e be§ roeinpflanjen* 
ben ©ee*$örfd)en3 £ange braute, bort lu'nab ju gelten 
unb im 9Ibler ein§ ju trinfen unb $u fptelen. 

2Bäl)renb er firtdh unb tranf, tauften Suren unb 
^oljmadjer if>re SBaaren unb polten bie übrigen $angouer 
iljren §oljbebarf im „2Btgarte\ 

$)ajj ade ftd)er roaren oor bem JJörfter, bafür forgte 
niemanb anberer als ber bamalige $orfoogt 2lmfer felbft. 
@r fpielte unb tranf regelmäßig mit bem fjorftroart bi§ 
jur SJlitternac^t unb Ijielt ifjn l)in, bi§ ade Bürger unb 
Säuern ifjren Sebarf gebeeft unb ifjren $aufd)f)anbel 
abgemacht Ratten. 

Unb bie Sttoral? %k Ratten ber Sogt unb feine 
Untergebenen von jenem dritten gelernt, ber faum fünf* 
unbjroanjig $af)re juoor ben Sßigarte geholt tjattc, offne 
ben ©igent^ümer ju fragen. 

,$)er ©taat/ meinte ber Sogt, „l>at ben ganjen 
Söalb geholt, roir f)olen nur einzelne Säume. * 

$)a3 SUofter Ijatte ben bürgern unentgeltlich #olj 
gegeben, \z%t foHten fte e§ bejahen unb jroar einem, ber 
felbft nid)t§ besagt fatte. 

©tilloergnügt fd^munjelte mein alter Sacriftan jebe§* 
mal, roenn er an jene Sage ju reben fam, ba er im SBalbe 
flott gegeffen unb bie SUofterleute gerächt fyatte. 

S)a3 roar bie JJolge ber napoleonifc^en 9floral oon 
ber # 8äfuIarifation" be§ ftrcf)ltdjen (£igentlutm§. SBenige 



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— 120 — 

Saljre fpäter ftcllte *ßroubl)on, bct crftc ©ojialbemofrat, 
au§ biefer Sftoralleljre bcn ©atj auf: „(Stgentlmm ift 
< 2)iebftaf)l 4 ', unb fo folgte ber ©äfuIattfationS^c^rc unb 
*<Prartö von oben in unfern Sagen bie ©ätularifatton§* 
Sljeorie *on unten unb jroar gegen <*tte3 ©igentfjum. 

9^ie fonnte id) meinen ©acriftan überzeugen oon bem 
Unrecht feiner SBalbmafjlaeiten, unb id) bin feft überzeugt, 
bafc er nod) in feinen alten Sagen unb in feinem 9lmt 
al§ ftirdjenbiener mit feinem ©ofme „SBenni" met)r at§ 
eine $al)rt #olj ober. Sftebfttcfel im SBigarte geholt Ijat- — 

©eine ftumpane in ber Qugenbjeit waren ber SBocf 
unb ber JJranjoS. SBalb ober in ber Kiesgrube unter 
ber SBergfyalbe am ©ee nrnren bie bret ftetS ooU £umor. 
Oft, roenn ein San$ ober eine ©od^eit in ber Sftälje mar, 
gingen fte oon ber Slrbeit roeg unb begaben ftcf) jum 
Sans in tyrer 2lrbeit§fletbung. 

(Mb Ratten fte genug, ©ie waren Arbeiter roie 
feine , unb baju Ratten fte eine (Srfinbung gemalt, eine 
ilftüfjle, meldte ben $ie§ forttrte. ©ie befamen für ba§ 
patent oon ber ©trageninfpeftion eine größere ©umme, 
jugleid) al§ SBelo^nung. 

©o tarn e3, bafc bie brei unb oorab ber grofj* dübele 
nirf)t fo balb ans #eiratf)en bauten, roeil flc lebig bie 
luftigften Sage genoffen. 

SBerlobt mar ber (Brojje f$on lange. (Sr f)atte feine 
ßre^ena, bie treue ©efäfjrtin feiner fpäteren Seiben unb 
feiner Slrmutf), längft gefunben bei einem — „ftunfen". 

Qebeä ftrüfyafjr, wenn ber erfte ©djnee fd^miljt unb 
bie ©onne bie erften Sflorgennebel über bem ©ee jieljt, 
am erften ©onntag in ber %a\ttn, mirb in allen Dörfern 
am regten ©eeufer l)tn ber $unf en angejünbet, unb & 
tjeifjt ber Sag bef^alb „ber 3unfe*©unnttg". 



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— 121 — 

9In bicfcm £age fahren in $ange nadf) ber SBefper bic er* 
road&fenen $uben im Sllter »on 15—18 Qaljren mit einem 
Sßagen, ben fte felbet sieben, von #au3 gu £au§ unb 
fammeln £ofy jum gunfen. <3ft 9^9** erhalten fle 
in jebem £au§ einige SBünbel „Qaxkn", SReb^olj. 

SBalb ift ber Söagen fo soll unb Ijod) beloben mit 
$ctrlen, nrie ein $euroagen im ©ommer mit £)ürrfutter. 
(Sie bringen i^n mit r-ieler 3Jlüt)c auf ben „SBud&enbidjer, 
einen £ügel über bem ßird^of mit f)errlidE>er <Sd£)au auf 
(See unb 2l(pen. $)a§ ^olj wirb fn'er gu einem liefen* 
ftofc aufammengefetjt. ©egen Slbenb fammelt fid) $ung 
unb 311t, oorab aber bie ßebigen beiberlei ©efd(jled)t§ um 
ben <5to% ©obalb ber „Sflefjmer* im S)orf brunten S8et* 
jcit flautet %at, wirb ber #aufe an allen ©den ange- 
junbet, unb alle beten laut „ben engltfdfjen ©rufe*. 

SBenn bann bie erften brennenben §öljer abgeglüht 
unb oerfof)lt ftnb, fo beginnt ba§ beliebte „Aromen", 
b. i bie SBuben madfjen bie Sttäble fdfjroarj im ©eftdjt. 

3lm liebften „bromt" ber S3urfdE>e baSjenige 9fläbd)en, 
roeldjeS ilnn am beften gefällt. Unb rool)l jebermann be* 
greift, bafc bie 9ftäbcl)en, fo Ijers^aft fte fidf) aud) mehren, 
e3 lieben, gebromt $u werben. 

©o fommt e§, bafj, wenn ber gunfen abgebrannt unb 
tobt ift unb am bunfeln 9lbenb oiele 9Häbd)en gefdjroärjt 
§etmfciel)en, oft nodfj gunfen leuchten in ben ©erjen, 
Junten, bie fortglü^en bis jum £ocf)3eit§tag. 

$rei SBodjen nadf) ben Junten am regten ©eeufer, 
am (Bonntag fiätare ber gaftenjeit, brennen am Slbenb bie 
gunfen am Unten (Seeufer unb am Dftenbe be§ fd)roäbifcf)en 
9tteere§. (Sie ftnb roeit malerifd^er unb mirfen weit 
magifdjer, weil fte aus einer ©ebirgSroelt ^erabf unfein. 

©3 ift bie (B^mxizx, SBorarlberger unb SWgäuer 



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~* 122 

Sugenb, bic um jene roett ^erab in ben ©ee günbenben 
5unfen ftd^ fammelt unb ftittoergnügt ben grühling in 
ber 9tatur unb im SJtenfchenheraen feiert. 

SRegelmäjjig bin ich in ben Dielen Qa^ren meinet 
Aufenthaltes am ©ee am Abenb be§ £ätarefonntag§ allein 
auf ber §öf)e beim „SBetterfreuj" geftanben unb höbe bie 
gunfen, rceld)e Dorn Dberfee herableud)teten, auch auf mich 
urirfen laffen. 

©in le^ter Sid)tftretfen ber ©onne ftunb noch über 
ben Alpen. $)er ©ee ftitl unb meUenloS, als tr-oUt' aucl) 
er jur ütuhe ftch begeben. £iefe, tiefe ©ttHe in ber Statur 
ringsum. Sifpelnb nur fpielt ber 2Binb in bem ßinben* 
bäum am 2Betterfreua. %a blit>t brüben im Sljurgi ein 
gatnfen um ben anbern auf, höher unb immer höher im 
©ebtrge jeigen fte it)r ©luthauge unb nrie ©terae heften 
fte ftd) auf bie SBergroänbe broben am ^fänbler unb unter 
ber ßamttefluf). 

$)er 9lbenb finf t hinab, bie üftacht f ommt, unb immer feu* 
riger ftrahlen bie ©terne oon 9ttenfchenhanb, auf meldte ihre 
©chroeftern am £)immel§jelt blaß unb bleich herabfehauen. 
%od) bie menfcf)ltcf)e ^errltd^Ccit bauert ja nicht lange, unb 
bie §immltf djen fönnen allezeit unb in alleroeg ftcher fein, 
bafj mir ihnen nicht ju lange ftonfurrenj machen. 

©in jjunfen um ben anbern erlifcht, unb balb ift'3 
9^ad)t ^ buntle $laä)t auf ©rben, unb nur am Gimmel 
noch ift Sicht über ber ftiUen Watur. 

©0, backte ich manchmal, wenn ich n>ehmuth§ooU c-om 
SBetterfreuj tyxdb bem 2)orf auftritt, fo geht'3 mit allen 
Sichtern be§ menfehlichen ©eifteS: fie funfein einige gett, 
funfein im $)unfel, ba§ un§ ring§ umgibt tro§ aller 
SÖSiffenfchaft, machen oon ftdt) reben, laffen auf ftch fdjaucn, 
ftch benmnbern unb beflatfchen — unb bann löfchen fte 



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— 123 — 

<ro8 unb gef)en unter in bct 9lad)t be§ $obe§ unb bcr 
SBergeffenfjeit. — 

Unten im $)orf aber traf id) jeweils bie Qugenb, 
jubelnb oom eigenen Junten ober non ber gunfenfcfjaufyeun* 
tefjrenb, gleich Reiter, ob ber Junten glühte ober in 9Ifcfye 
fant S)ie Qugenb fjat ja immer ©onnenföein unb weif* 
nid)t, wie in ben alten 9flenfd)en bie irbifäen ©terne 
©erlösen unb e§ 9iadjt wirb — im ßeben. — 

SBenn id> nidjt e3 wüfjte unb an fyunbert anbern 
fingen e§ fäf)e, roie bie *poefte im Sßolfe fdjwinbet, idj 
fönnte e3 an ben Junten erfahren. 

Sftod) cor swanjig ^afjren, ba icf) oom SBetterfreuj 
bie greubenfeuer ber Qugenb oom ©ee unb ben Sllpen be* 
trottete, tonnte man 60—70 foldjer Junten leuchten fefyen. 
Sefct, fagt man mir, feien faum nodj groanjig fidjtbar 
am ©onntag ßätare. 

®ie Qugenb roirb eben beim heutigen JMturfor tföxitt 
tttd)t mefjr jum Qbealen, fonbern jum Realen erjogen; 
üerbienen, profitiren, fmnlid) genießen ift bie ^arole. 
Unb ein ©tücf :gbeaü3mu§ gehört eben bo$ baju, ganje 
©olaftöfie $uerft oon #au§ $u £au§ ju erbetteln unb bann 
mutant auf bie $8erge§l)ölje ju fdjaffen. 

%zx heutigen Qugenb fd)aut babei ju wenig !jerau§ ; 
fle trinft roä^renb ber 3eit, bie fte pm Junten brauchte, 
lieber SBier unb 9Koft unb frafe^lt in ben $orfftrafjen. — 

$)te £angouer galten bi§ pr ©tunbe treu unb feft 
an tf)rem ^unfen, unb ba§ lob* idj an i^nen. 3lber fte 
galten aud) nod) an etwa§ feft, wa§ mit bem Junten 
melfad) „feelifd^ sufammenf)ängt. 

©leid? nadj) bem Junfen^onntag fällt in bie gaften* 
jeit ba§ fteft be$ 1)1. Qofef. 9ia$mittaajS um 1 UI)r 
wirb uon alter? §er an biefem i$i\tta$ in bem benad)* 



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— 124 - 

bctrten $)orfe Lippenlaufen eine ^rebigt gehalten ju (Sfjren 
be§ ^eiligen 9ftüjrDater§ (grifft. 

%<& S)orf Hegt unfyeimlidf) einfom unb nerftecft hinter 
ben Sftebljügeln, bie e§ Dom ©ee trennen, unb frembe 
Söanberer fommen jahraus jahrein ntdjt in biefeS abge* 
legene, ftiHe 5)örfd&en, ba§ um unb um tiefe SMand&olte 
auSftrömt. 

9lber am :3ofef3*£ag Sftadfjmittag ift Seben in „flippe* 
Inife". %a ftrömen bie 33uben unb Bttaible, welche um 
ben Junten geftanben finb, bromten unb gebromt mürben, 
au§ ben näd)ftgelegenen ©eebörfern ©agnau unb Qmmen* 
ftaab &ur *ßrebigt übet ben £L Qofef, ben Bräutigam 
unb ben Verlobten ber 9ttutter ©otteS. ©ie rooUen in 
finniger ober beffer gefagt in fdjlauer 9Irt tt>rc formlofe 
Verlobung für bie 3 u ^ un f t un * cr oen ©$ufc be3 f)eiltgften 
Verlobten fietten. 

SKacfj ber $rebigt gefjt'3 ins SBirtl^auS, aber uor 
2lbenb nod) in aUen ©f)ren raieber fjeim. 

<£>er Junten unb ber \jL Sofef non SKppeljufe fjaben 
fd)on mandj ein <ßaar aufammengefü^rt für§ ganje geben. 
£)rum fef)lt bei beiben feines Don aU T benen, bie ftdj ber* 
einft ^eirat^en motten. 

3$ felbft tyab' am erften jgofefStag meines Slufent* 
$alte§ am ©ee bie *ßrebigt im einfamen $)örfdf)en gehalten, 
unb al§ id) nad) ber *ßrebigt ben Pfarrer fragte, roarum 
fo ©iele lebige Seute in ber ftirdje gemefen, ba erjd^lte er 
mir mm biefer merfroürbigen SBereljrung beS 1)1. Qofef. 
Unb afljäfjrlicf) falj idf) bann, Diele ^afjre lang, meine 
Spfarrjugenb an Qofefi jur 2Hittag§seit über ben fonnigen 
„$Budf)enbidf)el" roanbern, ftippefntfe ju. 

®o mar'S feit 2Kenfd)engebenf en , fagte mein alter 
©acriftan, benn audf) er mar in ber Qugenb mit feinet 



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— 125 — 

gre§aena U m ben ftmtfen geftanben unb mit t$t na<$ 
ßippeljufe gegangen. 3lber md)t blofc ein $al)r, fonbem 
rnele, Diele Qafjre. 

Unb warum? 2Betl ber Vetter 33Rarti bie (Ste^ena 
md)t leiben fonnte unb fte nid)t als £au§frau in feiner 
£ütte julaffen roollte. 

£)a§ gab mannen Äampf mit bem 2Ilten, ber eben 
nidjt blofj ein 3in3maier, fonbem au<$ ein ©djlaumeter 
mar. 3>ie ©reSjena mar etne§ r-erfcfyulbeten SftebmannS 
ßtnb, unb ber Detter Sftarti fjatte felbft fdjon meljr als 
genug ©Bulben „auf feiner ©ad)". 

@r fpetulirte bef^alb für feinen langen ftonrab auf 
eine reiche (£rbin, bie feine, SJlarti'S, ©Bulben beaa^Ien 
f)älfe, unb üjm fo gute alte £age oerf Raffte. 

Mein ber 8onrab mar ein noblerer 2ftenfd) als oiele 
fogenannte beffere unb gebtlbetere Seute. @r mahlte nad) 
bem §eraen, nicr)t nad) bem ©elbbeutel, unb lieg nidjt 
*on feiner (Sreäjena, fo oft aud) ber 2llte tobte. 

©djliefclid), nad) meljäbrtgem flampf, ber ftet§ unent* 
fd)teben blieb, griff ßonrabS Siebe a« einer $rieg§lift. 
@r ftedte bem 2llten r»or, e3 fei unmögltd), „eine Partie* 
au machen nad) be§ Vettert ©inn, fo lange man nidjt 
nriffe, nrie treuer ber Äonrab £ütte unb ©ut übernehmen 
müffe. $>a§ leuchtete bem greifen SHebmann ein. (£r oer* 
faufte ©ab unb ©ut unb ftd) felbft au lebenSlängltdjcr 
Verpflegung bem Neffen gegen Uebernafyme ber ©Bulben, 
aber unter ber Vebingung, bog bie (£re£jena nid)t inä 
£au3 fomme. 

Qe$t ging ber neue (£tgentf)ümer ber flcinen gütte 
imDberborfaum Vater ber (Sre§aena, ber ebenfo fdjulbenreid) 
mar, wie ber 9ttarti, unb faufte hinter be§ letzteren iHücfcn 
aum gleiten greife jenem fein Slmoefen im Sttittelborf ab. 



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— 126 — 

9hm Ijatte bct arme Konrab jroei £>äufer, jroet ©ftter 
unb jroctfoc^c ©Bulben, aber feinen Kreuzet ©elb. (£r 
machte je£t einen ©taatSftretch. 

$er grofee griechtfehe dichter ©uripibeS jagt einmal: 

©od JHecf)t gebrochen werben, fei'S ein Königsthron, 
Um ben man'3 bricht! 3m Uebrigen fci'g heilig bir! 

Unfet armer Konrab mufjte baS SHecht bißiger brechen, 
unb brum, fo lange er lebte, fagte man üjm nach, wie er 
ben alten SJtarti betrogen, §ätte er im Unrecht einen 
Königsthron erobert, ftünb* er al§ großer Sttann ba. 

„$)ie ©djanbe/ meint ©Ritter im ftieSco, „nimmt 
ab mit ber roachfenben ©ünbe.* Unb beim Konrab nahm 
fte &u unb hörte nimmer auf, weil feine ©ünbe nicht gro§ 
genug mar. 

Unb roa§ mar fein Unrecht? <£r oerf aufte £ütte, ©üt* 
chen unb Detter gegen eine f (eine ^lufjahlung an einen ftrem« 
ben, „ben 93ur>r" au§ bem 9£achbarborfe Qmmenftaab, unb 
heiratete feine (SreSjena auf il)re§ SßaterS #au§ unb ©ut. 

@r mar 32 Qahre alt geworben, als er ju bem JJreoel 
fct)tttt, um bie ©re§aenj enbtich heimführen unb bod) bem 
Sßetter SQBort halten &u fönnen, fie nicht in beffen £au3 
ju bringen. 

<£§ ging ihm, nrie taufenb anberen. (Sr mar am 
ßiel feiner 2Bünfcf)e, aber auch alSbalb ein -äJtärtgrer feinet 
©chulben, roie bie meiften Gebleute am SBobenfee. 

Kommt ber $erbft unb ift ba§2Betngelb befahlt, bann 
manbert ber geplagte Siebmann junachft auf bie Domänen* 
fanslei nach Siersburg, jahlt ^achtgelber für feine Kar* 
ioffel* unb grud)täcfer unb (Schulben für @ra§ unb $oli, 
fo er ba§ Qahr über erfteigert hat. $)ann tommt „ber Qub" 
unb miß feine >}üifen unb Termine für bie Sfteben, welche 
man ihm oor Qahr unb £ag abgekauft hat. 



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— 127 — 

ffißenn ba8 aüe§ begabt ift — aber gar oft muf? bet 
Qub warten, ba er me^r ©ebulb Ijat, al§ bie 6taat§faffe — , 
fo bleiben, roenn'S gut gefjt, nod) ein paar 9Jlarf übrig 
für bie ©auSfjaltung unb bte Kleiber ber gamilie unb 
für ben ©onntagStrunf be§ SRebmannS. 

2Bäf>renb be3 Satyreä *™ Stoib oertauft ober 
flirfdjen, aber ba§ „fdjlupft" in bie $au§f)altung unb 
oerge^t rote ber <5dmee in ber gri^jöfjrSfonne. 

3)em ftonrab roar e§ boppelt fdjmerälidj, bafc bte 
6rf)ttlben aUe§ frafeen, roa3 er erarbeitete, benn er tyatte, 
tpenn er am ©onntag tn8 2Birtty£f)au3 ging, ju feinem 
angeborenen SRebmann§burft nod) ben großen junger oon 
anno 1817 tyer. 

9Iber ba§ Slflerfdjmerjlidjfte roar iljm ba§ folgenbe: 
93ei feinem ^oljmadjen im SBigarte fjatte er bie 6üfng* 
feiten be$ ©cbroeinefleifdjeS fennen gelernt unb befd)loffen, 
f obalb er eigener ©err fei , aUjctyrlidj ein „@üle" l ) ju 
mäften unb ju fd&ladjten. @3 gefcfjafj fo, aber roenn ber 
£erbft tarn, mufjte ba§ ©üle oertauft roerben, um jaulen 
ju tonnen. 

tiefer Umftanb unb biefer ©dmters I>at ben ßonrab 
fpäter in bie 2Irme ber SHeoolution getrieben. 

Unb in ber $f>at, e§ ift Ijart, feljr Ijart, unmenfd)* 
lidj Ijart, roenn ein armer SBauerS* ober SRebmann an 
SWartini, roenn ber £erbft* unb Ernteertrag fdjledf)t 
auffiel, nodj ba§ einzige ©üle oertaufen mufj, um ben 
,Qin3 ober ba§ *Pad)t* unb £oljgelb aufjubringen. 

SJttt SDSeib unb ftinb I)at er ftd) ben gangen Sommer 
über gefreut, im Söinter ein ©djroetn fd)lad)ten unb bis* 
rocilen audj ein ©tücf ftletfö ^«m SRaudj" genießen 
in tonnen. 2)a tommt bie fjarte S^otfj, bie 2lngft oor 

l| €(f)iDeinc&en. 



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— 128 - 

sßfänbung unb f>olt autf) no^ bic letzte freubige Sebent 
Hoffnung. $l)ränenben 9luge§ fd)aut ba§ arme SQScib^ 
welches ba§ $f)ier mit f)offnung§freubiger Sorgfalt gepflegt 
Ijat, flauen bic ßinber, welche ba§ $f)ierd)en gehütet utib 
gef)ätfcf)elt fjaben, bem 9Het>ger nad(), ber um ©elb, ba3 
anbern gehört, bie SBinterfceube wegführt. 

2öal)rltcf>, wenn td) e§ machen fönnte, feinem bürftc 
fein einjig ©djjroetu gepfänbet werben, unb tc§ fyalte ben 
3in§, fo mit fold) einem Opfer be^lt roirb, für 98lutjin§! 

$&tte ber grojj* dübele md&t fo mächtigen $)urft unb 
junger gehabt unb jebeS QaJjr fein ©üte behalten fimnen, 
bann märe er ftd^er ni^t fo oerbittert geroorben, bafe er, 
ol)ne gelungen ju fein, $u ben SOßaffen griff. 

3mar ftunb oor feiner grofjen üftaturfeele ba§ SBtlb 
von ben Qbealen ber „^retfyeit, ©leidjljeit unb SBrüber* 
ltdjfett", unb 5)emofrat mar er wie aEe 9flenfd)en, bie 
md)t als ßafcenbucfler geboren fmb; bod) wenn er im 
2Btnter feinen ©d&infen unb im Sommer genug ju trtnfen 
gehabt fjätte, mürbe er nidfjt an Umfturj gebaut tyabeiu 
©o aber trat er als geborener £)emofrat unb afö ge* 
jmungener ©üle*93erfäufer in ben SSorbergrunb ber SReoo* 
lution am oberen babifd^en SBobenfee. 

$ie erften Qbeen, meldte feine natürlid&e bemofratifdfje 
Anlage werften, empfing er oon niemanb anberm, als 
oom Pfarrer $inf oon $>ange. tiefer, ein ftarfer Sttann 
unb großer 3)emofrat oor bem £erm, mar feinen S^eb* 
leuten audO bej^alb feljr fmnpatlnfdE), weil er, wie mir 
bereits wiffen, ben ©eewein nid&t oerfcf>mäl)te. 

©in geborener „©eeljafe" au§ Ueberlingen, Ijatte er 
bie betben ßameraben 93otf unb ftübele, bie burcf) i^re 
3[nteUigenj ^eroorragten, burd) allerlei Seftüre angezogen 
unb fie au<$ in ba§ föeidl) ber fjrei^eit eingeführt 



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— 129 - 

S)er £ob oerhinberte bcn Pfarrer, anno 48 unb 49 
mitzumachen, aber feine groet (Schüler ftettten ftch tn§ 
SBorbertreffen für bie republttamfchen Qbeen. 

93eibe oertheilten Flugblätter unb waren eifrige Sefer 
ber „(Seeblätter". £)iefe, herausgegeben oon bem ebenfo 
talentvollen al§ unermüblidjen unb entfchloffenen Agitator 
gicfler in ftonftanj, braute ber gagnauer ©d)iff3mann 
unb SSotc SKeichle, ber $ßater be§ SInfelm unb be§ ^ßoft* 
meifter§, allwöchentlich einmal über ben (See in feinem 
Segelfcfu'ff. (Sie bereiteten bie SKeoolutton im (SeefreiS 
oor unb matten ben großen dübele gu ihrem fanatif elften 
Vertreter in £ange. 

9toch im Hilter ftrahlte er, wenn er baoon fpraef), rote 
ber gftdta e§ in ben (Seeblättern „ben Herren gefagt" 
unb rote feine (Sprache ihn begeiftert habe für bie SKeooluttou. 

Qu ber SBerfammlung, roelche am 12. 9lpril 1848 in 
Ronftanj tagte unb in ber £ecfer bie iRepublif proclamtrte 
unb jum bewaffneten Slufftanb einlub, roar ber groß* 
dübele üon $ange in einer ©onbel über bcn (See gefahren. 

©r roollte ftch juerft ftärfen im Samm. £ter er* 
jähUe ihm ber fiammroirth, ber grofce Agitator gicfler fei 
verhaftet, roa§ unferm langen Dfabmann fefunt ein beprt* 
mirenbeS ©efüfjl beibrachte. Unb al§ er in ber $erfamm* 
lung hörte, roie bie ßonftanjer föepublifaner SBürtc), 
ftuenjer, $üetlin u. a. bem §ecfer felbft roiberfprachen, 
jetjt fcfjon bie Sftepubltf &u proclamtren, ba ftteg ber grofj' 
dübele roieber in feine ©onbel unb fuhr tyim, in tieffter 
©eele betrübt unb überzeugt, bafc er für bie§ ^ahr noch 
einmal fein <Süle oerfaufen müfcte, unb bafj £>etfer, beffew 
9t ebner talent unb ^h^tfraft er übrigens alle 5lnerfennung 
joHte, ihm roeber oon ben (Schulben noch oom gin^ahlcn 
helfen roürbe. 

$on8jafob, e^neeöaaem X ritte 9tei$fc 9 



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— 130 — 

2Bie £edfer§ Shtöftttf) au§ $onftanj mit einem flehten 
$ät)nlein von JJretfcfyärlern enbigte, ift befannt; wenige 
2Bodfjen fpäter war er in ber ©djrocij al§ Verbannter 
unb fein ©efhtnungggenoffe flübele arbeitete im ©cljroetfee 
feineS 2lngeftdf)t§ roieber in ben Dieben. 

$)a§ ©eeferbilb in feiner ©tube, ben 93olf§mann mit 
bem ©djlappfjut nnb ber $afynenfeber, ber SBloufe, ben 
$anonenfttefeln, bem ©cfyleppfäbel unb bem ©tutjen bar« 
ftellenb, liefe ber $onrab jroar Rängen unb ben £ecferbart 
uod) ftefjcn, benn ber £>ecfer, fo meinte mein ©aertftan, 
„mar ein SJlann, ber ßourage gehabt §at; et tyat ge* 
Ijanbelt, unb bie anbern tyaben gefd)roäfct. Unb al§ er 
lo§fdf)lug, fjaben ifyn bie ©dfjroätjer in ganj £)eutfd)lanb 
im ©tid) gelaffcn. 3Iber ba§ ift ber dürften ©lücf von 
ie^er geroefen, bafe ba§ 93oIf nie einig ift.* 

9Iud) ba§ „^ecferlteb" fang ber ßonrab nod& unentwegt 
vox ftcf) Inn, wenn er allein mar. Unb raenn er SReb* 
fteefen fpifcte unb fie in bie (Srbe ftiefe neben bie SOßciu* 
ftöcfe, fo liefe er feinen ganzen Unmuts über ba§ SJUfe* 
lingen ber £ecferet an ben Stebftecfen au§ unter grim* 
migen $lüd£)en über Surannei unb 93oIt§bumm^eit 

£ecfer, fo erklärte icf) meinem Sllten oft, tyatte bie 
gleiche Sfrantyett, bie mir jroei audf) ^aben. <£r mar 
Qbealift unb ©anguinifer, unb biefe ßeute finb efyrlidf), 
gutmütig, Ijitytöpfig unb ju uielen $)umml}eiten auf* unb 
angelegt. 

Qdf) eyemplificirte ifnn ba§ nä^er unb erinnerte iljn 
an bie alten SMföjafjrmärfte, roo (Sfjarlatane ben fttnbern 
unb dauern ba§ „£orofcop" ftellten. ©ie Ratten in einer 
giafdje, bie mit ©pirituS ober etma§ Sleljnlic^em gefüllt 
mar, ein ftinftlicfyeS SJlännlein. 2ßcnn nun einer auf ben 
S$erfd)IttfS ber glafdjc britefte, fo ging ba§ SKännlcin in 



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— 131 — 

bie ©öfje unb roieber aurüct. Unb je nach feinen 2Ben» 
bunten warb bem gläubigen SBauer baS ©chtdtfal Dotier« 
ßefagt. 

(Sollen SJcännlem gleiten bte ©anguinifer. SBemt 
ihnen irgenb etwas aufs £>er$ brüeft, fo gehen fte log, 
auf unb ab, ohne ben SSerftanb &u fragen, verlieren aber 
eben fo fcfyneH roieber ben 9Jhtth, roenn etroaS anbereS 
bagegen brüeft, unb finfen ganj ^inab. tiefer 93er gleich 
gefiel ihm. — 

betrübt unb ergrimmt ftunb ber lange flonrab im 
(Sommer über bei feiner Sirbett, als rurj r»or bem 
£erbft noch einmal ber ©truoe loSfdjlug. Unfer dübele 
hörte eineS 9lbenbS auf bem ^eimmeg aus ben hieben 
baoon burch einen ifteifenben. „©reS^ens," rief er, in 
feine ©tube tretenb, „je^t behalten mir ben 2Bein allen, 
unb ba§ ©üle roirb aud> geme^get, benn ber ©truoe 
macht SRepublir." 

©truoeS 5lrmee aber mürbe balb auSeinanber ge* 
fprengt, unb bie ©reSjenj fütterte ihr ©üle jum Qh\Z* 
lafylm, ber Äonrab aber oerf aufte hoffnungslos ben 2öetn 
unb tränt „ßire". 

UebrtgenS mar in bem £ecferputfch bereits ©agnauer 
SBlut gefloffen. ©in ©chreinergefetle oon ba, SBernharb 
SÖBegel, hatte fldt) bem §ecfer angefchloffen unb mar bei 
Ranbern gefallen. 

Unb ^ute noch tühmt ftdj ein £agnauer ©chufter, 
er ha&e bem &ecfer unb bem ©truoe, als fie in ftonftanj 
roaren, bie Äanonenftiefel gemacht — 

ftaum waren bie sputfcfje £ecfer3 unb ©truoeS nieber* 
gefchlagen, fo begann, geförbert burch bie ©djroäche, roelche 
bie Regierung ben beiben 5lufftänben gegenüber gezeigt 
hatte, bic SMfSberoegung aufS neue lanbauf unb lanbab. 

9* 



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— 1S2 — • 

Ueberau* würben S8olf§oeretne gegrünbet, SSerfamm* 
lungen gehalten unb bie alten Sbeen tum greüjeit, ©leief)* 
fjeit unb 93rüberlidjfeit breitgefdjlagen. 

Unfer Äonrab fehlte bei feiner 93erfammlung in ben 
<ftadf)barftäbtcf)en 3Heer§burg unb SJiarfborf. Deffentltdje 
SKeben fjielt er feine, ber lange tftebmann tum $ange. ®§ 
waren sunt SHebenfjalten §errenleute unb beffere Bürger 
genug ba, aber er bearbeitete ben einzelnen 2ftann. 

3)er £auptrebner war ber Pfarrer UUmann non 
Slluftern, einem £>örfcf)en pnfcfjen bem SBobenfee unb bem 
Oedenberg, an beffen gufj baS freunblidje ©täbtd)en 
9ttarfborf liegt. 

„$)er UUmann*' mar ein ßonftanjer, ber ©ofm be§ 
9ftf)einfd)mteb3, eine§ tüchtigen, roofjlfyabenben Bürgers. 
<£r ftubirte biB 1828 in ftonftanj unb greiburg. £>ie 
freifmnige SRicfytung, meiere foroofjl am ftonftanjer £uceum 
aU auef) an ber Unioerfttät ljerrfd)ten, ging aud) auf 
if)n über. (Sr mar ein flotter (Sorpäftubent unb rühmte 
fld), am Sage oor feiner ^rimia nod) ein ©äbelbueH auf 
ber ^Burgruine Söobmann beftanben ju ^aben. 

©r blieb bi§ in fein 3Jlanne§leben eroig jung, flu* 
bentifefy unb burfdjifoä. %dbü mar er aber eine burd)* 
au§ ibeal angelegte Statur unb be^alb ein ©d&nwrmer 
unb SOSolfenfegler. 

„©eine äujjere ©rfcfyeinung/ fo fdnlberte tlm mir 
ein alter ftlufterer, „fjatte etroa§ ißomel)me§, (Sie* 
gantet unb bod) 2Bürbeoolle§. ©djarfer, burdjbringenber 
s -8lkf, $lblernafe unb bünne, gefdjloffene £tppen gaben 
ifnn ben SupuS eines energifdjen unb entfdjloffenen 
9ttanne§." 

©eine £iebling§bid)ter roaren #erroegf), Senau unb 
äfmUdje. ©eine -iftaturanfdjauung fd)öpfte er au3 Dcfeu. 



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— 133 — 

3Iucf) Qcan <ßaul mar fein Wann, unb fein SieblingS* 
lieb mar Börners : „£>u ©djroert an meiner Surfen", 
n>eld)e§ Sieb er feinen ^Bauern oft oorfang beim nier* 
unbbretfjiger ©eemein. Staju war er muftfalifd) gebilbet 
unb fpielte SHaoier. 

@o mar ber Sftann, ber bie Qbeen oon greifyeit, 
©leid^eit unb SBrüberltdjfeit in ba§ abgelegene unb bis 
batjin politifd) tobte babifd)e ©eeoiertel trug. 

$)en Uttmann ^örte ber grofj' dübele am Iiebften; 
benn er fpradj oon bem ju otelen®elb, ba§ bie großen ©crren 
Ratten, unb oon ben ju otelen ©Bulben be§ armen 33oIfc§. 
<5in ^Präftbent ber IHepublif fei oiel bittiger als ein ©rofc* 
^er^og, ba§ fo erfparte (Mb fäme bem 93olf ju gut urtb 
bie dauern unb Olebleute fönnten bie Rloftergüter oon 
<5alem nodj beffer brauchen al§ btpbabifdjen ^rinjen. ®o 
fpare man bie *ßad)tgelber, unb bie Gebleute oom See unb 
bie dauern im ©alemer Sfjale fönnten fidf) in bie (Mter 
feilen. 

2)a3 war Sttuftt für ÄonrabS unb nieler äfmtidjer 
armer Teufel D^ren. <£r fa$ fid) im ©eifte frei oon 
©Bulben unb ^ßad^tjinfcn unb al3 eigener Sßerfpetfer feinet 
©üle3 unb alleiniger £rtnfer feines 2Beine§. 

Qn biefen füfcen Hoffnungen roiegte er fid) nadE) jeber 
ber jafjlreidjen Sßerfammlungen, bie er im SBinter unb 
%m\*fy 1848/49 mitmache. 

9lur einmal machte ifjm ber berühmte unb beliebte 
tBolfSrebner unb Pfarrer Uttmann audb, ©djmerjen. $)er* 
felbe muftte, um non 9fteer£burg, roo er oft al3 Sftebner 
auftrat, in fein $>orf ju fommen, $ange pafpren. 
$ie fretyeitSburftigen ßanbleute, meiere benfelben 2öeg 
ju gelten Ratten, begleiteten jeweils ben gefeierten 9Jtann, 
ben ^rebiger ityrer politiföen Hoffnungen freubig burdfc 



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— 134 — 

bic 9tacf)t f)in, von 9Jteer§burg ber §eimatl) ju. $>abet 
würben bann bie politifdjen Qbeen be§ $age3 nodj roeiter 
befprodjen. 

(£ine§ 9lbenb§ war ber Pfarrer auf bem §etmroeg 
ätemlid) oerftimmt unb fleinlaut, trotjbem er unter bem 
33eifaCl ber dauern gefprodjen unb itjnen bie gufunft 
auf§ fcf)önfte ausgemalt jjatte. 9118 ber gefprädjige §aufe 
gegen £ange gefommen roar, fing eS an ju regnen, unb 
ber af)nung§ootte geiftlidje 93olfömann fpradj gelaffen 
ba3 grofje 2Bort au§: „Qfjr Männer, ber £tmmel weint 
über unfere $)ummf)eit." • 

(Srftaunt Nörten bie bieberen -ftaturmenftfien, in beren 
politifdjen $inbertyerjen ber Pfarrer oon Slluftern golbene 
SBerge aufgebaut fjatte, biefe nieberfdtjmetternben 2Borte, 
welche um fo fernerer wirkten, al§ if>r ©predjer feine 
(Srtlärung gab, bie guten ©agnauer mit einem füllen 
„©ut* ■sftacfjt 4 ' oerabfcfyiebete unb mit ben weiter oben am 
©ee wofjnenben dauern oon bannen jog. 

2ll§ ber ßonrab an jenem Slbenb in feine £ütte fam, 
war er auSnaljmSweife ftitt , wa§ er fonft nie gewefen, 
wenn er oon einer SBerfammlung ^eimfe^rte. 

3Mrrifd) warf er feinen £>ecferfmt auf bie Dfenbanf 
unb flutte: „SBenn i bigott bie§ $of)r no a mal ©üle 
oerfoafe muafc, no foH ber Teufel be§ SHeoolu^e Ijole." 

%k ©re^enj fragte erfdjrocfen, wa3 oorgefommcn 
fei. Unb als fte ben frönen ©prud) be§ <Pfarrf>errn 
t)on SHuftern oemommen fyatte, fiel fte ein: „ftedjt l)ot 
ber Pfarrer. S)u fönnteft bie Dummheit fcfyon lang uff* 
ftecfe, ftatt an (Sonntage bene Sßolföoerfammlungen nadj* 
äujtefie unb am Söerftig ba§ ©djaffe &u oergeffen oor 
luter Sefe unb Sftadrftune 1 ) über b' ^reifjeit unb wia ma 

*) Hadjftaunen, Mat&benfett. 



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— 135 — 

b* £erre abrafft unb V ©cf)iilbe roegbringt. $)u bummer 
ßog, bic arme Sit fjont 1 ), fo lang V SBelt ftoljt, fdjaffe • 
müaße unb b T §erre oerfjalte ! ^u unb ber Pfarrer oon 
$luftern fönne be£ au nit änbern." 

Oft, fagte er mir fpäter, Ijabe er bereut, baß er oon 
jener ©tunb an nid)t oernünftig geworben fei unb feinem 
SÖBeib gefolgt Ijabe. 

9113 aber balb nadf) biefen $agen bie Sfleoolution 
lo§bracfj, unb jroar in ber SReftbenj am fdjärfften, al§ ber 
©roperjog flüchtig ba§ Sanb oerlaffen fjatte, ba glaubte 
ber ©anguintfer in ber £ütte am SBobenfee, e§ fönne 
nid)t fehlen. 

ftreubtg griff er ju ben SBaffen unb trat in bie 
3*eifd)aren* Kompagnie SJlarfborf ein, bie 200 SUtann 
ftart mar unb gu ber §ange al§ erfteS Aufgebot 25 2ftann 
fteflte. ©eine Sieben oor unb naef) ben 93olf§oerfamm* 
lungen, feine Energie für bie Freiheit, fein rabifater ©inn 
unb feine lange ©eftalt Ratten ben großen dübele oon 
$ange fo befannt gemacht, baß er atSbatb jum 3*tt> s 
roebel ber Kompagnie gewählt nmrbe, obiuofyl er nie 
©olbat geroefen mar. 

Qefct fam Seben in§ $)orf. 2Iuf bem Patj oor bem 
ftlofterljof rourbe täglicf) e^erjirt. £)er Qnftructeur mar 
ber „©eemut", ein £>angouer, ber lange beim Militär 
gebient Ijatte. SÖBar ba§ ®jerjiren oor über, fo ging'S 
an§ Printen, benn SBein mar in §üde unb güöe oor« 
Rauben. £)a3 Qafyr 1846 mar ba§ größte 2öeinjat)r be§ 
$af)rf)unbert§ geroefen. Bürger, bie nicr)t e^erairt Ratten, 
leifteten ©efettfetjaft. $ei biefen 3rüf)fdjoppen la$ ber 
ftübele bie Leitungen unb Flugblätter oor. 



*) bafceiw 



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— 136 — 

®ann rourbe geseilt, Söklb, fjelb unb Sieben, unb, 
fonjcit ftc bcm ©taat gehörten, bem Ober*, SJUttet* ober 
Untcrborf pgefprod^en. 

©prcdfjer in biefem $lub mar ber .ßimmermann ftöft, 
oon beffen föftlicfyen Sieben mein ©acriftan eine aufberoafjrt 
f)atte. ©te lautete: „3ftr trüber! ift eine ^eilige 
^ßflicijt, in biefer ©adje adc§ aufzubieten, n>a§ ber menfd}* 
ticken ftraft nur mögltdf) ift, benn mir fefjen einer befferen 
3uf unf t entgegen. 3Bir brausen balb nicf)t§ meljr an ©teuern 
unb fonftigen Abgaben ju bejahen, brauchen bef$alb nur 
tyalb fooiel ju arbeiten unb fönnen beffer effen unb trinfen. 
(£§ fommt bie geit, roo e§ un§ fdjon jum ftrüfjftücf ftatt 
©uppe etroa§ ©eröfteteS 1 ) geftatten mag, be§ SflittagS 
zweierlei fjleif^ unb be§ 3lbenb§ traten." 

2Ber möchte biefer nato finblid&en fHebe nid^t $8ei* 
fall Rotten, bie un§ geigt, bajj baS 93elf au§ ftlnbern 
befte^t, bie aufrieben finb, toenn flc gut &u effen unb &u 
trinfen fjabenl 

2>er unS bereits bekannte Sßäfynobel mar audf) SJtit* 
glieb be3 SHubS, unb er Ijatte nodf), abgefe^en oon ber 
SBerttyeüung ber vom ©taat anneftirten ßloftergüter, ben 
nidjt unpraftifdjen Eintrag gefteUt, bie Herren müfjten 
ba§ *ßadjtgelb ber legten je^n Qaljre gurüeferfe^en. 

tiefer Söorfcfjlag, ber bem 93äfjmobeI alle (£f)re 
machte, mürbe mit oerbientem SBeifaK aufgenommen. 

Qntereffant ift e§, bafc bie wenigen ©angouer, meldte 
e§ mit ber befte^enben Drbnung unb mit ber Üötonardjie 
gelten, bamal§ bie „©tocfrot&en* genannt nmrben. $>er 
Zimmermann ßöft, ber ©precfjer ber Revolutionäre, fprad) 
mieber^olt im ftlub baoon, fte ju „goletiren". 



*) ©auve Bieren ober fiefcer &eipen am See »ein ©eröjf. 



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— 137 — 

SMe Hebungen ber Kompagnie, Don ber bie £angouer 
einen £ug bilbeten, fanben im ©innenlanb ftatt auf ber 
SBrüIroiefe, jroifc^en bem $)örfdjen ^ttenborf unb ber ©tabt 
Sflarfborf. 

©tolj marfdjirte ber grofj* Kübele al§ gelbroebel mit 
ben (Beinigen jeweils batyin ab, roo ber Hauptmann 
(Stefan fommanbirte, ein reifer SMHerSfolm au3 bem 
©atemer %t)al, ber ba§ Rittergut £elm§borf am ©ee 
getauft fjatte, unb ber um biefeä ©ute§ unb um be§ 
©dummelS mitten, ben er ritt, jutn Kompagnie*(£l)ef ge* 
roäfylt roorben mar. 

$)te Kompagnie*Uebungen fcf)toffen natürlich ftet§ mit 
einem „©uff" ab, wobei bte obigen Sttebeu über bte 3u* 
fünft unb bie fcfjbne ©ütertfjeilung mieberlwlt würben. 

3n biefen £agen luelt ber grof$' Kübele feine erfte 
unb leiste öffentliche ülebe ober, wie er fpäter mir oft 
geftanben, fein bümmfteS ©efcfjmätj. 

SBefanntlid) ftettten bie ©emeinben bie 2Baffen ber 
fyreif c^aren unb fo aud) bem gelbmebel Kübele. Allein 
ber mar bamit nttfjt aufrieben unb Ijielt eine§ £age§ auf 
bem SRatfjfjauS oor oerfammelter SBürgerfdfjaft bie folgenbe 
Ütebe: „Bürger ! 3$ wn oer £)öcf)ftfommanbirenbe im 
$)orf, aber ein armer Teufel. Dljne SBejaftfung fann id) 
weber meine fttit opfern, noef) mein SBlut unb Seben für 
bie %xt\ty\t auf§ ©ptet fefcen. Qfc| beantrage be^alb, 
bafc mir au§ ber ©emetnbef äffe täglich ein fjalber ©ulben 
ausgeworfen roerbe als ffelbroebetSgage." 

^a erfyob ftd) fein gteunb, „ber %xanio^, ein ©toef* 
rotier, unb erroiberte: „$)u fd)led)ter Kog! 34 foltt 9 ®it 
grab ein paar Ohrfeigen $infd)lagen. ©eit Qaljr unb Sag 
Ijaft $>u geprebigt, bie Herren Ratten ju fjofyen ©etyalt, 
ba$ Sßolf müffe entlaftet werben, unb jetjt fommft %u 



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— 138 — 

felbft unb totUft ©elb au§ bct ©emetnbetaffe. ®u bijl 
ein fauberer #reiheit§mann. ©d)äm' ®ich V 

Unb SBeifaU jauchten aac anroefenben gangouer, ber 
grofj' ftübele aber fchnrieg unb fd)ämte ftcf), fchämte fleh all' 
fein Sebtag, fo oft er an feine erfte öffentliche Siebe badete. 

Unb boch ^at ber arme ftreiijeUS^elbroebel unb 9*cb* 
mann am SBobenfee nur en miniature gebaut unb gefagt, 
ttmS fchon jahllofe ^reiheitS^änner ber 2Belt nicht blofj 
gebaut, fonbern im großen ©tnl ausgeführt haben, inbem 
fte fief) glänjenb befahlen liefen für ihre $ienfte ju ©unften 
ber SBoltSfreiheit. 

griic mehr aber fprach fortan ber lange ^dbroebel uon 
Belohnung. §ab' unb ©ut nahm ihm fpäter ber ftampf 
für bie Freiheit, unb im Werter büfcte er fein Schroär* 
men für fte — aber lautlos trug er fein ©efchut 

©elbftloS erfüllte er nach oeic nxifjglücften Siebe feine 
patrtotifche Pflicht. ®te erfte Pflicht ber Stapferfett aber 
ift SSorftcht. ^)aoon ^atte ber ftommanbant oon £ange 
fchon beim „granaofenrumpel" ein SBetfpiel abgelegt. 

2U§ in ber 9cad)t oom 24. auf ben 25. War* 1848 
jenes merfroürbige ©erücht, baS in ber gleichen Utecht im 
ganzen Sanbe SSaben auftauchte, bie ^ranjofen fämen, auch 
in §ange SBeftürjung h^oorrief uno oie SB«*« jam* 
mernb unb hänberingenb burch bie ftorfgaffen eilten, lieft 
ber Xattiter dübele in ben Vellern fiöcher graben, um 
©elb unb SÖßerthfachen ju nerfenfen, unb in ben Käufern 
bie oerborgenften ©chlupfroinfel jum Sßerftecfen ber grauen 
unb 3Jläbd)en auSfuchen. 

$och fam man bieSmal mit bem blofcen <Scf>rccfen 
baoon. 211S aber ftatt ber granjofen fpäter bie Greußen 
heranrüeften unb im Unter lanb ben greif chärlem fchon 
©ef echte geliefert hatten, ba galt e§ ©ruft auch amSBobenfee. 



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- 139 — 

(Stn 3=afj *ßuloer rourbe nadj £ange geholt, Patronen 
gemalt unb Äugeln gegoffen. 

%k £agnauer fdroffen aber U)re Patronen £ag für 
Sag jum Vergnügen über ben (See, unb als ber 93efef)l 
fam tum Slbmarfd) gegen ben geinb, Ratten bie mttfUn 
feine mefjr. 

<£§ roar ein fdjöner <Sommer*9ta$mittag im Quni 
1849, als ber ftelbrcebel oon §ange mit feinem gug i« 
Sftarfborf einrüefte, roo bie Äampagnie fid) auffteßen 
unb bann inS $elb abmarfcljiren fotlte. 

«2)er Hauptmann ^atte fttf) bort audj eingefunben unb 
ritt auf feinem ©djimmel oor ber Kompagnie l)in unb 
l)er unter ben üblichen 2)rofyungen gegen bie *ßreuf$en. 

Wuty ein „norneljmer £err", ber fid) für einen föe* 
gierungScommiffär ausgab, mar ba, §ielt eine 5lnfprad)e 
an bie Kompagnie unb forberte jeben auf, tljm fein übriges 
®elb anvertrauen. %a eS vox ben jjetnb gefje, fei eS 
beffer, nur wenig ©elb in ber Safdje p ^aben. @r motte 
eS im tarnen ber republifantfdjen Regierung vermalten 
unb hinter ber Kompagnie Ijerjiefjen. 

©tnige fieute roaren fo bumm, ifnn ju glauben. 2lm 
2lbenb roar er mit ber ftaffe üerfdjrounben. 

3lm gleiten -ftadnnittag foßte mdjt mef)r abmarfdjirt 
roerben. 2ftan uertt^eUte £tuartierbtHete für bie 3Jlann* 
fd)aft, ftellte 2Bad)tpoften an bie £f)ore, obroofjl ber ^etnb, 
bem eS galt, mefyr benn 60 ©tunben roeit entfernt roar, 
unb fing bann an — ju trinten. 

311S eS 9lbenb geroorben, roar ba§ größere ßontin* 
gent ber Kompagnie ootl von ©eeroein, unb nun wollten 
atte biefe g*eii)eit3mimner gleich fein, (einer meljr folgen 
unb jeber Hauptmann unb $elbroebel fptelen. „greift, 
©leid$eit unb SBrüberlidjfeit!" 



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— 140 - 

©pät am 9lbenb famen jroct 9ttartborfer ©olbaten 
flüchtig ©om Untcrlanb l)eim unb melbeten, aUe§ fei au§, 
ba§ Unterlanb wimmle oon *ßreugen unb bic JJreifdjaren 
unb ba8 babifdje #teooIution§*9JUlitär feien gefdjlagen. 

$a§ rooflten bie (Seehafen mdjt glauben, am roemgften 
ber Hauptmann ©tefan unb fein langer fizVbmbtl, ber 
grog' dübele, tiefer lieg feine fieute fcfjarf laben unb 
broj)te allen, bie nirf)t mitrooUten, mit bem £ob. $)ie jroei 
©olbaten mürben 93errätf)er gegolten unb foUtcn ent- 
waffnet roerben. 5113 fte jebod) erklärten, efjer fterben ju 
rooUen, al§ ifyre 2ßaffen nieberjulegen, unb jebem nafjen* 
ben fjrcif parier ba§ Bajonett roiefen, lieg man fte in 
ftulje, aber ber 9lbmarfd) in§ Unterlanb rourbe bo$ be« 
fd)loffen, unb bie sroei ©olbaten mugten ftd) anfliegen. 

3n ber grülje oor bem 9lbmarfd) lieg unfer fjelb* 
roebel, unb ba§ mad)t i^m alle (£f)re, nochmals im geuer 
ejcerjiren, um $u erproben, ob audj alle ©eroefjre lo§* 
gingen. 3)ann ging'3 burd)3 liebliche %f)dl von ©alem 
Ueberlingen p, roo ein SBatatHon gebilbet roerben fottte. 

grieblic^ flaute ba§ ©djlog §eiligenberg, bie ©om* 

merreftbenj be§ giften oon 3 ur ft en ^ cr 9' oon oe * £ ö *) c 
fyerab auf bie republtfanifcfye ©cf)ar, unb ber Jelbroebel, 
melier neben bem ©Gimmel be3 Hauptmanns einher* 
fdjrttt, meinte, auf ba§ ©djlog beutenb: „SBenn td) unb 
$>u nidjt in mer 2Bod)en einmal ^um Vergnügen bort 
broben ber auSf Clauen, bann Ijaben bie <ßreugen geroonnen/ 
$ro^bem bie (Entfernung non SJtarfborf uad) Ueber* 
lingen faum mer ©tunbeu beträgt, brausten bie 3Jlänner 
ber Jreibeit einen ganjen £ag, benn e§ gab gar mele 
2BirtI)3l)äufer unterroegS, unb bie patriottfdjen dauern in 
ben Dörfern am 2öeg l)in brauten ben Befreiern 2öetn 
unb Sttoft in ftüUe auf bie ©tragen be§ 2)urd)marfd)e3. 



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— 141 — 

9ll§ bie gelben am Slbenb in ber ©eeftabt Hebet* 
lütgen einrüeften, waren fchon Flüchtlinge oom großen 
©iegePfchen (£orp§, ba§ bie <ßreuf$en oor fleh Vertrieben, 
eingetroffen unb brauten bie traurige 9ttär, ba§ ade« oer* 
loren fei. 

Qm SBeinbufel glaubten e§ nur wenige, bis am an* 
bern borgen auf bem ÜtathhouSplatj oe * Hauptmann ber 
Ueberlinger emft unb laut befannt gab, bie greifbaren 
f Otiten ^eimfetjren, alles fei fertig, oon oben tarnen bie 
Samern unb oon unten bie ^reufjen. 



Sicht Sage fpäter faf$ im^noalibenhauS 3u@t.©aUen, 
abgehärmt unb niebergef djlagen, ein armer 3ftann. ©elblo§ 
unb flüchtig mar er in ber ®chroeijer*©tabt eingetroffen 
unb hatte um ©otte§ unb ber Freiheit wiUen ein 2lfql 
gefunben im QnoalibenhauS. Sßätyrenb bie anberen glückt» 
iinge nach belieben mit ihrem (Selb leben tonnten, roo 
fte wollten, roenn fte nur wenigftenS fed)3 ©tunben oom 
©ee entfernt roaren, mufjte ber lange dübele — benn er 
mar e3 — bei magerer $oft unb ftrenger $au§orbnung 
feine Sage in ber frönen 6tabt be3 heiligen ©aHu§ oer* 
bringen. 

SBagerifche (SheoaurfcgerS, bie alSbalb nach ber #eim* 
tehr ber greif charen oon Ueberlingen am Dberfee ein- 
trafen, hotten bem armen $onrab bie £uft fchroül ge* 
macht. 3n e™ c * ftißen Stacht mar er in fleinem (Schiffchen 
über ben ©ee gefahren unb hotte, nrie zahlreiche anbere, 
fleh auf ©chmeijerboben in Sicherheit gebracht. 

9lber bie golbene Freiheit fanb er nicht, ffaft roie 
ein (befangener internirt, lebte er im QnoaltbenhauS, ge* 
plagt oon ©eimroeh; benn er hotte noch nie im Seben 
auch nur einen Sag ben Söobenfee nicht gefehen unb befafc 



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— 142 — 

fein ßteingelb, um fid) bteroeüen Sttut!) unb iöcrgcffcntjctt 
jujutrutfen. 

$n biefer (Stimmung befcf)lofj er fyeimautefyren; t)iel 
fdjledjter, fo badjte er, als im Qnoaliben^ouS ju St 
©allen fönne e§ tljm audj ba^eim nictyt geljen. $n einer 
ftürmtfdjen, bunf ein STCadjt Ianbet er in .Qmmenftaab um 
9JUtternad)t. ©in befreunbeter SKebmann be§ $>orfe§ 
wirb geroecft unb um bie erften Sftacfyrictyten befragt. $)ie 
lauten fd)led)t: $)er 93olf§rebner Pfarrer Utlmann, ber 
Hauptmann Stefan u. a. ftnb Iängft r-er^aftet — unb 
auf ben langen fjclbrocbcl von £ange fa^nben fie. 

Sief betrübt, aber reftgnirt, fd)leid)t biefer in bex 
fflaä)t nod) am (See In'nab, feiner glitte ju. 

(Selten im fieben fjat ber grofj' dübele, eine ftarfe 
©eele, geroeint, aber er weinte, ba er, ein armer unb 
t-erfolgter 3Jlann, am (Seeufer fjinroanfte. ^infter wie 
über ben ©eroäffern roar'3 in feiner (Seele, unb foroie bie 
bunf ein Stetten ljörbar an§ £anb f erlügen, fo nm^ten 
ftdj büftere ©ebanfen in feinem ©eifte unb fd)lugen an 
bie Söanbungen feine§ £erjen§. 

%zm ©eimat^borfe nafye gefommen, mußte er oor* 
ftdf)tig roanbeln; benn jroifdjen ßirdje unb <ßfarrf)au§ 
ging eine ^effifdt)c ©djtlbroadje I)in unb l)er. $m *ßfarr* 
ljau3 war ba§ Hauptquartier unb über bem *ßfarrl>au§ 
broben lag bie£ütte be§ 9Jtärtnrer§ ber ^rei^eit, be§ ibealen 
9Jlanne§, ber aufrieben geroefen roäre, roenn ifjm ber (Sieg 
ber Sfteoolution nur attjär)rlidt) fein <Süle garantirt l)ätte. 

2Ba§ iljm am roefyeften tfyat in jener üttacfjt unb roa§ er 
mef)r fürchtete als bie (Scfyilbroadje, roaren bie Sßorroürfe 
unb ber Jammer be§ 2Beibe§ unb ba§ klagen ber ßinber, 
bie fetner warteten. $)te§ unb ba§ bittere gef)Ifcf)Iagen 
feiner befdjeibenen gaetfjeitSroünfdje brühten ifjm bie 



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— 143 — 

frönen in bic Slugen. Unb biefe tränen floffen nocf), 
al§ er letfe an bcr alten £>oljt!)üre fetne§ £äu§djen3 
glodte 1 ). &ie ©reggenj fdjlief nidjt, ber Kummer ^atte 
ifjr längfit ben (Schlaf geraubt unb fo Ijörte fie audf) ba3 
Ieife ©locfen. ©ie ftunb auf unb fragte, raer brausen 
fei. Unb al§ fte an ber ©timme aBbalb i^ren 9ftann 
erfannt Ijatte, fdjlojj fie unter $f)ränen auf unb reifte 
roeinenb bem SBemenben bie £>anb. 

3n trüben QdUn, wenn bie 3Jlänner allen Sftutl) 
uertieren, werben in ber Sftegel bie grauen ftarf. S)te 
©reSjens mad)te i^rem ftonrab feine SBorroürfe. 

©ie crs&^Itc in #iul)e, bafj täglid) eine Patrouille 
fönte, um nad) ifjrn gu fafynben unb §u fragen, ©ie fei 
frol), bafc er fomme, er foße i^rer eitrigen 3lngft ein 
<5mbe machen unb ftdf) ftcUcn , ben Slopf roerbe e§ aud) 
md)t foftetu Q^r (Slenb fei jubent fo grofc, bafj aud) 
ba§ Slergfte e§ nidfjt f Flimmer machen fönnte. 

©o begab ber arme ftonrab ftd) in aller Jrülje gen 
2fteer§burg unb ftellte fid) bem 9Jttlitar*$ommanbo, ba§ 
i^n mit feinem Hauptmann, mit bem SßolfSrebner unb 
Pfarrer unb einigen anberen (Sompromittirten in einem 
©efängnifc ©ereinigte. 

%a$ 2Bieberfel)en all* biefer greifjeitsbrüber mar ein 
trauriges, unb jetjt erft ging bem großen dübele ein £td)t 
auf oon ber Stynung be§ Pfarrers an jenem Slbenb, ba 
biefer oom SBeinen be3 Rimmels über if)re $)ummf)eit 
gefprod&en ^atte. 

$)o6) grofce ©ebanfen famen in bie ©eele unfereS 
ßonrab erft mit feinem Unglücf, unb ba bie§ Unglücf 
erft mit feinem £obc enbigte, tyatte er aud£), nrie mir fefyen 
werben, bi§ jum legten Sltfjemjuge grofte ©ebanfen. 

*) »ßlocfen" flott Hopfen logen in poctlfo)er 2Crt bic ece&ciüo^nec. 



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- 144 — 

„©ätten wir gefiegt/ fprad) er feinen $reiljeit§» 
brübem in ber ©efangenfdfjaft 9fleer§burg, „fo 
mären wir fernen; ba wir unterlegen, gelten wir als 
Sumpen." 

©in wahres 2Bort, waf)r allen Reiten, weil ber 
Erfolg ftet§ ßömg ift auf ©rben. 

SBterjig £age fa§ ber jufünfttge 9Jtefmer tjon $ange 
in Unterfudmng§f)aft unb bann würbe er entlaffen mit 
bem 3 u f a & ba§ Urteil werbe nachfolgen, -äflan raupte, 
bafc ber arme Teufel ntdjt mefjr burc^getjen werbe, unb 
liej* if)n be^alb laufen. 

©tili ging er wieber an feine Arbeit in ben SKeben 
unb auf bem ffclb. $)er (Sommer oerging unb ber £>erbft 
fam, aber immer notf) fein Urteil. %k großen ©ünber, 
wie ber Pfarrer von SHuftern, ben man nidjt ^atte laufen 
laffen, mürben guerft abgeurteilt, unb bann tarn e§ erft 
an bie ^odperrätfjer oom Klange be§ langen ^elbwebelS 
ber Kompagnie 3Jlarfborf. 

(Sffen unb Srtnfen hatte bem brauen ßonrab bie 
ganje Qz\t über nicht gefchmedt, benn jeben Slbenb ging 
er mit bem ihm brohenben Urteil in§ $8ett unb ftunb 
mit ihm wieber auf. 

©d)on tranf er „©ufer" twn feinem SÖBeinberg; 
benn ber §erbft mar twrüber. 6cf)on backte er, man §abe 
ben ungefährlichen gelbwebel, ber eigentlich nur um einer 
einzigen f leinen Söinterfreube mitten, beftehenb in ber 
©Pachtung cine§ ©üleS, bie SBaffen ergriffen hatte, t>er» 
geffen. 

%o% ba§ Unglücf f djreitet gerne einem armen Marine, 
wenn aud) bisweilen ^infenb, raftloS Ijinterbrein. 

2)a3 Urtheil tarn, lautete auf jmei $ahre guchthauS 
unb fdjlug wie ein Sftiöftrahl in bie $ütte beS guten 



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— 145 — 

$onrab am ©ee. %tö fjatte er bcnn bod) nidjt erroavte t 
nodj uiel weniger oerbtent. 

6ein ganzer innerer 9ftenfcf) fnirfcf>te. ©r fuhr em* 
pört über ben ©ee nad) ftonjkns, roo ein roacferer SRed)t§* 
anroalt, Spinnern, fid^ be§ armen gelbroebelS annahm, 
ihm ben 9lefur§ aufführte unb e§ ba^in braute, bafc bie 
Strafe auf ein Qafjr ©efängnifs ^erabgefc^t rourbe. 3>m* 
merljin noch genug für bie revolutionäre £eiftung beS 
grojjen ftübele. 

©ein Hauptmann erhielt jmei unb ber SBolfSrebner 
unb Pfarrer jehn ^ahre. 

war roäfjrenb be§ Sftefurfe§ 5 r ^W a ^ r ßcroorben 
im Qahre 1850. ftalt ging bie politifdje SReaftton über§ 
roarme £anb. $)ie Sölumen blühten, bie SBögel fangen, 
roährenb bie 9Jtänner ber g-reiljeit, meift gutmütige ©an* 
guinifer unb Qbealiften, theil§ im ©efängnifj fafcen, theilS 
bahin gerufen mürben. Qu öen l^teren gehörte auch 
ber lange ^onrab. 

5lm SBorabenb cor *ßftngften, bem $eft ber filmte, 
hatte er fid) in ber ©trafanftalt greiburg jum Slntritt 
feiner £aft gu melben. 

2Bie r § einem armen SJtanne gesternt, mar er oom ©ee 
herab über ben ©chroarjroalb ju gufj bafjer geroanbelt. 2Ba§ 
ihn in feinem ©lenb aufheiterte, mar biefe Steife in eine 
neue 2Belt 

9tur jroeimal in feinem Seben fam ber grofje dübele 
für länger t>om ©ee roeg, einmal al§ Flüchtling in bic 
©chroeis, ba§ anbere 9ttal al§ ©träfling in§ 93rei§gau. 

Dft fprad) er mir t>on ber ©chönhett be§ ©chroara* 
roalbe§. früher habe er geglaubt, roo fein Söaffer unb 
teine SBetnberge feien, roäre e§ nidjt fd)ön. 9^un brang 
aber bie ^oefie be3 ©chroarjroalbeS, feiner blatten unb 

$an8iato5, 3^neebatten. 2>rttte 3tei$e 10 



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— 146 — 

feiner SBälber mit 3Jla^t in unfereg SHebmannS Sftaturfeele, 
unb er bezeichnete oft bie JJufjreife über ben ©c^roarjroalb 
als bie einzige, freubige ©rrungenfehaft feiner gangen JJrei* 
fcharlerei 

Ueberall fah ber arme ftonrab, ba er junt ©djroaben* 
thor in greiburg ^eretngef ^ritten mar, Vorbereitungen 
jum morgigen Feiertag. S)te 9Jlünfterglocfen, bie bog fjefl 
einlauteten, fchlugen (Ströme oon SBehmuth lo§ im ©erjen 
be3 ©träflingS, ber ohne fHaft nach bem „3uchthau§" 
fragte unb balb hinter beffen 9Jlauern oerfchnmnben mar. 

Veten unb arbeiten mar ber 3Jlann oom (See ge* 
rooljnt, unb ba§ mufcte er im ©efängnifj; benn ba man 
bamalS ftaatltcherfeitS noch glaubte, ber Langel an 
Religion fei fduilb auch an ben Stteoolutionen, fo mußten 
bie politifchen Sträflinge nicht blojj ©olj fägen unb f palten 
unb 5)üten machen, fonbern fte mürben auch ju religiösen 
Hebungen angehalten. 

Unoerbr offen fägte ber lange ßonrab fein $olj unb 
befugte gerne bie ftated)i§mu3ftunben unb ben ©otteSbienft, 
aber er fprach noch lieber, menn immer möglich, mit feinen 
Kollegen unb lieft ftch oon ihnen erzählen, roie unb marum 
fte ^ier^ergefommen. 

$)ie meiften oon ihnen maren fleine ßeute, mie er 
felbft, unb Ratten bie SKeoolution mitgemacht in ber ©off* 
nung, ihre fojiale Sage um ein kleines p oerbeffem. 

$)ie großen politifchen Verbrecher roaren in ber 
©chroetj ober in Slmerifa unb mürben fpäter begnabtgt. 
£)a§ arme Volf muj ja ftet§ allein alle ©uppen auSeffen, 
bie anbere ihm eingebroeft. 

%k einzigen 3lugenblicfe, in benen unfer flübele fein 
(SIenb oergaft, maren jene, in benen er mit anbern bie 
(Srlebniffe auStaufdjen tonnte. 



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- 147 - 

3$ fcnnc bie ©ü&tgteit folgen 3lu§taufd)e§ audj. 
2ll§ id> anno 1873 im ©efängniffe faß au 9tabolfaeU am 
Eobenfee, ganj in ber SKälje ber 93tUa be§ £)i$ter§ Steffel, 
fjab' id) meine, fdjönften ©tunben bei ben Mitgefangenen 
©erbracht. 3$ Giftete tfjnen ©efeHfcf)aft beim £ol&f »alten, 
unb nebenbei er^lten fte mir iljren Lebenslauf. ') 

3)od) mäfjrenb ber groß 1 dübele im gucfjtfjaufe ju 
ftreiburg unoerbroffen fein £ol& fägte unb ftd) roieber 
mit Hoffnungen auf eine beffere 3"^"^ befestigte, 
traf tfnt ein neuer ©cf)lag. ©eine ©laubiger liegen itjm 
$ab unb ©ut oerfteigera, um nod) ju tyrer ©ad)' &u 
fommen, e§e ber (Staat für bie *ßroäefc unb ©traffoften 
bie §anb barauf legte. 

©o troftlo§ enbigte ber $raum be§ guten ßonrab 
non ber 93erminberung ber ©Bulben unb vom jäfjrltifjen 
©djlacfjten eine§ ©üle§. 

2lber aud) ber oölüge föuin oermod)te e§ nidjt, tf)n $um 
Älagen unb jammern ju bringen, nrie id) benn überhaupt 
ben Sflann nie über fein ©d)icffal fjabe (lagen frören; ge= 
meint barüber l)at er, roie mir oben gehört, nur einmal, 
aber ganj allein in bunller 9ßad)t. 

93om Sage an, ba er bie -[ftad)rtd)t erhielt, e§ fei 
il)m aüe§ oerfteigert, rourbe ber grofce ftübele *pf)ilofopf); 
„benn," fo er^lte er mir, ,idj fdfjlug mir oon ba an 
jeben ©ebanfen an bie .ßufunft au§ bem ßopf unb backte 
nid)t einmal mel)r an ben (ommenben borgen/ 

©3 gehört ein groger 9Jtenfd) baju unb oiele Sebent 
trfaljrung, bi§ man e§ fo roeit bringt, irbifd) nur ber 
©egenroart ju leben unb roeber mef)r mit ber Vergangen* 
fjeit nod) mit ber ßufunft &u rennen. ©§ ift ba£ £>ora* 

jifdje „Carpe diem". 

*) ete&e meine Erinnerungen „3m @efän{jnl&\ 

10 • 



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— 148 — 

Unb ba§ Ijat bcr arme Äonrab x>on ben Sagen be$ 
gud)t^aufe§ bi§ gum £obe &u ftanbe gebraut. 

Slic&tS Ijat tyn in ber gufunft auf ©rben met)r 
interefftrt, al£ jur ©ommer§3ett ba§ Sßetter für ben f ommen* 
ben Sag, unb ba§ nur, weil er, nrie wir fpäier fe^en werben, 
gerne ben SBetterpropfyeten, aber nur bei mir, fpielte. — 

^ie (Sreäjenj reifte, nadjbem alles nerftetgeri mar, 
ein ©nabengefudt) für ben je^t boppelt nötigen ©rnät)rer 
ber gamilie ein. Unb ba biefer jubem ein mufterijafter 
(Sträfling mar, mürbe ifjm bie Hälfte ber ©träfe in 
©naben erlaffen. 

9luf *ßfingften Ijatte er fid^ im ©efangnifc eingefun* 
ben, am 9lUert)eiligens£ag betrat er roieber bie ©djroeUe 
feines einfügen §aufe§. 2lber f)ter mürbe er fdjledtfer 
empfangen als im ftutyfyauä. $)ie ©reSjenj machte ifnn 
bieSmal bie bitterften Vorwürfe, er fei ein ßump unb 
fdjulb, bafc £ab unb ©ut unter ben gammer gekommen, 
©te f)abe ilm oft gewarnt, ba§ *ßolitiftren bleiben ju 
laffen, ba§ 23olf merbe bod) nie Sfteifter, er l)abe aber 
md)t gehört, unb nun fei ba§ ©lenb voll, ©r fönne jefet 
al§ £aglät)ner arbeiten unb flauen, wo er eine 2B(U> 
nung befomme. 

*3 e Ö ©üle," fcfylofj fte grimmig fpottenb 

unb unter Spänen, „tu 1 ) ©üle, tu ßual), fu ©eis, tu 
£u£ unb fu gelb melj.* 

^roanaig unb einige 3at)re fpäter cr^ärjUc er mir 
btefe ©mpfang§fcene unb fprac^: „2Ba§ idf) ber ©reSjena 
nie oergeffe im Seben, ba§ ift ba§ Unrecht, welches fte 
mir in jener ©tunbe angetfjan f)at." 

©r fam mit mir feiten über fein SBeib gu reben, 
aber immer lieg er eine Verbitterung gegen fte burd)* 

l ) fein. 



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— 149 — 

Mieten, unb bicfc Verbitterung batirte rxm Jenem 2111er* 
f>eüigen*$ag be§ Qa^re§ 1850 fjer. 

3$ fanb biefen Stachel erflärltd). 2Benn ein 5ftenfdf) 
eljrlid) für ein $beal unb $mar für ein fo befd)eibene§, 
wie ber arme SRebmann am ©ee, gelitten ijat unb bafür 
als SBerberber feiner gamtlie, ber er Reifen roottte, an* 
gefefyen wirb, fo mag ba§ leicht bleibenben ®rou* er* 
jeugen. 

$)ie ©eele eines 9?aturmenfd)en behält berartige (5nn* 
brüde, feien e§ gute ober fd&limme, aud) oiel länger unb 
tiefer. — 

©3 mar im 3al)re 1881, an einem frönen ©ommer* 
tag, ba fjaben mein ©acriftan unb tc§ unferem $)orfbäcfer 
■äJUdjael ftammerer bie ©terbfacramente, gebracht. 

9todf> alter fdjöner ©itte begleitete mid) bei biefen 
93erf ergangen ber 9Jiej$ner. Qm (£I)orrocf, in ber einen 
£anb eine Sateme mit brennenbem £icf)t, in ber anbern 
eine ©locfe, fd)ritt ber lange ©acriftan bem nod) längeren 
Pfarrer uorauS, nadj wenigen ©dritten immer roieber 
ein ©lodenjeidjen gebenb. 

3luf biefeS Qäfyen famen bie Seute bei $ag oor bie 
Käufer, nachts — ju jeber ©tunbe — an bie ^enfter, 
um ben ©egen be3 atterljeiligften ©acramenteS ju em* 
pfangen. 

SBetm Äranfen felbft follte ber ©acriftan naefj fird)* 
lidjer $8orfd£>rift ba§ (£onfiteor (bie „offene ©djulb") in 
latetnifdfjer ©pradje beten. Slber baoon mar mein ftübele 
ein gefdjraorener geinb. 

„£err Pfarrer/ fprad) er, „in meinem 5llter fann 
man mdjt meljr ,latinifd)< ftubiren. $itfd) mitt td> 
lefen unb beten, roa§ ©ie motten unb fo lange ©ie motten, 
aber junt fiatinifdjlerne bin id) alt." 



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Selbftüerftftnbtich biSpenfirte ich ihn gerne unb betete 
bei ben ftranfen ba3 „(Sonfiteor* felber. 

2Bar bie ^eilige $anblung oorüber, fo empfing ber 
2ftefmer ein fletneS £rinfgetb, bei 9£ad)t oerboppelt, unb 
barauf regnete ber arme Teufel, benn e3 gab ihm ^ie 
unb ba ein Viertele ©eemein. 

9luf bem SKücfweg fpradj er bann gerne mit mir 
über ben Lebenslauf be3 Sterbenben, ben er furg unb gut 
unb in chriftlicher Siebe djarafterifirte. 

93ci ben aHermeiften aber fügte er Ijinju: „(53 tft 
gut, wenn fo ein armer SRebmann ober ein SRebroib ftirbt, 
'S mag licht fi, befomme fM beffer aB uf bere SBelt." 

Sttanchmal ftunben mir noch in tieffter Sftacht, roa^renb 
aHe§ fdjlief unb ba3 9JtonbUd)t burch jerriffene SBolfen 
ben ®ee milb beleuchtete, oor ber ftirdje unb f prägen 
vom Sterben. 

©ing'S gur ©ommer^eit gegen borgen, wenn wir 
hetmfehrten, fo ftieg mein alter ©acriftan auf ben Sltrch* 
thurm unb wartete ab, big bie 9Jtorgenröthe über ben 
©ee hereinbrach, unb läutete bann SBetgeit, währenb ich/ 
afljeit unfähig/ früh aufeuftehen unb aufzubleiben, in 
mein ©chlafjimmer frod). — 

Sllfo an einem frönen ©ommer*@onntag^achmittag 
haben mir ben SBäcfermeifter unfereS $)orfe§ oerfehen, 
ben prattifchften SBäcfer, ben ich, «tf biefer >}unft her» 
ftammenb, je fennen lernte. S)a er ba3 Monopol in 
unferem $>orf hatte unb bie ßeute, welche ©äeferbrob 
wünfehten, auf ihn angewiefen waren, fo machte er fich 
fein 2lmt bequem. ®r buf nicht, wie feine gunftgenoffen 
anberwärts, in ber Stacht, fonbem fchlief wie anbere 
Sterbliche bis sunt SJlorgen. $)ann ftunb er auf unb 
machte fein SBrob, ba§ erft um Wittag frifch ju haben war. 



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- 151 - 

3lm 9Jtorgen, meinte er, füllten bie Seute Suppe 
effen unb &um 9tachmittag§*#affee erft fein SBeiprob. 
Unb fo gefchah e§. S)er Sttichel fd)lief allnächtlich ben 
©c^laf be§ ©erechten unb lief} bie Seute auf fein 93rob 
warten. 

•J)a aber ber £ob audj bie SBäcfer nicht fcfjont, bie 
nachts fdt)lafen fönnen unb unter $ag§ £unben*@choppen 
trinfen, mufcte eben auch unfer braoer £)orfbäcfer fterben 
unb mein ©acriftan unb ich ihm beiftehen. 

9Il§ mir r»on bem fchroerfranfen 3ftann heimfefjrten 
ber ftirche &u, fpraef) ber ©acriftan: „Der 3J(ichel mar 
mein einziger greunb, als ich au§ bem 3 uc h^öu3 ^im* 
f ehrte unb mir aHeS r-ertauft mar. @r hatte mein $äu§le 
gesteigert unb gab eS mir roieber, als ich ir)n barum bat, 
auf ^rebit jutn Kaufpreis. 2Benn er jeftt fterben mufc, 
fo mög'S tr)m ©ort lohnen, unb icf) roerbe eS nie oer* 
geffen, baf? er als gutherziger 3JZenfdE> an mir gehanbelt 
unb mir eine §eimath oerfchafft tyat* 

®aS £äuSle hatte ber föeoolutionSmann mit §ilfe 
beS SacferS roieber, aber mie gu ©ütern fommen, um 
roenigftenS eine 3iege galten unb einige Dfnn 2öein oer* 
faufen 31t fönnen? 93oti einem <5üle fonnte noch Ö ar 
feine Stebe fein. 

203er am <5ee fein ©elb hat, aber noch Qutc Arbeits* 
fraft, ber fann ju „Söetn* unb SöteSroachS" fommen, 
aber nur burch ben Quben. 

3ft irgenbroo roaS feit an ©runbftücfen ober gibt'S 
eine ©ant, fo ift in ber Siegel ber Qube ber Käufer, 
roeil bie ®ee*©hriften entroeber fein ©elb ober feinen 
UnternehmungSgeift hoben. 

#at ber Hebräer ein ©runbftücf, fo bringt er'S 
aber auch mel eher an ben 9ttann, als ber (£h*ift, weil 



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— 152 — 

er bcn Käufern eifriger nad)gel)t, beliebige galßititgS* 
termine gibt unb oiel länger borgt, al§ ber ©Triften* 
menfd). 

©r nimmt juerft eine <5teigerung§probe oor im 
2BirtI)§f)au§, bejat)lt einige öfter, bannt bie £eute roarm 
werben, bann lägt er aufrufen unb bieten, f dalägt aber 
feiten etroaS gu. <§o lernt er bie £ieb§aber fennen, unb 
bie fudjt er bann am anbern SJlorgen Ijeim, nimmt fte 
einzeln in SBeljanblung unb balb §at er gelber unb 
Sieben lo3. 

Qn £ange beforgte &u meiner 3ett bieS ©efdjäft bie 
Jirma 9Jtoo3 unb ©öfyne non ©Otlingen am SRfjetn, ed)te, 
rechte, ftrenggtäubige Israeliten, norab ber SSater, ber 
fd)on ben £anbel trieb, aB ber dübele au§ bem ©efäng* 
nifc fam. 

felbft fjab' biefer $trma mein „"üJMtamare" ab* 
getauft, ein f£einc§ Sftebfelb auf ber #öfje mit ber 
munberbarften 2lu§pcr)t auf ©ee unb 2llpen. 0f)ne „ben 
Quben", ber bem armen Pfarrer Ärebit gab, roie feinen 
armen Gebleuten, märe id) nie $u jenem reijenben <5tM 
Sanb gefommen, auf baS id) eine £ütte baute unb barin 
bie feligften ©tunben in bie grofje Sftatur l)ineinträumte, 

Qd) follte fd)on bejftalb fein Stnttfcmit fein. 9lUem 
roenn alle Äinber QSraetS mären, roie -äJcooS unb ©öfyne 
in ©ailingen, unb mrgenbS meljr ©d)aben anrichteten, 
al§ biefe in £>ange, fo gäb 7 e§ audj feinen 9lntifemiti§mu§. 

$)ie $uben ftnb al§ Orientalen nad) meiner Slnftdjt 
für ben „®ampf uroJ $)afein* im @ef)im l)öf)er organifxrt 
al§ mir. $)arum gießen mir in ©elbf ad)en ftetS ben Shirjeren 
unb barum liegt alles, roa§ ©elb bringt, roie ber ftxucfyU, 
2Bem*, S8ie^ unb ©üterfyanbel, in iljren £änben, unb fie 
jiefyen Diiefenfummen au3 un§ nidjt fo pfiffigen, aber aud) 



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— 153 — 

nicht fo nüchternen, nicht fo fparfamen unb nicht fo 
fleißigen germanifchen ©t)riftenmenfc|en. 

£>aS ift überall ber gall, roo bie Quben nicht mit 
ihresgleichen, b. i. mit Orientalen, in Goncurrenj treten, 
unb mar 31t atten -geiten fo; nur waren bie (Stiften im 
Stttttelalter praftifcher, namentlich auch *>ie Seehafen. 

3n ftonftanj unb Ueberltngen lieg ber SHath, fobalb 
bie ^Bürger an bie Qubenfchaft oerfchulbet waren, bie 
5Unber QSraelS aufS SftathhauS fommen, roo man fte bei 
SobeSftrafe Broang, bie ©chulbfchetne bem ftaminfeuer $u 
übergeben. 

Qdt) mürbe xrorfchlagen, man fäatlariftre, roie einft 
bie ftloftergüter, ade 50 $ahre ben Ueberflufc an jübifchem 
unb chriftlichem ©roftfapital $u (fünften beS <5taat& unb 
laffe feinem (Staatsbürger je nach SBerhältntffen mehr 
al§ eine fyalbt, höchftenS eine 9Jttllion. S)te ßinber 
^SraelS werben biefe eine 9JciUion jroar in furjen fahren 
roiebet r-erjehnfacht höben, aber bann befchneibe man ben 
SBienenftocf oon neuem. 

3ur ©injielmng ber ßloftergüter, roo noch foldje 
erjftiren, roürbe alles, roaS liberal unb human tyi$t, 
heute jubelnb SBcifaCC geben, aber bie föothfdnlbe unb 
Kompagnie lägt man in ihren 2ttilliarben erfttefen. 2Bar* 
um? 2Beil bie Quben fiel mächtigere greunbe h^ben 
unter ben ©ro&en biefer ©rbe, als bie ftlofterleute, unb 
bajj fie biefe greunbfehaften ftch s u oerfchaffen roiffen, 
jeugt eben oon ihrer orientalifchen ©efdjeibtheit. — 

9llfo mit ben Quben am (See ftunb ich S^t. ®er 
alte SJcooS unb feine 6ölme gingen oft im Pfarrhaus 
auS unb ein, unb ich hab' fie auch einmal aufgefucht in 
ihrem fchönen ®orf auf ber luftigen ©öjje am SRhein über 
ber alten ©djrociaerftabt Liebenhofen. 



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— 154 — 

Unb er tfyat mir ©on ©crgcn wel), ber alte SJlooS, 
als er foäter unter ferneren ©djmeraen im greiburge« 
©pital, wo id) ilm öfters falj, litt unb ftarb. 

©in weiterer ©ofjn 3>3rael3, ber Keine ©uggenljet* 
mer, brachte ben Söeibern in unferem ©eeborf allerlei 
SBei^eug unb mir fc^Ieppte er alte Silber ju. ©3 fehlte 
iljm nierjt an ©djlauljeit im ©anbei, aber am ©elb, um 
benfelben fdjroungf)aft $u betreiben, unb barum fam er 
uid)t fort. 

$)er Ijarmlofefte, aber audj ber armfte Hebräer, ben 
id) in jenen Sagen fennen lernte, mar ber ©arburger, 
ein fleineS, oon 3Jlüt)e unb 3lrbeit aufammengefdfmnbeneS 
2Jiänntein. ©r ging regelmäßig an ©ommer*©onntag* 
Slbenben mit mir burd) ben „:gttenborfer SBSalb" auf 
feinem 3öeg nad) SJtarfborf, wo am anbem Sag 9flarft mar. 

©r trug auf bem SRücfen ftetS einen tyad $ofen$eug, 
womit er Rubelte, tjatte ju $aufe ein franfeS 2Betb unb 
©Bulben. $d) Ijörte ifm aber nie flogen unb Jammern, 
unb mir t>erabf gebeten unS nie, of)ne bafj id) in $oty 
ad^tung bem 3Jlännlein nodO nad)fdf)aute, wie er Imngerig 
unb burftig unb ferner belaben feines 2Bege8 weiter ging, 
geringem SSerbienft nad). — 

3)er S3äcfer im S)orfe machte e3 unferem Äonrab 
möglich, in feiner ©üttc ju bleiben, unb com Quben er* 
warb er auf Sermine einige Sttebgärten mit „2öie§road)3" 
ooen oran. 

Unb jetjt ging ber ©dfjwÄrmer für gfretyeit, ©leid)* 
fyeit unb Srüberlidjfeit, tiefer in ©Bulben benn guoor, 
wteber unentwegt an bie Arbeit im ©djwetfce feines 2ln* 

©r war aber ein ftiHer 3Jlann geworben, nadj bem 
alten ©pridjroort: „©in armer 3Jlann, ein tobter Wann", 



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— 155 - 

unb er blieb e8. 9ludt) tu feinen fpäteren Qa^ren noef) 
politiftrte unb räfonnirte er nie öffentlich; er Rubelte 
wohl nac^ ben 2Borten §omer§: 

fleht von Slnnuit) ge&unbener 3Hann barf reben nod) fjanbeln ; 
$enn bic 3ungc fogar liegt ifjm gefeffelt im 3Runb. 

<£r blieb ein tobter 9ttann, ber grojje ftclbmebel oon 
1849, unb politifirte nur noch mit mir. j^m 2öirth§h a u3/ 
wohin ju gehen ihm feiten oergönnt mar, fchwieg er. 

©eine fttnber — ein 6ot)n unb brei £öchter — 
waren mit ber Qtit groß geworben, unb ihr $letfe unb 
ber £ot)n ihrer Saglöhnerarbeit ermöglichten e8 bem 
Gilten, ein #ür)le ftu galten unb felbft im §erbft ein ©üle 
ju mengen, aber bie ©chulben blieben, unb mit S^ott) 
brachte er bie Qxnfen a «f« 

Qu biefem ©tabium ernannte ich ihn zum ©acriftan, 
unb unfer zehnjähriger täglicher Umgang foU nun in 
feinen ßtchtpunften gezeichnet werben ihm jur ©hre. 

2Ba§ mir an meinem ©acriftan am meiften impo* 
ntrte, mar feine Siebe jur (Smfamfeit. 3$ f a & *fa feiten 
mit jemanben reben. ©infam unb allein, Sßorbetgehenbe 
nur turj grüfcenb, wanberte er von feiner £ütte oberhalb be3 
$farrhaufe§ ber Kirche ju unb roieber jurücf. ©infam ging 
er auf§ gelb jur Arbeit unb einfam unb allein oom ftelbe heim. 

©in Sttenfch von ber SBübung eines SRebmaunS, ber 
fich allein genügt unb auf bie Unterhaltung anbei er Sitten* 
fchen oerjichtet, ift fein gewöhnlicher 3Jlenfch. „SUIe 
ßumpen/ meint ©chopenhauer, „finb gefeHig." „Unb atT 
unfere Uebel/ fagt ein geiftreicher ftranjofe, „fommen 
baher, bajj mir nicht allein fein fönnen." 

3lber eine« hotte er ftch angewöhnt bei feinem SlHetn» 
fein, ber ftonrab, er rebete mit ftch f elber, ein SBeweiS, 



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— 15G — 

baf$ et lebhaft badjte. Unjäljlige 5JW fyab' td) iljm ab* 
gelaufdjt, wenn tc§ unter bem £au3gangfenfter meinet 
4>äu3djen3 lag unb er bafjer fam bie $änbe mit ben 
ßird&enfdjlüffeln auf betn dürfen, gebüeft oor fid) $ut 
ftfjauenb unb mit fttf> rebenb. 

längere ©efpräcf)e führte er nur mit mir unb jroar, 
bie 2ßinter§seit aufgenommen, brei big mer SJtal be§ $age§. 

9florgen§ nad) bem ©otteSbienft befprad)en mir, oor 
ber $ird)e ftefyenb, pnödjft ba§ SBetter, roobei er über 
ben <5ec unb bie 9llpen f)infd)auenb, geftütjt auf jafyre* 
lange Beobachtung, bie trefflidjften SBemerfungen machte. 

$en SÖöolfen über bem <5antt§, roie ben letdjtejten 
SBinben über ben ©ee f)in Ijatte er lä'ngft tfjre 33ebeutung 
abgelaufdjt 

93on ben Söinben mar tfmt am oerfyafcteften, felbft 
$ur (Sommerzeit, ber s J?orbmtnb. (Sr nannte ifm „Bettler* 
madjer* unb fügte öfters fpöttifd) ^inju: „%tx ,Drbnrinb' 
fann nidjtS fein, benn er fommt au§ bem <ßreuf*ifcr)en." 
S)tefe Sflalice t^at er ben ^reufcen an als ben 9Jtörbern 
fetner einftigen ^retfjeitSibeale. Unb toeil id) fte auef) 
nierjt leiben mochte, mit au§ bem gleiten ©runb, fo fyaben 
mir oft über bie *ßreuf?en räfonnirt. 

Ratten mir bem Sßetter feine ^rognofe gefteUt, fo 
50g tnbejj ba§ erfte Sdfrtff, „ber 9Jlorgenbampf *, oor unferen 
klugen feeaufroärtS. Dft erjä^lte er beim Slnblicf beS 
^ampffd^ffeS oon bem ©taunen ber alten fjifdjer unb 
©Ziffer, als fte anfangs ber bretfjtger Qa^re ba§ erfte 
£)ampffdjiff fa^en. Sftte hätten fte geglaubt, bafj eS mög* 
ltd} fei, gegen bie SBeCien %\x fahren. 

S)en $ampf nannte mein ©acriftan neben bem ftaffee 
baS ftärtfte „©lement" beS 19. 3af)rf)unbertS, aber beibe 
hielt er für fdjäblid). $)er Kaffee habe bie fo gefunbe 



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— 157 — 

3Jlef)lfuppe unb ba3 noch gcfünbcrc „$Brüt)mel)l" überall 
oerbrctngt unb bcr $>ampf bie 9lrbeit§!raft bcr 3Jlenf^cn. 

2Bar bcr „Stampf" hinter bem ftippenhorn wer* 
fdjrounben, fo gingen auch roir auSemanber oon unferem 
2Jtorgengefpräch, jeber an feine Arbeit. 

Um elf Uhr fc^ritt ber grofj' dübele roteber oom 
Dberborf l)er ber ßirdje ju, um „olfe lütte", ben heiligen 
©locfenflang für alle 2Beib§teute, bie in ben fteben ftnb, 
bamit fte heimgehen unb ftnöpfle machen. 

3ur (Sommerzeit trat ber ©löcfner nach biefem Slmt 
in§ ^farrhauSle, nahm au§ ber Cammer mein „SBabejeug* 
unter ben 3lrm unb begleitete mich gum SBab in offener 
See hinter ben Söeiben unter bem ©djlojj ^irchberg. 

UnterroegS warb politiftrt. $jä) hatte ben 9Jlorgen 
über auch bie Rettungen gelefen, unb ba rooltte er rotffen, 
roa§ e§ üfteueS gäbe. S)a roir beibe bemotrattfcheS SBlut 
in ben Slbem Ratten von anno 48/49 her, fo roaren roir 
ftet§ einig unb fd&nitten un§ bie ganje Sßolttif auf ein 
bemotratifcheS Programm ju. 

3um ®lücf prte e§ nie ein (Staatsanwalt, roie roir, 
namentlich in ber Qiit be§ SMturfampfeS, auf unferem 
2Beg am ©eeufer hin auf bemofratifcf) bi§ fojialbemo* 
fratifch politifirten, fonft roären roir beibe Imnbert 3Jlal 
eingefperrt roorbetu 

2Bäl)renb ich in ben SBeUen be§ ®ee§ mich erfrifcf)te, 
fafi ber Sllte am Ufer, unb roir politifirten in ber bieget 
auc^ fo roeiter. (Sr felbft babete nie unb hatte feit feinen 
ßnabenjac)ren nie mehr gebabet. 

Weitere Seute am <5ee finb meift roafferfcheu unb 
fürchten ba§ SÖBaffer außen unb innen. 2öäre ba3 fchrocU 
bifche SHeer ein SBeinmeer, fte babeten £ag unb 9lad)t, 
bie luftigen unb burftigen (Seeleute. 



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158 - 

%a l)ört man fjeutjutag in allen Xonarten prebigen, 
baben fei notfjroenbig für bie ©efunbljeit. 3$ §abe am 
SBobenfee ftetnalte unb ferngefunbe Seute gefannt, bie feit 
iljren $htberjaf)ren nie mef>r gebabet Ratten, unb in ©e* 
birg§gegenben roofjnen unb leben $unberttaufenbe, bie nie 
jum SBaben fommen. 

•Uftan fann alfo aud) alt roerben unb gefunb fein, 
of)ne ju baben, roa§ nid>t mzfyt al§ red)t unb billig ift. — 

SBenn id> au3 ben Jlut^en fam, legte mir mein 
SBabebiener ba3 an ber <3onne gemannte Seintudj um, 
unb big td) frottirt unb angezogen mar, polttifirten mir 
abermals unb auf bem ©etmroeg roieber. Unfer ftete§ 
SBebauem beim 5lu§etnanberge^en mar, bafj mir beibe 
nid)t Sfteifter feien, um bie SÖBclt nadj unferem bemo* 
fratifdjen ©efefnnaef regieren &u fönnen. 

$ür bie 33abe*93egleitung unb *93ebtemmg befam er 
jeben groeiten £ag eine glafdje SBetn, be^alb roar'3 i^m 
leib, fo oft ba§ SBetter ober mir bie £uft fehlte, wenn 
er nad) bem „Olf e*£ütte" fam unb fragte: „£err Pfarrer, 
babet mer (baben mir) tyeut* nit?" 

©ine ©tunbe nad) ber SBabe^romenabe faljen mir 
un§ roieber. @r fam, um „ui§ lütte", b. % um ein 
Uf)r oom 9Jlai bis September ba§ SBettergeidjen %\x läuten, 
roä^renb beffen bie SttannSleute ben #ut abnehmen unb 
aHeS betet um Slbroenbung oon ßodjgeroitter — ein roafn> 
$aft fd)öne§, djriftlidjeS Säuten. 

S)er Pfarrer, eben mit feinem prumtioen SJiittag* 
effen fertig, fam regelmäßig nad) biefem Säuten jur ßtrdje 
hinüber, unb wenn ber ©acriftan oom Sljurm Ijerabge* 
poltert mar, festen roir un§ auf eine SBanf an ber füb* 
lidjen ©de ber 5Hrd)e, roo roir eine §errlid)e 9Iu§ftd)t über 
®ee unb 9llpen oor un§ Ratten. 



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- 159 - 

Qefct loJ er mir, wenn id) eben etnmS itn $)ru<f 
Ijatte, bie (Sorrectur oor, um meine bamalS fel)r fdjiöadjen 
klugen fronen ober mir führten roieber einen S)t3cur3, 
meifl aber nidjt auS bem ©ebiete ber Sßolttif, fonbern au3 
bem ooHen 3ftenf einleben, unb luer lieg er fein ganjeS 
£td)t leudjten. Qdj roill nur einige groben baoon 
geben. 

3$ bewunberte oft feine ^ufrieben^eit, ba i<$ i$n 
nie flogen $örte, roeber über förperlidje ©^mer^en, bie 
er otel litt, nod) über Slrmutf) unb ©lenb. 2lber babei 
war er bod) meift emft. SÖBenn er lachte, lachte er über 
bie SJumm^eit ber 9Jtenfd>en,ifjren ©^rgeij unb if)re£abfud)t 

,2Benn man über 60 Qafjre alt ift/ pflegte er oft 
&u fagen, „follte man nid)t mefjr lachen, aber man mujj 
oft lachen nriberSBidcn über bie S)umml)ett ber 3flenf$en." 

2Bie ma^r ift baS 2öort, nidjt mej)r ju lachen, wenn 
man in einem Sllter fte^t, roo ber $ob jebeu £ag fommen 
fann! 3$ null mir'3 roenigftenS merfen unb benfe befr 
f)alb gar oft an biefen SluSfprud) meines einfügen ©acriftanS, 
bamit id>'3 nid)t oergeffe, wenn bie geit fommt. 

©in anberer 2Öei3l)eit3fprud) oon ifjm mar: ^Qeber 
5Jtenfd& l)at irgenb einen SBor^ug oor ben anberen, mit 
benen er im fieben oerfel)rt. $)er eine fjat ©lücf im ©piel, 
ber anbere gut 2Better, toenn er £eu mad)t ober erntet, 
ber britte oiel $aare auf bem $opf, roäfjrenb anbere f af)l 
fmb. Unb fd)loß er biefe unb älmltdje SSergletdfje, 
„fyabe feinen SSorfcug als ben, baß idf) aufrieben bin, mag'S 
fommen, tote eS mitt. ©Rümmer fann'S nid)t me^r oiel 
werben; arm bin id), elcnb unb preftyaft auef). <£S fann 
alfo bei mir nur nod) ber $ob fommen. 4 ' 

£rotj aüebem Ijörte id) ifm bisweilen, roenn er allem 
auf unferer ^arlamentSbanf hinter ber Äirdje faß, oor 



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— 160 — 

ftd) I)tn fingen. icf> ifm einmal barübcr „befdjrie", 
meinte et, in ber ^eiligen (Schrift ftelje: „60 einer in 
Söetrübmjj tft, Bete er, fo einer in greuben lebt, finge 
er/ $)a er nun meift ©runb jum SBeten §ätte, aber 
nic^t immer beten fönne, finge er jur 9lbroecf)3lung auc§ 
im (Slenb. 

3$ ^atte itym bie 2Beltgefd)ict)te t>on SSecfer gum 
Sefen gegeben, unb ba ging i^m eine gütle neuer ©e* 
banfen auf, wenn id) ifm über ba§ ©elefene au§frug. 

(£ine§ ftcCttc er al§ 2)emofrat oon reinem S8lut balb 
al§ ftxutyt feiner Seetüre feft, bafc ju allen QtiUn 3Jlac^t 
Utecht unb ba§ gemeine SSolf ber ^ßrügelfnabe ber großen 
Herren mar. 

9He f)ab' ify itjn mef)r fttf> freuen gefefyen, als ba er 
gelefen tyatte, bag bie Königin ber ©ernten bem (SuruS 
ben $opf fjabe abfdjneiben unb in SBlut tauten laffen. 

%a§ imponirte Umt, unb bie grau XomnriS fjatte 
fein ganje§ 2Bof)lgef allen, obwohl er e§ fonft al§ eine 
£ä'd)erlid)feit In'nftellte, bafj 3Öeiber 93ölfer regieren. 

„SBölfer/ meinte er, „meiere ein SBeiberregiment 
bulben ober ßinber als Könige, füllten nod) gu ben ,2Bil* 
ben* jaulen." 

2ßie raeit idj biefen gefunben 3lnfd)ammgen ju* 
ftimmte, ba§ mag ber freunbltdje Sefer erraten. QfcbenfalB 
follten Staaten, meiere bie weibliche ©ucceffion auf bem 
%t)XQtt anerf ernten, aud) alle anberen grauen ju allen 
©taatSämtern für fäljig erflären unb vom erften 3ttinifter* 
bi§ sunt legten ©djreiber^often fein 2ßeib auSfcf) liegen. 

#elle greube Ijatte mein ©acriftan aud) an SÄamfeS 
bem ©rofien non Slegnpten, t>on bem er gelefen, baf$ er 
ftd) bei feftlidjen ©elegen^eiten non feinen ßleinftmigen 
im 2ßagen jic^eti lieg, ©onft müffe überall bal 2Mf 



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— 161 — 

an bcn $riumphroagen bet Könige sieben, bcr ÜiamfeS 
aber Ijabe (Seinesgleichen baju gelungen. 

JJür ben gefcheibteften (Staatsmann beS 19. Sa^r* 
ImnbertS tydt er nicht etwa ben 93t3marcf, fonbem ben 
brafilianifchen Sftinifter $)om Elemente $ereira, oon bem 
ich ihm erjählt hatte, bafj et Orben unb SlbelSbiplome oer» 
faufte unb auS bem ©elb in Wie be Janeiro baS größte 
unb fchönfte QrrenhauS ber 2CöcIt grünbete. 

$a3 gefiel meinem Sllten über alle Sttafjen, nur ^Stte 
er gerne bie Käufer als bie erften Qnf äffen in baS #au3 
gefteeft. 

Wliä) felbft oerfchonte et nicht mit treffenben 53c* 
merfungen. SBenn mit auf einem unferer ^amaffe fajjcn 
unb in ber 9läf)e biSroeilen $)orffinber lärmten unb foielten, 
beorberte ich il>n oft, bie flehten ©freier jur SRuhe ju 
oerroeifen. $)a3 t^at er jetoeilS, bis mein Such „9lu3 ber 
gugenbaeit" erfcfjienen mar unb er eS gelefen hatte. 2113 
ic^ ifa fur & «achter eines SageS auf bie ftinber loSlajfen 
wollte, meinte er: „$err Pfarrer, baS, roaS bie ßinber 
bort unten treiben, fyabm Sie ben $inberf)ünmel genannt, 
unb jefct fott idt) bie ftinber auf Qf)ren Söefetjl auS bem 
§immel jagen! 4 ' 

5113 ich ^ m einmal erflärte, ich fei eben neroöS unb 
griesgrämig unb fönne ben £ärm bet ßinber nicht er- 
tragen, oerglich er mich mit alten Jungfern, bie einen 
3om befommen, roenn fle junge 3Jtäbcf)en tanjen fehen. 

(So h^tte ich täglich ©elegenheit, mich feiner ©eifteS* 
bli^e ju erfreuen. — 

$ur (Sommerzeit, roenn mir nicht gerabe ein an* 
regenbeS Ztyma hatten ober ich fchmeigenb in ben fonmgen 
(See hineinfehaute, fchlief mein Nebenmann bisweilen ein. 

^ott*iafo&, et^neeboOtn. «ritte Ket$«. H 



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— 162 — 

3$ lieg Ujn bann f djlafen, ging von bannen unb madf)te 
auef) mein 6tf)lafd)en. 

£atte et nichts &u arbeiten, fo fd^lief er ben ganzen 
9ladmtittag bi§ oier Ufyr. 3 U biefer ©tunbe mußte er al§ 
©IMner abermals feines 5lmte§ warten unb „t)iere lütte", 
batnit bie Arbeiter im unb SRebberg müßten, e§ 
fei bie Qtit gefommen, ba§ im fielen ©runbe oerfteefte 
2Bem* ober 3Jtoftfrügle 8« I^ren, bie alten SBeiber unb 
greifen Männer, fo &u £aufe blieben, ben aufgewärmten 
ftaffee trauten unb ber Sel)rer bie Stüter laufen lieg. 

s Jlad) biefer nietjt unwichtigen Jyunftion ging aud) ber 
Sfteßner Ijeim unb tränt oon feiner £ire ober wenn 
ein unoerfjoffteS Srinfgelb oon einer Saufe ober 9lu§* 
fegnung I)er in feiner Safere mar, genoß er ftittoergnügt 
ein „Viertele" beim J3r\$*, oorn an ber ©de ber 
$)orf gaffe. 

3Jlan^mal mar er oon SBeib unb ftinbem beorbert, 
gegen Slbenb ba§ &üt)le einjufpannen unb bas äöägele &u 
bringen, um ©ra§, $eu ober SKeblaub ^eimjufü^ren, unb 
bann begegneten mir un§ bisweilen außerhalb beS Dorfes, 
loo id) um jene £ett regelmäßig luftwanbelte. 

©r grüßte mtd) aber bei folgen Begegnungen jeweils 
mit einer 93ornef)ml)eit, als ob mir uns an bem Sage 
no$ nie gefe^en hätten, unb ließ ftd) bas nid}t nehmen, 
fo oft id^ ijmt aud) fagte, er foHe ntdjt fo fremb tljun. 
(§r meinte, eS fei wegen ber fieute. 2113 ob nid^t baS 
ganje 3)orf gemußt fjätte, baß ber Pfarrer unb berÜJJceßner 
täglich auf einer ober ber anbem Söanf in ber SWtye ber 
ftirdje beifammen fäßen! 

$lm 2lbenb traten mir norfj einmal inS ©cfprädj. 
SDSenn bie ©onne hinter bem £>ofjentwiel ^inabgefunfen 
mar unb bie 6terne über ben Dberfee ^ereinguguefen be* 



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— 16a — 

gannen, fam bet grof}' dübele roieber ba$ $orf h«a&> 
um Söetjeit &u läuten uttb bic flirre p fdfliejjen. ^ch 
roanbelte um btefe 3ett in bet Siegel not meinem #äu§d)eu 
auf unb ab unb flaute in bie fommenbe 9iad)t hinein, 
wie fte über ben ©ee ^ereinbunfelte. 

SQBar bet ©acriftan mit biefcr feinet Ickten $age§* 
arbeit gu ©nbe, fo fam er ju mir, unb e£ rourbe noch 
ein furjer $)i§cur§ gehalten. %a frfjritt bann geroöfmlich 
oom ©ee herauf unfer britter College im Stirchenbienft, 
ber Sehrer unb Drganift. ©r ^atte brunten am ©ee 
„beim geUer" feine Slbenboiertele getarnten unb mar, 
fein ßigärrdjen fchmauchenb, auf bem £eimroeg. 

$)er £ehrer Seopolb $unb mar $roeifello8 ber ge« 
fcheibtefte oon uns breien; benn ber 3fte§ner unb ber 
Pfarrer waren Qbealiften unb er ein Sftealift. 2Bir jroei 
auf ber SBanf hinter ber Kirche bauten poUtifche £uft* 
fdjlöffer unb matten in freiheitlichen Srctumen, roährenb 
unfer „<ßrofeffor\ rote ich ihn nannte, menn fein $)ienft 
um mar, feine Viertele tranl unb einen Sinbauer ©chüb* 
ling ba^u genehmigte. 

sßolitifd) ging er nrie fo niele glücfliche (Sterbliche 
mit ber beftehenben ©eroalt unb fchroamm nie gegen ben 
©trom. 2ln be§ ©rofcheräogS ©eburtStag hielt er in ber 
SRegel beim SBanfett bie geftrebe in einer ebenfo ge* 
mahlten al§ lonalen ©prache. 

Slber einzig in feiner Slrt mar er in ber Kirche, mo 
er bie ©ingmeifen an Sföerf tagen ftet§ folo fang, meift 
nach eigenen, neuen ©ompofttionen. 3$ mar babei ftet§ 
r-erfucht, ihm gu laufchen unb meiner Slnbacht am Altäre 
untreu ju merben; benn ich liebe nichts mehr in ber 
SJhiftt unb im ©efang als ba§ $&nbltch*9toiüe. $)arum 
macht mir ein 93aueruburfche mit feiner «ßiehhatntonifa 

11* 



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— 164 — 

weit mefjt Vergnügen, als ein ganzes $oftljeater*Drcf)efter, 
unb mein Drganift in £ange fang mix weit tiefer tnS 
©erj als ber berüfymtefte £elbentenor. 

2Benn ber biefe Selker gegen ben <5d)lufj ber SJleffe 
ba$ £teb fang: 

2Ba3 fmb roit $tr benn fcfjulbtg, 
3)afe S)u einft fo gebulbig 
Pr unä gelitten $aft? 

wobei bie (Sompofition oon i^m meift neu Bearbeitet mar, 
fo glättete ber @ee, ber juoor feinen 2BeUenfdjlag pr 
$ird)e ^eraufgefanbt tyatte, feine Sogen unb l)ortf)te an* 
bärtig ju. 

£efyrer $unb r«erliejj mit mir ba§ $)örfd)en am ©ee 
unb amtete ganj in ber 9läf)e oon £>a§le auf Ijerrlidjer 
$ölje unter edjten ßinaigt^äler dauern, meinte aber, 
bie Seute Ratten weniger „3Jhtftfalüa't" als bie $angouer, 
unb ber 2ßein bei feiner heutigen -Madjarin, ber „SBecfe* 
ßätfyer", meiner alten Qugenbfreunbin, fei oiel teurer 
al§ „beim geller am ©ee", weftyalb er in Rieben fein 
SBier tranf. 

gu neuen (£ompoftttonen begeisterten tfm bie „2ötHiger 
unb gifc^erbacE)er 3Jtann3* unb 2öiberoölter" nidjt, benn 
bie achten auf ben ©efang be3 Se^rerS fo wenig, al§ bie 
Tannenzapfen im „^Billiger ^irdjenwalb" auf ben ber 
Slmfeln unb $)roffeln. 

dagegen Ratten oiele $angouer eine grofje muftfa* 
lifdje 5lber; eine brillante $)orf mufft erjfttrt in £ange 
feit alten Reiten, unD * n öer ^ ir ^ c fpieltcn ju meiner 
3eit nod) bie alten Gebleute „figurirte3Keffen" mitunter* 
flang unb Srompetengeftfjmetter, wie einft in meiner 
Änabenjeit bie SJlufilanten in £>a3lc — 



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— 165 — 

Unfer ^rofeffor mar audj barin ein ftuger Sttann, 
ben id) oft beneibete, bafj er feine 2Biberfprüd)e machte, 
roenn er mit jemanben rebete. 3luf ade ^Behauptungen 
feines 9tebenmenfd)en antwortete er: „@anj recht, ganj 
recht." 

■äJUt biefem fjöt^ft oernünftigen ©runbfafc wirb man 
ein alter Sttann, ohne fich unb anbere ärgern, unb ich 
wollt', id) hätte ilm jeitlebeml gehabt »). 

£)arum fagte ich, roenn ber £ef)rer einige geit mit 
un3 gefprochen, un§ ganj xect)t gegeben hatte unb bann 
fdnnauchenb unb juf rieben fchmunjelnb oon bannen ging, 
oft jum großen Rubele: „Unfer ^rofeffor ift gefd)eibter 
al§ mir beibe; er trtnft, roährenb mir leeres (Stroh brefchen, 
feinen SBein unb fommt mit niemanben in SBtberfprudf, 
inbem er allen Seuten recht gibt" 

Qefct führten mir noct) unferen $)t§cur§ roeiter, ju* 
nädjft überS 2Better, inroteroeit bie *ßrognofe be§ 9Jlor* 
gen3 fid) erfüllt f)ätte. 9Jlein Prophet mar immer un* 
gehalten, roenn feine Sßorherfage nicht eintraf. Unb melier 
Prophet märe ba§ nicht, roenn er Durchfällt? 

Srofcbem prophezeite er alsbalb roieber für morgen. 
Stobei mar unb blieb er ftet§ Optimift; ob Stegen ober 
©onnenfäein über bie @rbe ging, e§ ftörte feinen ®leid)* 
mutl) nicht. SBährenb id? über lange anfjaltenbeS SHegen* 
metter unb feinen Schaben räfonnirte, hatte er nie ein 
SBort beS Habels über fd)lechte§ SBetter unb befchämte 
mic^ oft mit ben in pfjilofophifcher gftuhe gefprodjenen 
2Botten: „2Bir müffen e§ fpU nehmen, roie'S fommt, 
änbern fönnen mir nichts mit atl' unferem ©efdjroä^." 

Sftach bem SBBctter fprachen mir über ben $)ienft. 
%a gab'8 am anbem £age ein Sftnblein ju taufen, unb er 

') $er %ot> bat ben brauen Siebter mbejj t>oc& aueb erregt. Cr flarb 1894. 



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— 166 — 

mugte bem jungen SBeltbürget läuten unb Beim Saufen 
afftftiten. @t I)ötte e§ immet getn, wenn td) tlmt ba£ 
anfünbigte; «t befam ein wenig Stinfgelb, raonacf) et 
Iüftetn max, benn fett bet legten fönbstaufe tyatte et 
feinen Pfennig ©elb meljt in bet Safere gehabt unb aud> 
fein SSiettele met)t gettunten. 

Dbet e§ fatte ein SJlann bei mit feine fttau jum 
2Iu§fegnen beim etften ßirdjgang nad) bem 2Botf)enbett 
angemelbet, unb ba gab'3 aud) ein Dpfet: jmei ftetjletn 
unb sroanjig Pfennig füt ben — ^irctyenfonb. $>a bet 
leitete abet in biefem fJaUe — nad> meinet 9lnftd)t — 
ba§ teinfte SBlutgelb einnahm, wenn et bem ©acriftan 
ntd)t3 gab, fo liejj t$ gat oft ben Sroanjiget biefem $u* 
fommen. 

Unfere £)ienftrefetate waten wenige unb futj bei* 
fammen; beim auf einet flehten, gefdjloffenen ^otfpfatrct 
mit faum 600 ©eelen gef)t füt Sßfattet unb Sttefmer untet 
bet SBodje faft ein Sag wie bet anbete vorüber in ftider, 
mityelofet 2lmt3t!jätigfeit. $)tum ift Sanbpfatret fein füt 
einen 3Jtenfd)en, bet ftd) ju befd&äftigen roeifj, ofme bafj 
bet $)ienft itm baju anringt, eine raaljte ©olbgtube fürä 
©tubium. Unb id) roäte freute beteit, roieber in bie ge* 
fegnete Sftufye eine§ ßanbpfatretS aurücfjufeljren, wenn mit 
jetnanb eine Sßfatrei gäbe mit einem §ilf§ptiefter am 
©onntag unb einem füt beibe genügenben ©infommen. 

s 2öa§ mit taufenbmal im Qaftr bas ©tabtteben unb 
Stabtroitfen entleibet, ift bie Unruhe im §aufe unb außer* 
^alb beSfelben. %a läutete unb flopft'S ben ganzen Sag 
an ben Spüren; eme§ gibt bem anbetn bie Älinfe in bie 
$anb, unb üot bem §aufe fährt'S unb beuTS unb fdjreit'S 
unb pfeift^ unb brüttt'S vom ftüfyen Sttorgen bis nad> 
2ttittetnad)t. 



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— 167 — 

3n $ange fam bic SOBodfje über fein Wltnfä tn$ 
#au§, an bcn Spüren läutete feiten ein £aubn)erf§burfdje 
unb oor bem #aufe war aUermeift bie Sttufje eines 

S)rum fag> icf) mir unjäfjlige WlaU: „©elig ein Sanb* 
Pfarrer ju fein auf einem $)örf d)en (lein unb roeltfem!" — 

Dft fprad) ber groß' ftübele am 2lbenb audtj vom ©egen 
beS ©djlafeS. $er fei für arme Seute ba§ $8efte. (£r 
lobte mit ©anetyo *ßanfa „ben 9flann, ber ben ©d)laf er* 
fanb", unb U)m mar, wie bem £)on Qui^ote, ber ©d)laf 
„ba§ SBaffer, ba3 ben S)urft vertreibt, ber SJtontel, ber 
alle menfd&lidjen ©orgen &ubectt, unb ba§ ©ffen, baS bcn 
junger ftiUt\ 

©leid) nad) unferem abcnblid)en 3roiegefpräd) ging 
er befftalb jur iHiüje. 

$a oft, roenn fein «offener gufj" if)n fd)mer$te, legte 
er ftd) fdjon am gellen £age p 58ett, madjte nad) meinem 
SRecepte einen naffen Umfdfjlag um baä franfe Sein unb 
flaute oom 93ett au3 lunab auf ben ©ee, ben er präebtig 
oor fi$ fal), ober er brütete cor ftd) f)in, bi§ bie Sftadfjt 
ober ber Schlaf fam. 

£>atte er an Sonntagen jur (Sommerzeit fein (Mb, 
um inS 2Birtf)§f)au3 gefjen, fo ging er am jiftadfmtittag 
auf ben Ätrdjtfyurm, flaute über ben ©ee lunab gen 
ftonftanj unb weithin m3 ©egau, unb wenn er genug 
Statur getrunfen, fo fd^ lief er broben ben ©dfjlaf be§ SIrmen, 
roä^renb anbere im SBirtfjS^auS gelten unb jubiürten. 

3ln Sonntagen mar idj fo ermübet tum grüljmeffe, 
sjSrebigt, 5lmt unb (£f)riftenlef)re, bafj idf) an eine Unter* 
Haltung mit bem ©acriftan gar ntcrjt benfen fonnte. 

SBä^renb ber S^riftenle^re fafj er regelmäßig in einer 
Gljorbanf unb fdjlief. 



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— 168 — 

Sraf idt) ilm aber, wenn er gegen Slbenb oon feinen 
poefkr-ollen Shurmftubien herabftieg, fo befam er jeroeüS 
ein ©la§ SBein au§ meinem Heller. 

©Irlich unb reblich gab er Söeib unb ßinb 99 <ßro* 
5ent feiner (Sinnahmen als Sfle&ner unb mar be^alb faft 
beftänbig ohne baS fleinfte baare ©elb. 

©ein ©ehalt betrug mit allem, n>a§ brum unb bran 
n>ar, faum achtzig Pfennig pro Sag unb ging meift barauf 
für bie £au3haltung unb ber «Heft fürs Rahlen oon £>olj* 
unb ^a^tgelbern an bie ftomänenoerroaltung, menn SJlar* 
tini tarn. 

Unb bod) hatte ber groß* ftübele feine ftefttage, meiere 
er tfjeilS feinem $)ienfte als ©acriftan, t^eilS meiner 
greunbfdjaft oerbanfte unb bie mir fennen lernen muffen, 
um 31t erfahren, roie wenig baju gehört, einem armen 
9flann ein geft gu bereiten. 



Viermal im Qahre fpeifte mein ©acriftan mit mir, 
unb jroar an ben Ijödjften Äirchenfeften, jum Solm für 
bie 2ftühen unb Vorbereitungen, welche biefe Sage ihm 
oerurfa^ten. gu 2Beihnatf)ten holte er 3ftooS im 2Balb 
unb Tannenbäume^ en, fteHte bie Grippe auf unb orbnete 
beren Beleuchtung. 2luf bie Dfterjeit errichtete er baS 
heilige ©rab mit allem möglichen ©ehmuef unb t-erherr* 
lichte bie 2luferftef)ungSfeier am DfterfamStag Slbenb. 3ln 
Sßfingften fchmücfte er ftirche unb Altäre mit Blumen. 

3lm JJeft beS SftrchenpatronS, beS heiligen Johannes 
beS SäuferS, machte er Äränje für Kirche unb Pfarrhaus. 

3ln allen biefen ^eften aber hatte er außer feinen 
ftunftleiftungen, bie für feine Vilbung erften langes 
roaren, noch bie große ©locfe gu läuten, wop er ^roei 
Männer brauchte, bie er um ©otteSlohn aufteilte. 



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— 169 — 

SBenn bann an ben genannten Sagen bie für baS 
fleine $orf fo fd&öne unb gewaltige ©locfe mit 9Jlad)t 
um jwölf Uljr tf>r 2loe 5Jtaria über ben ©ee gerufen 
Ijatte, erfd)ien ber 9flej3ner betreiben im beften ft^margen, 
gciftlictyen Wod, ben er oon mir Ijatte, in meiner flehten, 
nieberen ©tube jum gefteffen. 

StoSSBortgefteffen oerbtente eS aber nur oom ©tanb* 
punft eine§ SJlanneS auS, ber an ben aUermetften geften 
beS £af)reS fein fjleifd) ftat 

©in fianbpfarrer, in beffen $>orf ein 3ttefcger ofjne 
ftletfd) wofmt, ein ©eflügel* unb $)eltfateffen*#änbler 
aber gar nid)t, fann überhaupt feine Jefteffen geben, ßmzu 
mal in ber 2Bodf)e, jur aBmterSjeit nur einmal, brachte 
ein lampfboot meiner ©djrocfter unb mir eine blecherne 
SBüc^fc mit Ddjfenfleifö, ftalbfleifc^ unb etlichen 93rat* 
würften oom ©djaffmauer ober oom ©auter im „£affe\ 

©o oft idj bafnn fam, naljm u$ ba8 gleifd), in 
Rapier oerpaeft, felber mit unb baju nod) allerlei kolonial* 
roaaren für £>auS unb ttücfye. 

•äftefyr al§ einmal, wenn ber Äapitän in JriebridjS* 
fjafen mir erflärte, er fönne wegen ©türm md)t lanben 
in ©ange, trug idf) mein ftletfdj Ijehn ben langen 2ßeg 
oon brei ©tunben. 

Unb me&r als einmal f)ab' id&'S aud& auf bem freien 
gelbe äufammengefudjt, roenn idj'S oerloren ^atte. 3)aS 
fam aber nid)t oon wegen ber Srunfenbolbenfjaftigfeit, 
fonbern fo: 

Qn einer ©eeftabt gibt'S mefyr ©dn'ffe unb (Sonbeln 
als gufjrroerfe, unb bann fann ein armer Sanbpaftor nidf)t 
in flotter ©quipage fahren, £atte id> nun fein JJuljrmerf 
bei mir ober fonnte ber Kapitän mid) md)t mitnehmen 
unb war baS SBetter ju fd)led)t jum ©eljen, fo fufjr 



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— 170 — 

mid) regelmäßig ein junger SBauer au§ ber SBorftabt $ofen 
für brei 9ttarf l)eim, n>a§ aber feiten ganj gelang. 

©r rjattc einen flotten ©Gimmel, ber aber roeit 
f flauer unb eigenfinniger war al§ fein gutmütiger §crr, 
tiefer Schimmel mar jeitroeife au3gefprod)ener mürttem* 
bergifdjer ^Partifularift unb mußte n>tffen, baß e§ im 
©d)n>äbifd)en in oielen fingen beffer fei, als im SBabifdjen. 
©obalb er bann merfte, baß e§ bem 93abifd>en juge^e, 
rooüte er um jeben *ßrei§ umfeljren. 

Sfjat i()m bann fein £err ben SBtHen nidjt ober 
wollte id) ifm ftrenger anf äffen al§ fein £anb3mann, fo 
fprang er non ber ©fräße ab unb querfelbein. $>ie£ 
Sttanöoer führte er befonberS gerne im SBinter unb am 
©dritten au3, wobei er un§ regelrecht in ben ©dmee roarf 
unb mein gleifd) auf§ gelb ftreute. Qd) fuctjte bann 
mein 3Jiittageffen für eine ganje 2öodje roieber sufammen, 
wäfjrenb ber „3lnbre§" ben ©glitten aufrichtete unb 
auf bie ©traße braute. 

£atte ber ©Gimmel feiner 9Intipatljte gegen bie ba* 
bifdjen ©renjpfä^le einige SJlale fo 9lu§brucf gegeben, fo 
gab ber ©ef d^eibtefte nadj. Qdj na^m mein roieber in Rapier 
geroicfelteS gieifd) unter ben 9lrm unb 30g befdjämt meiner 
©eimat^ JU, ber ©djroabe aber mit feinem ©djimmcl 
ber femigen, wobei ber lefctere roieljernb, wie mit |>ofm* 
gelabter, unb im fd)ärfften $rab balnnflog. 

3Jlit fotetjer 9Jcul)e fjat ein Sanbpfarrer ftd) manchmal 
fein gleifd) ju bef Raffen ! 5lber bie ©d)n>iertgfeit, gu feinem 
Siinbflcifdt) ju fommen unb e§ unter Seben3gefal)r fyeun* 
jubringen, fjatte nebenbei aud) i§re ^nne^mlit^feiten. 3d) 
mußte, wenn id) ben ^rooiant für bie ftüdje f elber f)olcn 
wollte, wa§ in ben erften Qaljren regelmäßig gefdjaf), 
fdjon mit bem 9Jcorgenfd)tff abfahren, ba um SJlittag (ein 



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— 171 



©djiff in £ange Ianbete. 9luf bcm ©chiffe nun gab'3 
Unterhaltung für einen oereinfamten fianbpfarrer, felbft 
wenn faft feine *ßaffagtere ba waren. Qcf) fprach mit ben 
Sftatrofen ober mit bem ©teuermann über 2Binb, SBetter 
unb 9ttatrofenleben, unb ba3 mar mir ftetS intereffant 

9Rad) einftünbiger Jaljrt im ©äffe angefommen, ging 
ich ju meinem 3*eunb ftubolf, oon bem mir oben fdjon 
gehört, augleid) mein Hoflieferant für Qudtt, Kaffee, 
©chroeiaerfäS , ©chuhnrid)fe k. 3$ wachte meine 93c* 
ftellung, unb aisbann ging'S gegenüber jum SBruber bc§ 
frönen SKubolf, ber einer meiner Sleif erlief eranten unb 
jugleid) mein Hotelier mar. 

©eine ©attin, bie, wenn fte wollte, ebenfo liebend 
roürbtgc al§ fchöne grau (£life, feroirte mir ba§ SBahrjeichen 
griebridjö^afeng, SBratwürftle, unb leiftete mir ©efellfchaft, 
bi§ greunb S^ubolf fam unb fein Dejeuner einnahm, wobei 
alle unpolitifc^en £age£fragen be§ ®täbtd)en§, bie feit 
meinem letjten £>terfein aufgetaucht, befprodjen mürben. 

$>ann warb ein gemeinfamer SRunbgang gemacht burd) 
bie ©trafen unb am $afen tyn; benn bie ganje 9Jtorf)t 
be§ 99obcnfee§ al§ SBaffermaffe mufe man oon grtebrid)§* 
hafen au§ betrauten, eine SKajeftät, bie immer tmponirt, 
auc^ roetm man f* c n °tf) f° oft angeftaunt hat. 

Ueberall trafen mir auf SBefannte; benn ich mar 
ein alter ©aft. 9fte oergafc ich ben 3)ampffchiffahrt§* 
Qnfpeftor ©chaible aufsuchen, einen ganzen Wann, ber 
fich oom ©th«iner*:öehrling bis $u biefem Soften heraufge* 
arbeitet hatte, nachbem er oiele Qahre juoor als ©chiffS* 
fapitän auf bem ©ee gefahren mar. 

3m alten, frönen SRathhauS reftbirte ber ©tabtfdmlt* 
Ijeifj SJtiettinger, baS Urbilb eines gemütlichen, lieben?» 
würbigen unb geiftreichen ©chuljeiL 




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— 172 — 

Qn bcr SJtitte bcr ©tabt toolmte ber Verleger bcS 
©ee*93lättle§, ßtnfe, ein Ijödjft gemütlicher $annooeraner, 
bcr, toäljrenb wir im na\)zxx SBaben ooUen SMturfampf 
Ratten, ruljig fein SBlättle am fd)toäbifcf)en ©eeufet tyn* 
fteuette. 

2Jtit ilrni tourbe »olttiftrt. 

S8on ifmt ging'3 f)tnau§ an§ (Snbe ber ©tabt gum 
$ofgärtner 9lmonn, bem ftet§ Reitern ©ageftoljen, ber 
©ommer unb SBinter in sßflanjen* unb Sluerroelt SKeueS 
^atte unb mit bem idt) fdjnmngfjaften Saubentaufd) trieb. 

9lm 9tad)mittag tarnen bann cuT bie SBefonnten, 
rocIcr)e icf) am borgen getroffen ober befugt Ijatte — 
beim ßefenfyeimer ober beim ©djaffmaoer ober beim 
^rcifönigtoirtt) „jum SBier" jufammen. (£3 erfdjienen 
aber aud) regelmäßig bie näd)ften fdnoäbifdjen Pfarrer: 
2)er gelehrte ©ambetf) oon Ettlingen, ein toaf)re§ Segicon 
in roürttembergifdjer £anbe§gefdn'd)te, ber oomefjme, feine 
gembrobt oon ©d)nejenf)ufen, ber (leine , biefe ©cfjöttle 
oon «Öettenfyufen, au£ beffen runben klugen bie 3 u fmben* 
l)eit über ben ganjen ©ee f)inleud)tete toie Sftorgenfonnen* 
}cf)ein, unb ber täglid) in ben £>afen roanbelte unb roenn er 
c§ nur feinem jaljmen ©$äfle ju lieb ttjat^ ba§ er im 
#au3 I)ielt unb für ba§ er öfters in bie 3lpotr)cfc ging 
— enblirf) ber ernfte, fromme Pfarrer oon gifdjbad), ein 
alter $err, ber ftdj oor einem falben Q a Wunbert oor* 
genommen fyatte, nur auf eine ^ßfatret 31t geljen unb ba 
ju bleiben, unb ber ben SBorfatj ausführte unb blieb, 
obroof)l er in einer ©emeinbe nrirfte, in ber bie 9Jtännex 
oiel lieber in3 2Birty§f)au3 als in bie ßirdje gingen. 

2Ba§ in jenen ©tunben an fdjioäbifdjer ©emütfjlidj» 
teit geleiftet rourbc, gäbe gange $8üd)er. 

s 3lbcr roaS bleibt un§ oon allen bcr artigen ©tunben V 



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— 173 — 

$)ie (Srtnnerung, rote fd&nell ftc oorüber gingen, roic lange 
fte fdjon oorüber fmb unb rote otele liebe Sttenfchen au3 
jenen £agen fchon brüben ftnb in ber ©rotgfett! 

SJUd) riß jeroeil§ ba§ 3Ibenbfchiff ober bie fommenbe 
Stacht au§ bem Reitern Greife fort, roenn er am beleb* 
teften roar, h«tau§ auf ben (See ober in bie fühle £anb* 
Iuft atn (See Inn. 

3$ nahm meine oerfdjiebenen ftüchenpaefete unb 
bampfte, fuhr ober ging heimwärts inS fülle, fülle Dörfchen. 

2Bir hatten im 3>orf einen Sttetjger, ben alten (£apo* 
rano, einen leiblichen 93etter be§ gleichnamigen ftarbinalS, 
ber e§ beim (Sterben oergeffen hatte, ba§ ein armer 
Sfte^ger feinet ©efdjledjtS am SBobenfee roohne. Unfer 
(£aporano mefcgete im Söinter ben #angouern ihre (Süle, 
roenn fte biefe nicht oerfaufen mußten pm #infen, unb 
im (Sommer eine ober bie anbere alte $?uf). 

58i§rocilen holte er auSroärtS einige $funb bei einem 
«ßunftgenoffen unb oerfaufte fte in unferent $)orf. £)ie 
meifte 3ett aber hatte er fein JJleifch, roeber für fleh Kod> 
für anbere. 

2Bie oft hat mich ber arme Sttann geplagt, nach ^om 
ju fchreiben roegen be§ SeftamentS be§ ßarbtnal§ (Sapo* 
rano; er müffe roa§ geerbt haben! Qdj fchrieb einmal, 
um ihn gu beruhigen, an ben (General ftanjler unb be* 
fam bie Nachricht, bafj man in £Rom ftch faum noch an 
ben £ob be§ oor oierjtg fahren geftorbenen ftarbinalS 
fcaporano erinnere, noch weniger oon feinem Seftament 
etroaS roiffe. 

Qefct roar ber alte SJte^ger getröftet unb meinte, roenn 
ein ftarbinal in SKom fo balb oergeffen fei, fimne man e§ 
einem folgen auch nicht oerübeln, roenn er einen armen 
Setter unb SJcefcger in £>ange oergeffen habe. 



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— 174 — 

3Ric$t fo lange nadlet famen mein (Sacriftan unb i$ 
$u unfetem ©aporano mit ben ©terbfacramenten. Unb als 
id) i^n am anbem Jage normal befugte unb itm lobte 
ob feiner ftarfen ©emütfjSrutye bem Job gegenüber, fprad) 
er : „(Sin armer 9Kann, ber auf biefer SBelt nichts gehabt 
f>at als Arbeit unb «Rot^ ftirbt gern." 

2lm britten Jag mar unfer italienifdjer 3Het>ger ein 
tobter unb gleid) barauf ein oergeffener 3Jlann. — 

2Ufo mein ©acriftan unb id) Ratten fein Steffen. 
Unfere Jafel beftanb auS geföntem SRinbflcifd) unb auS 
Kalbsbraten nebft rotfyem, fauerm ©eeroein. Slber unfere 
Stimmung, oorab bie beS ©acriftanS, mar feftlkfj, ja bei 
if)m fogar feiertidt). (Sr getraute ftd) faum redjt ju effen 
unb &u trinfen, unb icf) mujjjte ifrat fort unb fort ju* 
fpredjen. 

berebt mar er bei biefem Slnlag nid>t. $)aS 
gefteffen bannte feine .ßunge unb feine .ßälme. Slber fein 
©efidjt ftratylte, roie baS eines KinbeS oor bem erften 
<Sf)riftbaum. 

2Bie ebel er backte, ge^t barauS Ijeroor, ba& et nac§ 
einigen Qa^ren oiermaligen ftefteffenS mid} einmal fdjüdj* 
tern bat, ob er nidjt „fein ©ffen" an ben gefttagen Ijeim 
^olen bürfe, bamit er aud) feinem SBeib baoon geben 
tonnte. 

Sie <£reS&ena ^atte ilm einen Gumpen gefjeifjen, ba 
er als -äftärtorer ber 3=reif)cit l>eimfet)rte. @r fjatte baS 
nie oergeffen, unb bod) roottte er fein ^efteffen mit i^r 
teilen! 

9Jtacd)iaoeai l>at ein oielfad) toa^reS 2öort auSge* 
fprodjen, wenn er f^reibt: „(SS gibt feine anberen als 
$eroöt)nlid)e 9Jlenfd)en." 9ftetn Kübele aber mar fein ge* 
toöfynlidjer 9flenfd). — 



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— 175 — 

$te streite ©erte ber befferen ©tunben meines ©a* 
criftanS roaren bie £odföett3tage im 3)orf. 3)tefe gehen 
in £ange unb am SBobenfee, roo feit 50 Qat)ren bie alte, 
fd)öne93ol!3trad)t unb bamit aud) bie alten, fdjönen SBolfS* 
gebrauche abgegangen ftnb, gänzlich poeftelo§ cor ftd). 

2lm SJlorgen fnaüen einige s $tftolenfdjüffe gnufctjen 
ben Käufern ^eroor, beim ftirdjgang get)t bie Sfluftt oor 
ben ganj mobem geöeibeten Brautleuten f)ex unb bie 
©äfte folgen langmeilig tjintetbtein* 9llte $od)jeitä^ 
gebrauche, roie im Sündigt t)al, erj füren nidt)t mehr. 

%od) enthielten biefe Sage für ben ©acrijtan noch 
ein ©tücf <ßoefte, unb baS lag in ber „9ftorgenfupp\ 
2)iefe Sttorgenfuppen roerben foroohl im £aufe ber ©raut 
alg be§ 33räutigam§ gehalten für 93erroanbte, greunbe unb 
ftreunbinnen unb befielen in ßaffee, 2öein, ©chroartenmagen 
unb „SBaHeron". $)er letztere ift ein Lieblingsgericht ber 
£angouer unb nichts anbereS als bie fogenannte Suoner* 
rourft, meiere im nädtften ©täbtehen, 9tteerSburg, ge» 
holt roirb. 

SBatteron unb rother ©eeroein flnb bem heutigen Sfteb* 
mann am fchroäbifchen 5Heer baS, mag ben alten ©riechen 
unb ihren ©öttern SImbrofta unb Sftettar roaren. Sob* 
fetnbe öerfölmen ftch bei biefen ©enüffen, alte SOBetber 
roerben jung unb bie ernfteften SJtänner lächeln roie feiige 
(Sngel, roemt fie oon folch einer Sflorgenfuppe tommen. 

Qu biefer ift aber offiziell ber ©acriftan gelaben; er 
ift geborener ©aft bei ber 3ttorgenfuppe unb beim „Wloty", 
b. i. beim eigentlichen ^ochjeitSeffen. ftommt er jum le^tem 
nicht, fo b,at er einen ©ulben bafür ju beanfpruchen. 

©efcheibt, roie mein ftübele roar, ajj unb tranf er 
bei ber 9ftorgenfuppe, bie er in ber SRegel im §aufe beS 
Bräutigams einnahm, fo met, bafj er für ben gangen Sag 



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— 176 — 

gefSttigt mar, imb lief* ftch für ba§ „SKohl" baS Baarc 
©elb ausbezahlen. 

©o ^atte er feinen guten Sag unb noch (Mb baju. 
S)arum waren btefe Sage auch ihm ©ocfftettStage im buch* 
ftablichen ©inne beS SBorteS. „©odt)* hatte er in ber SKegel 
au^ roenn er vom SBaHeron fam, aber nie ju oieL Unb 
ich merbe öa § Sächeln nie oergeffen, baS an #och8eitS* 
tagen über feine ©tirn unb fein 9ttefen*@eftcht ging. ©S 
war baS Sachen eines 3Jleere3 nach ben 2Borten beS 
dichter« 2lefdwlu8: 

3)u im Öerooge beS 3Keereö unjählig Sadfjen! 

Qebe fjaltc feines ©eftchteS, jebeS $aar in feinen 2Bim* 
pern unb jebe Sftunjel feiner ©tirne flimmerte oon Sächeln. 

Seiber waren biefe Sage feiten. 2Benn eS fyod) $et» 
ging, hatten mir oter ©ochjeitstage im Qahr; benn auf 
bem £anbe heiraten bie SJtenfchen noch nidt)t fo in ben 
Sag hi««in , mie in ben ©täbten, unb eS ift baS ein 
wahret ©lücf für ©tabt unb Sanb. — 

©ine eigene ©itte alten $erfommen8 — nicht ohne 
^oejte — mar ber „SBruberfchaftS'Sag" ber Otofenfrang* 
SBruberfchaft, abermals ein greubenfeft für ben armen 
©acriftan. 

9lm Sage beS h*. 3>of cf , im Frühjahr, wenn bie 
©übroinbe über bie Sllpen h^cinbrechen unb über ben 
SBobenfee hm baS ©nbe beS SBinterS oerfünben, hält bie 
genannte Söruberfdmft ihren Sag, b. h* nimmt eine 
neue Slemterbefetjung oor unb gibt ihren männlichen 
SJlitgliebem einen Srunf. 

Um ein Uhr Nachmittags erfcheint ber Pfarrer mit 
bem ©ecretär ber SBruberfchaft in ber Kirche. $)er letztere 
tiägt baS ©h^* unb baS Saufbuch ber legten jmanjig 
Sahre. 3Serfammelt ftnb f ämtliche bisherigen Beamten 



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— 177 — 

ber Sruberfäaft, b. bic 15 ©d&ilbtrager, r-on benen 
jebcr einen Keinen 93led)fcf)ilb hat, auf bem eines ber 
£auptgef)etmniffe au§ bem Seben Jefu, tum ber ©eburt 
bi§ jur Stuferftefjung, abgemalt unb über bem ein Äerjen* 
f)alter angebracht ift. 

3In jebem 5Jhtttergotte§feft unb an jebem erften 
Sonntag im Sttonat erfdjeinen bie ©cffilbträger in ber 
$Hrcf)e, nehmen in ben 15 erften SBänfen je ben erften 
<ßtafc ein unb heften ben ©dulb neben ftd) an bie ©ttrne 
ber SBanf. ®er ©acriftan jünbet ilmen bie fterjen an, 
unb roährenb ber ^Brojeffion, bie jeroeilS an ben genannten 
Sagen um bie Sirene ftattftnbet, tragen bie 15 Scanner 
ihre ©chilbe. 

Jhnen gegenüber fmb in ber ßirche in ben Sänfen 
13 Jungfrauen unb 2 grauen mit ben gleiten ©gilben. 

SWjährlich finbet nun am JofefStage eine tyeüroeife 
9?eubefe§ung ber ©chilbiräger unb «trägerinnen ftatt. $)iefe 
rietet ftch aber nach ben ^eirattjen. Sritt eine Jungfrau 
in ben (Sfyeftanb, fo fommt fte „aus bem ©d)Ub*, unb 
e§ rücft bie erfte r-on benen nach, bie ber jüngften im 
©d)ilb im Saufbuch folgen. ®ie jungen SJtänner aber, 
bie fett bem legten JofefStag in ben ©heftanb getreten 
fmb, löfen bie älteften Männer „im ©$ilb" ab. 

3)a§ aöe§ roirb in erfter ßinie beftimmt am Jofefg* 
tag in ber fhrche, unb bie liebe ©onne fd&aut ju burch 
bie ^o^en ^irchenfenfter, unb ber ©ee gibt baju feinen 
SEMenfchlag. 516er bte SBeibSleute bürfen nid^t babei fein. 
3)a§ „mulier taceat in ecclesia" be3 f)l. *ßaulu£ wirb 
ftrenge eingehalten. <££ barf feine ein SBort mttreben, 
unb am fommenben ©onntag r-erfüftbet ihnen ber Pfarrer 
bie SBefölüffe r-on ber ^anjet. 

$an$iafo&, Schneebällen, »ritte Steitj«. 12 



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— 178 — 

jftut ifjrc ©d)ilbe fmb am ^ofefstage ba, eingeliefert 
%ux neuen Sßertyeilung burdj ben 2Jte&ner. 

3ft biefeS £auotgefd)äft beenbigt, fo ernennen bie an* 
mefenben ©d)ilbmänner aHe übrigen ©Margen bei ben $ro* 
jefjlonen: 1)ie SÖorgänger vulgo „©tecflemafme", b. i. jene 
5ftänner, bie, einen ©toef in ber $anb, unter ben SBuben 
bei ben sßrojeffionen Drbnung galten, bann bie gönnen» 
träger, bie Sräger ber oerfd)iebenen DrtSfjetligen bis 
fjerab ju ben kleinen ftälmlem 4 ', welche oon Knaben ge* 
tragen 10 erben. 

9kd) biefen SBefdjlüffen, roeldje am fommenben ©onn» 
tag ebenfalls bis inS fleinfte detail oon ber Äanjel oer» 
fünbet werben, folgt bie übliche Söefpcr unb nad) ber 
Sßefoer ber — Srunt für alle 3Jtönner, bie „hn maty 

S8om „SBtnaeroerein" wirb um billiges ©elb ein ^ä> 
djeu Sßetn gefauft, baSfelbe eljrlidjer SBeife „oeraeeift* 
unb bann bei einem ber brei 2)orfioirtl>e getrunfen, bic 
nobel genug fmb, bie ©löfer unb bie ©tube ju ftellen 
ofjne ^ropt 

Bud) Ijier ift ber Gegner geborner ©aft als ,©d)ilb» 
oertyeiler unb Äerjenausünber", unb barum mar aud) 
biefer £ag angetan, meinem armen ©acriftan für einige 
©tunben baS £eben ju oerfügen. 

9fttr einmal fjab* td) biefem Srunf betgetoofmt — 
anno 1882, als er auf meinen S3orfcf)lag Inn im ©ce 
ftattfanb. $er niebere SBafferjtonb tyatte „bie SBurg", 
einen Reifen, auf bem einft ein „2Bafferfd)lofj" geftanben, 
freigelegt, unb idj fdjtug ben ©cfyilbmännern cor, ber 9Kcrf* 
mürbigfeit falber ben £runf auf ber SBurg ju galten. 

So gcfd)af) eS. ©S mar ein fyerrlidjer, ftiller, ele* 
gtfdjer grüljUngSabcnb, tote if)n bie ÜHatur nur an ©ee* 



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- 179 - 

geftaben hervorbringt, als bic 9Jtänner auf „bem gelS tm 
9Jleere" fafjen unb tränten — unter ihnen, rote eine alte, 
fentimentale (£khe, mein dübele , friCfoergnügt unb be* 
f Reiben roie immer, roenn er einen guten l Xag hatte. 

2lm Ufer ftunb bie Qugenb be§ Dorfes, neugierig 
bie feltene ©eene in ihre ©eelen aufnehmenb, um in alten 
Sagen bawn reben ju (önnen. SttingS um bie SBurg aber 
flüfterten leife bte SBetten, fommenb unb gehenb, als ob 
fie laufcf>ten unb fjordjten unb bann roieber gingen, um 
brinnen im ®ee ihren ßameräbmnen )n ergäben, roa3 
bie 3Jlenfd)lein tranfen unb fchroatjten. 

®ie ^)orfmuftf mar jum feltenen $eft eingelaben; 
fie fafc mit auf ber SBurg unb fpielte ihre einfachen 2Beifen 
über ben ©ee Inn. 

3$ mar gegen 2Ibenb ju ben 93ruberfchaft3mannen 
behn Srunf gekommen, unb ba§ reijenbe ©ilanb, von ben 
SSetlen umfpült, bie Melancholie be3 grühling§abcnb3, 
bie oolfäthümliche 3Jluftf jogen mit 3Jtact)t in meine Seele. 
Unb als mein alter ©acriftan, angeheitert, mit mir ba3 
S)orf hinaufging, um „SBetjeit" $u läuten in bie herein* 
bämmernbe, laue 9iad)t hinein, unb unterroegS ju mir 
fagte: „So ein Nachmittag, roie heute, fann einen glücf* 
lieh machen" — traten mir bie Shrimen in bie Slugen 
über ben befäeibenen -äftafiftab, ben ein armer 2Rann 
anfefct, um ba§ ©lücf gu meffen. — 

$m $ochfommer tarn abermals ein Sag ber ©rhette* 
rung für ben großen dübele, unb baS roar beS Pfarrers 
9faunen§tag am 15. $uli. 5lm SSorabenb, roenn bi« $)orf< 
muft! unter gacfelfchein ihr ©ränbdjen jrotfehen See unb 
Pfarrhaus gefpielt hotte unb aHeS roieber ftill unb bunfel 
roar, fdjlich er ans §oftf)or unb fchlug einen grünen 
ftrana auS Satmenretftg in bie alten fielen unb ging bason. 

12* 



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— 180 — 

91m anbern SJtorgen, fo oft id) e§ ifjm audfj unter» 
fagte, läutete et mit ber ©onntagSglocfe in bie ftitdje. 
SBenn iä) felbft bann fam, grotulirte er mit ben SBorten: 
„#err Pfarrer, id& mimf^' (Sud& aUeS ©ute jum SftamenS* 
tag, befonbetS bafj mir jroei gut mit einanber auStommen 
unb nadj bem ßeitlid&en einanber im §immel feljen/ 

%ann reichte er mir banfbat feine Sftiefenfyanb. 

Sftad) bem ©ottelbienft fagte idj ilmt, er fotle im 
*Pfarr!jau3 anfeilen unb ftcf) jroei glafcf)en 2öein geben 
Iaffen. Unb ba§ mar fein geft 

$eim naljm er aber nur eine gkfdf)* unb tranf fte 
mit ber (SreSjena, bie groeite placirte er im fttrdjtljurme 
unb tranf fte am 9tocf)imttag auf unferer $8anf in ber 
ßtrcfyenecfe. 

„(Bold)' ein fleineS geftle oon ßett ju 3 c ü"/ weinte 
et bann, menn idj üm auffucfjte, „tfjut einem armen 
SJlanne moty." 

2Benn feine $odjjeit einfiel, ging'§ nad& bem 9tomen§» 
tag lange, bi§ roieber ein guter Sag erfdjien; aber bann 
fam eine gange Steide guter £age unb mein ©acriftan 
nidf)t au§ ber 3ufriebenf)eit fjetaug. 

$a fam junädjft bie &irdjroeü)\ 9lm ©amStag nor 
biefem (Sonntag fyängt ber SJtefmer bie „äirdjroeütfafme" 
3um oberften ©efc&offe be§ ftirciMutmS heraus, eine roeige 
galme mit rot^em Sfreua. ©ie ift baS ©ignal für jeben 
orbentlidjen Sftebmann, alSbalb in ben Getier gu gefyen, 
ein ftrüglein &u Idolen unb e3 &u trinfen auf3 SBofjl ber 
— 8irdf)n)eif)faf)ne. 

Unb roo in jener ©tunbe ber 93Refjner norüberjie^t, 
befommt er feinen Srunf, unb ba idj ber näd^fte bei ber 
ftirdje mar, befam er Um t>on mir, fo oft id) um ben 2Beg 
war, nadjbem bie ^alme Ijotf; oben am Sturme erfd)ienem 



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— 181 — 

<5ie Bleibt acht Sage lang fangen , unb jeber $an* 
gouer befommt %vlx% fo oft er fte ftefyt, unb trinft ein§. 

©onft t)at bie ftirchtoeihjeit feine weltliche gfeter im 
$)orf; benn in bet föegel fällt fie in ben $erbft, unb 
ba hat niemanb «3eit pm Sanjen. 

9lber bie £>erbft$eit mar, fo lange fie bauerte, ein 
ftete§ <$mte* unb ftreubenfeft für ben großen dübele. 

%a$ ber ©acriftan jeben 9ftorgen um elf Uhr läutet, 
bamit bie SBeiber oom gelb heimgehen unb an§ lochen 
benfen, unb um oter Uhr, auf bafj bie Sftänner „i 1 93iere 
nehmen" fönnen, bafj er ferner jur (Sommerzeit um ein 
Uhr „baS SOBetterjeic^en* oom Stürme gibt unb am Sftrd)* 
toeihfamStag „ben gähnen* heraushängt — bafür ftnb 
bie ©agnauer oon alters tyx bem 9Jtonne, ber alP biefe 
lebenS* unb bebeutungöoollen Qtityn banfbar ge« 
roefen. 

2Benn in ben Worfeln ber 2ßein läuft fo nimmt ber 
üftefjner feine SButte auf ben tRücfen, alltäglich roährenb 
ber ^erbfoeit, unb roanbert oon Nortel ju Sorfel, unb 
jeber, ber ihn fommen fleht, roeifc, er tommt, um ben 
ßäuteroein ju fyoUn, unb jeber fdjöpft ihm nach bem (Sr* 
trage feiner SGßeinberge einen ober jroei ftübel ooU in bie 
SButte. Unb roenn gerabe Qzit ift jum Söefpem ober jum 
„9li\ne nehmen", muß ber ©locfenmann feine SButte ab* 
ftetten unb r)tnauf tommen in§ Sortelftüble, ben DIomp 
ber Gebleute, unb miteffen unb mittrinfen nach ©erjenSluft. 

S)ie oolle 33utte trägt er heim unb füllt fte in ein 
$a£. Unb ba ber grojj' Scubele ber genialfte 9Jlejjner mar, 
richtete er e§ flet§ fo ein, bafl er in bie Worfeln tarn jur 
(Sffen§* unb SrtnfenSgett unb wenn — ber rothe SDßein lief. 

Unb alle gaben ihm gern; benn fie mufften, bajj ex 
ein gat armer SRann fei. 



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— 182 — 

2lber cmd) für bcn Pfarrer na^m et in jenen Sagen 
bie SButte unb fammelte ben gelmtroein, treu, eljrltd), 
pünttüd) unb nüchtern. SNie Ijat er feine Hutten mit ben 
meinen oerroedjfelt, obwohl bie Seute bem Pfarrer beffem 
2ßein gaben, al§ bem Gegner. 

waren gute Sage für ifm, bie £erbfttage, Sage 
ber Sättigung. 9lber feine SHofen oljne dornen. %m 
SQßein, welchen er fo reblid) nerbient mit feinem melobt* 
fd)en Säuten, ben burfte er nid)t trinfen. <£§ ging iljm 
mit bem fiäuteroein, rote eljebem mit bem @üle, er mujjte 
tljn oerfaufeu. 

2Ber ©lücf Ijat, fagt ein ©pridjroort, bem geben felbft 
bie £iü)net 3ftild>. >}u biefen ©lücf liefen gehörte mein 
Rubele nidjt, benn ifrat gaben nidjt einmal feine hieben SOBein. 

2Hutroenig, aber gut, mar ftetS bie -ftote feines 
£erbfteS. $)er alte $oft^alter oon jjriebrtd^afen taufte 
ifm. Mein ba§ wenige ©elb reiche ni$t jum „^tnfen" 
unb jum ^Bac^taa^len. $rum mufjte nod) ber Sauteroein 
»erlauft werben, unb ber arme ©aertftan tran! — Sire. 

Q$ aber gab ifmt mannen Srunf t>on bem ßefmt*. 
»ein, ben er fo uneigennützig in meinen Heller gefammelt 
Ijatte, unb ©erraffte ifmt balb nadj bem &erbft nod) 
einen guten 3lbenb. 

Mjäljrlid) an einem ©onntag im SRooember, nad) 
bem Sinbauer Qafjrmarft, fommen auS biefer bagerifäen 
©eefiabt, bem beutfdjen SSenebig, SBefen ben (See herunter 
— of)ne £änbe, Slugen unb güfce, ofme SRetj unb ©djön* 
Ijett, 2Befen, in einen Bad gebannt, ben ein bauerifd)er 
3flatrofe au§ bem ©d)tff bem „2lnbinber" am ©angouer 
£anbung£pla| guroirft 

©3 ftnb Sinbauer — (Schüblinge, biefe, große 2Bürf*e, 
bie einmal im ^afjre faft aller $augouer £era erfreuen. 



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— 183 — 

Stterfroürbig ift, bafj bie beiben ©eeftabte griebrtd)§* 
Ijafen unb Stnbau ftd) nid)t etwa burd) gifd)*$)eltfateffen, 
fonbem burdj ftUtftytyxapaxatt auszeichnen, unb jtoar 
ber fd)roäbtfd}e£afenpla$ burd) ^ratroürftle, ber banerifdje 
burd) (Schüblinge. 

$8eibe SBurftforten fmb eine 3lrt SBa^rjcic^n bet 
genannten 6täbte, unb e§ roerben am Dberfee unenbltdj 
meljr 2Bürfte aU ^ifdje gegeffen. 

3n ber 2Birtl>f<^aft am See, beim 3eHer, oerfammeln 
ftdt) am Slbenb jenes 9*ooember*Sonntag3 bie 9Jlänner 
oon ©ange unb effen ©djüblinge. Unb roenn idj meinem 
(Sacriftan eine 3Tlarf gab, ging er freubig aud) bat)in unb 
3äf)lte ben ©d)üblmg*9lbenb |tt ben befferen QafjreStagen 
feine§ £>afein§. 

Sttan fagt fo oft, e§ fei eine ßleimgfeit, n>a§ äinber 
freut. 2lber n*il bie großen Sttenfdjen im 23olt eben aud) 
genügfam fmb, n>ie$inber, genügt einSinbauer (Schübling, 
um einen armen -äftefjner unb SRebutann &u erfreuen. — 

$8ornet)me ßeute t)aben *ßflid)ten. 2Jtetn ©acriftan 
mar ein geiftig oornefmter 9Jtenfd), barum fannte er audt) 
bie ©epflogentjetten befferer Seute. 

Unb fo gab er benn am ©bluffe beS 3at)re3 felbft 
ein ^tcubenfefl in feiner £üite unb jroar ben SBuben, bie 
tt)m unb mir ba§ Qa^r über in ber ftirdje befjilflid) waren. 

3n bet heiligen Dcarfjt — in aller 3*üf)e um 4 Uf)r 
fangen in £>ange alle ©lodert gu lauten an unb läuten 
in brei SUbfcttjen eine halbe Stunbe lang. 

®er Sttefcner unb feine SBuben langen mit SRa^t an 
ben ©locfen unb roetfen fo bie fd)lafenbe ®orf*9Jlcnfcr)* 
heit, bamit fie bei 3«ten beS ^o^eiligen SageS geben! e. 

SRan hetfct bieS Sauten „<5d)rötf elütte" 

Scbrecfen». MuffcfirecfeivSelfiut«. 



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— 184 — 

Unb roer in jener ©tunbe unter bem $enfter ftc^t 
unb bie ©locfen ber (Sljriftnadjt über ben ©ee erflingen 
Wxt, betet gern „(Sf)re fei ©ott in ber #öl)e unb ^rieben 
ben SJlenfdjen auf ©rben". 

93om ©djlufj biefeS ©eläuteS bis jum „$irtenamt" 
in ber $ird>e oergef)t eine ©tunbe, unb biefe benütjte ber 
grofje dübele, um ben 9Refc unb £äute*$8uben eine greube 
ju machen. ©r naljm fte f)eim in feine feftlidj beleuchtete 
£ütte unb ftettte tlmen Äaff ee, SBürfte unb 2Bein oor, 
er, ber arme SJtonn, ber oft faum bie Pfennige befafc, 
um bie SBürfte gu taufen. 

©elbft bie SJteifnaben füllten mit ber $t\t, bog e§ 
ben noblen Sflefjner gu Ijart anfam, unb bantten für bie 
©inlabung. 

3um ©lücf mar biefe SBefdjerung beim ©acriftan 
bie einzige materielle Rinberfreube be§ ^eiligen $age§. 
Unb fo feljr bie ©angouer mit ber alten £rad)t mand)' 
alte ©ebräudje oergeffen fjaben, ben 2Betfmad)t§tag galten 
ftc nod) in alter, ftttter, ^eiliger 5lrt ofjne ben glitter unb 
Sfram ber (£f)riftbäume, bei benen Qung unb 5llt e^er an 
atle§ benfen, al§ an bie 2Renfdjroerbung be§ Sohnes ©otte§. 
$a3 „(Sfjrtftfinble" ift ba weiter nichts als ber Warne für 
bie ©efdjente, bie man erwartet unb erhält. 

$)ie ©angouer, unb ba3 lob* id) an tfjnen, Ijaben für 
bie Äinber nod) ben alten, frönen „ftlofesiag* am 
6. ^egember. S)a mad)t ber $>orfbäcfer eine grofje 2ln* 
jatjl g^baefener Männer, in faturifcfjer 2lrt ©^ronjer ge* 
nannt. 3>Ufe ©djronjer bilben bie ©auptfreube ber ftinber 
am Sftcolau&Sag. 

&n 2Beilmad)ten nmnfdjt ftdj atle§ in tiefftnniger unb 
tiefreltgiöfet 2lrt „be§ S(rtffc4tiitbte3 ^erj". Unb ie$ 
fämpfte ieroeil§ mit $f)ränen, wenn id) am früfjen borgen 



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— 185 — 

gum £irtenamt in bic ©acriftet trat unb ber Gegner unb 
bic Suben mir al§ 2Beilmad}t3gruf} anriefen: „$err Pfarrer, 
wir roünfdjen ©ud) 'S ©IjriftfinbleS $era!" — 



2Ben ba§ ©lücf einmal erfajjt fyat, ben läfct e§ nid)t 
leicht log, unb ba3 Unglücf mad)t e§ ebenfo. deinem 
(sacriftan Ijatte bic $arje bei feiner ©eburt ein UnglücfS* 
£emb gefponnen, unb baS trug er all' feine Sebtage. 

deinem dübele fpann fte Unglücf unb fpann fort 
unb fort bis gu feinem $ob, unb immer härter unb harter 
mürben iljre gäben. ©r mar arm, er fparte, roie feiten 
ein armer 9ttann fparen fann, opferte feinen ganjen 
9Jtefmer*£olm feinen ©laubigem eljrlid) unb treu, unb 
bod) märe ifjm ein ^weites 2M £ab unb ©ut genommen 
roorben, roenn er md)t feine ©Bulben famt £ab unb 
©ut auf junge ©e^ultern abgelaben fjätte. 

©r gab feinem ©of)ne, bem fleinen, breitfrfjulterigen 
fingen Söenni, ©auS, ©ut unb ©djulben. 5ür ftdj 
unb bie ©reSjena behielt er nur eine Cammer als 
bürftige 2Bof)nung. ©r aj$ unb axUittU mit bem 
söenni unb marf feinen <5acriftan3*@eljalt eljrlid) unb 
treu in baS £au3roefen beSfelben ein, 

Slber ber SBenni machte einft eine luftige gaftnadjt 
mit, erfältete ftd}, rourbe franf unb für immer unfähig 
gu fernerer Arbeit. Qetjt mar ber dübele mieber um eine 
Hoffnung ärmer, aber er ertrug aud) bieS mit fioifdjem 
£elbenmutl>. &eine Älage, fein jammern fam je über 
leine *5tppen. 

©r oer^eirat^ete nun feine jüngfte £od)ter, ba$ 
„9tofele", an einen braoen, jungen fUkurer unb gab 
btefein feine $abe unb feine ©dmlben. S)od) aud) 
fticr fd)lug'8 iljm fef)l ftaum ein 3al)r fpäter fam er 



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— 1SG — 

ttiwS 9Rotgtn3 mtb xitf mid) ju einer <§terbenben — e3 
roar feine Softer, ba§ SKofele. TOolöte «Hein geljen; 
aber ftarf rote ein SBater, ber ba§ SobeSurtyeil an feine« 
eigenen ßinbern trotlätel)!, roottte et mit, rote immer. 

Sief ergriffen f niete er in ber ©terbefammet feinet 
$tnbe§, aber roie ein föiefe, ber ftdj nieberbeugt, um eine 
Saft ftd) auf laben ju laffen, bie getragen roerben mufj. 

2>a§ föofele ftarb, ftia unb gottergeben. Eber aud) 
jc^t nocf) fein 2Bort ber ßlage trom SSater. — 9tut eines 
fprad) er, al§ roir am SRadjmittag auf unferer *8anf fafjen 
unb idj iljn beglücfroünfd)te gu feiner (Seelenftarfe unb 
feiner ©emütf)§ruf)e: „$err Pfarrer, idj mufj ein befon* 
berer 9Jlenfd) fein, ba& alle UnglücfSroaffer mid) ntdjt 
erfäufen fönnen." 

Unb aU iti) ilm einen roal?rf)aft djrtftltdjen *ßfjiIo* 
foppen nannte, meinte er: „5Ba§ ein ^ß^tlofop^ ift, roeijj 
itS) nid)t. 3$ bettfc mir aber unter einem folgen einen §errn, 
unb ^errenleute ertragen nidt>t fo mel, roie unfereiner." 

©anj richtig. S)a§ SSolf fteljt ba§ Seben attermeifl 
nur oon feinen raupen 6etten, e§ ^at baju ftärf ere Steoen, 
aber aud) lebenbtgere§ (£fjriftentf)um, als bie meiften 
£errenleute, unb trägt be^alb beS ©djicffalS ®d)läge 
unenblid) gebulbiger unb fyelbenmäjjiger aB bie grögten 
Sßlnlofopljen ber fteujeit, felbft roenn fle ftetS nur *ßefjt* 
miSmuS prebigen. 

©tnem <5d)tner$ gab er aber in jenen Sagen bod) 
einmal furjeu 9Iu3brud\ ©r fyatte geprt, ber Pfarrer 
Utlniant^bere^emaligeSHeöoiutionSprebige^fettuöSImerifa 
prücfgefommen unb pritmtiftre im nafjen 3Äeer3burg. 

©tra^lenb feilte er mir biefe Sfleuigfeit mit unb 
äitakid) feinen (£ntfd)lu&, bem alten ^ampf genoffen für 
greifet einen SBefud) ju madjen. Qd) riet!) iljm ju. 



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— 187 - 

(£r ging, (am aber enttäufdjt gurücf. 

9lm 3lbenb erjagte er mir in unferer ©dfe, rote ber 
alte geiftliche 9>let>olution§rebner unangenehm berührt ge* 
roefen fei bur<h ba§ ©rfcheinen feinet begeiftertften .Qu* 
hörerS unb nur ungern oon jenen klagen gefprocfjen h<*be. 

ging fofort fdjarf tn§ ©eridtjt mit bem ehe* 
maligen SKeoolutionSmann, ber feinen (Soflegen unb bie 
Erinnerung an bie gtit, meiere beibe miteinanber oerlebt 
Ratten, oerleugnete. 

5Bar e§ auch ein Srrtfmm, em 2Bat)n — aber e§ 
mar ein 2Bafm, ber beglüefte in bem ©lauben an Freiheit 
unb S5olf§root)l — bem beibe geljulbigt, fo burfte bod) ber 
oerführenbe SBolfSrebner ben oerführten Sttebmann nid)t 
anfer)en, al§ ob beibe ©enoffen eine3 Verbrechens geroefen 
wären, oon bem man am liebften fdnoeigt. 

Qct) hab r e§ be^alb bem greifen Pfarrer nie oer* 
geffen, bafj er meinen ibealen ©acriftan, bem bie ©rinne* 
rung an jene Qeit noch ben harten SebenSabenb oerflärte, 
fo !alt empfangen hatte. Unb fo oft ich an feinem fon* 
nigen Räuschen oorüberging auf ber $b'he oon 9Jleer3* 
bürg, hatte id) gegen bie SBerfucfjung $u fämpfen, einju* 
treten unb meinen ©acriftan gu rächen. $>er alte #ert 
ftarb, e^e ich meiner Sßerfudmng erlag. 3$ * am ™ c mit 
ihm ju reben. 

$)er gute ftübele nahm bie ©adje nicht fo lange 
tragifch, mie ich. <Sr roar fchon größere ©nttäufchungen 
im Seben gewohnt unb oerjiet) mit Seichtigteit bem alten 
©enoffen, ber ihn fo furjtoeg abgefchüttett — ihn, ben 
armen SJcann mit bem $erjen be3 ftinbeS, ba§ immer 
froh i% mm c§ nur feinen junger leiben tnuj}. 

$)och auch ber ©unger flopfte fchüefjlich noch oie 
£eben§thüre be3 Elten. 



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— 188 - 

(gutes SageS erflärte er mir, fein 2Imt als ^tefmet 
aufgeben ju muffen, ba er bemfelben nict)t me^r nad)* 
tommen fönne. (Sein S u 6 madje tym immer meljr 
©djnrierigfetten, er Iaffc tlm nic&t meljr auf ben Xfyurm 
fteigen unb faum me^r olme ©toef gelten. 3$ ^ety ^ m 
ab, fein einiges, fixere« SBrob aufzugeben, unb oerfjiefj 
tljm jebe 9tocf)ftd)t 

©r banfte, bajj id) ilmt feit langer Qzit fo mel nadj* 
gefefyen, unb bat, ilmt ju nnöfatyren mit ber SBergünftigung, 
bafi fein ©djnriegerfolm, ber Bttann beS r-erftorbenen ftofele, 
tfmt nachfolge, weil 93enni, ber ©olm, frant unb un» 

Mi« f«. 

$)er braue 9Jlann, ber feiner Softer nichts batte 
geben tonnen, wollte feinem ©d)toiegerfofm memgftenS 
baS 2lmt beS ©acriftanS gufommen laffen. 

2Btr fc^ieben, weil unb nrie er'S gewollt 

©S ging nid)t gar lange, ba fünfte er eines 2age3 

l) int er meinem $au3 f)er über ben Sftrdjnlatj, auf bem 

id) ftunb, matt oor ftd) meberfcfyauenb. 

(SS mar fein letzter, fernerer ©ang im Seben — ber 
©ang auf bie ©emeinbeftube, um ftd) als ©emeinbe* 
3lrmer angumelben, weil feine fttnber tf)n ni$t erhalten 
tonnten. 

3)ie ©emeinbe $agnau ift arm, aber ben alte« 
Sflefcner lieg fte nid)t jungem, ben 9ftann, ber fo manches 
3faf)r fieib unb Jreub oom ftirdjtlmrm oerfünbet unb am 
©onntag bie Sitanei in ber SHrdje fo fdjön gebetet Ijatte. 
©ie warf ilmt täglich 30 Pfennig auS jum SebenSunter* 
§alt, unb um biefe na^m ifm ber ©atte fetner älteften 
fcodjter, ber „9tönni", an feinen £tfd) unb in feine 
£>ütte auf. 



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— 189 — 

tiefer ©djroiegerfolm, ©atme, roar ber bräoften 
^Bürger einer, aber arm rote eine $ird)enmau§. 2U§ id) 
ifm einmal eine§ £age§ im ^rü^ja^r in feinem SQBein* 
Berg traf unb bie SSemerfung machte, ba§ bie SHeben fdjon 
roeinten, meinte ber £amte: ,Qfere Wäbe rouinet über 
ifere ©djulbe. 4 ' ') Unb &u biefem fdjulbbelabenen Spanne 
jog nun ber große ©acriftan, fort au§ feiner $ütte, fort 
t>on SDßeib unb ©ofyn, bie nod) ärmer roaren als ber £>anne. 

Slber aud) biefen legten (Schlag trug ber $fnlofopf> 
mit unerföütterter ©ebulb. Sägltd) Ijab' id) tyn bei 
meinem 3Jlittag§gang burd)3 Sttittelborf gefe^en — al§ 
$tnb3magb. @r trug unb führte feine ©nfel, ©anneä 
(Sprößlinge, oor ber §ütte am S)orfbad) fjin unb fjer 
ober er faß am genfter, ein Sftnb auf bem 5lrme unb 
bie 2Beltgefd)id)te r-on 93ecfer, in ber er immer nod) la§, 
r-or ftd). 

Aufrieben unb läd&elnb grüßte er mid) jeroetlS, ber 
^reißig^fennig^enftonär ber ©emeinbe. 

©infam faß id) fortan auf ber $8anf ; benn tfm fonnte 
id) nict)t mefjr allein fjaben, unb mit fd)retenben flehten 
Äinbern rooHt' id) tfyn ntdjt. $>ie ftinber aber mußte er 
aHjett be§ £ag3 um ftd) !)aben, roeil ber $anne unb bie 
Üftänni in gelb unb $üd)e ju tlmn Ratten. 

©elernt Oab* id) bo$ nod) oon ifmt, fo oft td) ilm 
fafy, glüeflid) aud) al§ fttnbSmagb, roenn aud) als pfnlo* 
fopljirenbe. Unb baß er bei biefem geiftlofen ©efd)äft 
pf)ilofopfn'rte, berote* er mir. 

8$ Pfl e Ö* e / wie eben gefagt, feitbem unfere ©ifcungen 
aufgehört, nad) ^ifet) burd)3 3Jlittelborf IjinauS in meine 
[Heben ju fpajieren. $a faf) ic$ ben Gilten faft iebe&nal. 



») Unfere Steten »einen ü&er unfece e<$uU>e». 



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— 190 — 

unb er gab mir biSmeilen einige ßeudjttugeln feines 
spi}ilofoplnren§ aud) als ftinberfjüter. 

®o fragte er mid) einmal, roie eS fomme, bafj er 
unb fein ehemaliger Hauptmann ©anter fo arm geworben 
feien, bafj bie ©emeinben beibe erhalten mußten, roäfjrenb 
anbere StoolutionSmänner, bie oiel me^r politiftrt bätten 
als er unb fein (£ompagnie*(£f)ef, roieber ju @f)ren unb 
Slnfefyen gefommen feien? 

©S fönne, fo meinte er, baS SooS beS Hauptmanns 
unb beS gelbroebelS ber ©ompagnte Sftarfborf nidjt mof)I 
eine ©träfe ©otteS fein, ba eS bem Pfarrer UQmann 
unb bem geefer felbft roieber gut gelje unb beibe ein 
gerrenleben Ratten, mäf)renb ber ©anter als Bettler be* 
reitS geftorben fei unb er ein SBettlerleben führen müffe. 

3$ machte ilnn nun ben begriff „beS Kampfes umS 
SJafem" flar unb roie ilnn, bem armen SRebmami, ftetS 
auf ber gleiten ©djolle lebenb, in biefem $ampf nid)t 
bie geiftigen unb materiellen Littel jur Seite geftanben 
mären, um nad) ber SReoolutton roieber emporjufommen, 
rote bem Pfarrer UHmann unb bem 3lboofaten geefer. 

©ott, bem bie Firmen oiel lieber feien, als bie Dtetd^en, 
Ijabe aber tbn, feinen armen ftonrab, mit einer Aufrieben* 
tyeit begnabigt, bie roeit me^r roertl) fei, als bie fjödjften 
geiftigen Littel im ftampf umS irbtfäe $)afein. 

Qetjt läcfjelte er. $)er ftampf umS $)afein leud)tete 
ilnn ein, unb bie ©enrifjfjeit, ba{* er oon ©ott nidjt ge* 
ftraft roerbe roegen feines QtoifjeitSbrangeS, beruhigte tyn 
oollenbS. 

©in anbermal interpeHirte er mid) über eine pforim* 
logifdje grage. träume", fo etjäl)lte er, „tn lefcter 
3eit fo oft, unb ba ift'S mir, roenn id) barüber aufmale 
nnb über ben £raum nad^benfe, als ob meine ©eele mit 



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— 191 — 

mir altem SJlann tfjren ©oott triebe. SBalb träumt e§ 
mir, td) foUte am 9Jtorgen Setjett läuten unb id) finbe 
meine Kleiber nirgenb§ beim Sluffiefjen ober id) eile in 
ben &ird)tf)urm, aber bie ©locfenfeile fehlen. Ober id) 
finbe einen Raufen ©elb, unb nrie id) in ber g^ube be3 
£erjen§ bagfelbe wählen roiö, road)e id) auf unb bin Mut* 
arm roie juoor. ^ft ba8 nid)t aHe§ fo, al§ ob mein 
©eift mid? jum beften Ijabe?" 

Qd) erflärte ihm junächft, bafj nur getfttg regf ame 
SRenfdjen oft träumen, unb ju benen gehöre eben aud) 
er. Unb roenn ber ©etft feinen ©pajj babei treibe, fo 
mache er e§ anbern Seuten gerabe fo. Unfere (Seele fei 
eben für $umor angelegt, unb ba ifjr ba3 £ag§leben 
feiten Gelegenheit baju gebe, biefe Neigung ju befriebigen, 
folge fte berfelben in ber 9hd)t, roo ba§ ©lenb be§ täg* 
liefen Sebent fte nid)t ftöre unb fte allein arbeiten tonne. 

<5o taufchten mir btöroeilen nod) unfere ©ebanfen 
au8, big bie geit tarn, ba aud) id) mein 3lmt in £ange 
aufgab. 

s #Hetn am ©onntag allen ©otteSbienft galten unb ben 
ganzen Sag fpredjen muffen, ertrug meine ©efunbheit 
nicht länger. %d) rourbe am ©onntag immer ein tob« 
müber Sttann unb blieb e3 nod) bie erften brei SBochen* 
tage, tiefer Umftanb trieb mid) au§ bem *ßarabiefe 
Hagnau fort, fort oon einer braoen ©emeinbe, fort au§ 
bem (leinen §äu§d)en mit feiner rounberbaren ©idjt über 
See unb SBarge, fort au3 einer Ijimmlifdjen Diu^e unb 
<£infamfeit 

$d) hätte aber beim 9lbfdn'eb noch Ö^tne ein 5ln* 
benfen an meinen ©acriftan gehabt unb bat ben eben auf 
fetner SBiUa anroefenben $rofeffor ©mft 3* mmc *ntann 
oon München, mir ben „grofjen ßübele" in malen. 



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— 192 — 

$)er ßünftler erttärte mir, ber SHicfcn*^d)äbet meinet 
*ßf)ilofopl)en fei tljm nietyt malertfcb, genug, er roode mir 
aber ,gerne bie (SreSjena, fein 2öeib, malen, bie einen 
fünftlerifc^ oiel banfbareren ftopf Ijätte. 

©rofjen ftünftlern barf man befanntlidj nicf)t§ oor* 
f ^reiben, unb fo befam id) ba§ Porträt ber befferen |>älfte 
meines 6acriftan§, ber ßreSjenj, bie mit JJreuben bem 
^SRolcr" fafc, ber ba§ alte 2Bcib mit feinen f dürfen, 
ftf)neibigen .ßügen mit einer $ reue roiebergab, bie nur 
$ünftlern feiner 9lrt möglich ift. — 

(£3 tf)at mir ber 3lbfd)ieb oon jebem $inb im $)orfe 
roel), aber ber t>on meinem alten 'SiScurS* unb $)ienft* 
genoffen ergriff mirf) roie ber von einem intimen g**unb. 

märe mir lieb geroefen, $err Pfarrer/ fo 
fprad) er, „roenn ©ie midj nodj) Ratten begraben fönnen. 
%d) banf S^nen nochmals für aUe§ ©ute unb für bie 
9?acE)ftd)t in meinem 2)ienft. Unb wenn mir un§ nimmer 
feljen foHten im Sieben, fo wollen mir hoffen, bajj mir 
einanber im Gimmel roieberfetjen." 

Qdj oergajj ben Gilten aud) in ber $eme nidjt unb 
fdjicfte iljm gelegentlich ein paar 3Jlarf ju einem $runf. . 
Unter tränen naljm er bie ©abe jeweils in Empfang, 
wobei ifmt meine Erinnerung an t^n nod) mefc greube 
machte, al§ ba§ ©elb felbft. 

S?urj oor feinem Sobe lieg er mir fc^reiben, „er fe^e 
mit gufriebenfjett unb unter Vorbereitung für ba£ (Steige 
feinem SebenSenbe entgegen". 

3$ afjnte, bafj er nid)t fterben mürbe roie geroöfm* 
lic^e Seute, unb liefe mir befjfjalb über fein @nbe genau 
berieten. ftd) Ijatte mid) nidjt getäufdjt. 

2ܧ er merfte, baf* e§ mit Ujm gu ©nbe gelje, ließ 
er juerft ben Pfarrer fommen, unb al§ ber fort mar, alle 



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— 193 — 

feine ftinbet — bte SJtutter mar wenige 9Jtonate juoor 
geftorben — unb bat fie um SBerseifjung , bafj er fte al§ 
ßinber etne§ armen SJtonneS in ber SBelt jurücflaffe. <£r 
fei unfdntlbtg an tfjrer Slrmutf), unb ben SBortourf, toeldjen 
ilmt bte 3Jlutter einft, ba et au3 ber ©trafanftalt fam, 
gemacht, bafj er ein #ump fei, Ijabe er ntcfjt oerbtent. 
(Sr uerjei^e ber Butter, bie fdjon brüben in ber ©toig* 
feit fei, aber bie Äinber fottten aud) ilmt, bem SBater, 
nidjt§ nadjtragen, i^m bie föufje im ©rabe gönnen unb 
ni$t fdtfimm über ilm reben, wenn er tobt fei — 

3Benige Stauben uor bem Sobe oerlangte er nod) 
ju trtuten. $)a ein ed^ter Ütebmann felbft auf bem $ob* 
bett fein SBaffer trinft unb fein 2öein im #aufe mar, 
fo reifte man ilmt einen ärug Sftoft. S)en tranf er^ 
unb ba ber $ob heftig in ilmt fieberte, verlangte er balb 
roieber ju trinfen. 

Qefct traten fie bem burftgequälten Spanne SBaffer 
in ben SKoft. ©r tranf, merfte ben frommen betrug beim 
erften ©cfjlucf unb fpraef): „Unferm $errn §at man beim 
Sterben ©fftg unb ©alle gereicht, ftfjr mtfd)t mir SBBaffer 
in ben 9Koft." 

$ann roanbte er ftd) abfeitS oon ben Umfte^enben 
gegen bie SDBanb unb ftarb. 

3lm 6. 9Mrs 1888 f)aben fie ju $ange auf ben 
#ird)f)of, auf toelcfjen mir beibe fo manchen lobten be* 
gleitet, einen grojjen Statin getragen, grojj, weil er 
grofj badete unb fein Ungemacf) grofj genug mar, um 
ifjtt unglücflid) ju machen. 

©ar oft in füllen Stunben be§ £age3 unb ber 9tod)t 
gebente td) Ijeute nodj toefjmütfjig ber frönen 3eit, bie 
idj im listen ©omtenfdjein mit meinem ©acriftan oer* 
plauberte im 9lngeftcf)t oon ©ee unb Sllpen — auf ber 

£ar.*ja!oft, S<$n«ebaHett, Xrittc Sielte. 13 



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— 194 — 

e infamen 53anf in ber einfamen ©cfe hinter ber ßirdje 
tm ein] amen x>örjcnen. — , 

SS)cr See fd)lägt fjeute nodf) feine SDBogen an bie Ufer 
unter bet $ird)e, rote ef)ebem, bie 58an! in ber ©efe aber 
ift tjerfdjnwnben — »erfdjmunben finb aud), bie einft 
bort fa&en im Sroiegefpräd^e. 

3$ war itn grü^a^r 1895 nrieber einige ©tunben 
in $ange unb befugte audj bie ©efe, in ber mein 6a* 
criftan unb icf) fo oft beifammen gefeffen. 9lber aud) 
fte roar uerfdjnmuben. ©ine „8ourbe§grotte" füllt tyren 
SRaum aus, unb roo mir beibe einjl geplaubert, roirb 
jetjt gebetet. 

$>a§ päfcdjen Ijat alfo eine SBerbefferung erfahren, 
unb balb wirb niemanb meijr im $orfe baran beuten, ba& 
bier in biefer ©infamfeit einjl ein Pfarrer unb fein <5a* 
criftan glücflidfje ©tunben verbrachten. — 



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» 



TUnfm $orf(d?nei5er. 



3)ic ^ßoefte ber Storffdjneiber ift in allen jenen 
(Segenben, in melden bie frönen 93olfStrachten, jum 
Stoben uon Staat unb ©efellfchaft, oerfchnmnben ftnb, 
längft bahtn, fo auch am SBobenfee. 

%a$ Sanboolt fauft feine neumobifdjen ftleiber ge* 
macf>t, metft vom §aufe 3§rael, roelcheS, wie ein QSraelit 
vox Qiö^ren in Karlsruhe antunbigte, bie „ßetber ber 
©ermanen tleibet", aber auch burd) ben von ihm be* 
herrfdjten ftrucht* unb SBiehhcmbel nä^rt unb fpetft. 

Unb bod) war bie alte, fett 50 fahren oerfchnmn* 
bene 93olf§trad)t am fchroäbifchen Stteer eine gar fdjöne, 
ber fd)önften eine in ben fdjroäbtfäen Sanben. 

Qn ben erften Qa^ren meines Aufenthaltes in $ange 
tonnte man an gaftaachtStagen noc^ ein ober bie anbere 
•3Jia8te in alter bracht im 3)orf ^erumfpringen feJjen. 
Unb als id) jum erftenmal fo eine Jrau in alter See* 
iradjt erbltcfte, taufte mir hell eine S&nbeSertnnerung auf. 

$)er 9lmt3reoifor ^öwponi, roelcher in meiner Knaben* 
Seit in $a§le f ungirte, hatte eine alte 3Jlagb mitgebracht r-om 
SBobenfee, unb biefe trug bie $racf)t ber ©eefchroä'binnen, 
eine ftlbeme *9fabt)aube" , ähnlich einem aufgehellten 
^Pfauenfchroani, ein blaues £ud)mteber, baju ein färben« 
fchillembeS Seibentuch unb einen faltigen, furjen $ud)rocf. 



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— 196 — 

$)te aJtattcmne machte mit ihrer SKabhaube ein tolof* 
faleS 2luffehen unter 3ung unb 9tlt im ©täbtle. 
fehe fte jefct noch oor mir, bic 2Ute, wie fic in tytem s 
©onntagSftaat unb mit intern rotten, freunbüdjen ©eficht 
grauitätifcf) an meinem elterlichen §aufe ©orbeifchrttt in 
bie ^rühmeffe, angeftaunt oon uns Äinbern unb von ben 
^Bauersleuten, bie mit ihr ber fttrche jugingen. 

2ln h<%« getertagen trugen bie grauen am ©ee gar 
eine golbene SKabhaube, unb bie ftorffirchen am fchmä* 
Bifcrjen -ätteere l)in fahen in jenen $agen fidler malerifcher 
auS an ©onn* unb Safttagen, als tyutt, roo bie SUtöble 
alle bie Sabenljüter sur ©djau tragen, meiere bie *put>* 
macherinnen in ßonftanj unb StteerSburg ihnen überlaffen 
haben, um fie nach ber „9ttobbi" &u Ileiben. 

$ie „SJtahne" ') am fdjroäbifcfjen 3Jleer Hefteten ftch in 
alter ^eit unb bis herauf in bie fünfziger Qahre in einen 
langen, blauen ober hechtgrauen Suchrocf unb in fammtne 
ober leberne Eniehofen mit meinen Strümpfen unb 
©d)nallenfcf)uhen. 2luf bem Raupte fa§ ber S)reifpi£, 
unb bie 93ruft beefte bie ftramme fcuehroefte mit ben be* 
rühmten oierunbaroanjig knöpfen, 

fciefe knöpfe hatten aber nicht blofi bie öeftimmung, 
ftch morgens &u* unb abenbS auffnöpfen ju laffen, fonbem 
fie waren in jener guten, alten, ehrlichen Seit auch bie 
^ä^Itafel für bie ©poppen am ©onntag. 

93om grühjahr bis sunt $erbft hatten bie alten Dfceb* 
leute am ©ee fein ©elb mehr, roohl aber mit ber ©ommer* 
wärme sunehmenben $)urft unb an Sonntagen £uft, ihn 
im 2BirthShauS *u löfchen, ^m Slbler unb im ßöroen 
% f #ange gab'S aber für jeben Sflebmann ßrebit bis $um 
©erbft, unb fo fafjen benn bie SJtahne an ©onntagett 

») Scanner. 



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— 197 — 

beim 2öetn unb tränten, tranf cn unb jaulten ihre ©poppen, 
inbem fte bei jebem einen Änopf am SBrufttuch, unten an* 
fangenb, aufmachten. 

2Bar einer, mag nicht feiten gefdjah, oben braug mit 
bem Sluftnöpfen unb hatte er ben üierunbjmanjicjften Ihtopf 
aufgemalt, fo rourbe oon oben an ju jaulen begonnen, 
inbem man bei jebem ©poppen einen ftnopf gumac^te. 

2Bar ber 3)urft gefüllt, fo gab ber Printer bem 
Söirtfje ehrlich unb rebltd) bie alfo gewonnene ßahl D ^r 
©poppen an. tiefer glaubte bem fytyzt auf 3 2Bort 
unb fcfjrieb bie 3 c ^ e ™ g ^ u 3)- 3 m ©erbft befam er 
bann für fein ©utfjaben Söein ober nach bem £erbft 
baareS ©elb. 

jgene guten Reiten, ™° oer 9flann im alten £ä§ in 
aUeweg weit mehr Sfrebit hatte al§ ^eute ber mobifcf) ge* 
fletbete SBauerä* unb ftebmann, ftnb oorüber, oorüber ift 
aber auch mit ber alten Xrad)t bie *ßoefte ber $)orffdmeiber. 

3)iefe waren in jenen vergangenen Sagen refpeftirte 
ßeute. tarnen fte an ©onntagen mit bem einen ober 
anbem ihrer Shmben in ba§ benachbarte (Stäbtie, um %uü) 
$u faufen ju einem neuen §a§, fo refpeftirte fte ber 
SMmer; er gab ihnen nicht bloß bie beften SBorte, fon* 
bem feroirte ihnen auch 2öein unb SBrob, bamit fte mieber* 
tarnen mit ihren SBuren unb Stteblüten. tarnen fte bann 
in bie $äufet ser lederen, um bie Kleiber ju machen, 
fo waren ftf geehrt oon SWann unb 2Bib unb in ©ffen 
unb Printen gar wohl gehalten. 

#eute ftnb bie $)orffchneiber in aW jenen ©egenben, 
in benen bie 93olf3tracht getoichen ift unb bie Kleiber 
fertig gefauft werben, ^erabgefunfen gu ^i^W^ibern. 
$)ie Arbeit außerhalb be§ £aufe§, auf „ber 6tör", hat 
längft aufgehört, unb einfam ftfcen bie @d)mber baheim 



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— 198 — 

in tyren (Stuben unb fttden ober machen, roenn'S gut 
geljt, ein *ßaar SÖBerftag^ofen ober einem ©djulbuben 
ein neues <3ewanb aus fettteS 93atcr§ altem SRocf. 

Sßon einem ©efetten, ja nid?t einmal oon einem Scfyr* 
buben ift audf) nur mefjr bie SRebe, unb bie alten Dorf« 
fdmiber fterben au«, olme Sänger gu lunterlaffen. 

2)ed) unfere ®orffdmiber, n&mltd) bie oon $ange ju 
meiner 3ett, foHen ntd>t geftorben fein unb md)t fterben 
of>ne 9*ad)ruf. deiner oerbient e$, unbefdjrieen oergeffen 
&u werben; benn alle bwi toaren Originale in tyrer &rt, 
ber „S^omme", ber ©od unb ber 2Begi§. 

$)er Stjomme mar mir nidjt bloß ßetkglicf fdjneiber, 
fonbern nod) oiel meljr, er war aud) mein JJreunb unb 
mein „£anb£mann\ 

©ine§ Borgens gletd> nadf) meiner Slnfunft in #ange 
wartete auf mid) nadj bem ©otteSbtenft oor ber ftirdje 
brausen ein älterer, fd&mäd(jttger, mittelgroßer, blaff er 
3Jtann mit blauen Sftunbaugen, einem bartlofen ©eftcfjt, 
einer großen ©djtlbfappe auf bem Raupte unb einem 
langen, braunen 9tod am Seibe. 

<£r ftettte fid& mir oor aB ben ©dfmeiber ßubroig 
%^ovaa unb mein ßanbSmann; er fei oon @lje. Qd) 
freute mid), am öftltdfrften ©nbe unfereS £änbdf)en3 einen 
©Ijadjer &u ftnben, ein ftinb jenes einfamen ©djtoarj* 
raalbftäbtdjenS, ber s Jtadjbarin oon $a$le, über baS mid^ 
mein 2Beg in bie Serien als ©tubent fo oft geführt, 
unb n>o icf) bie legten ©poppen tranf , e^e itf) ben $8erg 
^inauff^ritt über bie Sßafferfd&eibe oon (Slj unb Äinjig. 

SÖon jenem 9ftorgen an mürben ber ©dfjnetber 
Sftmme unb id) me&r unb meljr gut JJreunb. <Sr wohnte 
im „Dberborf" in feinem fleinen $äuSd)en am $orfbad), 
über bem beS ©d^niberS eigene Sieben jidf) erhoben. <5o 



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— 199 — 

oft tdj bort fortan oorüberging unb er nafyenb auf feinet 
0 §me" fafc, ba§ 2Beingla§ unb bie SabafSbofe in nädrfter 
91%, rebeten wir miteinanber, unb gar oft fcab' id) tlm 
an juserrtagen oon oer ts?qmetoeret weg oerjugrt ju einem 
©oajiergang. 

Unb fo oft wir bann burd) ben ^ttenborfet SBalb 
toanbelten, rebeten wir oon ©Ige unb oon gaste, oom 
ßtnjigtfjal unb oom ©djioarjtoalb, oon ber Qugcnb^it 
unb oon ber $eimatlj. Unb roenn wir aud) immer ba§ 
©letdje befpradjen, '3 mar immer neu unb immer fd)ön. 
©r aber mar meift ber ©rjä^ler unb id) ber grager unb 
ber £>ord)er. 

©ein SSater mar ein ©eiler in ©Ige geroefen, unb 
be§ 1810 geborenen ©ol)ne§ früfjefte ©rinner ung ba§ 93er* 
gnügen, bem ©eileroater auf ber ©eilerbafyn ben §afpel 
breiten unb pfc^auen $u bürfen, roie ber SJleifter, xüd* 
roärtS toanbelnb, feine ©eile flod^t. 

©d)on mit biefer 2Infang§periobe aus feinem Jßeben 
roecfte in mir ber alte ©dmeiber eine ©umme oon ©lüf)* 
lichtem au§ meiner eigenen ftnabengeit, roo unroeit oom 
93ater^au§ in ber SSorftabt ber „alt* ©etler", ber aud) 
$f)oma fjiefj, amtirte. ©eine ©eilerbalm ging am eigenen 
©arten l)in, unb ben #afpel breite i^m feine $od>ter, 
eine ältere $>ame bittigfter 3)enf ungSart, bie „be£ ©eilerS 
ftanne" f)ie&. 

3lber bie Spanne mu&te groifc^en hinein to$en, ba 
ber alte ©eiler feine grau mef)r Ijatte. 3)a burften mir 
9fatd)baräbuben oann eintreten unb bem Sfteifter ben 
$afpel „brtllen". 

$>er aber, ein greif er, groger 9ttann mit bartlofem 
©eftdjt, ba§ Heine, bunfle Slugen unb eine fdt>arf gebogene 
s Jhfe gar nid)t unfd)ön matten, würbe teufeBtoilb, roenn 



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— 200 — 

wir gu fd&neU fjafoelten unb er nidfjt nadf)fam mit bem 
$)rel>en feines §anfe§. 

„3tör 9ftalefiä*58uabe/ rief er bann oon ber (Seiler* 
Ba^n herauf, „mi%t iljr nieijt, bafc id> ein alter Sftann 
bin unb ein ©eiler fein ©djniber i%* 

2ßaren wir brat) unb brillten wir gtt feiner Aufrieben* 
Ijett, fo fdjenfte er bisweilen jebem eine ©eijjel, beren er 
gar ©tele unb fdjöne in feinem ©eilerlaben Rängen Ijatte. 
Slber bann bat er fid)^ au§, nie ju „fleofen", roenn er 
auf ber ©eilerbalm arbeite, benn ba3 fd^Iagc ifnn alle 
©ebanfen aus bem ftopfe. 

3n feinem ©arten ftunb ein fd&öner SBirnbaum, ber 
Jeben ©ommer grüßte trug unb ben mir alljäljrltd), fo 
gut e3 ging, plünberten. %a gab T 3 bann fjcinbfc^aft 
jmifc^en un§ unb bem alten ©eiler. ©r brofyte jeben 
aufhängen, ben er erroifdEje. $lber mir mußten, bafc 
toeber er, ber alte, langfame Sftann, nodj feine Spanne 
im ©tanbe märe, einen oon un§ $u fangen. 

%oti) erfe^te idE) il)m ben ©traben im ©arten fo gut 
icf) fonnte. SBeil id) mit allen einfjetmifcfyen unb fremben 
gu^rteuten oerfe^rte, mürbe idfj befonberS oon ben letztem, 
bie tfjalauf tf)alab ju allen 3eiten be§ $age§ in§ ©täbtlc 
einfuhren, oft abgef^iett, um £retbfdf)nüre, ©eile ober 
©eifceln p ijolen. %a ging ic§ nun gar nie jum ©eiler 
^ammerle bei ber fttrd&e broben, fonbern fjinauS $um 
alten ©eiler in ber SBorftabt. 

$>aburd(j gewann tef) fein oolle§ Vertrauen, unb er 
fpradf) mid) jeweils frei oom 58erbad&t, an feine „SBtre 
gegangen p fein". 

Um meiner SBerbienfte roiUen l>olte aber audfj bie 
Spanne alle i^re ©rofd&enlaible bei meinem *8äcfer*93ater 
fo lange, big be3 ©eiterS eigener ©oljn au3 ber grembe 



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— 201 — 

tarn unb unter bem «Kamen „ber ©eilerbetf* felbft SBrob 
machte. 

©o oft nun ber alte ©cfjneiber am (See von feinem 
©eiler*93ater unb oom £afpel*$)ri[len rebete, ftrafjlte mir 
bie ©onne oon §a§le über bem alten ©eiler, über feiner 
SKanne unb über bem „SMrebaum", unb tc§ falj mtdf) jung 
unb mutwillig unb birnengelüftig baneben ftefjen. — 

$er ©cfjneiber Sljomme er^lte aber roeiter, nrie er 
nod) att ©dmlbub mit feinem <8ater unb mit bem altern 
«ruber 3ttidjel, alle brei mit ©eilen unb ©eijjeln be- 
loben, über ben 93erg monbem burfte jum Qa^rmarft 
naef) |ja§le, roo fte feil gelten, n>a§ ber SBater auf ber 
©eilerbalm ©Ige gefponnen unb bie SBuben geljafpclt 
Ratten. 

3luf bem Qafjrmarft aber ging bem «einen ©eiler* 
bub eine große Sßett auf, unb er meinte unter ben oielen 
3flenfd)en, bie famen unb gingen, aßen unb tranfen, fauften 
unb oerfauften, im $immel ju fein, weil er „SEBecfen unb 
2öi" befam gu all' bem ©djaufpiel. 

Unb raenn fte einen m guten Sttarft gehabt", tränt 
ber SBater ein „©djöpplein über ben $urft" unb roar 
auf bem §eimroeg über§ ®ebirg luftig unb Reiter rote nie. 

SRodf) mef)r benn fünfjig Qa^re foäter, roenn er 
broben am SBobenfee im Qftenborfer SBalb mir, bem §a§s 
lad>er, oom Qafyrmarft in $a§le erjagte, foradf) er mit 
finblid)er SBegeifterung oon jenen £agen unb meinte, „fo 
fd)ön fei e§ jetjt ntd>t meljr, nrie bamalS". 

$en ©runb, warum e§ e^ebem fdjöner geroefen, 
fonnte feine ©dfmetberfeele nur almen, aber mdjt au§* 
fpredjen. Qd) gab ifjrer 9lfmung 9Borte unb machte bem 
Sllten flar, baß er bamalS im SKnberljtmmel gelebt fjabe, 
je&t aber in ber „©djneiberfjöHe*. 



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— 202 — 

©tunbenlang tonnten roir un$ ©pifoben t>om m %otyc* 
mäxtt #a3le" erjagen unb mürben babei wieber jung. 
Unb wenn wir fpät am 9lbenb oora „©tett&utmer $Btd)el" 
fjerabgeftiegen waren unb bei ber „ftriaftroß" im Dberborf 
un§ oerabfd)iebeten, fpradj er: „©uat Sflacfjt, £err Pfarrer, 
'S ifdj aber ^üt bo mieber f$d gfi" 

DefterS aber oerabfd)tebeten wir un§ nidjt, fonberu 
id& Iub ifjn ein, wenn er feinen 9lbenb*ßaffee getrunfen, 
normal Ijerabjufommen in£ ^farrljauS unb mit mir einen 
$timf ju tf)un. $)ann würbe nodj weiter # gef)a§lad)ert" 
unb „Geeifert" big in bie fpäte 9lad)t hinein. 

bewegte greube t(m, wenn er oom ©aSladjer Qabr* 
marft ersäfjlte, fo ergriff iljn ©tolj, wenn er auf feine 
©d)uljal)re ju reben fam. ^eg ©eilerS Submig mar be§ 
©cfyulmeifterS Stebling, nidjt bloß weil er „fyauptmäßig" 
rechnen unb „wie geftocf)en" f djreiben, fonbern weil er aud) 
ben Selker im SHotftf alle t>ertreten tonnte, tiefer mar föatfj* 
fd)reiber ber ©tabt ©Ijad) unb mußte oft au3 ber ©djule 
weg, unb ba fpielte bann ber £ubwig ben *ßräceptor, ließ 
lefen, f ^reiben unb rennen unb Inelt eine fo mufterfjafte 
Drbnung, baß ber 8ef)rer ifjm jeroeilö ba3 größte klob 
erteilte; ein £ob, oon bem er ein fjalbeS Safjrfjunbert 
fpäter nod) mit $od)gefüljl rebete. 

2Bof)l fjunbertmal fam er auf feinen oorübergeljen* 
ben Se^rerftanb jurücf, unb wenn td) ilrat bann geftanb, 
id) fjätte in ber ©djule einen gar böfen ©tiefei gefdjrieben 
unb faft nichts. vom SRedmen oerftanben, bann mürbe er 
ftolg. @r tannte ferner alle fonntäglidjen ©oangelien 
bc* 3fa§re3 auSrocnbig in ityrer 9luf einanberf olge unb tri) 
nid)t. %a§ machte iljn nod) ftoljer, unb leudjtenben 
2luge3 fpradj er öfters : „©ie werben glauben, baß, wenn 
i$ g'ftubirt tyltte, id) e$ nod) weiter gebraut §ättc als 



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— 203 — 

Sie.* 3$ fäumte nie, tym ba§ ju betätigen. Unb wenn 
wir an jenen Abenben oom ©pajiergang suriicffehrten, 
fo fteigerte er fein SBohlgef allen an unferer Unterhaltung 
burä) bie SßBortc: war fyeut' Ijerrernnäfjig fd)ön/ 

93oU ©elbftgefühl ging er bann feinem ©chneiber» 
^äuS^en ju unb backte ftcher jebeSmal bei ficf) : „©igent* 
lieh foUt' ich Pfarrer unb unfer Pfarrer foUte ©d)neiber 
fein, benn ich habe beffer fdjreiben unb rennen gelernt in 
ber ©chule unb fann felbft bie ©oangelien beffer, benn er/ 

9113 bie ©chuljat)re beg jungen ©jacher ©eilerbuben 
um waren, ba galt e§, it)m einen SBeruf ju geben, unb 
er warb, ba ber ©ruber üftidjel be3 3Sater§ SWach* 
folger werben foUte, jum ©chnetber beftimmt. üftach folgen 
ßeiftungen in ber ©chule ein ©chnetber, ba§ wollt* ich 
anfangs nicht begreifen, aber ich begriff e§ fofort, al§ 
er mir feine „geheimen Abfluten* bei ber S&ahl biefer 
im Allgemeinen nicht fehr refpeftirten unb bod) fo wich* 
tigen Sßrofeffton enthüllte. 

Auf bem 2Beg jwifchen ©asle unb ©Ige, am $u$e 
beS ©ebtrggftocf e3, ber bie ^lu&gebiete ber ©Ij unb ftinjig 
trennt, liegt ba3 Dörfchen £offtetten, meine Dafe be3 
JJrtebenS, in ber ich biefe ©efchichte gefchrteben. 

$n £offtetten aber lebte unb wirfte gut «Seit, ba 
beS ©eilerS ßubroig nach $a§le auf ben 2Jcarft ging unb 
bem ©Ijadjer SHathfchretber bte ©chule hielt, ein richtiger, 
leibhaftiger ©dmeiber als; ßehrer unb egcetlirte in beiben 
fächern unb in noch einigen anbem. 

Qu Anfang unfereS^ahrhunbertS nahmen bie dauern* 
gemeinben be§ ©chwarjwalbeS ihre ©chulmeifter, wo flc 
biefelben fanben. SDßer gut lefen, fchreiben unb rechnen 
fonnte unb £uft hatte, e3 anbem beizubringen, ber warb 
SJteifter in ber ©chule. Unb ba£ war recht. 



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— 204 — 

@o rollten bie ÄinatgthSler Suren unter bcr ©Ijacher 
©cf ihren ©chnetber Sulinger jum ©djulmeifter. S)er gab 
ober be&halb feine ©chnetberet nid^t auf, fonbem fdjneiberte 
unoerbroffen oor unb nach ber ©chule. ©r tyttt ftch 
einen ©efellen, ber in aüer $riif)e IjhtauSging §u ben 
Suren unb auf ben $öfen bie 2Bod)e über fchnetberte. 
©o oft aber ber Sfleifter mit bem ©chultjalten fertig mar, 
eilte er bem ©efellen nach unb arbeitete mit ihm in £er* 
ftellung ber alten Sauerntrachten. 

S)er ©efelle l)iefj ©ottharb klauSmann unb mar au§ 
bem benachbarten $)orfe „-SUlülIibach" ^erübergefommen 
unb beim ©d)neiber*£ef)rer oon $offtetten in Arbeit ge* 
treten. Q^m gefiel ber ©tanb feines SfleifterS, ber ob 
feiner kenntniffe geachtet mar, ben alle Suren auffudjten, 
wenn fie etroaS jum «Schreiben ober &um Rechnen Ratten 
unb ben fte mit Vorliebe als Setbfäneiber ins £au£ auf* 
nahmen, toetl er ihnen auch fonft bienen tonnte. 

$>er ©ottharb fcfjlug be&ljalb bem ^enjlinger, ber 
feinen (Sohn hotte, oor, ihm auch bie „(Schulmeifterei* 
beizubringen. Unb nun gab ber Reiftet bem ©efellen 
an (Sonntagen Unterricht im SHechtf ^reiben, unb an 2öerf- 
tagen, wenn beibe abenbS oon ber (Schneiberei auS ben 
Sergen unb Spiern heimfehrten, mürben unterwegs 
Uebungen im kopfrechnen gemalt. 

kaum f>atte ber jroanjigjährige ©ottharb auSftubirt 
unb raupte, roaS ber SJletfter fonnte, fo mußte ber letztere 
fterben. @r ^atte / ba er als Sefjrer auch augleidt) <Sa* 
criftan mar, etneS $age§ ben *ßfarrherrn oon $a3le be* 
gleitet gur ©tmoeihung eines neuen #aufe§ in ben Sergen 
broben. 3>er Sur hatte ihnen ©h^cfemaffer frebenjt unb 
©chinfen unb küchle. £)er (Scf)netber*<Sacriftan t^at beS 
©uten etroaS &uoiel unb rourbe muthmtllig. 2113 fie 



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— 205 — 

brunten im $orfe anlernten, ftunb t>or bem 2Birtl)$!}au3 
ju ben w brci Schneeballen" baS SHeitpferb eines Sauern. 
$)er Schtteiber roollte in feinem Uebermuth reiten, beftteg 
ben ©aul, ber, alntenb, bafs ein Schneiber ihn benutzen 
wollte, bur erging, ben Leiter abwarf unb ju ifcobe 
fchleifte. 

$er ©chneiber*£ehrer mar tobt. „@3 lebe ber 
Schneiber*£ehrer 4 ', riefen bie Suren unter ber @cf unb 
rollten 1815 ben jugenblichen ©dnteibergefellen ©ottfjarb 
ßlauSmann junt ßehrer, ber, banf bar gegen feinen Sftetfter, 
beffen SBeib jur %xau unb beffen jroei SJtatble als feine 
ftinber annahm. 

(£r blieb natürlich auch Sdjneiber unb nahm einen 
©efellen, bem er nach ber Schule in ber Schneiberet half, 
wie ihm felbft einft ber Setjrer Sulinger, liefen aber 
übertraf er in ber Schulmetfteret roeit unb mürbe, rote 
bie alten Suren heute noch erjagen, ber befte £ef>rer, ben 
baS 2)orf je gehabt 

$>er ©ottharb Bereinigte nach unb nadt) in feiner 
$erfon aUe Slemter, bie er einnehmen fonnte, unb roar 
Sdjnetber, &hrer, Drganift, Sttefmer, Sobtengräber, 
Seichenfchauer, Slcäfor, ftathf Treiber unb SDorffrämer, 
unb in allen StMen ein Sttetfter unb SirtuoS. 

Ott ©otüjarbs Slüthe$ett nun fiel bie ©ntföeibung 
be3 Seilerbuben oon (Slje, ein Sdjneiber ju werben. Oft 
hatte ber Seilenmter auf ber ©etmtehr oom §cßlatyx 
Qahrmarft in ©offtetten mit feinem ©üben noch einen 
Schoppen getrunten „in ben Schneebällen". $a roar öfters 
oon bem Sd)neiber*£ehrer ßlauSmann bie Siebe ober biefer 
felbft auch im 2Birtf)3hau3 geroefen. Sei ihm nun in bie 
£et)re ju tommen unb Sdjneiber unb Sefjrer ju roerben, 
roar beS £ubroig£ äßunfeh. 



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— 206 — 

9tn einem Sonntag in aller JJrülje roanberte bet atte 
©eilet uon ©Ije mit feinem ©of)n übet bie @cf nad) £of* 
ftetten jum ©ottt)arb unb trug tlnn ben Stoben an sum 
Untettid)t in bet ©d)neiberei foroof)l als in bet ©djul» 
meifterei, in roeldj' leitetet et bereits bebutitt f)ätte. 

$0$ ber ©ottyatb fonnte feinen Sewing brausen, 
ba et mit feinem ©efeUen ftetS au§n>ätt§ atbeitete unb 
man na<$ bamaligem vernünftigen 3 un ft9 e f e 4 Stuben 
ntdjt anleinen butfte in ben „Shmbenljäufero". 3)af)eim 
abet Ijatte et feine geit, einen 6cfmcibetlef)tling au§* 
äubilben, roeit bet Reiftet Schule galten mufjte. ^olg< 
lia) roar'S aud) nidjtS mit bet SluSbilbung jum ©djul* 
meiftet. 

Sraurig ging ba§ ©eilerbftbtem mit feinem SBater 
übet ben SBetg gurücf unb nid)t oime 3Bibetftteben gu 
einem ©cfynetbet in ©Ige in bie fiepte, bet, ein tätiget 
„SButefchniber*, meift bei ben umliegenben ^Bauern fjan* 
titte. ftaum fonnte bet kleine orbentlidt) nad) ©dmeibet* 
att fitjen unb bie 9tebel jut SRotf) fügten, fo mufjte 
€t mit bem Reiftet In'nanS auf bie SBauemfjöfe. 

@at fdjön nmfcte bet alte %\)ommt mit ju etilen, 
wie et am früljeften 3Jlotgen ju allen Reiten be§ Qa^teS 
mit feinem Steiftet Qafob ©ö^ting au§ bem bunflen 
SÖalbftäbtle l)inauS 50g auf bie (Mjöfte. ©r trug ba3 
SBügeleifen, bet Steiftet ©djeete unb ©ttenmafc. SDßenn 
bet Sag anbradj unb fie nod) md)t an Dtt unb ©teile 
waren, fingen beibe an ju fingen, „lautet fd)öne, ftomme 
Siebet", bie man aud) in bet fttrdje fang. 5ftit ©tolj 
etjäl)lte et, rote bie Seute au§ ben SBauernljäufetn am 
SBege fn'n aufhorchten, roenn bie jroet ©etyneibet uotbei* 
Sogen, ber Se^rling bie erfte, bet 3Jletftet bie jroeite 
©timme ftngenb. 



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— 207 — 

9tuch baS ermahnte et mit SBehagen, nrie bic ©dmeiber 
beffer refpeftirt geroefen feien auf ben ^Bauernhöfen, als 
bie ©dtjuhmacher, unb bemgemäjj ein beffereS ©ffen be* 
tommen Ratten ton ben ^Bäuerinnen. 

SBenn idt) ihm bann fagte, baS f&me bat)er, bafc bie 
©chnetber ein SQBeiberhanbraerf trieben unb ben SBeibS* 
leuten beffer fchmäfcen unb lügen könnten, als ber biebete 
©dmfter, bann würbe er gang aufgeregt unb meinte roiber* 
fpredjenb, ber ©runb fei ein gang anberer, ber nämlich, 
bafj bie ©dt)neiber „feinere unb gebilbetere Seute feien als 
bie breefigen ©dmfter*. 

Unb in ber Xi)at, ber ©chnetber Subroig mar in 
feinen alten Sagen noch ein feiner, höflicher SJtann, unb 
ic^ glaubte eS ifjm aufs 2Bort, menn er mir ergählte, bie 
„SBiberoölfer" in unb um ©Ige hätten, n>o immer er Inn« 
tarn mit feinem -äftetfter, allgeit geurthetlt, „beS ©chmber 
(MhringS Sehrbua fei ber gtmpferfte *) Sehrbua in ber 
ganzen ©egenb". 

9Jtit Vorliebe ging er in groei ©egenben um ©Ige 
ins ftunbenhauS, tnS ßafcenmooS unb ins ßofcenmooS, 
baS erftere eine Söalbgemeinbe unterhalb ©Ige unb ba$ 
lefctere oier einfame £>öfe unweit oon ber erfteren. 

Qm ÄatjemnooS machten bie Säuerinnen ben beften 
„S)ummiS" 2 ) unb im ßotjenmooS bie ptf antefte ©rbäpfel* 
fuppe, groei Lieblingsgerichte beS angehenben ©chneiberS. 

9fn falter SBinterSgeit blieben bie beiben ©chnetber 
oft eine gange SBoche im ßa^enmooS ober im ftofcenmooS 
auch über SRacht. ©ie gaben bann nach bem geierabenb, 
roährenb bie SBiberoölfer fpannen unb bie 9RannSoölfer 
um ben Dfen auf ber SBanf fafcen unb rauchten, ein 
flongert, inbem fte üerfdn'ebene ®ircf)enliebcr fangen, roobet 



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- 208 — 

bic Bäuerinnen unb bie Sttaible nod) mitfangen unb ben 
Seljrbuben bemunberten, ber allein von allen fo feft mar 
un ^erj. 

„2Benn mein Reiftet unb itf) ins ftatjenmoo§ unb tn§ 
ftotjenmooS famen, roar'3 ben Seuten nrie ein $ e ftt a Ö unb 
un8 ©d)neibern audj/ fprac§ et manchmal fünfzig $ja\)it 
fpäter nodj unb meinte, bie 3«*/ *> a er bem 33ater ben 
©eiletfjafpel Bebtest unb im $afcenmoo§ S)ummi3, im 
StofcenmooS aber (Srbäpfelfuppe gegeffen unb gefungen 
$abe, fei feine fd&imfte £eben3* unb ©dmetberSgeit gc 
mefen. 

S)enn aud) unferfiubroig mußte nad) t-ollenbeter Sefjr* 
geit traft ber ftrengen ßunf torbnung , bie brei SBanber* 
jafjre r-erlangte, tyinauS in3 „f einbüße geben*. 

2113 „(Defellenftücf 4 ', auf ©runb beffen er r-on ben 
3unftmeiftern im 26mm in ©Ige „freigefprod&en" roorben 
mar, Ijatte er ein „©onntagSfjäS" gefertigt für ben ©tab* 
Ij alter non &at}enmoo£: eine leberne ©tumpfyofe unb einen 
langen ©ammtroef nebft grüner £ud)roefte. 

SttSbalb nad) biefer Seiftung gog ber junge ©efette 
in bie grembe, an feiner ©ette SJlidjel, ber SBruber unb 
(Seiler. Slber ber ©djneiber machte feinem ©tanbe alle 
©Ijre, tnbem er beim erften ©intritt in bie ©dmeiberSroelt 
eine ©igenfdjaft geigte, bie man ben ©djneibern mit 93or* 
liebe nadjfagt: ben Langel an (Sourage. ®r rcollte in 
feiner ©tabt Slrbeit fudjen, au§ fjurdjt, mit feiner Äunft 
nicf)t beftefjen gu fönnen, ba man in ©täbten mofyl nid)t 
gufrteben fein mürbe mit ©dmeiberleiftungen, wie fle im 
ÄafcenmooS nnb im ßofcenmooS unb gur 9fa>tf) aud) nod) 
im ©täbtle ©Ige genügten. 

©o manberten beibe von ^reiburg bis fynah unter 
93ruc^fal # wobei baS ©djneiberlein pdf) nifyt getraute, in 



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— 209 — 

©tabten unb ©täbtdjen „umaufdjauen", roetl et fürd&tete, 
eine ©teile $u finben unb fid) ju blamiten. 

$)er 9Jiid)el manberte rul)ig neben ifjm f)er, fanb 
aber, trotjbem er überall „ um flaute", feine Seilerbahn, 
bie eines ©efeUen beburft Ijätte. So gefdjetyen hn grüfc 
ja^r 1828. 

3n bem 3>orfe Steingarten bei Sörudrfal befam bet 
©djneiber Arbeit, tiefe ben 9Jtid)el im ©tief) unb allein 
Siefen. %o$ bie erfte grage, bie ber ©djneibermeifter, 
an ben jungen ©efellen richtete, war für biefen ein ©cor* 
pionenftidj. S)er 3fteifter groim fragte, al§ ber ©efette 
fein greifen abgelegt f)atte unb ftdj jur 9lrbeit anfetyiefte 
ob er aud) fd&on „#errenljofen" gemalt Ijabe, ba er, ber 
9Jteifter, oiel nadj SBrudrfal hinein arbeite. 

(Stförocfen antwortete unfer ©d&neiberlein, bie ©ür* 
nebmften $ofen, bie er gemalt, |abe er für ben ©tab* 
Ijalter oon ßatjenmooS gefd)affen, aber biefer fei eigent» 
lid) fein $err, fonbem ein SBur. 

£ro£bem, toeil e§ auf Dfiero ging unb bie ©djnei* 
berei preffant war, behielt ber 3fteifter com 93rur^ein ben 
Jungen Surenfdjniber au§ bem ©Ijtfjal, faf) aber balb, 
bafj er i^n nid)t brausen fönne für feine ftunben in ber 
©tabt „Prüfet", bie eigentlich Ijeute nodj felber nur ein 
grofee§ $>orf ift. 

Wart) ben geiertagen befam ber gute Subrotg geier- 
abenb. Unoerbroffen nafjm er fein gelleifen auf ben 
SHüdten unb 50g roieber lanbaufroärtS über greiburg, 
SBafet unb ©d)afftaufen nad) äonftanj, o^ne bafj trgenbmo 
ein £)orffdjneiber feiner beburft l)ätte. 

3efct mar bie Sftott) grofi unb boJ babifdje SBater* 
lanb am ©nbe. Qn bie nafje ©djroeij märe ber Sitbnrfg 
um feinen ^ßrei§ gegangen, obfd)on e3 feine Äunft ift, 

£an#ia!o&, e^n^aOen, Z ritte 14 



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— 210 — 

„©d&roujerfiofen* gu madjen. s Jtotf)lo3 fhmb et brum am 
fdjroäbifdjen 3Jlecr. %a tarn tlnn ein rettenber ©ebanfe. 
(£§ fiel ilmt ein, bafc fein 9Jleifter in ©Ige ilnn oft crjä^lt 
fjabe t)on einem Setjrbuben, ben er einft gehabt, ber au§ 
bem ßatjenmooS gebürtig Siefen f e * unb jetjt in einem 
$)orfe bei 9fteer§burg am SBobenfee jid) ntebcrgelaffen fjabe. 

liefen ftafcenmoofer $>orf fdjneiber befd)lo& ber Subnrig 
jefct in ber I)ödf)ften Sftotf) aufeufudjen unb um Arbeit anju* 
geben, (£r befleißt ein <5egelfdf)iff nad? 5fleer§burg. Unter 
ben ^affagieren fmb Sanbleute r»om „(2>ee brüben", bie 
fjeimfafjven oom „ftonftanjer 3Jiärt*. 6r fragt einen nad) 
bem „(Sd&mber $faff ufm ftatjemooS". 3)er ©efragte ift 
ein $angouer unb fagt iljm, bafj in £ange ein ©djneiber 
*ßfaff lebe, ber vom ©djroarjroalb herauf jugeroanbert unb 
Sdjneibermeifter unb Bürger geroorben fei. 

greubig fc^liefet fid) ber junge ©cfmetber nadf) ber 
Sanbung bem £>angouer an, ber ifjn nadE) etnftünbigem 
SJtorfd) am ©eeufer Ijin jum gefugten ^SanbSmann 4 ' 
bringt. 

tiefer fjatte fdfjon längft ben (£f)arafter eines Drtgi* 
nal§ im füllen ©eeborfe erlangt, als ber junge (£l$tt)äler 
ifmt nadjrücfte. @r pflegte aUjäljrlidj ein ©d&roein &u 
fcfyladjten unb bemfelben gegen äße Siegel bie §aut ab* 
jujie^en. @r f)ie(3 beßfyalb ber „©ufd?inber*. 

ferner pflegte er von jebem 3at)rgang be§ SBeineS, 
ber tfrni in feinem f leinen SRebgarten nmd)§, ein „2Jlüfterle 4r 
aufgeben, fo bafc er von Dielen Ergangen groben in 
fleinen 5 ä ^ cn Mte« ©r roarb barob aud) genannt 
„ber 3Rüfterlefd)mber\ 

$>c§ roeiteren t^at er, wie bie meiften ©djneiber, gar 
gerne mit anberen beuten biScurrircn, fyatte aber baju 
feine ©clcgcnljeit, wenn er 511 £>aufe arbeitete, ©eine 



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*- 211 - 

£ütte ftonb als bic lefcte in einem einfomen ©acfgäßcf>eri, 
in ba§ feiten jetnanb tarn. ßam ober „eins* oorbet, fo 
fc^og ber gefpräd)§fjungerige ©djniber au§ bem ftatjen* 
moo§ an§ fjenfter unb fing ein enblofeS ©ereb' an. 
©einer ©d)roäfcmante oerbanfte er ben ^itcl „ber Sftul« 
fdmiber*. 

©nbltd) war fein SBeib, eine geborene £angouerin, 
bie „weife grau" be§ Dorfes oulgo bie ©ebamme, unb 
ifjr -ättann roarb, rote'S in $ange üblict) ift, mit in ifyr 
9lmt aufgenommen, infofern er ben weiteren 9^ebennamen 
führte „ber §ebammer". 

©o roar ber ©djneiber <ßfaff retd&Kdj mit Sitein ge* 
fegnet unb ein vielgenannter 9ttann im $orf, als unfer 
fiubroig bei tfnn oorfprad) unb um Arbeit bat. §ofy 
erfreut naf)m ber ©aufdjinber au§ bem #afcenmoo§ ben 
(Sljadjer auf, traftirte tfjn mit SBeinproben, lieg fiel) oon 
<£lje erjagen unb oom 8atjenmoo§ unb bot ifmt fjodj* 
^erjig ba§ bleiben in feinem £aufe an, obroofyl er feine 
Arbeit für — jroei ©ef eilen tjatte. 

SBeil finberlo§, t)atte ber 9JU'tfterIefd)ntber ein armeS 
^atfjenttnb, ein OTäbctjen, jum ©dmeiberSgefelleu au§ge* 
bilbet. luefj „©epperle" *) unb roar, roie ber fiubroig 
in feinen alten $agen nod) fagte, ein „braoe§, fcr)afftgc§ 
•äftaible", roegen beffen er balb einen fdjroeren ftampf 
fämpfte, aber nidjt au§ Siebe, fonbem au§ ©belmutf), 
roie er in ntd)t oielen ©cfjnetberfeelen gebeizt. 

$)a8 ©epperle arbeitete bei feinem SJteifter nur, 
roenn ber nid)t allein fertig rourbe, unb erhielt bann £of)n 
roie ein ©efeHe. 

9htn befam ber roaefere Subroig nad) ben erften 
Sagen ©ennffen§biffe, er fönnte ba§ befcfyeibene 2ttäbdf)en 

*) 3ojcfine. 



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— 212 — 

um feinen SSerbtenft bringen, mit bem e3 bebürftige ©Itetn 
unterste, unb barum griff er unter bem SBiberfprud) 
be§ 2RciftcrS / ber t$n gerne behalten f)ä'tte junt $)i£cur* 
rtren, abermal ftum Söanberftab. ©r mufcte aber per« 
fpred&en, mieber fommen, wenn er feine 9lrbeit fänbe. 

Sfttdjt fo gar roeit roeg von ©ange, unfern non ben 
Ufern be3 fc$nmbifdf)en 9fteere8, liegt ba§ nwrttembergtfdje 
©ta'btd&en Bettnang, rao ein ©d)uf)mad)er§gefeae von ©Ije, 
unfereS jungen ©$neiberg Sttutter »ruber , ftdj als 
SJletfter mebergelaffen $atte. $>eu fud&te baS ebelmütyige 
©djnetberlein auf. 

®rei $age nadl) feiner SIbretfe fommt e§ aber fd^on 
mieber nadfj #ange mit einem ©djretbebrief be3 ©dfjufterS 
in Bettnang an feinen greunb, ben ©d&neiber $faff, wo* 
rin biefer gebeten nrirb, ben Ueberbringer biefeS ^Briefes 
auf feine, be§ ©d&ufterS, Soften &u behalten, aud) mewt 
er feine Arbeit Ijabe. $jn Bettnang unb Umgebung gebe 
e§ feinen $lafc für ben ©cf)neiber*93etter, unb gum SDBan* 
bem fcl)lc biefem ade Suft unb jeber 3Ruti). 

Sfttt greuben warb ber SBanberer nrieber aufocuoa» 
inen in bem Keinen ©d&neiberSljäuSd&en. Unb um feine 
©crupeln „bem ©epperle" gegenüber &u befeittgen, würbe 
fcefd&loffen, ba{$ baSfelbe, ftatt in be3©cf)neiber§ 3lmt, 
in ba§ ber grau ©djneibertn eintreten unb „auf $ebamme 
ftubiren" follte, um fo me&r, als bie regierenbe £ebamme 
alt unb fränflid) mar. 

©o mürbe allen geholfen: bem ©dfjneiber^ebammcr, 
feinem SBeib, bem ©epperle unb bem fiubmig. tiefer 
befam, roenn Slrbeit ba mar, einen ©ulben 2öod)enlol)tt, 
unb raenn feine ba mar, einen falben ©ulben Sparte- 
gelb unb S)i§currir*©olb. SDcnu menn fie ntd)t§ gu tljun 
Ijatten, fd^mä^ten bie ©d&neiber vom (Sljtljal unb von 



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— 213 — 

oK' ben Bauernhöfen, auf benen beibe fcfjon gearbeitet 

Ratten.. 

SBährenb ba§ (Sepperle ju 3)onauefchingen ftubtrte, 
würbe bie alte Hebamme öftere franf unb bienftunfä^ig. 
3)a mufite jeweils ber <5a)neiber§gefette burdt) ben 2Balb 
nach Qttenborf laufen unb bie bortige „roeife $xau" 
holen. 

Dft, wenn wir fünfjig 3 a h** fpäter burdt) biefen 
2Balb gingen, t>at er erjagt, wie e§ feine ©tunbe ber 
SRac^t gebe, in ber er nicht al§ (SchneiberSgefeHe fax 
Durchgegangen fei, unb wie er ftch im ©inweg gefürchtet 
unb laut gebetet höbe. SHber auf bem SRücfweg, wenn bie 
Hebamme oon $ttenborf ihn begleitet, ^ätte er weber 
Räuber noch ©efpenjter gefürchtet, benn fte höbe immer 
gefagt, „einer alten ^ebamme unb einem erfdt)rocfeneu 
©chneiber§gefeHen thue niemanb ein SeibS an, unb ©o 
fpenfter gebe e§ feine/ 

$lber für biefe ©äuge befam er auch JXxint gelber", 
bie feinen (3chneiber§lohn aufbefferten unb e§ ihm ermög* 
lichten, an Sonntagen einen ober ben anbem ©poppen 
ju trinfen. 

9ln ben ©eewein gewöhnte ftch unfer ©Igthäler 
©dfmetber balb, wie alle (Sterblichen, bie an baS fdt)wa« 
bif cf>e 9Jtccr fommen unb ba bleiben. SBenn bie jraei 
©Igthäler ©chneiber j T $ange auf „ber ©tör" arbeiteten, 
fo ftunb in jenen guten SBeinjeiten ber SBeinfrug ben 
ganjen $ag auf bem $tfch, unb balb oergaft ber ©efeHe 
über bem „<Säwi* ben Gummis oom äafcenmooS unb 
bie ©rbäpfelfupp im ÄofcenmooS. 

Unb wenn ju $au3 ber 9Jleifter „ben ©uten" fyattt, 
fo holte er oon feinen 9Jlüfterlen, unb beibe tranfen unb 
fchroatjten mehr, als fte fchneiberten. 



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— 214 — 

Sftod) in feinem f)ol)en Hilter fonnte her ßubnrig, »ie 
er nadf) feinem Vornamen otelfad) audf) im $>orfe f)iefc, 
ba§ breifac^e 2öemquantum oertrogen, nrie id&, §atte aber 
nie ju oiel, unb bod) blieb er %u allen Reiten ein SBaifen* 
fnabe — im $rtn!en — einem eckten £angouer gegenüber. 

2lber eine Mitarbeit, roeldje er abroecfyfelnb mit bem 
SJteifter unb ber SMfterin t-errtd&ten nutzte, mar tljm 
anfangt ein ©reuel: bie Pflege ber ©aifen. $)er ©d&nei* 
ber *ßfaff ^iclt nämlidf) eine größere 9lnaaf)l oon ©aifen, 
roaS ein ©djneiber nie tljun foUte, weil baS 93olf längft 
gewohnt ift, bie 6c§netber mit einem bekannten ©piti» 
namen als „©aisböefe" ju bejeic^nen. 

©in ©c^neiber nun, ber ©aifen f)dlt, entgeht ftdfjer 
nidfjt bem 2>orffpott. 3" meiner 93aterftabt #a§le roäre 
ju meiner ßnabenjett ein foldjer beS ßebenS tridjt fieser 
geroefen, wenn er ©aifen gehalten Jjättc. ©r märe gu 
£obe gemottet unb geärgert roorben. 

3$ Ijabe aud) all' mein Sebtag feinen ©djnetber 
gefannt, ber ©aifen Ijtelt, als meinen greunb, ben £ub* 
»ig. Unb bod) mar er in feinen @ef eilen jähren ein ab* 
gejagter geinb oon tönen unb ging mit ben ©aifen feines 
SfleifterS, roie fdjon gefagt, Ijödtft ungern um. $>enn ber 
ßubroig mar attgeit ftolj auf feinen ©d&neiberftanb. ©r 
fteUte i§n bei jeber ©elegentyett, ba mir barauf gu fpred^en 
famen, meit über bie mitgünftigen ©dfjufter, auf bie er 
herabfat) rote ein ftunftmaler auf einen 9lnftretcr)cr. 

Garant tfyat e§ iljm in ber (Seele roef), roemt er 
©ange mit bem Sttetfter am 3lbenb r»on ber <5tör Ijeim* 
fcfjrte unb ein roeinfeliger #angouer fie anrief: „@omtt 
3$r Ijuim 1 ), 3ftr jrooa ©aisböd?" Unb immer roteber 
lag er bem Steiftet an, bie ©aifen abjuföaffen unb eine 



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— 215 — 

„efyrlicfje Ruf)* in ben ©taK ju tljun. Ster aber ernriberte 
jeroetlS: „5ünf ®aifen geben fowel al§ eineSftilj, 

treffen aber nur falb fooiel. Unb in Ronftanj, roo bie 
©dmeiber feine ®aifen $aben, roerben fie aud) ©ateböcfe 
gefd)impft." 

23on biefem ©prud) lieg ber Sitte fid) aud) nidjt ab« 
bringen, als bie £angouer Um einmal an einer fjaftnac^t 
mit feinen ©aifen fpielten unb oor feinem $äu3d)en ilmt 
ein ©pottlieb fangen. 

mit ber £eit gewöhnt ftd) ber Sttenfd) an ©pott 
unb ©djanbe, unb fo übermanb aud) ber Subroig utdjt 
blofj bie ©ature auf ©djnetber unb ©aifen, fonbern be* 
tarn fogar eine grojje Vorliebe für biefe $f)iere. Unb 
als er felbft ©djneibermeifter roarb, f)ielt er aud) fünf 
©atfen unb hatte biefe Qafyl nod) ju meiner fyit. (§x war 
aufjerbem im Sauf ber trielen <3a^re ein fo genauer 
Stenner be§ ©aifen*95ie^ geworben, baf$ er für aae £an* 
gouer ©aifen*£alter SBeratfjer unb ^ierarjt rourbe. 2Bar 
irgenbroo eine ©at3 in leiblicher Stfotf), flug§ warb, bei 
$ag unb bei $ftad)t, ber Subroig gefjolt, unb eilenben 
©drittes trippelte er baS £)orf herunter, um p retten 
unb au Reifen. 

SBenn mir gmei nadj feiner gaifen^rjtlic^en ^rar^te 
pfammenfamen, fo erjagte er mit l>ot)er 93efriebigung 
unb nidjt oljne ©tolj auf feine SBiffenfdjaft, mic er raieber 
einer ©ai§ geholfen fjabe. 

,©atfen unb 9Beib§leute/ fagte er oft, „barf man 
nidjt erjürnen; benn beibe Ijaben ein eigenftnnigeS £em* 
perament unb finb fefjr empfmbltd). ©ine erzürnte ©ai3 
frtfct nimmer, unb ein erzürntes 2öeib fdjroäfct nimmer/ 

9Jlet)r benn einmal brachte er mir, ber td) oom 
SBater bie Söorliebe für junge, gebratene ©aifen ererbt 



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— 216 — 

$abe, ein tobte§ ßiegenböcflein in§ $au§. Unter feinem 
langen, braunen 9tocf &og er e§, oor mir angefommen, 
tyeroor unb fpradj: „$err Pfarrer, td& trint* fo manche 
glafdje 2Bein bei Q^nen unb al§ guter greunb mufj 
iä) Qfmen aud) roieber ettoaS au§ meinem ©aifenftall 
bringen/ 

Qdfj tob tljn bann jum ©ffen ein unb gemeinfdjaft* 
lief) oerfpeiften ber 3)orffd)netber unb ber Pfarrer ben 
©aifenbraten. Unb ber £ubnrig rourbe bei bem -3ftal)le 
nrieber jung unb fing an &u erjäfjlen oon feinen Seiftungen 
al§ ©df)üler unb Sefyrer, oon feinen gafjrten in§ $a$en* 
moo§ unb in§ $o$enmoo§, oom alten ©d)neiber *ßfaff 
unb feinen ©aifen; aber auef) oom %ob ber erften, braoen 
•3tteiftertn fpradt) er unb oon ber Dummheit be§ SHüfterk* 
©cf)neiber8, nod) einmal $u heiraten. 

%k jioette grau mar ein „üteibeifen", bie nidjt nur 
bem alten ©cfjneiber Da§ fieben fauer mad&te unb feine 
Sage für^te, fonbem auä) ben ßubtoig unb ba§ ©epperle 
au§ bem ©aufe trieb. 

S)a§ ©epperle ging perft unb mürbe be§ $)orfe§ 
„toeife grau", ©ie mar eine ©retftn unb nodf) in ihrem 
2lmt, al§ ich fte fennen lernte, ©ie fyat meinen ©prach* 
fchat; um ein SBort bereichert, ba§ mir oorher abfolut 
fremb mar. 2Benn fie etroa§ al§ „fehr fchön" bezeichnen 
wollte, nannte fie e§ ^^errenpröd^tig". $a§ SÖöort mar 
ihre eigene (Srfinbung, unb ich fragte fte auch, roie fie, 
auf bem S)orfe geboren unb lebenb, p biefer oon .ben 
„©erren" entlehnten SBejetdfmung getommen fei. S)ie ©r* 
Ilärung ift föftlicf). 

©ie hatte in ihrem fieben nur einen $erm fennen 
gelernt, ben fte aber betounberte al§ ba§ ^öc^fte Qbeal 
oon ©efdjetbthctt unb SttenfchenfreunbUchfeit, unb ba3 



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— 217 — 

mar ber fürftltd) fürftenbergtfd)e ßeibarjt unb §ofratl) 
flapferer, be§ Sepperle'3 Sekret für tyren gutünftigen 
SBeruf. tiefem „prächtigen $errn" $u lieb erfanb fie ba3 
2Bort tyerrenprädjtig. 

(Sic mar gang glücf Ud), al§ id} üjr fagte, icf) fjätte 
ben £ofratf) audj gut gefannt, unb überflog t>om £ob 
il>re§ gbeaö, ba3 sroeifeiloS fclbft für ein foldjeS 
gehalten f}at. 

Öftre beften Sage waren bie £age ber Sauffdjm&ufe, 
wo e§ Berging rote in ben „$otf)ftuben", bie man nur in 
ben Dörfern am babifcfjen SSobenfee fennt unb meiere in 
iljrer 3lrt alle £l)ee* unb ftaffeefränjdjen ber ©tabtroeibet 
roeit überragen. 

Sttefe £od)ftuben werben jroar nur im SBinter ge« 
galten mit Äaffee, ©ugetyopf, 2Bein, $üd)le unb Sdnnfen 
unb befielen in ber Siegel au§ groei ©üjungen am gleiten 
£age. S)te erfte x>on 3—5 Ulpc mit Kaffee unb ©ebäcf. 
Qft fte worüber / fo ge^en bie tarnen fjetm, melten if)re 
ßüfje unb fod&en für -äftann, Shnber unb ©eftnbe ba3 
„3Mt)mel)l*, unb bann geht'S roieber in bie £od)ftube 
gu „©djunfe, 2Bi unb flüdjle" bi§ in bie 9tocf)t hinein. 

©etogen roirb in biefen $od)ftuben gerabe fomel al§ 
bei ben Sftee'S unb Haffee'3 ber ©täbterinnen, nur nicf)t 
fo fein, fonbem berber unb befcfjalb noef) etroa§ ef)r* 
üd&er. 

%tt #odjftube gleid) tft ber $auffcf)mau3. 9hir f)at 
biefer einen Staen, ber genau geigt, roie weit bie §an* 
gouer fdjon tron ber Äultur angefreffen fmb. ®ie nennen 
ilm frtfäroeg „SBaU", obwohl nuf)t getankt wirb. 

©ehalten roirb ber S3a(l einige 2Boc§en naefj bem 
Xauftag, bamit, ganj nadj ©täbterart, bie Butter be3 
Rinbeä i^n web mitmacben fann. 



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— 218 — 

£atte bic alte £ebamme an einem (Sonntag 9tach* 
mittag ihren 93aHtag, fo mar ba§ ein fetter ©onnen* 
ftrat)I in intern Seben. ©tittoergr.ügt tarn fte im höchften 
<Btaat ba§ £)orf herabgef dritten unb nod) oergnügter 
ging jte am 5lbenb fyetm. 

SOBanbelte ich gerabe oor meinem $äu§d)en anf nnb 
ab, fo tonnte fie roofjl noch mir herüber fommen unb 
erjagen, roie ^errenpräc^tig e3 ^eute roieber geroefen 
fei. £atte babei eine ober bic anbere ^erfon auch über 
ben Pfarrer gefchimpft, fo melbete fte e§ ebenfalls. 

%a$ gehört $u ben ©chattenfetten be§ $)orf lebend 
bajj man ftetS aHe§ erfährt, roaS in bem flehten 9Jtenfchen* 
f reife eine§ SDörfchenS gefchroäfct nrirb, unb namentlich 
wirb in gar otelen ©egenben aHe§, roaS über Pfarrer, 
Kirche, Religion, ©otteSbtenft räfonnirt wirb, ob ber 
^Pfarrer totu ooer ntcot, tont gtnteroracgt uno erjagu. — 

Stahetm hatte bie roeife grau unfereS S)örfchen§ nicht 
immer bie beften $age; benn ihr •ättann, ber £ebammer 
Utomualb, fonft ein guter 3Jienfch, tranf gerne über ben 
$)urft. §atte ber Sftomualb oon feinem eigenen (Mb 8U 
Diel getr unten, fo fpectafelte fte mit ihm über aUe Sttafien, 
benn fte mar feljr fparfam. 2Bar er aber bei einem ÜRach* 
bar geroefen, bem er irgenb einen S)ienft ernnefen, unb 
tranf $u otel, fo ertrug fte baS ganj friebüch, benn e3 
foftete nichts , höchftenS bem SHomualb feine ©efunbhett. 
Unb richtig fjab' ich tyn ty* begraben. 

1882 feierte fte ihr fünfzigjähriges ftienftju&itaum 
unter allgemeiner ^heilnahme ber grauenroelt oon $ange. 
Söalb barauf legte fte ftd) &um $obe nieber. tiefer fam 
aber fehr langfam, unb oiele 2Bodt)en unb Sttonate hin» 
burch ho^' i^ fte befugt an ihrem Krankenlager. 

Söei ber Gelegenheit mufcte ich alT ihre Slnerfen» 



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— 219 — 

nttng§*2)tylöme ber oerfdnebenen ©ebarate feit 50 Qafjren 
Icfen unb aud) b«g 8«*gnif5 eines Surften ©alm, beffen 
grau fie entbunben. 

(San fonft berühmter Slrjt, etnft Seibarjt be§ dürften 
von gürftenbetg, unterzeichnete feinen $rufung§befd)eib 
an bie Qtbammt r>en £>auae jum Ucbcrftug uod) mit 
bem 3ufa$: „bittet be§ geringer £öroenorben§*. $>et 
3Jlann fam mir barauffun erfdjrecflidf) f(ein t>or. 

2Benn idfj oon einem Spanne im 19. $af)rlmnbert 
lefe, ba$ er fid) Sftttter tyofyer Drben nennt ober gar bei 
einem ©dfjriftfteUer erfefye, bajj er auf bem Titelblatt ber 
SGBelt nod) melbet, bafj er einen ober ben anbern Drben 
beft§e, fo Ijabe idf) immer üftitleib mit fold) armfeligen 
beuten. 

Sßenn idj gar auf einem ©rabftein lefe, ber barunter 
Siegenbe fei Äotnmanbeut ober bitter biefe§ ober jene§ 
DrbenS gewefen, fo weif* id) ntd&t, ob idf) mef)r ben Tobten 
ober feine 2lngel)örigen bemitleiben foß, bafc felbft auf 
einem ftird$of no<fj mit folgen fingen renommirt wirb. 

Ucter aUe§ lädfjerltci} aber finbe td) e§, wenn man 
bei einem Seid&enbegängnif} bem Tobten feine Drben auf 
einem Äiffen nadjträgt. @8 fommt mir uor, wie wenn 
man einem tobten Äinb feine Nürnberger ©jrielwaaren 
nachtrüge, wa§ ftdjer feinem oernünftigen 3ttenfd)en ein* 
fallen wirb. — 

2ludf) oon tljrer Qugenbjeit erjä^lte mir bie ftranfe, 
toie ttjr SBater, ein armer Sftebmann, 19 ftinber fjabe er* 
näfjren müffen, je^t aber au&er xfyc nur nodfj eines lebe, 
Ü)r 93ruber 9tetnf)arb. 

%ex Nein^arb wat ju meiner geit 9lad)tnmdf)ter 
unb Tobtengräber unb gefcfyetbt nrie mein (Sacriftan, wenn 
aud) nidjt fo grofc angelegt wie ber ßübele. 



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— 220 - 

$a§ 2Bäd>terf>ciu§d)en bcr S^acfjtroä^tcr mar ganj 
in ber §ftäf)e be§ *ßf arrf)aufe§ , unb manchmal f>ab' id) 
mit bem 9teinf)arb an mannen ©ommerabenben geplau« 
bert, wenn er gegen 10 Ufjr feinen Dienft angetreten §at. 

©r raupte gar gut au ersten oon längft vergangenen 
$agen, wie bie Gebleute jur (Sommerzeit jeben borgen 
um V*6 Ufjr in bie 3Jleffe gingen unb bann erft an bie 
Arbeit, roie fie nad) bem SJlittageffen auf bem „4*013* 
bänfle" ruhten, bis bie „SBetterglocfe" 1 U&r läutete unb 
jum ©ebet unb jur Arbeit rief, wie am Slbenb bie Sftcmner 
cor ben Käufern plauberten, nadjbem grauen unb ftinbet 
jur SHu^e gegangen. 

2lud) ba§ raupte er nod), bafj bie alten Gebleute nur 
für bie ßlöfier ©alem unb SBemgarten, benen faft alle 
SHeben gehörten, arbeiteten um bie #älfte be§ ©rtrageS, 
baf} ein fold)er „Sau*, ga 1000 ©ulben tarirt, ba§ einige 
Vermögen bilbete, meld)e§ ein Söater feinen ftinbern hinter* 
lieg, bafc in fd)led)ten Reiten bie ftlöfter ifyren Gebleuten 
ÜJle^l unb 33rob ins #au3 lieferten unb ©elb oorftreeften. 
$)a§ atle§ nannte er bie gute, alte Qtit, in ber bie |>angouer 
fein ©igentljum, aber aud) feine ©Bulben unb feine (sorgen, 
feine Steuern unb feine Abgaben Ratten. 

Originell mar in feinen jungen Qfa^ren bie Sfcftrafung 
eine§ ftnaben, ber einem Söürger „an bie Äirfdjen ge* 
gangen" unb ertappt morben mar. Der Delinquent würbe 
in fcoJ $au3 be§ ^Beraubten gefcfjlcppt unb mußte bort 
cor oerfammelter gamtlie fnieenb fünf 93aterunfer beten. 

Der 9teml)arb jeigte als Sfrtabe mufifalifd)e3 Salent, 
unb ber ©d)uUeI)rer wollte ifjn jum Drganiften auSbilben 
unb gab ifnn ftlauierftunben. Da§ ftlaoier jrimmte aber 
fo fc^tedjt , baß ber 5d)üler burd} brannte, weil er bie 
$öne be§ £acfbrett3 nic^t ertragen fonnte. 



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— 221 — 

flöftlidj f Gilberte er in vertraulichen ©tunben, wie 
er al§ 9tod&tn>äd)ter einmal bte ©emetnbe ju einer JJeuerg» 
Brunft rief, weil er ben rotf)gelben ©cfjein, welcher bem über 
bem „fttppenlwm" fyerauffommenben 93oÜmonb ooranging, 
für eine ^euergbrunft im £)orf „Stppenlmfe" angefefjen fyatte. 

SJttdfjt red^t t)erau£ mit ber ©pradfje wollte er, wenn 
er anbeutete, bafc er al§ *ftadjtwä*d)ter aud& einige 3eit 
mit ©djweijer ©djmugglern im S3unbe mar. ©r fd)tnun* 
jelte nur über bie frönen ftrantentfjaler, bie er babei 
cerbient, unb fpradf) bason, „wie fdjön unb intereffant 
ba£ ©cfjmuggeln fei*. 

Unb in ber Zfyat mag biefeS verbotene ©eroerbe ein 
gut ©tücf <ßoefk enthalten. $jn bunfler ©turmeSnadjt 
ein ©djifflein burdf) bie SBeHen lenfen unb in ben glutfjen 
warten, big ber 9tad)tmädE)ter am Ufer einen ©troljwifö 
anjünbet, jum Qtityn, ba& ber ©renjauffefjer ntdjt um 
ben 2Beg fei — ba§ alles f)at jroeifellog feine $oefte unb 
Ijimmelroett polieren 9tei$ al£ bie ßoUtabetlen unb bie 
bureautratifd)e SBeroadfjung ber ©renken. 

Unb sßoefie Ijatte ber föeinljarb im fieibe mefjr al£ 
alle anberen ©agnauer. ©r mar ber einzige, ber jur 
©ommerSgett am ©onntag mit einer SBlume über bem 
regten Dfjr in bie flirre (am unb midj erinnerte an bie 
gleiche, fd)öne Sitte beim Sanboolt im ^injigtljal, roo 
fie leiber feljr abgenommen f>at, feitbem bie SBauernftnber 
mefjr fultioirt werben unb vox lauter Kultur, wenn fte 
älter geworben ftab, fidf) fd&ämen, mit Blumen fid) ju 
fämüden jum Shrdjgang. ©3 wäre baS ja finbifd) für 
fo gebilbete ßeute wie unfere heutigen Qungbauern! 

Unb nodf) ein anbereS ©tücf ^ßocfic lebte in unferm 
alten 9tocl)twäd)ter. 3n ber !fteujal)rSnadf)t fang er burd)£ 
$>orf Inn: 



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— 222 - 

§ört, 3$r Bürger, unb lafct ®ud& fagen, 
2>ie ©locfe §at nun aioölf gefölagen, 
£)a§ neue 3af>r oor^anben ift. 

bring' (Sud) ©egen, bring' (Sud) ®Iüdf, 
©efunb^eit, grieb' unb grö^icftfett 
Unb einft bie ero'ge ©eligfeit. 

nninföet @ucf) aus §erjen§grunb 
2)er 2öäcr>ter nun au biefer ©tunb\ 

JJür btefen frönen Sang unb SBunfd) unb für feinen 
herben £)ienft ba§ $ahr über holte fich ber Sfteinharb balb 
barauf ben roohloerbienten £runf. $n ben erften Sagen 
iebc§ neuen QahreS, roenn ber ©d)nee im 2)orf lag unb 
baS @i§ am Ufer be§ ©ee§ fn« bie 2Betten brach, nahm 
ber SHeinharb einen $anbfchliiten, legte ein leeres 3 a & 
barauf, fommanbirte feinen 3Jtitnachtroächter, beu 33enebict, 
einen noch altern , toeingrünen SHebmann, ber auch fein 
SMege aU £obtengräber mar, an ba§ ©eil be§ ©drittens 
unb fd^rttt hintenbrein. 93om Unterborf her sogen fte au3 
unb gelten cor jebem £au3 an. 

SBä^renb ber SBenebict brausen ©glitten unb JJajj 
beroachte, ging ber SHeinharb hinein, roünfchte ben Seuten 
nochmals „ein glücffelige§ neues Qahr oon ©etten ber 
•ftadjtroädjter, bie im vergangenen Sahre treulich gemacht 
Ratten, roätjrenb bie anbern gefdjlafen, unb auch im fom* 
menben Qafjr mit gleife unb (Sifer ade nächtlichen ©e* 
fahren forgfam in 2ld)t nehmen mürben*. 

$>ie Bürger maren groar ber 3lnft^t, bafj ber Sfteu* 
jahr§rounfch be§ SReinharb nicht wörtlich ju nehmen fei 
unb bie betben 2Bäcr)ter faft fooiel gef Olafen Ratten al§ 
anbere fieute, aber bod) gab jeber, je nach btx Quantität 
be§ lefctjährigen £erbfte§, eine 9lnjahl uon Aitern 3Bein. 
liefen fchüttete ber SHeinharb inl gafj brausen unb bann 
ging'S weiter. 



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— 223 - 

Stoß fle audf) jum Pfarrer famen, oerfteljt pdf) oon 
felbft, bo ber ebenfalls Sftebenbeftfcer war unb bie Wafy* 
toädjter ju feinen -iftadjbaren gehörten. 

<Bo Ratten bie 2Bäd)ter, am ©nbe be§ £)orfe§ ange* 
fommen, ein uoUcS gafc SBein, ba§ fte in ifjrer 903adj* 
ftube plactrten unb jeben Slbenb baoon tränten, bis bet 
©djlaf fam. 

£rot>bem ber föetnljarb in einem $äuf erwinfei be3 
SKittelborfS wohnte, ber wegen ber böfen jungen, bie 
barin tyerrfdjten, ber ©tftwtnfel luefe, war er frei oon 
jeglichem ©ift, ba§ bort gebraut würbe. 

(5r war ein armer 5Jlann, aber ftetS Reitern ©e* 
mütf)§, befonberS wenn er bei meinem gteunb, bem Sftütler 
in ber £artad)en, bem er bie Sieben baute, hinter bem 
SBein* ober SJtoftfrug fafc. 

©ar oft f>abe ic^ ilm beim „tf 9lüne näf) #1 ) ge* 
troffen, aber aud) bei ber Arbeit am ©rlenbadf), ber bie 
SRü^tc treibt, efye er in ben (See fällt. (Stets mar ber 
^ein^arb guten SftutfjeS, benn ber 9ftüller lieg feinen 
oerburften, weil er felbft nicf)t gern $>urft leibet. 

211S 9*ad)twä$ter würbe ber SKeinfjarb entlaffen, ba 
id& nodfj im $>orfe mar. 3)ie gagnauer faljen föltejslid) 
ein, bafj SBädjter, bie mefyr fd^lafen als wad&en, unnötig 
wären, unb begnügten ftdfj bamit, bafc bie ©renjwädjter, 
welche ofmebteS jegliche Sftacfyt burcf>§ $)orf patrouiUirten, 
Unglücf melben unb oerfyinbem mürben. 

$)er SHeinfyarb begrub bie lobten, bis tym f elber 
einer baS ©rab machte, aber lange erft nad) meinem 2Beg* 
gang, ©ein SBilbmfc beftfce id), gemalt oon s #rofeffor 
Zimmermann, unb felbft bie ©onntagSnelfe hinter bem 
Dfyx fef)lt nit^t babei. 

») Um neun U$r einen fcrunf mit SJrob nehmen. 



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— 224 — 

@etnc ©djmefter aber, bie gebamme, Ijabe i<$ nocf) 
ju ©rab' geleitet, unb beim Heimgang vom JJriebfjof 
meinte meife mein ftübele: „(Bit Ijat melen in§ ßeben 
geholfen, oom %ob fonnte if)r aber niemanb Reifen." — 

Sßtel länget al§ ba$ Sepperle fjtelt ber Subitüg bei 
bei tpüften ©d^neiberin au§ unb jroar au§ einem ganj 
eblen ©runb. ©r fal), nrie ber SJleifter litt unter ben 
folgen feiner Sflijfteiratfj, nrie er älter unb älter rourbe 
au§ ©ram, unb bar um wollte er ilm nid)t oerlaffen, ilm, 
ber ilm felbft einft aufgenommen, obwohl er feine Slrbeit 
^atte für einen ©efeHen. 

2lber er bulbete oiel in biefem ©belmutl). 2öte ein 
©emitterfturm über bie Jlur, fo fu^r bie ©djneiberin tag* 
tägüd) über bie armen ©dmeibet l)er, oon benen feiner 
ben 9Jtutl) ^atte, bem böfen 3Beib entgegenzutreten. 

# ©eftft bie ©aifen gitterten/ er^lte ber £ubnrig, 
,n>enn fie in ben (Stall fam, unb mefjr benn eine Ijat 
ftd) geftrecft, ju £obe geärgert unb geängftigt oon ber 
äRetfterta/ 

grieblicfje £age genoffen bie jroei ©dmetber nur, 
wenn fte auf ber ©tör arbeiteten; ba Ratten fte bod) tag§* 
über föu^e oor bem Sieifen be§ 2Beibe§ unb eine beffere 
Äoft als baljeün. 

9Jlit greuben jogen fie am üDtorgen au§ unb unter 
Sttengften am s JIbenb f)etm. Sin ©onntagen gingen betbe 
frtcMid) ju einem ©poppen unb fugten an SBerftagen, 
wenn fie bafyeim fafcen, £roft in ber ©rtnnerung an bie 
im ©Ijt&al ©erbrachten ©djneibertage. 

3mei ga^rc nod) blieb ber gute Subtoig unter folcfr 
erfdjtoerten Umftänben unb au§ Siebe jum afleifter. $a 
fagte eines 3lbenb§ bie 3Jleifterin jum ©efellen, er fei 
fdjulb, bafj if)r 2Jknn ntdjt folge, an ifnn fjabe btefer 



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— 225 — 

noch einen Qalt, unb er »erführe Um an Sonntagen in§ 
2Birt^^auS. 

S)a§ war bent guten ©efellen, ber nie ein SBäfferlein 
getrübt im Seben unb fammt bem SJleifter ber 9ttetfierin 
nie eine SBMberrebe gegeben, §u otel. 

<£r oerlieg $au§, 9tteifter unb SJkiftertn, fo toehe eS 
ihm tfjat, ben alten 3ttann allein bei ber #oäne laffen ju 
müffen. £)er fagte tlmt, er möge ja im $orf bleiben, 
benn balb mürbe ber ©cfmiber $faff tobt fein, unb bann 
fönne er feine #unbfd)aft übernehmen. 

£>a§ brauste ber 9Hte bem fiubroig nicht groeimal 
ju fagen, benn e§ mar fdjon längft be£ ©efeüen 93c* 
fdjlufe, lieber am SBobenfee, 100 bie [Hebe glüht, fein Seben 
ju üerfdjneibern , aU im ©Ijthal, too bie Sonnenhofen 
frieren. 

9luch hatte er, ben bie Siebe angeftofjen, {ich fchon 
eine ©chneiberin gefugt unb gefunben unb bei biefer 
$erjen3n>ahl feine jroeite 3Jleifterin als abfchrecfenbeä 
93eif»iel gemault unb einem 2Jtäbdjen oon £ange, ba§ 
feine ber ©igenf haften ber alten ©d&neiberin befafc, fein 
fttUeS, fanfteS $erj angeboten. 

Unb in ber XfyA, meine§ greunbe§ grau, bie 95ar* 
bara, bie ich * m £eben noch gefannt, bie ich leiben unb 
fterben fah, mar jtoetfellog ba§ bräofte, ftiUfte unb frteb* 
lichfte 2Beib in $ange. 3)a§ mill jroar an fleh nicht oiel 
fagen, wenn man bie SBeiber üon #ange jum 9ftafjftab 
nimmt, benn bie fmb bei aW ihrer 9lrbeitfamfeit unb 
3*ömimgfeit ein ftrettbare§ ©efchlccht unb wehe bem, ber 
ihrem gorne oerfällt. 5lber bie ©dmeiberin Söarbara 
mar, roenn man bie weiblichen Sugenben auf 8 fchärffte 
mijtf, ba§ SJhtfter einer braoen $rau, meü flc ftiU mar, 

$anlia!o&, 6$nee&aBeiu {Dritte »ei^c 15 



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— 226 — 

wie eine 2ötnternad)t. Unb ftiH fein ift befanntlid) bic 
fdjroerfte Sugenb bc8 2Beibe§. 

2118 ber Subroig ben SJleifter oerlaffen, $og er ju* 
näcfrft in ba3 £au§ feines jufünftigen (2d>roager§, eines 
SHebmanne§, roie er im S8ud) fteljt, unb ber in ber alten 
9flntf)ologte leicht bie SHoUe eine§ ©ilen fjätte fpielen 
fönnen. 3fdj ^ n * n wand) Weiterer SBeinlaune ba§ 
£>orf hinaufgehen fef)en, ben 2Rid)ael SBefcel, oulgo 93lc* 
d)inger, ben Sßater jaljlreidjer, roaeferer ©öfjne unb ben 
9ttann einer braoen Jfrau, bie allein im $>orf mit be3 
£ubn)tg§ Barbara rioaliftren fonnte. 

Unter Kummer fdjnetberte ber gute Subroig für fid), 
weil if)m bie ^onfurren^ mit feinem eblen 9fteifter roe^e 
ttyat. Qod) md)t lange mujjte er ftd) grämen , benn ber 
©djneiber au§ bem $a£enmoo§ ftarb, oon feinem 2Beib 
%\x £obe gefränft, gar balb, unb jefct erft fjatte fein ®e* 
feile rollen Sttutl), ftd^ al§ 3tteifter aufjutljun unb $u ^ci* 
ratfjen. 

$n jener Qz\t madjte er sum erftenmal bie grofce 
gufcreife t)on |>ange nad) ©Ije, 150 Kilometer in jroet 
Sagen. 9Ketn greunb mar ein Säufer erften SRange§, 
unb nod) al§ guter ©iebjiger muffte er oon mir bei 
ttnferen ©pajiergängen oft gemannt werben, langfamer 
gu ge^eu, roeit id) langer $)reifjiger ni^t nadjfam. 

Jfüufäiö Qafyre lang Ijat er fo alle fünf Qafjre um 
bie Qtit uou SJlariä Himmelfahrt (15. $uguft), alfo in 
ber ^nmbStagSlu^e, ben 2Beg oom ^obenfee bi§ an bie 
Quellen ber gemacht, ©ar oft ^at er mir uon biefen 
3al)rten er^lt. 

$urd) ben fiinjgau roanbelte er am ®ee h^unter, 
bur^querte ben $egau, bie 33aar unb ben (Sdjroarjroalb 
bis greiburg, oou roo er fein geliebte^ ®^t^al ^inaufeilte. 



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— 227 — 

DefterS na^m er fein SÖBeib mit, ba3 jtd) ober jwei* 
mal auf ber SReife faft ben £ob holte, weil e3 tym 
möglicf) würbe, bem $)iftanjldufer nadfoufommen. 

2luf ber erften SHeife ^olte er fein oäterlk&eS 93er* 
mögen unb bie $etratl)§papiere. $)retl)unbert ®ulben 
hatte er fid) in feinen ad)t ©efeUen jähren f $ange et« 
fpatt tro£ be3 elenben 2Bod>enlohneg. 

$ie ©Ijacher be3 neunzehnten Qahrhunbertä finb ge» 
borene (Sparer, nnb in meiner ftnabenaett fagten bie von 
©Ije, „wenn bie ©aSlacher froren würben wie bie (ZU 
jacher, fönnten fie bo§ ©elb jutn ftenfter hinauswerfen*. 

Obwohl awifchen £a§le unb ©Ige nur ein mäiig 
hoher unb mäfjig breiter *8ergflo£ liegt , ijt £aMe boch, 
wa3 üflatur unb beren ©oben anbetrifft, ein $arabte3 
gegen ©Ige, wo rauhe Süfte wehen unb bie 9tatur färg* 
lieh ift unb tärglich gibt. $>ie ©Igadjer aber waren gu 
allen Reiten unfere§ Qo^unbertS woljlhabenber als bie 
oon £a§le, wa§ ftch eigentlich von felbft oerfteht, benn 
t)on 9lbam an waren alle 9ftenfcf)en unter parabieftfehen 
SBerhältniffen leichtfmniger al§ ba, wo fie im ©chweifj 
ihres 2lngeftchte§ ihr 93rob gewinnen mufjten. 

3[n früheren ^ahrhunberten aber müffen bii ©jacher 
fehr oermanbt gewefen fein mit benen von #a§le, oieUei^t 
wud)§ bamalS SBein aud> nod) in ©Ije. ©in atteS (Sprich* 
wort ^et^t nihnlicf): 

ftriBurg ifefj a fdjöne ©tabt, 
3' SBalbfirä) pngt ber SBettelfacf, 
S' @t3e ifa) ber Sirifü&el *), 
S' §a3le ifd& ber 2)ecW brii&er. 



*) £ircn bebeutet glet#gütfg fein, alle« geb>n [äffen, tote e8 ge^t. Sin Itrtgcr 
Stetig ift ba^cr ein glet$gUtiger, lei^tflnniger, forgenlofet Patron. 

15* 



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— 228 — - 

liefet alte <5prudf> hat heute für SBalbfirdfj unb 
©Ige feine 93ebeutung mehr. %xt 2Balbfirdf)er ftnb wohl* 
häbige unb bie ©Ijacher rührige, fparfame £eute geworben. 
Sfoir in #o3le gibt eS noch SJlenfchenfinber, bie, wie 
unfereiner, i^rc ©ache auf md}t3 fteUen unb in trbtfchen 
fingen lirig ftnb. — 

9Mcht oiel mehr, als ber ©dhnetbergefelle erfpart, 
hatte ihm fein ©eileroater hwterlaffetu 9ll§ er, fein ©rbe 
&u holen, tyim tarn unb erflärte, ^eirat^en unb $orf* 
fdfmeiber in ©ange werben unb bleiben ju wollen, ba 
hatte er hatte kämpfe ju beftehen, einen mit beut SBruber 
SJUchel, ber jefct ©eilerfönig in (Slje war unb in be3 
SBatetS §ütte amtetc, einen anbern mit bem alten £eln> 
meifter, bem ©dmeiber ©öfjring, unb ben britten mit ben 
(Eljachem im Allgemeinen. 

Söruber 9Htcf)el, ber älter mar als ber Äubmig unb 
weit gewanbert, ber felbft in ©amburg ©chiff Staue ge» 
floaten ^atte, wollte nicht begreifen, roie ber ©chnciber* 
SBruber jum #eirathen fäme. „©dfmeiber, (Seiler unb 
mag beriet f leine ©anbmerfer finb/ meinte weife ber 
9JUchel, „füllten nicht heiraten, ©ie brächten faum ftch 
recht burch, noch weniger SBeib unb ftinb. S)a8 £et* 
ratzen fei nur für bie dauern unb für bie grofjen Herren; 
bie einen pflanzten ihr ©ffen unb Printen, unb bie an» 
beren Ratten ©elb genug, ©r, ber 9ttichel, werbe nie 
heiraten." 

$)em jungen, fcf)üchtemen Subwig war ber ältere, 
fd)neibigere Bichel allzeit eine Autorität gewefen, an 
welcher er mit SHefpeft fjmauffal). $)rum üerfetjte tfm 
beffen 2Btberfprudj gegen fein £eirath§projeft in nicht 
geringe Verlegenheit. 

©r oerthetbigte ftch, feine Barbara unb feine ©teU 



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— 229 — 

lung in gange, fo gut e3 ging, big ber Wlxtyl feinen 
Sefcheib gab: „(Sine Dummheit haft gemalt, aberänbern 
I&fct fich'g nimmer*, unb bem Bräutigam fein ©rbe aug* 
besagte. 

®er 2Reifter ©öhring aber griff ben ehemaligen 
Ihmft jünger an, roeil er auf ein $orf ftfcen unb nicht in 
ber Saterftabt ®Ije ftch nieberlaffen wolle. S)a§ ^ei§e oom 
*Pferb auf ben ©fei fommen, roenn ein geboroer ©Ijacher 
unb Schnetber auf einem S)orfe fld) etablire. 

Qetjt hatte ber £ubroig mehr ©ourage, alg bem SDlichel 
gegenüber, unb gab bem 9fleifter gurücf, „biefer arbeite ja 
auch jahraus unb jahrein bei ben Suren in §)ach, im 
$red)tf)al, im S?at>enmoog unb im ßofcenmoog, fei alfo 
auch ein Sanbfchmber". 

Slber mit biefer Siebe mar er an ben ßefcen gefommen. 
$)er 9llte brummte auf, „gerabe weil er in einem ©töbtle 
fifce, holten bie SBuren ihn auf§ Sanb. Qn Dberminben 
unb im ^rechthal feien auch ©chniber, aber bie befferen 
Suren holten ihn, ben alten ©öhring, eben weil er ein ©tabt* 
fdjniber fei Unb bag tnele gute ©ffen, bag ber Subroig 
in feiner fiehrjeit im ßa^enmoog unb im ßofcenmoog ge* 
habt, oerbanfe er feinem 2Jtetfter alg einem ©tabtfehniber.* 

„SBenn aber er, ber Subnrig, in einem $)orf ftch 
nieberlaffe, merbe ihn niemanb von augroä'rtg holen. Unb 
Snrifchen einem S)orffchniber unb einem ©tabtfdt)niber fei, 
mag ben SKefpett betreffe, ein Unterfd&ieb wie gmifchen 
einem Slmtmann unb einem ^orffchulgen.* 

®o in bie (Snge getrieben, berief fidt) ber sufünftige " 
$)orffchneiber auf eine ©igenfehaft, meldte bie fchroächfte 
ift, bie man gange nachfagen faun. @r betonte beffen 
©igenfehaft alg „Sttarftflecfen". gätte ber ©tabtfehneiber 
gewußt, wag bag für ein SJtarttflecfen mar, hätte er laut 



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— 230 — 

aufgelacht, beim bcr attjäfjtltdje ;gat)rmarft ju ©ange 
mar ein fomifd) 5)ing. 

Gfcnbe Sftooember, wenn ber S^ebel feucht unb mauer* 
bief über bem See lag unb $)orf unb (Strafte überbetfte, 
mürben an ber ßreuaftrajje jroifd^en Dberborf unb Unter* 
borf jmet big brei Shümerftänbe aufgewogen, in benen 
wanbernbe fträmer ,2Buüeroaare" für ben SBinter unb 
anbere S)mge feil gelten, ©in Sebfudjenroetb oon SJlccrS* 
bürg oerforgte bie Shnber mit ©üfjigteiten. ©onftige 
3al)rmarft§*SBeilagen für SBolfSbelufttgung fehlten. Sftur 
einmal oerirrte fidj auf ben ©angouer „•äJta'rt" ein 9llro* 
bat, ber fid) im 6eiltansen unb in ßraftleiftungen pro* 
bujirte unb als einer meiner ©djulfameraben oon $a3le 
entpuppte. 

@8 mar „ber fürig ßäd&ile 4 ', ber ©olm einer lebigen 
Sttutter, bie „baS fürige ftäd)ile" genannt roarb unb 
biefen -Hamen aud) auf t^ren ©ofm, einen rotwangigen 
ftrauSfopf, übertrug. Qn ber Schule mar er bumm unb 
faul gemefen unb fp&ter ein £afner geroorben. 

6eit feinen SefJrlingSjaljren ^atte id) ifm ntdjt me^r 
gefe^en, big er als 3lfrobat in £ange einbog unb am Sage 
nad) bem Qfaljrmartt fid) mir oorjtellte als ber fürig 
Stabile. 

©eroolmt, mit allen ©djulfameraben unb ©aSladjero 
ben Jhngigt^äler S)ialeft ju fpredjen, rebete id) alemannifd) 
mit bem Florian, fo mar fein SBorname. 9lber er gab 
mir bie Siebe im affeftirteften $od)beutfdj jurücf, unb 
als icf) ifm auslaste, meinte er patljettfd): „SEBenn idj 
als ftünftler auftrete, mujj id? ein guteS 3)eutfd) reben, 
unb bef$alb rebe td) ftetS fo, um nie au$ ber Ütotle ju 
fallen.* ©r oerfitynte mtd) burd) biefe ©rflärung mit. 
feinem SlbfaU oon ber ©pradje ber £eimat$. 



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— 231 — 

Df)tte Arbeit als ©afnergefelle, Ijatte er fld) einer 
manbernben Gruppe angefdjloffen, oon bem (Sfjef bie Slfro* 
batie gelernt unb nad) beffen Xob fein SBeib unb bie 
erfte ftünftlerrolle übernommen. <£r führte aud) ein Keines 
^aruffetl mit ftd) unb erjäfylte, baß feine Butter, baS 
fürige $äd)ile, bis if)rem $obe bie Drgel baju gebreift 
Ijabe. 

(seine ©efunb^eit bulbe feine Seiftungen mefjr auf 
„bem fjoljen Seil", barum fönne er ftd) nur nodj in Sanb* 
orten probujiren. <5o fei er nad) £agnau getommen unb 
tyabe erfahren, baß id) im S)orfe fei. (Seine £age feien 
aber gejault, er l)abe nad) Äraftleiftungen ftetS SBlut* 
fpuefen; allein er fterbe bod) als ßünftler, unb baS fei 
immer eJjrenooUer, benn als ©afner auS ber 2Belt ju 
geljen. 

„S)er 5ftenfd) roädjft mit feinen größern fielen", baS 
erfal) tdj aud) am fürigen Äädule, oon bem id) in feiner 
ftnabenjeit aUeS geglaubt tjättc , nur nitfjt, baß er ben 
ftünftlerfpleen bekommen mürbe. 

3$ fab, ifm feitbem nie toieber, nod) fjörte id) oon 
tljm. ©r ift jtoeifelloS auSgelöf d)t nrie ber „SJtärt", an 
bem er auftrat $)te #agnauer ^aben baS ^rioilegium 
Sttarftfleden aufgegeben; am legten $age aber, ba fie 
baoon ©ebraud) matten, fpielte ber fürig ßädn'le oon 
£aSle. — 

SJtit bem s 3Jlar£tflecfen aber %at feinet $eit ber 
Bräutigam fiubwig in ©Ige feinen alten Sfteifter getröftet, 
bamit er iljm baS Sfteberlaffen auf einem $>orf oerjiefj. 

%\t ©Ijadjer alle aber Rotteten beS fämäd)ttgen 
©dmeiberS, baß er am 33obcnfee bleiben wofie, mo ber 
fauerfte 2Bein oon ber 2Belt roadjfe, toäfyrenb in ©Ige 
ieber SD&irtl) guten JDberlänber* fdjenfe. 



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— 232 — 

2lber aucf> ba mußte bct Subroig SRatlj unb fagte 
bcn Seuten, „ber ©eeweut fei ber beftoerleumbete 2öem 
ber 2Belt. <$r gleite einem $rad)en, ber Jeuer fpeie, 
aber tapfer angegriffen, ftd) in eine liebliche Jungfrau 
Derwanble.* 

©o ift e8! 268er ben ©eeroein nicf)t liebt, ber fennt 
tfm nid)t, unb wer tljn augerfyalb be§ fdjroäbtfdjen 5fleere§ 
trinft, bem fdjmecft er in ber Siegel nidjt. $)er ©eeroein 
mufc auf bem *8oben getrunfen werben, ber ifm erzeugt 

1) at, unb in ber £uft, in weiter er aufgeroadjfen ift. 

Sttc erften Sage fcfjmecft er fauer, wie S)radjenblut, 
je länger er aber getrunfen wirb, um fo füger wirb er, 
unb fd)ltefjlid) wie Siebfrauenmtld). 

Unb bann ^at er bie #aupteigenfd)aft, bog er k 
discretion getrunfen werben fann, b. f). fo niel einer mag, 
ofme ju beraufc^en. £)arum fmb bie Gebleute am (See 
bie fröl)lid)ften unb nficf)ternften unb barum glücflidjften 
Xrinfer, fic befommen nid)t leicht $u oiel unb fönnen in§ 
Ungezählte weiter machen. 

©o fommt e3 aud), bafj fte beim Sßein blofj mit ber 
gunge ftreiten unb fyödjft feiten mit ben Rauften. — 

2llfo nad) allen (Seiten Inn ©ieger, oerlieg ber £ub* 
wig mit feinem ©rbe boJ ©Ijt^al, eilte bem (See &u 
unb baute fid) ein eigenes £jäu3d)en am SBad) im 
Dberborf. 

©in £au§ bauen in einem edjten, alten, beutfdjen 

2) orf ift eine ©rofjtfjat, bie billig oon aßen ^angouern 
angeftaunt würbe. 9ftit SHedjt fdjeut ba§ Sanboolf ftd), 
bie Qaty ber Käufer ju oerme^ren, al§ ob e3 almte, e3 
fei ba8 nur eine Sßermefnntng be§ menfd)licf)en ©lenbS. 
Qe meljr unfere ©täbte ftd) auSbefmen, um fo mein; nimmt 
ba£ ©lenb in itjnen ju. 



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233 



2Bo bie meiften Käufer unb Sftenfchen, ba ifl auch 
bog größte (Slenb, unb wo bic roenigfien, bie größte SKuh* 

unb 3 u f r i e ^ cn ^ c ^- 

%xnm wirb in einem S)orfe guter alte* 3Irt feiten 
neu gebaut. Unb manches junge *ßaar muß, ju feinem 
@lücf, warten, bis ein alte« $aar ftirbt unb beffen §auS 
frei wirb. 

Unb als baS £äu§chen fertig war, h"lt ber fiubrotg 
enblich ©odföeit — anno 1838. 2BaS ü)n an biefem 
freubigen £age fdunerate, mar, baß ber Araber SJlidjel 
nid)t }ur ©ochjeit fam unb ihm fchrteb, „er habe ©e* 
fc^eibtcrcS ju tf)un, als einem armen ©dfmeiber, ber beffer 
lebig bliebe, jur ©odfoeit gu gehen*. 

Am $ag nach ber ©odfoeit fefcte fid) ber ©dmeiber« 
meifter auf feinen £ifd) am SJenfter, burch baS man bie 
©ofjlgaffe beS DberborfS ^inunterf ah , unb fdjneiberte, 
roätyrenb fein SBeib &ur SBtnterSjeit ihm ben ©ef eilen 
machte unb &ur ©ommerSjeit bie oon ihr mitgebrachten 
Sieben bearbeitete unb bie ©aifen beforgte. 

$ort, wo er im 3at)re 1838 fich ^ingefe^t, faß er 
noch 1869, als id) nach £ange (am, unb faß bort noch 
bi§ 1889 — unb oon biefem Stifch nahm td) it)n oft sur 
Sommers* unb SBinterSjeit roeg unb mit jum (Spaziergang. 

(Sr mar ber geroiffen^aftefte Sdmeiber ber SBelt, ber 
2l)ommc, beim er ^atte ftetS bei ber Arbeit eine alte 
5£afd>enuf)r neben ftd) liegen, unb auf ihr wählte er bie 
©tunben, meiere er brauste, um ein <ßaar #ofen ju 
machen ober §u fliefen. Jür bie ©tunbe aber beregnete 
tt 18 Pfennig Arbeitslohn. 

9tohm ich tyn oon ber Arbeit fort, fo fd&rieb er erft 
bie &it auf, um ja nicht &u „oerfommen", unb toenn 
ex als mein Seibflitffchneiber feine 2Baare ablieferte, fo 



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— 234 — 

gab er jeroeite genau bie £al)l ber ©tunben an unb 
fteUte banad) feine SRedjnung. 

©in gebier >Jug oon ^ m roar auc § ocr ' et 
ftd> nie beftagte, metl er mir ftet§ nur Riefen unb nie 
etroas> -ifteueS machen burfte. 

„2Ber bei einem Krämer nur <5al& Ijolt unb bei 
einem <5d)neiber nur fliefen lägt/ faßt ba3 SBolf, „ift 
ein fdjledjter ßunbe/ ©leidjrool)! mar icf) bem £ubn>ig 
ein beliebter ftunbe. 

5lber audfj id) ttyat ifjm für biefe§ ©d)n>eigen einen 
©efaUen. So nrie er nie nad) meinen neuen Kleibern unb 
beren ©dmeiber fragte , fo fragte id) tfm nie über feine 
polittfdje föidjtung, obwohl tdf) mufite, bafj er ba nid)t 
in meiner ftunbfdjaft mar. 

Sängft Ratten mir anbere gefagt, ber Submig fei 
rotf), nrie bamalä bie liberalen Riegen, unb längft fjatte 
id) bemetft, nrie er an 2Baf)ltagen ängfilief) unb eilenben 
Sd)ritte§ mit feinem „rotten" SDöa^ljettel am *ßfarrfjau3 
Borbeifdjlicf) bem Sftatl)f)au§ %yx, aber nie fpradf) id) mit 
i^m über *ßolittf, noefj weniger fragte id) nadf) feiner 
Slbftünmung. 

©r mar ein frommer Sflann, ber frömmfte rootyl im 
£>orf, fam alle Sage $ur ßirdfje, beleibigte fein ftinb — 
aber er rodelte rotlj. 2Barum? Antwort: SBeil er ju 
ben Dt eleu, trielen ©dmetberfeelen gehörte , bie nie gegen 
ben ©trorn fdntrimmen, unb &u jenen lonalen Unter* 
tränen, von benen nid^t brei beifammen fein fönnen, 
olme bafc fte §ocf) fdf)reien auf bie Dbrigfeit. $a aber 
in jenen Sagen # bie Stötten* mit 9Rad&t am SHuber roaren, 
uom SJtinifter bt3 Ijerab &um SRad)tn>äd()ter, unb jeber 
„©djitjarje" al§ SReidjSfeinb galt, fo ging mein fjreunb 
ßubroig ftets mit jenen. 



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— 235 — 

Witt ©dpcecfen fatte er gefefjen unb erlebt, baß bic 
©enbarmen ing $)orf fernen ber ©djroaraen wegen, unb 
baß ber Pfarrer emgefperrt roorben mar. 2)arum roanbte 
er ftd) ängftlidj ab oon ben ©c^mar^en, roenn'g an3 
2Bäf)len ging, bamit er in SRufje feinem ©ott bienen unb 
feinen SJHtmenfdjen Äleiber fliefen fönnte. 

$)odj liefen mir ung, nrie fdjon angebeutet, unfere 
poetif djen ©pajiergänge nie trüben burd) politifdje SQBibcr* 
fprüdje. 'g roar' audj fdjab barunt geroefen! 

©rft fpäter Ijörte id), baß eg in ©Ije tyeute nodj fd 
Sttobe fei, baß bie Gönner fleißig in bie $ird)e gefjen, 
aber meifteng „rot!)* wallen. 

$)rum war eben mein ftreunb ßubroig ein echter 
©Ijad^er. 

Qn ber erften 3eit, ba mir fo autogen, rooUte er 
jeroeilg feinen beften Rod anlegen, unb ba§ mar fein 
brauner, langer §odjjeit§rocf oon anno 1838, ber immer 
nod) fd)ön mar. Söenn ade SJlenfdjen fo fparfam unb 
adjtfam mit ben Kleibern umgingen wie ber £l)omme, 
ber nur alle 25 $aljre einen neuen fRod unb neue £ofen 
brauste, fo müßten bie meiften ©djneiber £ungerg 
fterben. 

3Jlit Wlüfy brachte id? tlm baljin, baß er nur einen 
furgen Littel anjog, ein ©töcfletn in bie £anb nalnn unb 
mid> begleitete. Storker tran! er aber nod) fein ©läglein 
2öein aug, bag ftetg neben $m ftunb, wie bie Ufjr neben 
iljm lag. ©einen SBein pflanze er oberhalb feiner $ütte 
unb br unten am ©ee auf bem $unb§rucfen, roo eg jroar 
wenig gibt, aber guten. 

9ln ©onntagen märe mein ©dmeiber um feinen $reig 
mit mir f parieren gegangen. 9todj ber 93egper, bie er 
nie oerfäumte, lag er regelmäßig ein ftapitel aug bem 



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— 236 — 

„Seben unfereS ©errn unb £eilanbe§ ^cfu (grifft unb 
bet atterfeltgften Jungfrau unb ©otteSmutter Maria*, 
bann günbete er eine ©igarre an, bie cinjige in ber 2Bod)e, 
unb trippelte leisten ©djritteS borfab bem 3Birtf)3* 
$au£ au. 

S8on biefer SageSorbnung war er nid&t abzubringen, 
barum mufft' id) an ©onntagen ftet§ allein ge^en. 

QnS 2Btrtf)§l)au$ ging er weniger be3 SrinlenS 
falber, aB um „mit feinen Mitbürgern 9fcb' unb 2Int* 
mort au§taufd)en ju fönnen*. SIber friebltd) mußte e8 
^ergefjen. 2Bo ©trett ober $änbel, wenn aud) nur in 
SBorten, entftuubeu, tranf ber £ubroig fein ©la3 au3 unb 
eilte banon, als ob Morb unb SBranb lo§ mären. 

©einen Mitbürgern ünponirte er aber meniger burd) 
feine ^riebenSliebe, als burd> feine ©djrift, meiere burd) 
feine Sfted)nungen an ben Sag fam. ©o fd)ön mie ber 
©d)neiber Subroig fdjrieb ber ©d)ulmeifter md)t. $)rum, 
unb ba3 mar metteicfyt fein f)ödjfter ©tolj, mahlten ilm 
bie $angouer in ben „$lu§fd)uß\ 3$ fann e3 md)t er* 
$äf)len, mie oft er mir faßte, „e3 ift bod) otel, baß bie 
£agnauer mid), einen fd)tid)ten ©d)neibermeifter unb 
grembltng, breimal mit je fed)§ jähriger SlmtSbauer tu 
ben 2lu§fd)uß gemäht Ijaben." 

9lud), baß ber ©emeinberatl) ilrat $al)re lang baS 
2lmt einer UrfunbSperfon bei ber 3euerfd)au übertrug, 
rechnete er biefem fjod) an, 

©ein 3Bunfd) märe nur gemefen, baß fein fiefjrmeifter 
in ©Ije nod) gelebt unb biefe S)orfe^ren feines £ef)rling3 
erfahren Ijätte. „$enn ber ©bering Ijat'S in ©Ige ju 
nid)t3 berartigem gebracht" • 

2lud) mit ber gelbfjut mürbe er geitmeilig betraut 
unb eilte bann am frühen Morgen unb fpät am Slbenb 



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— 237 — 

tmrd) gelb unb ftlur. Eber angejeigt fjätte et trat be$ 
lieben JJriebenS roillen nie einen ftreoler. <5r badjte: 
„SBettn bie 3>iebe mtd) fetyen, werben fte fdmn gel>en, 
unb bann ift bet Qmd aud) erreicht olme ©träfe unb 
$einbf$aft." 

©o tyatte bet gute ©dmeiber im ganzen $>orf feinen 
fjetnb. 9tor einer mar t&m ntd)t grün, unb ba§ mar 
mein groger ©aertftan, ber dübele. Unb ba§ fam alfo: 

Qn ben $agen ber 2Beinlefe, bie ba8 einzige SBrob 
bringt für§ $atyc, fennen bie #angouer, fo religiös fte 
fonft fmb unb fo gerne flc in bie SHrdje gef)en, feinen 
Sonntag, nod) weniger einen Kirchgang am 2ß er f tag. 
2ttefmer unb Pfarrer ftnb in jener >Jeit an 2Berftagen 
meift allein beim ©otteSbtenft, felbft bie 9fle&fnaben 
fehlen. 

3n biefen Sagen lieg einer bie ftirdje nie im ©tidj, 
unb ba3 mar £ubroig Storno, ber ©djneiber. (5hc allein 
fam unb &roar, um al§ ^e^fnabe gu fungiren, roeil er 
mußte, bafj ber 9tte&ner ba§ nidjt fönne, unb roeil er 
glaubte, ber Pfarrer märe begfjalb in Sßerlegenfjett. 

3a, er l^tte e3 nid)t billig gegeben, in ber Sürdje 
jeitroeife fo funetioniren ju fönnen. 5ll§ ftnabe Ijatte er 
in @lje xriele Qa^re lang $ur 9Keffe gebient unb fonnte 
bie ©ebete nod) fo gut mie bamalS, roeil er fie in feinem 
2Uter nod) £ag für $ag hinten in ber S&rdje für ftd> 
mitbetete. 

©o oft ber ©dmeiber am 2lltar biente, mar mein 
©acriftan unjufrieben unb murmelte oor ftd) Inn, tljeilS 
au3 <£iferfud)t, tljeilS meil ber ©d)neiber, im gleiten 
Sllter mie ber Sttejjner fte^enb, biefem öfters nad) ber 
9Jteffe fagte: „ftonrab, 3)u fönnteft bodj aud) einmal 
miniftriren lernen. ftomm am Slbenb ju mir, id> roill 



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— 238 — 

tS S)td) lehren. $)enn wenn ich im $erbft einmal Iran! 
werbe, fommt ber $err Pfarrer in Verlegenheit/ 

3ebeSmal aber würbe ber ©rofje teufelSwilb über 
biefe gumuthung unb fprad): ,2Beifjt, Submtg, 3He§gebete 
lernen ift für f leine SBuben, aber nicht für unfereinen. 
Unb wenn $u lein ©djneiber wärft, ^ätteft %n baS 
Sftefjbienen auch längft oergeffen.* 

$)er Pfarrer aber lächelte ftitloergnügt biefem 
3wiegefpräch unb lieg beibe jeweils gewähten. — 

$ie Reifen meines SchneiberS inS ©Ijthal alle fünf 
Sahre galten in feinen fpätera fahren weniger ber 
©eimatf) als foldjer, fonbern bem Stuber 9Ri$el, bem 
ber Subwig mit wadjfenber Sewunberung folgte. 9US ich 
mit ihm greunbfdjaft fchlofj, war ber Bichel bereits auf 
bem 3enith feiner brüderlichen ©emunberung angefommen, 
benn „er fonnte jeben Slbenb einige ©igarren raupen, 
hielt ftd) Leitungen unb ^eitfe^riften unb fafi im Söwen 
l 9 ©Ige bei ben ©erren als ber einzige SBürger.* 

$)aS ^e^tere, baS bei ben Herren Sifcen, war bem 
fiubwig baS £>öchfte, unb er ftaunte immer mieber, 
wie weit eS ber 2Jtidjel mit feinem Sebigbleiben ge* 
bracht ^be. 

Sogenannte Herren gibt'S in ©Ige jwar nicht oiele. 
2Bir nennen ben Pfarrer, ben $)octor, ben 9fyotf)efer unb 
ben Sftotar. 2lber befanntlidt) gewinnt ber 2Berth ber 
Herren beim 93olfe, je weniger irgenbwo oortjanben finb, 
unb fo ftunben bem fiubwig bie (jacher $erren hoch, unb 
baher feine SBewunberung, bafc ber Bichel Jeben Slbenb 
mit ihnen fein $ier trinfen burfte. Unb bie feligfte ©r* 
innerung an feine SBaUfahrt jum ©ruber £erren*9fttdt)el 
war bem befcheibenen $)orffd)neiber bie, bajj ber 3Htchel 
ihn mitnahm gu ben fetten im fiöwen ju SBier unb ©igarren. 



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— 239 — 

9lnno 1874 wollte er feine 93arbara triebet einmal 
mitnehmen, bamtt audj fte 9ftidjel§ wadjfenbe #errlid)tett 
fdjaue. ©cfcon war ber Sag ber Slbreife beftimmt $ie 
gute 5rau fal) oott SIngft bie SRatfale ber gufjtour x>ot 
ftdj, bocf) ber $ob naf)tn if>r ben ©Breden über ben 
wetten 2Beg ab unb lieg jie ben fütteren in bie ©miß* 
fett antreten. 

®ie würbe fd&mer franf. $er ßubroig, in taufenb 
©orgen, nad) 36 Qafjren frieblidjen 3ufammenleben3 fein 
Söeib r-erlieren ju muffen, eilte gu mir unb bann im 
<£tlmarfd& nad) 9Jteer§burg jum $octor. 

3$ mar eben in ber Kranfenftube, al3 er Ijetmfam, 
leichenblaß. ®fje er ba§ SJtebictnglaS au§ feinem tfiocf 
gießen tonnte, fiel er ju meinen güfjen olmmädjtig unb 
wie leblos nieber. 

©in ©ufc falten SBafferS, ben td& tym auf bie #er8« 
gegenb fdutttete, fdfmellte ifm wieber jutn Seben empor. 
$Bon ba an l)ielt er mic^ für feinen fiebenSretter, im 
©lauben, ol)ne mein rafdjeS Eingreifen märe er ni^t 
mef)r ermaßt. 

©ein gutes 2Beib ftarb, unb oereinfamt faß er fortan 
auf feinem ©djneibertifdf) , frolj, wenn id) tfm bisweilen 
mitnahm unb von trüben ©ebanfen erlöfte. 

ÄinberloS, fjatte baS ©fjepaar eine 3ftd)te ber grau 
aboptirt. $)er gab ber Submig einen braoen Sttann, ba§ 
£äu§d)en, bie Hieben unb bie ©aifen unb befnelt ftrf) 
bloß fein Kämmerlein twr, feinen ©cfmeibertifd) , feine 
SReben im ©unbSrucfen unb baS 3ttiteffen bei ben jungen 
beuten. 

Slber bie ga^rt $um 9ftiö)el warb r*n 1875 an 
wteber jebeS fünfte 3af)r gemacht unb gab un§ ftetS 
längere geit Stoff auf unfern abenblid&en Säuberungen. 



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— 240 — 

Sflödjfi bcm SfttdjetfrSBefud) galt bem guten Sttann 
als ba§ l)öd)fte irbifdfje fjeft ein Qaljrmarft ju 9Jtartborf, 
aber nic^t wegen ber Dinge, bie anbete Seute oom SSolfe 
gu ben Sa^rmärften ^injie^en. 93on alle bem fa& er 
nid)t§ unb wollte nichts fefjen. ©eine fjreube mar, ba6 
ber Kaufmann ftarle, in beffen $au§ er feit oielen Qa^r* 
geinten gofenfutter, knöpfe unb gäben taufte, il)n an 
Qaljrmärften al§ ftommiS einftedte. 

©djon in aller ^rüfje, lange et>e ber Sag über bem 
©efjrenberg unb bem ©täbte^en 9ftarfborf aufging, eilte 
ber ©djnetber lanbeinmärtS, um ja bei Reiten feines 
SttmteS malten fcu fönnen. 

SJtit SBonne erjäfjlte er mir bann anbern £ag§, roie er 
benßanbleuten „ben^eug* oorgemeffen, jroifc^en fjinein eine 
Sftubelfuppe, SKinbfleifdjj unb äBein unb jum ©djluß einige 
(SHen ©toff &u £ofen pm ©efdjenl befommen fyabe. Unb 
itf) fjörte if)m, obwohl er oom Qafjrmarf t immer ba§ ©leiere 
er^lte, jemeilS gerne weil mi$ fein innerer triebe 
über ein fo ttrinjigeS ©lücf erfreute unb feine ©enüg* 
fantfett mir roof)ttf)at 

60 lebten, fpradjen unb fpajierten mir gmei fünfeeljn 
Qa^re lang mit einanber im ftiUen Dorf am (See unb in 
feiner Umgebung. Unb mir ptten nod) länger fo gelebt, 
wenn nid)t Sllter unb Sfränflidfjfeit midj getrieben gärten, 
ben ©injelbienft be§ Pfarrers aufzugeben unb ber meinen 
jfteroen fo feinblidjen, meinen ©eeluft $u entfliegen. 

Ueber ber ©ütte be§ braoen <5d&neiber§ , Ijod) oben 
fct ben 2Beinbergen, lag mein SHebl)äu3d)en mit feiner 
unoerglei^lid^en 2lu3ft$t auf <See unb Sllpen. 

Dort fafj tdf) nodf) an einem 3lbenb im 3uli 1884, 
furj oor meinem Söeggang, mit bem guten Subroig, unb 
mir fptadjeu 00m Slbfdjieb. ©3 überlam iljn ein $etm* 



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- 241 — 

weh nach ben Sergen be§ SchroararoalbS, in bic ich hinab« 
gießen foflte, ein $eimweh nach ©l^e, feiner SBaterftabt, 
bie nicht fo ferne oon meinem fünftigen SBolmort JJret* 
bürg lag. 

„2Benn ich nicr)t ein armer ©djneiber märe/ meinte 

*8ög' ich auch hinab in bie alte $eimatf) unb ftürbe 
bort. £)er 3ttichel hat mich auch frfjon eingelaben, aber 
id) mag ihm nicht &ur Saft fallen. ®o bleib' id) f $ange, 
xoo id) jefct groeinnbfünfaig Qahre gelebt habe, unb warte 
ba auf ben £ob/ 

9lber ba§ SBerfpredjen gab er mir, fo ©ott ihm Seben 
unb ©efunbfjeit fchenfe, im fommenben Qa^re, roo mieber 
9ftichel3s2BalIfahrt mar, mich ju befugen. 

35er (Sommer 1885 fam unb mit ifmt ÜJlariä Gimmel* 
fahrt. Nichtig traf am Sag juoor ber Subroig ein in 
feinem §od)3eit3rocf oon anno 1838. jga? hatte eine ^eUc 
Jreube, roäfyrenb er etroaä gebrüeft festen. 2Ba3 ifjn 
brüefte, follte id) ju meinem größten ©pafj balb boren. 

<£r mar mit einem $erro oon Söafel hergefahren, 
unb ber t)atte ihm, al§ er hörte, ber 9Jcann im fkben* 
unboierjigjährigen #od)8ett3rocf wolle mid) befugen, ge* 
fagt, man tituliere mich auch „$octor". 

Qefct fuhr ein ©chreef in ben guten Subroig, unb 
et entfdmlbigte fid), bajj er fo oiele ^ahre hinburd) fo 
grob gefehlt unb ju mir ftet* nur Pfarrer unb nie S)octor 
gefagt habe. 

3<h lachte h*tt auf unb fagte ihm, wenn er fonft 
nichts su oerantroorten habe aug feinem geben, fo fönne 
er bereinft unter bie ©ngel be3 Rimmels aufgenommen 
werben. Unb bann gab ich ihm folgenbe§ ©leidfmifj: „<So 
roie manche ©chneiber, bie nichts für #öfe au fdmetbern 
haben, ben $itel $offd)neiber führen, bamit bumme JÖeute 

^anßialob, €$nee baCen. {Dritte iRei$e. 16 



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— 242 — 

meinen, fte Ahmten mefyr al§ geroöfjntic^c ©djneiber, fo 
r-erf Rafften ftdj Geologen, Suriften unb älntlidje Seute 
ben ^octortttel, bamit billige Genfer meinten, biefe %oc* 
toren müßten mefyr als anbete, bie biefen Sitel nidjt 
fügten, ©o Ijätte idj mir aud) in meinen jungen Qafjren 
jenen Sitel geholt." 

„2lber roie mand) ein gewöhnlicher ©djneiber me^r 
fönne, als ein fogenannter $>offd)netber, fo fei e§ aud) 
mit ben $)octoren unter ben getftlidjen unb weltlichen 
©tubirten. ©ie feien gar oft bümmer all bie anbern/ 

Sefct mar mein ©djneiber %w\ rieben unb fein ©e* 
roiffen beruhigt. 

2Bir rebeten oiel oon ben guten, alten, ftitlen $agen 
in §ange. Unb er erjäfylte mir auch, wie er mit meinem 
Nachfolger gar nict)t aufrieben fei, benn ber fyabe einmal 
einem dritten gegenüber geäußert, „er meine, ber ©chneiber 
$homme trinfe gern". 

S)iefe 9leufjerung h&tte ben alten 3flann mit Stecht 
empört, benn e§ lag barin ein Söorrourf, ben alle §angouer 
eher oerbienten, als ber gute Subroig, unb id) oerfprad) 
ihm, bem Pfarrer &u fc^reiben, roie unrecht er meinem 
SJreunb getfjan hätte. 

SBeim 9lbfchteb rourbe ber ©djnetber Prophet. Qx 
flaute in feine gufttnft unb meinte, jejjt fomme er nie 
mehr nad) ©Ije unb ju mir, e§ fei bie£ fein letjter SBcfuct) 
in ber £eimath geroefen. Qn biefem Seben mürben mir 
un§ nimmer fehen. 

Unb fo mar eS. SSier 3a\)xz gingen nod) in bie 
2öelt, im fünften märe er roieber gefommen, aber im 
grüfyjafjr 1889 ftarb er unb mit ihm ber bräoften unb 
geuügfamften SWenf^en einer. 



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243 



©ommer be8 gleiten ^afjreS fud&te tdj einmal 
auf bem 2Beg inS ftmatgtfjal in ©Ije ben 5ftidjel auf 
unb baä SaterfmuS meines greunbeS. 9lber nrie erftaunte 
icf>, ba in bem Keinen, büftern $of ein utalter 3Jlann 
fidf) mir präfentirte als SBruber SJtidjel, ber ©eiler. 

®o müff en bie römifdjen gelbljerren au§gefef>en Ijaben, 
wenn fie nad) melen SfriegStfjaten vom ©taatSleben ft$ 
äurücf sogen unb tljren ftol)l bauten fern ber SBeltftabt! 

9lblernafe, furj gefrorener Vollbart fdfjarfe Qua.*, 
finge klugen machten ben 2ld)tjiger SJlicfyel ju einem im* 
pomrenben 3ttann. Unb als er fprad), Hang feine Stebe 
fo ernft unb feierlicf), wie bie eines römifdjen ©enatorS. 

3Benn id)'S nidjt gemußt nie Ijätte icf) geglaubt, baß 
ber fanfte Submig, mit feinen mafferblauen 2lugen unb 
feiner geiftig unbebeutenben Sfliene, ein leiblicher SBruber 
9JUd)aelS, beS ©emaltigen, fei. 

Qetjt begriff id> bie SebenSroetSfjeit beS SöruberS 
Sttictyel, oon melier ber ©cfyneiber mir fo oft erjäfylt, ben 
SRefpect feines SöruberS Subroig r-or tlnn unb ben Umgang 
ber Herren oon ©Ije mit if)tn. 2Bal)rlid), ber SJlann mar 
ju etroaS 93efferem geboren, als ©eile unb SBagenfdmüere 
ju oertauf en für bie S8ure in unb um ©Ije fjerum ! 

%oä) ber 9JMrf)el mar feinet SebenS baß jufrieben. 
SDBir f prägen vom Subroig, unb beim Hbfdneb äußerte 
er troefen: glaub', idj getye ifmt balb nad)." Unb 
er f)at SBort gehalten; benn als id) ein Qaljr barauf 
abermals burd) @lje gebogen fam, eintrat in baS fleine 
£äuSd}en unb nad) bem 3Jlidt)cl fragte, gab eine alte 
Jungfrau bie SIntroort: „$>er Detter ift geftorben unb 
§at mir 9ltteS oermadtjt. ©ort geb' ifmt bie eroige SVu^e/ 



16* 



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— 244 — 

nafje id^ bem ©clmeibet Subroig ftunb, ebenfo 
frctnb mat mit bet jroeite S)otffdf)neibet von #ange, bet 
Klemens 93ocf. Ott max bet einige im S)otf, bet nie in 
bie $ ircf)e !am / unb befjfyalb tonnte bet Pfarrer mit ilrai 
nid)t roofjl üerfetjren. Qtoax foHte ein gutet §\xtt bie 
©etlorenen ©dfjäflein juetft auffudjen, abet bie übtigen 
£agnauet fagten mit, mit bem „©djntbet SBocf" fei in 
bet 9ttc$tung ntdjtg JU machen. 

Stobei roat biefet <5d)neibet ein !jöflic$et, fteunb* 
liefet SJcann, bet bem Pfarrer nie etroaS in ben 2Bcg 
legte. @t fdmeibette übrigens &u meinet 3eit nut, toenn 
et fein ©elb Ijatte; fonft trieb et, ein finbiget 3ttenfcf), 
bet mit &roei flugen Slugen übet eine fpifeige Sfcafe fyn* 
ausbaute unb ftetS tabelloS tafttt wat, ba3 ©eroetbe 
eines aßeinfommiffät« füt ein jübifdjeS ©tofc&auS in 
(Stuttgart. 

^m ©etbft roat bet ©dptetbet SBocf eine wichtige 
Sßetfon, unb mancher Sftebmann, bet nirfjt oerfaufen 
tonnte, lief tfjm mit guten SBorten nad), bamit et ilrat 
ben 2Bein abnehme füt „$itf# unb ©ompagnie". ©in 
anbetmal roat abet au$ bet atme ®<$neibet toiebet 
ftol), roenn et bem SRebmann ein ^ßaar ^>ofen machen 
butfte. 

3$ ^örte nebenbei fo Diel oon bet SBetgangenljeit 
be8 Klemens, bafj i^ begierig n>at, oon tlmt felbft ein» 
mal ba8 9töl)ete ju etfafjten. $a abet oiele £eute bem 
eigenen *ßfatret nid)t getne beizten unb bet Sdjneibet 
f&od übet^aupt vom ©eisten nichts troffen wollte, lieg 
id) tyn intetoiemen. $)aju abet ^atte id? einen gang oot* 
trefflichen Reporter gut $anb, unb ba£ roat mein greunb 
©ngelbett 3linfet, Stebmatm, ©emeinbetat^ unb (Sectetfit 
beä SDBinjetoeteutS. 



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— 245 — 

2Ber ba fief)t, rote bicfcr flcine, etwas gebfictte 2Rantt 
mit feinen blonben, gelocften ©aaren, feinet fdjarfen 
9Ibleroafe, $u ber bie fteunblidj bltcfenben Slugen nid&t 
red)t paffen, mit feinen jroei ©tieren im |^rü^)a^r ju 
9Icfer ober im $erbft bie ^taubenjüber in bie Worfeln 
f&ljrt, mürbe nid>t glauben, bog in bem ©ngelbert ein fo 
famofer Reporter ftedfe. 

9lber wenn er, frei oon harter £age§arbeit, am 
9lbenb feine $rife Scfmupftabaf unb ein gutes ©Ia§ 
SDßein Ijat, fo ift er allen 53ericf)tevftatteru unb allen 
©ecretären ber Söelt geroadjfen. S)ann fdjreibt er ebenfo 
geroanbt bie SDRittljeilungen einer £angouer ©dnteeballe 
nieber unb preßt biefe nadj jeber 9ttd)tung au3, als et 
einen Söeridjt an baS babifdje ^inansminifterium ©erfaßt 
in ©adjen beS 2ötnjeroeretn£. 

©ar oft an langen Söinterabenben, roenn mein 
üfteroenelenb mir fiefen unb ©djreiben oerbot, f)at ber 
©ngelbert mir oorgelefen ober id) fjabe ifnn bictirt, Ijerj* 
lief) frol), einen fo bienftgefäHigen, treuen unb braudj* 
baren Sttann im $orf $u Ijaben. 

©r alfo t)at mir ben f&od au§gel)olt unb bie 3Iu§* 
beute jeigt, baß biefer ber ©angouer ©djneiber letzter 
nid)t ift, unb baß nur mein £erj midf) oerfüfjrte, ben 
ßubroig an bie erfte ©teile ju fetjen. 

©ofyt eine§ ©d)neiber§ unb einer ©tieferin, warb er 
in #ange geboren, fajt JU gleicher Seit, al§ fein 9Jcit* 
fdjnetber, ber Subnrig, in ©Ije ba$ £icf)t ber SDßelt er* 
bliefte. 

©ein 93ater ©ebaftian SBocf mar ein geftrenger 9ttann, 
bei feine ftinber nac§ alter 9lrt, bie td) in meiner Knaben* 
jeit in manchen Käufern aud) nodf) fafj, nie an feinem, 



1 


f 







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— 246 — 

S)er alte SBocf mar aber aud) ein origineller Wtann, 
ber feinem Slelteften, betn #lemen3, bie (Erinnerung an 
befonbere ©retgniffe gan$ befonberS einzutrichtern pflegte. 

2113 einer meiner SSorgänger, ber Pfarrer ftraft, 
flarb, na^m ber SSater ben fleinen ©ofm pr SBeerbigung 
mit unb mäljrenb ber £eidjnam am portal ber ßirdt)e 
eingefenft rourbe, ^ob ber 9llte ben jungen in bie #öl)e, 
bamit er ben Vorgang felje, bann gab er tf>m nad) alter 
©Ute l ) eine Ohrfeige unb fpradj : „©o, jetjt merf SHr'3, 
bafj ^eute ber Pfarrer Sfraft beerbigt mürbe/ 

S)er ©d)netber*33ater mar in jenen Sagen audi Sßoli» 
jeibiener unb mußte als fold^er bei SBränben bie ©türm* 
glocfe läuten. 9113 e3 nun in ber Sfteujaljrgnadjt oon 
1814 auf 15 im ©täbtd)en 9ftar!borf brannte, na^m ber 
9Hte, nadjbem er ba3 fteueraeidjen gegeben hatte unb bie 
3Jlann3leute jum Söffen aufgebrochen waren, ben mer* 
jährigen Knaben auf bie 2lnl)öt)e hinter bem ®orf, geigte 
ilmt bie tftötfye ber ^euerSbrunft am gimmet unb gab 
ilmt bann abermals eine Ohrfeige mit ben SJBorten: „©o, 
Klemens, beule baran, bafj $)u heute bie erfte geuerS* 
brunjt in Steinern Seben gefehen baft." 

$>te gmei ©reigniffe aber, welche auf fo eigene 3lrt 
eingeprägt morben roaren, blieben haften für3 ganje 
ßeben. 

2113 ©djnetber, Sßolijeibtener unb Gebauer eine3 
SftebgartenS, ber bem ©pital Ueberlingen gehörte, mar e3 
feine f leine Aufgabe, acht fttnber $u ernähren; benn in 
Jenen %at)tm raaren bie ©erbfte gering unb bie ßeute 
im S)orf bc^alb metft arm, fcl)r arm aber mar ber Ruber* 
gefegnete SSater 95ocf. 

») gm SWittelolter würben bie Änaben mitgenommen beim ©e|en von 
SRarffteinen unb su bleioenber Erinnerung boron mit Ohrfeigen wgoUrt. 



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247 



$)agu lag feine grau franf, unb in iljrer ftranfljeit 
mu&te i^r ber Klemens öfters „ßucferbrob" Idolen in 
9fteer§burg, befam aber bafür vom 93ater Prügel, wenn 
ber baljtnter tarn. 

$)ie Splitter ftarb, unb balb barouf tyeiratljete ber 
SSater eine „SBimmlerin" au§ bem 3Bürttembergifcf)en. 

3m §erbft, wenn bie $agnauer in allen blättern 
am (See unb im obem ©djroabenlanb ifyre SBemlefe an* 
gezeigt Ijaben, fommen Sdjaren r-on SKäbdjen au§ bem 
babifc^en £>mterlanb unb au3 bem benachbarten SBürttem* 
berg, um „nrimmeln" ju Reifen unb nebenbei tüchtig 
Trauben effen ju f önnen, bie in if)rer $eimatf) nicr)t gebeifjen. 

9lm Slbenb gießen fie roä^renb ber ^erbftjeit ftngenb 
burd)§ $)orf ober am <5ee f)in, unb fdjon mefjr benn ein 
$angouer Surfte ^at ftcf) in eine SQBimmlerin t-erltebt. 

®o ging'S aud) bem ftnberretdjen, armen ©c^neiber. 
Unb ba jeber 9Jtann, ber fucf)t, ein SBeib finbet, fanb er 
trofc feiner ad)t ftinber unb trotj feiner 5lrmutlj ein foldjeS 
in einer SBtmmlerin. 

„Unter Bonner unb SBIit}" jog er im (Sommer 1820 
mit feiner <5d)n>äbtn jur $ircl)e, fjinterbrein ber ftlemenS 
unb roer t>on ben ßtnbern laufen fonnte. 

$)ie SBtmmlerin gab ein braoeS 9Beib ab, aber bem 
©lenb in be3 ®d)neiber3 $au£ fonnte fte nierjt abhelfen. 
Öftre Vorgängerin l)atte als getiefte ©tief erin für SBoltS* 
tradjten mannen ftreujer and) von au3roärt§ oerbient, 
bie SÖimmlerin fonnte aber felbft im £erbft nichts t>er< 
bienen, benn balb nad) i^rer 33erljeiratlmng oernidjtete 
ein $agelfd)Iag bie ganje Hoffnung be§ QalnreS. 

Qammer unb $lage ging burd)3 ganje $)orf, oorab 
aber burd) bie £ütte be§ armen ©djnetberS unb Sßolijei* 
fcienerS. 



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— 248 — 

%a& I)äu8ltd)e ©lenb brang bcm Klemens fo in§ 
#er&, bafj er, junädjft oljne SBiffen ber ©Item, in bem 
wenige -ätttnuten, oon $ange in einer -äftulbe am 2Balb 
gelegenen 2Betler grenfenbadj ftdj einem dauern als Rufc 
unb ^ferbeljtrten oerbingte gegen einen £olm oon einem 
©ulben, je einem $aar ©djufje unb #ofen unb einem 
$emb. 

©o fom er bem Sßater t>on ber $ifd)labe roeg unb 
blieb $irtenfnabe bis jum 13. SebenSjaljr. Unermüblici) 
|og er in ben SBtefengrünben anrifdjen SBalb unb ©ee 
mit feinem 93ief) Inn unb Ijer unb erwarb ftd) beS Säuern 
©unft 3lber ber SBater Iwlte ilm, bamit er ein ©dfjneiber 
werbe. S)odf) mcf)t gu £anfe follte er bteS 9ttetier lernen, 
fonbem fernab von ber #ehnat§, broben im fdjroäbifcfjen 
©täbtcfyen Söangen im roalbretdfjen 9Wgctu, roo ein 93etter 
beS Gilten baS gleite ©eroerbe betrieb, unb rooln'n ber 
Sßater mit feinem ©oljne aufS ©eratfjerooljl aufbraef). 

9laä) bamaligem .ßunftgefefc, baS unferer ©eroerbe* 
freifjeit gegenüber in Dielen ©tücfen ein nmljreS Vernunft* 
gefe§ mar, burfte ein SJteifter nie mefyr als einen Seljr- 
jungen aufnehmen, roe^alb ber Detter in SOßangen, weil 
er fd)on einen folgen ©tubenten ^atte, ben Klemens pro* 
»ifortfcf) al§ Seljr bub einem ©cfyneiber in bem benadj* 
barten allgäYfdjen £)orfe ©glop übergab, bem ©eburtS* 
ort meines erften ©tubienleljrerS, beS Kaplans ©djele. 

3ttit bem prooiforifcf)en -äfteifter ging'S täglich auf 
bie ©tör ju ben fteltenbäuerlem im raupen 3lHgäu. §ier 
lernte ber fiefjrbube com ©ee fennen, baft £ange am 
SBobenfee unb grenfenbadj am SBalb Sßarabiefe feien, 
nid)t blof? ber Statur, fonbem audj bem ©ffen nadj. 

SDBenn bie armen ©djneiber, oft nad^ meljrftünbigem 
Stftarfd), mübe unb Imngerig in bem ©efjöfte, baS tyrer 



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— 249 — 

wartete, anfamen, gab'S junt grityftücf eine „Saurup* 
®uppe", ein ©emeng' oon (Sauermild), SButtermtld) unb 
9ttel)l, SfltttagS jur (Sommerzeit (Salat mit ßrautroaffcr 
unb ßmiebelrofjr unb im SBinter ftnöpfle au3 fd)roar$em 
SBrobmefjl. 

©inmal arbeiteten bie (Sdjnetber beim Pfarrer von 
(£gloff§, unb ber äußerte 9ttttleib mit bem £ef)rbuben, 
melier oom frönen SBobenfee meß in§ Allgäu oerfcfyicft 
morben märe. ^lugS ftieg je^t ba§ (Sdjneiberletn ba§ 
£etmmel) an, unb fo oft er fortan eine freie (Stunbe 
hatte, lag er unter einem Apfelbaum in be3 SttetfterS 
©arten unb meinte oor £etmmef) fo laut, bafc bie dauern 
im $)orf jufammenliefen. 

$n biefer Sftotl) fam $8erid)t au§ SÖBangen, be§ Detters 
bisheriger Sehrbub fei freigef proben, unb ber ftlemenS 
fönne jefct eintreten. JJreubig eilt ber unter bem ©eleitc 
beS braoen £)orffdmetber§ bem (Stäbtdjen ju, aber ber 
arme $erl tarn vom Stegen in bie Traufe. 

$)ie ehemalige föeidjäftabt SBangen, elegifcf) am ©in* 
gang in bie SBalbberge gelegen, Ijatte oier £f)ore. 93ei 
jmeien, beim Seuttirdjer unb beim ßinbauer $I)or, mar 
ber Detter (Sdjneiber al§ unb ^flaftergelb*©in* 
ne^mer unb al§ 2öäd)ter angeftellt. 

%tx finbige ©cf)neiber machte fidj aber bie (Sad)e 
leicht ©r blieb in feiner 2öof)nung in ber (Stabt, be* 
fetjte ba3 Seutfirdjer Xfyox mit jmei ©efeHen, bie neben 
ber Arbeit ba§ goH* un ^ ?ffaftergelb einnahmen, unb 
ba3 Sinbauer mit einem ©efellen unb bem Detter £el>r* 
buben unb übertrug bem ledern foroofjl bie Erhebung 
ber ©ebühren al§ bie 9tocf)troad)e, meldte im 5Iuf* unb 
.ßufchliejjen be§ 2t)ore§ beftunb, roenn JJuhrroerfe tarnen 
»on Sinbau ^er. 



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260 — 



@o lernte ber 93ube md)t§ unb betam überbiefc nodf> 
tägtid^ Schläge, balb com Steiftet, balb von ben ^ufc* 
leutett. £atte ex einen fjuljrmann paffiren laffen unb 
ber Urat $u wenig grudjtfäcfe angegeben, unb eS ftimmte 
bie Qafyl wdtf wtt ben ©äcfen, bie ber 9flann auf bem 
SJtarft auSgefteUt, fo befom ber ©cfjneibermeifter IRctla* 
mation oon ber ©tabt unb fdjlug bafiir feinen ©in* 
neljmer, ben fieljrbuben. 

2Bar biefer am £l)ore genau unb jeigte eine S)e* 
fraubation ber gutyrleute an, fo fdjlugen iljn biefe mit 
iljren *ßeitfd)en. 3)er ßinbauer unb ber 3Jlemminger 
93ote traftirten ben armen 93uben einmal fo, baß fie ju 
©cfängnijj oerurtljetft mürben. S)er SBeleibtgte fonnte 
aber bie ©träfe fdjenten, was ber gute ftlemenS gerne 
tfjat/ um fpäter als $)anf roieber $iebe ju bekommen. 

3lm roeljeften aber traten bie ©$läge, meiere er 
wegen eines näd)tlidjen SeibenS befam, an bem er un* 
fdjulbig mar unb roegen beffen üjn bie als ftammer* 
jungfer amtirenbe -üflagb be§ 9JteifterS benungirte. 

©egen biefeS ßeiben, ba§ ifjm täglidj ©djläge ein* 
trug, machte er ba§ ©etübbe einer 2Batlfa§rt na$ ©in* 
fiebeln, unb fielje ba, e3 fjörte auf. S)ie£ ©elübbe aber 
warb, roie mir fe^en werben, bie Urfadje feiner fpätern 
©ntfrembung oon $ird)e unb ©otteSbienft. 

©ineS £age§ entzog er fld) au? ben t> er fcfjt ebenen 
9Jiif$anblungen burd) gluckt mit ber 2lbjid)t, nad) SBien 
ju roanbem, roo er eine $8afe fjatte, uon ber er mefjr 
9flenfd)lid)feit erwartete, als x>on bem Detter in SBangen. 
©r fam bis Kempten im bauertfdjen Allgäu. $ier nalrai 
ein menfd^enfreunblid^er ©cfmetber, bei bem beS Knaben 
eigener 93ater einft gearbeitet, ficf) feiner an unb bemog 
ilm, ba er olme ©a>iften nid^t weiter fomme, jur 



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— 251 — 

Umfc^t na$ 2Bangen, wo ber Detter ifm, wie üblid), 












@in3 aber fjatte bct J$lüd)tling burd) feine ftlud)t 
bod) profitirt @r befam einige ©rleidjterung im Sfjor* 
unb SBad^ienfte. ©r mußte am Einbauet £f}or nur 
tagsüber ba3 ^flaftergelb ergeben unb bann am SIbenb 
fpdt bem ßeutfirdjer £Ijor peilen, xoo er mit einem ©e* 
feilen bie SRadjtroadje ju teilen tyatte, roctyrenb ein armer 
2ttamt t>on SBangen ben Sttad&tbienft am Sinbauer Sfjor 
beforgte. 

2Bie natt» unb friebltdt) waren bodj bie 9ftenfdjen 
unb ßeiten nod) oor ftebjig Qafyren, ba ein armer ©djnei* 
berSbub bie %\)oxt einer ehemaligen SftcidjSftabt beroafjrte 
unb ein Sdmeibermeifter £err ber roic^tigften Sljore mar! 

©8 mar ein fcr)r f alter Sinter non 1826 auf 27, 
unb in feinem 9tod)tbienft erfror ber SHemenS feine güjje, 
amtete aber trotjbem roeiter, bi§ im folgenben (5om* 
mer ein neuer Unfall über ifm fam unb il;n erlöfte oon 
feinem Seiben als 3ott* unb 9*ad)tn>ctd)ter ber SKetcp* 
ftabt Sangen im Mgäu, 

$ie ©d)neiber3junft in unb um Sangen Ijielt im 
©ommer 1827 i^ren ^unfttag, bem am Slbenb ein Xanj 
für bie OefeUen fid) anfdjlofj. S)er .ßunfttag mar in ber 
guten, alten fjunftjett ^ w W)9* weltliche ^efttag 
QafjreS für bie betreffenben ^anbroerfer. $)rum wollte 
aud) ber ©efeHe unb 3Jlitna^troä^ter be§ Siemen« nictjt 
fehlen unb übertrug biefem ben gefammten 9lad)tbtenft 
am Seutfird&er $I)or. 

SBeibe aber, ber ©efeUe unb ber fiefjrbub, Ratten ju 
©fyren beS $age£ fd)on einige ©poppen auf tljrer $f)or* 
ftube getarnten, unb ber lefctere fdjlief fo baumfeft in 
ber SRadjt, bafc er ben um 3mtternad)t einfa^renben $ofi* 



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— 252 — 

wagen, bcr x>on Sflemmingen fyettam, nidjt fjörte. $er 
tpoftiüon blies unb fnallte oergebenS. ©nblid) ftieg et 
ab unb jog an bet Slwrfdjetle, bis fle rig, o§ne ben 
fdjlafenben 33ßäcf>tcx ju loecfen. 

Um ben gangen ©tabtgraben mußte nun einet uon 
ben ^ßaff agieren laufen unb am anbetn Xfyox Samt 
fdjlagen. $)er Reiftet ©d>neiber würbe gemecft. ®er 
fam, öffnete bem *ßoftwagen, rüttelte aber bann feinen 
£ef)rbuben auS bem ©d)laf unb fdjlug iljn bet %ct, baß 
fein erbärmlidjeS ©efdjret bie ganje Sftad&barfd&aft beS 
Seutfirdjer £f)oreS wecfte. 

$rot}bem ging ber kleine, blutuntettonnen am ganzen 
£eib, am 9ttorgen f)inab jum ßinbauer $fwr, um feinen 
<SrJ)eber*$)ienft anzutreten. 

%n ©efette, ber tagsüber neben bem 93uben auf 
bem Einbauet 2#ot fctyneibette unb burftig r-om ^unftfeftc 
in ber g?tft$e ^eimgefommen mar, fdn'cfte ben Sefjrling 
alSbalb fort, im £ömen einen ftrug $8ier ju §olen. 

SDet Söroenwirtf) faf) bie ©triemen beS nüßfjanbelten 
Knaben, nafjm iljn auf ein ßimmet^ ließ ifjm 9tafjrung 
teilen unb ben SBunbarjt Ijolen, $>er erklärte ben 3u* 
ftanb für bebentlicr;. Sta SBunbfteber ben armen Klemens 
fcpttelte, ließ er ifnt in feines 9JleifterS 2öof)nung tragen 
unb nalpn ein ^rotofott auf, um ©träfe &u oeranlaffen 
für ben garten ©djneiber. 

Slber meinenb bat ber 9ftißf)anbelte ben Sltjt, bod) 
ben SJteifter nid)t gu r-erf lagen, eS werbe frfjon wieber 
beffer werben. 2)er $)octor, über beS Knaben gutes ®e* 
müty erftaunt, erfüate beffen 2Bunfd). 

•iftad) längerem ftranfenlager roieber gefunb, fdjrieb bet 
Klemens feinem 33ater enblid) von ber *8el)anbluug, bie ber 
Detter tym feit jnm Qafjren angebetyen ließ, ©o ftteng 



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— 253 — 

ber alte ©ebafHan war, fo mar tym beim baS bo$ 
mtl, unb er forberte bie ©ntlaffung feines SBuben aus 
ber Seljre, bie ein wahres SudjtyauS gemefen fei. 

$er SlfanenS tjatte als (Sinnefymer von einzelnen 
guten beuten bisroeilen ein Srinfgelb befommen unb ft$ 
fo in ben jroei ^a^ren adjtjelm ©ulben erfpart, bie in 
einer ©parfaffe, welche ber SReijter oermafjrte, nieber* 
gelegt waren. 2lber nidjt einmal btefe* fauer cerbiente 
©elb gab ifmt ber ro^e ©cfyneiber, fonbern nur einen 
©ulben auf ben 2Beg in bie £etmatt). 

60 fyart raaren manchmal bie 9ttenfdjen nodj vor 
fünfzig unb me!>r $af)ren, namentlich 3Jleifter gegen ßeljr* 
buben. £eute ijt biefe $ärte einer Uebermtlbe gewiesen, 
unb wenn ein 9Jleifter feinem Se^rling eine roofjfoerbientc 
Ohrfeige gibt, läuft ber Stob baoon, unb ber Stteifter 
wirb unter Umftänben no<$ geftraft. SBeffer &u Ijart, als 
|u milb. S)ie attju grojje Humanität unferer £age ift bie 
Duette ber melfadfen SBerro^ung ber heutigen Qugenb. — 

$ür beh ftlemenS aber famen Jefct beffere Sage, 
©ein SebenSftern begann ju fteigen. 

©3 mar ein ©egen§jaf)r am ©ee, baS 9Beinjal)r 1827, 
ba ber junge ©djneiber ^eimle^rte. %tx ©poppen «Bein 
foftete nur einen Staeujer. 3m £erbft „bie Stotte* 
tragen, war ein luftigeres ©efdjäft für ben melgefdjla* 
genen Klemens, als S^urmroftditer fein in SBangen. 
SBtnter fjalf er bem Sßater fdfmeibern. Unb ©dmetberS* 
Arbeit gab eS jefct in Sülle, benn bie ©angouer Ratten 
©elb. 

3m gtityjafc 1828 30g er als ©efette in bie ftrembe, 
tarn aber nur bis StteerSburg, wo er Arbeit fanb unb 
nalmt. @r mar fdjon in ber weiten SBelt gemefen, im 
Slllgäu, unb befftalb ging er nid)t me^r weit 00m ©ee weg. 



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— 254 — 

<£r Ijatte Ijtnlänglid) bie SBaljrfjeit jenes ©prtdjroortS 
erfahren, „bafj, roo bie fteben ben ©ee ntdfjt meljr 
fe^en, ein fd)led)ter 2Bein roädtft, unb bajj e3 bem ©ee* 
fjafen fdtfedjt geljt, roenn er ben ©ee mdjt mel>r ftefjt*. 
£)rum 30g er von SDteerSburg nur jmei ©tunben weit 
roeg in§ ©alemer $f)al, von wo er ben ©ee jeberjeit leicht 
roieber befugen fonnte. (£r arbeitete in bem $)orfe 3Jlim* 
menfjaufen, bis ber ©erbft 1828 tarn unb abermals einen 
Sraubenfegen braute. 

2Bä^renb anberc 9ttenfd)enfinber, bie in ber grembe 
ftnb, an f)ol)en tirdjlidjen geften f)eimgefjen, tommt, roer 
au§ einem Gebort am ©ee flammt unb in ber grembe 
ift, im $erbft, b. i jur SBeinlefe, Ijeim. ®a allein 
gibt'g gute Sage in ben Störfern am ©ee Inn mit „93rote 
unb ©alat". 

Unb jeber Sftebmann fnüpft all feine 2Bünfdje an ben 
©erbft. „SBenn'S einmal einen guten £erbft gibt/ fagt 
er, „bann taufe id> mir ein neues ©eroanb ober mad}' 
eine Steife ober baue ba£ unb jenes in $au3 unb £of." 

©o 50g aud) ber ftebjelmictyrtge ©djneibergefeHe im 
£erbft 1828 roieber l)eim, trug bie Söutte unb ajj unb 
tranf nadj ©erjenSluft. 

@S ift eine l^arte Arbeit, „SButtentö" ju fein in einem 
reiben $jerbft, xoo bie SBimmlerinnen bie iraubenfübel 
jeben 2htgenbltcf 00U haben unb bann rufen: „$8uttem&, 
SButtemä, fummet!" ®er mufc, feine SButte auf bem dürfen 
unb einen ©teefen unter bem 2lrm, tapfer laufen auS ben 
»leben junt SBagen, ber bie großen ^über trägt, bie 
Trauben rafd) äufammenftojjen unb bann roieber aurütf* 
eilen ju ben 2ßtmmlerinnen. 

£>od) gibt'S immer nod) Gelegenheit, mit ben febönen 
SÖßinäerinnen ju fdjeraen. $lm Slbenb aber fefct ftc& ber 



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— 255 — 

$uttem& sunt „SorMmoafter" tn3 Sorfetftübte. $er 
Sorfelmeijier f)at vom erften 3Jloft fchon einen SRiefew» 
frag hinter ben warmen Dfen feiner ©tube gefteßt, bamit er 
„©ufer* werbe. Unb er unb ber Suttemä trinfen bt§ 
tief in bie Stacht hinein, währenb brausen auf ber $>orf* 
{trage bie SBimmlerinnen fmgen. 

©ie fommen fpäter wohl auch in bie Sortelftobe unb 
laffen fleh fügen SJloft crebenaen; benn ©ufer mögen „bie 
2Biber" nicht, weil er „fre^t*. 

SBar ber ©ufer um, fo ging ber #lemen§, ber, wie 
jeber ©agnauer, oon feinen 5lf)nen einen / ,9Jtorb3*$)urft 4 ' 
geerbt tjatte, erft wieber in bie grembe, aber ftet§ in bie 
9töf>e. diesmal „in ©äffe" aum ©dmeibermeifler £agen, 
ber aur ©ommerSaeit, wo ber fa)wäbifche ftönig in bem 
ehemaligen, herrlich am ©ee gelegenen *ßriorate ber Sftöndje 
von 3Beingarten $of ^ielt, £offchneiber mar. 

Unb al§ 1829 ber rufftfdje ftaifer aum Sefuch beS 
ßönig§ bahtn tarn, fdmeiberte ber &lemen§ otele SBoc^en 
auüor im obigen Äloftcr*<5ct)log , nähte Sücher unb %vp* 
pid^e aufammen unb brapirte ©äle unb #orribor§. 

3)er lebensfrohe ©efette be§ £offchnetber§ im ©äffe 
hat bamafö ftdjer nicht gebaut, ba§ er in feinen alten 
Sagen „im #of" $ £ange, b. i. im Slrmenhaufe, wohnen 
unb fchneibem müffe. 

©8 famen aunädjft immer noch golbene Sage. Qfm 
Qah^ e 1831 mürbe er wegen feiner fchmächtigen ©chnei* 
berSgeftalt com 9Jlilitär frei, unb im folgenben Qahre 
fchon t)eiratl)ete bie fiUm geworbene ©chneiberfeele eine 
breifcigjährige — 9lmtmann3tochter. 

2Benn ba§ nicht ©lücf h^igt für einen ©chneiber, fo 
gab'3 nie ein ©chneiberSglücf auf biefer (£rbe! 

Unb wie fam bie§ ©lücf? 



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— 256 — 

grci geworben uom ©olbatwerben, arbeitete er toteber 
beim SBater in $ange unb befam oicle Stunbfchaft, »eil 
er beim $offchneiber tonbtttonirt hatte unb baoon allerlei 
ju erjagen ober richtiger aufjufchneiben raupte. 

3Bie manch junger 9lrjt bei ^Beginn feiner ^ßrajiS 
ftch antünbigt als ehemaligen Ülffiftenjarjt irgenb eines 
befannten *ßrofefforS, um fo ©lauben an feine ^ö^ere 9Jle* 
bicin au erregen, fo protlamirte fid) ber Siemen« als bis* 
herigen „©ehilfen beS föniglid^en ©offc^neibcr^^ in 
griebrichShafen. 

Unb wenn er in SBirflid)! eit auch nur im bortigen 
©chlojj Teppiche jufammengenäl)t fjatte, fo mar er bodt) 
für ben £of tfjätig geroefen, was feinen Sftuf als ©chnei* 
ber in jenen Sagen, roo ein äönig nodt) weit mehr galt 
als heute, nicht unroefentlict) erhöhte. 

tiefer Üiuf mar auch ittf Sftadjbarborf Qmmenftaab 
gebrungen, ins letjte babifche S)orf am Dberfee. 

%xt 3mmenftaaber unterf Reiben fleh nicht gerabe oiel 
oon ihren Nachbarn, ben $agnauern. SBeibe jtnb burch* 
meg SRebleute, lieben ben fdjlechteften SBein mehr als baS 
befte SBaffer, obmohl bie herrüchfte gBafferftöge gu ihren 
güfjen liegt, beibe finb fultioirter als anbere Sanbleute, 
beibe befUjen im SBtnter Stebhabertheaier unb beibe tragen 
ben <&h(ttatter „SJcarftflecfen". 

groiefpalt f)ertftf)t jroifdjen ben Mannsleuten nur 
barin, baß fte in beiben Dörfern behaupten, ber SOBein 
roachfe beffer als beim Machbar. %k „SBtberoölfer" aber, 
roie ber Äinjigthäler Sauer fagt, ftreiten jich barum, wo 
bie ^offärtigften feien. £)te Qmmenftaaberinnen fagen 
in #agnau, bie §agnauerinnen in .S^enftaab. 

©in unparteiifcher ^Richter tönnte in ^öejug auf ben 
Iefctern ©treit ein gerechtes Urtheil fällen, wenn er, maS 



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- 257 — 

ftdjer fonft übel genommen würbe, in biefem fjattc ent* 
. fdjiebe, ba| von ben ftreitenben Parteien jebe retf)t fjabe. 

groei ftinge aber haben bie Qmmenftaaber jtoeifelloS 
oor ben §ag,nauern oorau§, einmal, baj$ if)r S)orf nodj 
fdjöner am See gelegen ift, al5 ßange. ($§ liegt göttlich 
fdjön oor ber ganzen, breiten 9flajeftät be§ fd)ioäbifd)en 
SJieereö. Unb bann ^aben bie Qmmenftaaber bie C^ve, 
bafj nad) ifmen manchmal ba§ Sßetter benannt wirb. 

«Sebermann am ©ee unb hinter bem ©ee fennt ba§ 
„Qmmenftaaber SBetter". ©te oerbanfen biefen letztem 
SSorjug einem ihrer frühem *ßfarrherren, ber ntd)t gerne 
mit ber glurprojeffion ging, roenn bie ©onne fchten, unb 
barum auf ber Langel jeioeilS oerf ünbigte , bafj an bem 
unb bem Sage sßrojeffton fei, wenn „bie ©onne nicr)t 
f Cheine unb e§ nicht regne", ©eitbem Reifet man am ©ee 
trübet, regenlofe§ Detter Qmmenftaaber SBettet. 

Unb noch etroa§ §at Qftunenftaab oor Hagnau oor* 
au3. ©3 bejitjt fentimentale 9ttenfd)en, eine ©orte, bie 
man in $ange nicht fennt. ©ieroon nur ein SBeiftnel. 

%a toofmte oor jmanjig Qahren unterhalb be§ $)orfe§ 
am Süpoenhorn faft unmittelbar am ©ee in einfamer 
£>ütte ein ^jun^tüt mit feiner SJlutter. ©eine 3lecfcr 
oor ber $ütte roaren bem ©cf)ilfboben be§ ©ee§ abge* 
rungen, unb hinter berfelben pflanzte er einen SDßein* 
berg. 

©r war ein ftifler, befdjeibener 9Jlenfch, mit bem t$ 
mich gerne unterhielt, fo oft mich mein einfamer 3öeg am 
Ufer be§ ©ee§ l)in an feiner nmnberbar fchön gelegenen 
^ütte oorbeifüfjrte. 

$lad) $ahr unb Sag unferer *8efanntfchaft fah ich 
ihn an einem ©onntag gegen 3lbenb auf bem Kirchhof 
oon £ange fielen, mutterfeeleuatlein. 

^onSialob, e^uee&aßcn. dritte 5tel$e. 17 



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— 258 — 

2ttid) wunberte, wa§ tf)n baln'n führte, unb icf> trat 
&u ifmt hinein, gögernb unb f djüd&tern erjagte er mir, , 
baß er auf ein SJtäbdjen meines $orfe§ warte, um tym 
einen £eiratl)3antrag ju machen. 

9113 i$ ftaunte, warum er ba§ auf bem ^irdt)l)of 
tlmn motte, ber bodO fictjer fein Ort fei für beriet $)inge, 
antwortete er: „®eit r-ielen Söodjen t>erfudf)e td>, ba§ 
Sttäbd&en an (Sonntagen außerhalb feines £aufe§ unb be§ 
3)orfeS ju treffen , weil idj mir nidjt getraue, roeber in 
i^r featö ju geljen, nod) im £)orf oor ben Seuten mit 
i^r ju reben." 

„Sftun fjabe tdjj erfahren, bafj fte jeben (Sonntag Waty 
mittag auf ben ©otteSacfer gelje, um auf bem ©rab i^rer 
©Item &u beten, ©eit gmei Sonntagen ftefje tdf) nun f)ier, 
aber fte fommt nid&t. Sößenn fte nun I>eute wieber ntdjt 
fommt, fo will id) tfjr einen SBrief fcljicfen, ben tc$ fdwn 
bei mir fyabe, unb if)r fo meinen Eintrag mitteilen." 

%a§ alles trug er fo naio unb fo rüfjrenb t>or, ba§ 
ber #eiratl)3fanbibat auf bem ftircljlwf micf> ganj für ftd) 
gewann, um fo mel)r, als tdj tyn in feinem fjlcig unb 
feiner Sieberfeit längft am ßippenfjorn fennen gelernt 
fyatte unb baS Sttäbdjen eines ber bräoften im ganzen 
2>orf mar. 

$)a er merfte, baß idf) ifmt nid)t jürae, fo wagte er 
tfjränenben 9lugeS bie Sitte, tdf) möchte tf)m boef) ben 
SBrief beforgen unb ein gutes SBort für tlm einlegen. 

3$ faßte ju, nafjm feinen 93rief unb oerfprad) if)m, 
fo wenig baS fonft für einen Pfarrer ftc^ gejiemt, meine 
Vermittlung. 

$>aljeim angefommen, las id& ben Srief, ben er mir 
mit offenem ßouuert gab unb mit ber Sitte, Um ju lefen, 
„ba fidjer nidjtS Unrechtes barin ftünbe". 



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— 259 — 

2113 td) bie Seiten gelefen, befam ber gute ßerl erft 
re$t meine oollfte ©umpatlne. ©r fd&rteb ungefähr: „3$ 
fann in Smmenftaab fein 9fläbd)en befommen, ba ictj 
roeit vom $)orf roeg n>of)ne, jiemlicf) ©Bulben unb ein 
alte§ $au§ fjabe. Qdj fjabe nun gehört, bafj Qfor eine 
red)tfd)affene Jungfrau unb nid)t l)offärtig feib, aud) 
etroaS ©elb befttjt, barum bitte idj ©ud), mid) ju §et* 
ratljen. Qdj bin fleißig unb brat), unb roenn mir einig 
fmb unb gufammen arbeiten, werben wir unfer gort* 
fommen tyaben." 

93on Siebe unb £iebe§erflärung ftunb in bem ©riefe 
feine ©Übe. fturj, roaljr unb offen berietet ber SBraoe 
feine gauje Soge, otyne bie trielfad) fo ©erlogenen trafen, 
wie ©ebilbete fte loSlaffen, wenn fte um eine „$)ame" 
anhalten. 

S)a8 gefiel mir über alle Sttafjen. 9lm anbem borgen 
gletd) lieg id) ba§ -jUtäbdjen rufen, gab tl)r ben ©rief unb 
fprad) tyr mit berebten Söorten ju, ben guten 9ftenfd)en 
am Äippenfjorn glüeflid) p machen. 

Umfonft! $)ie fromme Jungfrau mar feft entfd)loffen, 
nie gu fjetratljen; ein SBerfpredjen, ba§ fie oor ©ott fdunt 
längft gegeben ^abe. 

3$ burfte nun nidjt länger in fie bringen unb 
entlief* fte, bie Ijeute nodj, alt geroorben, lebig ift. Slber 
ein§ mufcte fte mir oerfpredjen, bem armen ©rautfafjrer 
f elber abjuf ^reiben. 

3$ Ijatte tym groar oerfprod)en, bie 3ufage f e ^ft 
an§ $ippent)orn ju bringen, ba td) am ©rf olg nid)t jtoeif elte. 
Slber fo mit meinem Eintrag burdjgef allen, unb bei ber 
©gmpatln'e für ben ^anbibaten f)ätte e§ mir Sit wef)e ge* 
tfyan, ifmt feine Hoffnung jerreifjen ju müffen. 

fortan bin td) aber nie me^r am ^tppenfjorn oor* 

17* 



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— 260 — 

über gegangen unb f)abe if)n aud) nie mel>r gefef)en, ttofy 
bem td) nod) Qa^rc lang am ©ee mar. ©eljört aber fjab' 
td), baf$ er eine $rau gefunben, aber feine, bie ifrai ©elb 
gebracht, um bie tjärteften ©djulben von ber rounberbaren 
^iitte am $iopenf)om &u oertreiben. — 

3$ Ijatte für bie Smmenftaab« jtet§ eine getoiffe 
aSorliebe unb bin gar oiele 2Jlale als „SBafferboctor" oon 
ilmen gerufen roorben unb in oiele iljrer Käufer mit ber 
2Bafferfur gefommen. $ja, toäf)renb mein ftreunb, ber 
©dmeiber ßuburig, mir nur fltcfen burfte, madjte ein 
Qmmenftaaber ©dmeiber mir bie neuen SRöcfe. 

$>iefe Vorliebe mag baljer gefommen fein, bafj bie 
Qmmenftaaber unb bie gaSladjer einft berfelben ©etrfdjaf t 
unterftanben unb fürftenbergifd) maren. ©o lange Slrme 
Ratten bie ©rafen unb dürften oon gürftenberg, bafj 
iljre s -8eftfcungen reiften oon £a§le, tief unten im ©djtoarj* 
toalb, btö herauf an ben obem SBobenfee. 

©in fürftenbergifdjer 5lmtmann waltete l)ier nod) in 
ben jtoanjiger ^afjren — ber jufünftige ©d)ioiegeroater 
be§ ©dmetberä $ocf. 

$er lefcte „fürftlid) fürftenbergifdje Sftatl) unb 2lmt* 
mann Kail" mar beim Sifdjen im na^en Sipbad) er* 
trunfen, unb feine SBittrae, bie $od)ter be3 93erroalter§ 
auf bem in ber 9ßät)e gelegenen ©d)loffe §erfd)berg, lebte 
in Qmmenftaab mit jioei $öd)tem. S)ie eine mar oer* 
lobt mit einem ©djtoeiger au§ ©t. ©aßen, ©ie beftimmte 
i^ren Bräutigam, feine |>odföett§fleiber oon bem „jungen 
58ocf" oon £ange machen p laffen, ber beim £offdmetber 
in griebrid)3l)afen ftubirt Ijabe. $)er Klemens fam fo 
nad) $mmenftaab ins #au§ ber 2lmtmännin unb madjte 
Iner bie £od^ett§fletber. 

2lber elje biefelbcn fertig toaren, §atte ber fdjmale 



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— 261 — 

©chneiber ba§ ©crg bcr noch lebigen 2Imtmann§tochter et» 
obert, unb noch beoor bic Stauung ber einen Softer in 
©t. ©aflen ftattgefunben, ^atte ftd) bie anbere mit bem 
21 jährigen ©chneiber oerlobt, ber aufjer Sftabel, fernerem 
SBügcIcifcn unb ©chneibermafj an irbtfeher $abe nichts 
fein eigen nannte. 

©ie mar jroar nicht wenige ©ommer älter als ber 
©chneiber, aber wenn bie Siebe junger hat, frifct flc auch 
©chneiber, unb bie SlmtmannStochter fdjämte ftch ifjteS 
SBräutigamS fo wenig, baß fle ihn beftimmte, in Qmmen* 
ftaab ftch bürgerlich ju machen unb fein §anbtoert bafelbft 
ju treiben. 

3m ©pätherbft 1832 rourbe geheiratet $)ie junge 
©djneiberm rourbe ^nbuftrtelehrerin im ®orf unb, ba 
fein SKuhm touch§ mit feiner f)ö!jem Söerheirathung, ^atte 
ber blutjunge SJteifter balb Arbeit nicht nur für ftch, fon* 
bem auc^ für oier ©efellen. 

©ein armer ©dmeiberSoater ftaunte über baS ©lücf 
feinet ©ohneS unb legte ftd), ftolg auf bie ©egemoart unb 
gufunft feines ©ohneS, jum ©terben nieber. 

©erne ^ötte nun ber Klemens feine Jirma nach 
#ange oerlegt inS SSaterhauS, aber eine feiner ©djroeftern, 
bie ben fttoliener unb üöcetjger ©aporano geheiratet t^atte^ 
war ihm auoorgefommen. 

®ie breiiger Qarjre unb namentlich ber SBein oon 
atrao 1834 machte bie Gebleute am ©ee üppig, fo ba§ 
bie ^mmenftaaber unb bie ©agnauer ftch eine ©pielerei 
gönnten, welche bamalS in öden ©täbten unb ©täbtehen 
beS SanbeS graffirte unb oiel unnötiges ©elb fofiete — 
nämlich baS SBürgermilitär. 

S)er ©chneiber Klemens machte fämmtliche Uniformen, 
ba er ber berühtntefte ©chneiber ber jroei Dörfer war, 



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— 262 — 

trotjbem mein fpäterer gteimb ßubwig in ienen fahren 
fd)on längft in £ange bie üftabel führte. 

(Sin berühmter ©chneiber unb SBeftfcer einer 2lmt* 
mannStochter wirb aber leicht felber üppig, ©dmeiber 
haben überhaupt Anlagen jum Seichtfmn, weil fte leiste 
Arbeit oerrichten, mefchalb e§ im SBerhältnifj Diel mehr 
leichtftnnige ©chneiber al§ ©robfehmiebe gibt 

Qn 3mmenftaab würbe e§ bem einfügen ^orrodd^ter 
gu wohl, er feinte ftch nach ©ange, wo er mehr ^reunbe 
unb ftameraben hatte, bie mit ihm luftig waren. 3>rum 
taufte er bem ©chwager (£aporano in ben oierjiger fahren 
©auS unb ©üter ab, würbe ©dmeiber unb SHebmann ju 
#ange unb »erbrachte, wie er felber fagt, bie £age „in 
groger ßuftbarfett". 

©r, ber £ömenwtrth, „ber gran^oS", ben wir im 
folgenben Kapitel fennen lernen, unb ber ftüfer ^Saul 
waren täglich betfammen bei biefer Suftbarfeit. 

SBenn ein gewöhnlicher iRebmann am ©ee fd)on wa3 
leiften fann beim ©eewein unb, bie ©Ifäffer aufgenommen, 
ade anbem Gebleute ber SQSelt in biefer £eiftung$fäfng* 
feit übertrifft, fo war ein $üfer ber guten alten Söeiiw 
&eit am SBobenfee ein wahres gafc oon ©eibelberg. S)er 
$aul aber, bem ich fterben half unb ben ich fäon einmal 
erwähnt habe, war jweifelloS ber lefcte Äüfer alter 2lrt 
3m ©efchäfte tüchtig über ade SJtafcen, ein fteHermeiftex 
erften SHangeS, tonnte er aber auch $ag unb 9tod)t trtnfen. 
«3hm sunächft jeboch ftunb im Xrinfen ber fchmale, fpifctge 
©chneiber, fein Jfreunb unb Shimpan. 

©ie fchliefen bei feierlichen (Gelegenheiten auf beS 
ßöwenwirth§ Dfenbanf, um am 3Jlorgen früh 8^$ 
wieber im 2Btrth8hau8 ju fein unb feine «ßett ju oer* 
lieren. Unb boch galt feiner oon ihnen im S)orf als 



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— 263 — 

ßump, unb id) fal} all' bie oielen galjre, bie id) in #ange 
©erlebte, ben ©dmeiber Klemens nie betauftt 

$a3 Srinfen jener Sage roar mefjr eine Kraftprobe 
na<$ alter 9iitterart 

2Ba§ ben ©dmeiber in ben „§of*, b. i. in§ 5lrmen* 
t)au§ unb um fein £>äu§d)en unb um feine [Reben brachte, 
ba§ roar nidt)t ba§ Srutfen, fonbern feine Siebe jum 
„bagerifcf)en Sotto", roeldjeä, in 93aben oerboten, leidet oon 
fiinbau au§ feinen 2Bcg fanb naef) $ange. 

©3 ift immer gefäljrltd), wenn ein ©djneiber eine 
9lmtmann3tocf)ter fjeiratfyet, ba er leicht ©röjjenroaf)n be* 
fommt unb bie Sdjneiberet oeratfjtet. 

@o lieg ber Klemens feine ©efellen arbeiten unb 
fudjte auf bem 2Beg be§ ßotto ein reifer Sftann ju 
werben, geben ©ulben, ben ber Söroenroirtb, nidjt befam, 
befam ba§ bauertfdje Sotto. (Sr oerfüf)rte aud) feine 
greunbe, mürbe au<$ einmal als „<£otlecteur* eingefperrt 
unb ftunb galjre lang wegen fiottofpielerei unter poliaei* 
lidjer SfoffW&t 

3)a£ aHe§ furirte tlm aber nid)t oom (spiel. $ag 
unb 9tod)t ftubirte er bem Sotto nadj, ob er nicf)t bie 
^erauSf ommenben dummem &um 93orau3 beftimmen f önnte. 
3)a§ mar fein ©tubhtrn fdjon 1846 unb mar e3 fünfjig 
Qafyce fpäter nod). 

Um (Mb jutn ©piel ju befommen, oerlegte er ftd) 
aud) auf ©djafcgräberet im SBunbe mit feinem JJreunbe, 
bem JJranjoS, ber mir bie ©adje fpäter felbft einmal er* 
jaulte, fpottenb über feine bamalige $>ummfjeit. 

SBeim Klemens mar eines $age§ ein ©c^neibergefefle 
eingetreten, ber mit „allen $unben geljetjt mar"'. (§x befafj 
$er.enbfid)er, oerftanb bie SOBafjrfagerei unb ba§ harten* 
fdjlagen unb trieb alle $ejenfünfte. (£r erjagte aud}, rote 



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— 264 — 

et im ©lfa& bei einem 9Jtetftcr gearbeitet %aU, ber burch 
Schafcgraben enorm retcr) geworben fei. tiefer SJleifter 
habe nämlich eine 9ttiftel im 3tmmer*2Binfel oberhalb 
feiner „$8utif" aufbewahrt, unb biefe habe ihm angezeigt, 
wo ber ©cfyat} liege. 

Sfteifter #lemen§, bem fein ©efelle bie§ juerft be* 
rietet ^atte, gog mm ben granjoS in bie ©ache, wnb 
e§ würbe im ©eheimen mel gefprodjen über bie Sttiftel 
unb ba§ ©eingraben. 

$)em 6tra|enmart oon Qmmenftaab rourbe Auftrag 
gegeben, eine Sftiftel auSfmbig )u machen. ©ine§ £age§ 
melbet biefer eine folche auf einem Saume beim Sdjlofj 
§erfcf)berg. $>er ©efelle legt bie harten unb erfährt 
fo, bafc unter bem 33aum ber ©chafc oergraben fei. 

9^acht§ elf U^r wirb aufgebrochen, ber ©chneiber- 
gefeUe, fein 3Jleifter unb ber 3*an$o3, welcher allerlei 
©efchtrr gum ©raben trug. 

Um 3Jlitternacht fängt ber ^ranjoS an gu graben, 
bie anberen gmei wachen, unb ber ©efelle befiehlt bem 
©räber abfoluteS ©tiUfchweigen. ©in unb einen halben 
gaifj tief fott ber (Sct)a§ liegen. 3ll§ ber ftrangoS im 
©chweifje feine§ 2lngeftchte§ fo weit gefommcn war, fpringt 
ber ©efelle, ber e§ ahnt, feine harten hätten gelogen, auf 
ben (Schatzgräber gu unb fragt ihn: „£>aft $u nicht bie 
©eifter oterfpänntg ba oorbeifahren fehen?" 

$)er fluge grangoS aber winft, ohne gu fprechen, aer* 
neinenb ab unb gräbt weiter. 9113 ber ©cha$ auch bei 
brei unb oier gujs nicht erfcfjemt, bämmert ihm ber 
©chwinbel. @r haut ben ©chneibergefeHen burch unb 
gwtngt ihn, ba§ ©efchirr heimgutragen. 

ßurg barauf fällt er aber bem ©efellen wieber gum 
Opfer. $)er behauptete, au§ ben harten erfehe er, bafj 



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— 265 — 

ber „Soraen* innerhalb ad)t Sagen nieberbrennen merbe. 
$>er Söroenmirtl) ruft ben JJranjoS unb ben 93ocf unb 
tjier weitete Bürger als 2öäd)ter für bie adjt folgenben 
*Räcf)te. $)ie 2Bäd)ter tranfen oom 9lbenb bi§ pm 9Jtorgen. 
„DSon einem SBranb aber, auger bem unfrigen/ \d)lo$ 
ber JJranjoS feine ©raäjjlung, „mar feine ©pur ootljan» 
ben.* — 

Slnno 1852, alfo $u einer betrübten, armfcligen geit, 
geroann ber Sc^neiber Klemens enblid) einmal fieben* 
fjunbert ©ulben im Sotto. Qetjt moHte er ftdj burdj 
©rofjfyanbel emporbringen unb begann einen fdjroung* 
Ijaften (S^port t»on ©emüfen unb ^irfcfjen nadj ftonftanj. 
©ein 5lffocie mar fpäter ber ^ßrinj ftonrab, beffen fürftlidje 
sßafftonen er beim $anbel annahm, r-ermöge beren fte 
©eroinn unb Kapital in ftonftanj liegen, foroeit baS £otto 
be3 ©dmeiberS 5lntf)etl nidjt roegfra§. 

%a ber Sfletfter groirn al§ ©emüfe* unb Dbftfjänbler 
lux ©ommerSjeit täglich über ©ee fuf)r, fo oerlor er aud) 
balb bie ©d)neiber§*$unbfcf)aft unb mit tf)r feine ©efeHen, 
Unb weil ber 9teid)tt)um aud) auf bem ftonftanjer SJiarft 
nid)t ju Imlen mar, fo raarf er ftcf) auf ba§ SBeingefc^äft 
unb machte ben eljrlidjen datier. 

Qu biefem ©tabium lernte idj fyn fennen. S)ie eine 
$anb jtetö in ber Sftocftafdje, eilte er jur ©erbftjeit Ijaftig 
S)orf auf unb £>orf ab, r>on einer £orfel &ur anbern. 
<§ht mar in biefen Sagen bie eine ©rojjmadjt in £>ange, 
bie anbere ber Qof)anne§ *ßreufmg, ein roaeferer SKebmann, 
ber fld? buref) feine ^ätigfeit al§ 3Beinfommiffionär einer 
djrtftlid^en %ixma in Stuttgart au£ ber 2lrmutf) $u einem 
wofjlbabenben SJtann heraufgearbeitet hatte. 

Sßom *8ocf unb oom *$rt)fmg" ^ing bamal§ ber 
SöeinpreiS ab . je nad)bem fte oiel ober roenig ju faufen 



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Auftrag Ratten, unb refpeftooll flauten — ef)e ber 
SBtnjeroerctn ftc roentgftenS oon biefer Woti) erlöfte — 
bic befohlen Gebleute an ben p>ei Sflataboren hinauf, 
roenn fie in eine Nortel traten mit ben Seltenen ber ©rofj* 
Ijänbler. 

©3 gibt !einen 3mi% ber Sanbnrirtlifd&aft, ber fo 
mele 9Mf)en mad&t, rote ber Siebbau am SBobenfee. 

3m SBinter ftfjt ber arme Siebmann hinter bem Dfen, 
madjt „$8anb* unb trtntt „Sire" ba$u. ftaum fdjaut bie 
(Sonne im ftebruar über bie Sllpen in ben Söobenfee herein, 
fo gießen 3Jlann, SBetb unb $inb in bie Sieben unb 
„fcfjneiben", gar oft no<$ im (5d)neegeftöber. $ft ba3 
ootüber, fo beginnt ber Siebmann bei jebem 2Better ba§ 
„Verlegen", SBerjüngen ber Sieben. $)ann wirb gebunben, 
wobei Ijäufig bie Ringer fd^merjen oor ßdlte. ©nbe 3Jlär& 
roanbert baS ganje, fleine 2)orf mit ben „fturfen" ') in 
bie Steingärten unb grabt ©tid) um ©tief) mefjr benn 
breif)unbert borgen iRebfelb um. 

§at bie fJrüljItngSfonnc bie Slugen ber Sieben ge* 
öffnet, unb treiben bie ©efdjoffe, fo fommt ba§ „93er* 
brechen", fpäter ba§ §eften. 3n>tfdf)enl)üteitt werben bie 
Sieben no<$maI§ % oom Unfraut gereinigt 

Sieben atP biefen oielen, meift befdjroerücijen 2lr* 
betten rnufc ba3 übrige für Kartoffeln unb ffrucf)t 
befietlt, unb ©ra3 unb $eu für baS Äü^lein geholt 
werben. 

©o fommt unter oielem ®cf)roeif$ ber £erbft $)er 
SBetn muß ba3 meifte (Mb bringen für „Sttartim", roo 
ber „3ub" unb ber 3)omänenoerroalter oon 9tteer3burg 
itjrc Sickte geltenb madjen. 



») £a5 lateiniföe furca, (Babel. 



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— 267 — 

©ar oft wenig 2öein unb fdf)ledf)te greife. 

Unb brum fann man e§, roenn ade jefjn Qa^rc ein* 
mal ein guter £erbft fommt, ben armen Gebleuten nid)t 
oerüblen, wenn bann bie Banner eins über ben fturft 
trinfen, bie Söeiber #od)ftuben galten unb bie Sttable 
Ijoffärtig roeroen. 

£)ie Gebleute am SBobenfee, mo ber SBeinbau nur 
burd) be§ 9ftenfdf)ett Slnftrengung unb Sorgfalt nod) mög* 
Ud) ift, gleiten, wenn gute 2Beinjaf)re fommen, ben 
Sttatrofen, bie nad) langer, ftürmtfäer ^aljrt unb na$ 
Dielen (Entbehrungen unb ©trapagen enblidf) roieber ein* 
mal an§ Sanb fommen. 

$)ef#alb ftnb bie Sieferbau unb SSie^uc^t treibenben 
dauern in 3)eutfd)lanb oermögli^er al§ bie Sftebbauern, 
roa§ leidet erüärlicfj ift. Qene fjaben jebeS Qaljr etroaS, 
biefe feiten, unb roenn'3 bann fommt, ift bie ftreube fo 
grofj, bafj fte nid^t an3 (Sparen benfen, fonbem nur an 
bie (Entbehrungen, für bie fte ftd) jefct fc^ablog galten 
wollen. 

©3 gibt freilief) aud) 9lu§nafnnen, felbft in $ange. 
©ine folc^e mar mein nädftfter -iftadjbar, ber ©igmunb, 
be§ (Engelberts SBruber. $>er (Engelbert ift, ma§ „©Übung" 
betrifft, ber reinfte ^rofeffor gegen ben ftiHen ©igmunb. 
%ex aber ift ein ©djaffer unb Sparer, nrie fein groeiter. 
(Er trinft faft gar nichts, fpielt nic^t, geht nicht in8 
2Birth§h au 3» er arbeitet nur, betet unb — jagt. 

(Eine Keine ßeibenfd£)aft mufj jeber 3Jcenfch §aben, 
unb bie ift beim ©igmunb ba3 Sfagen, roenn'3 fein muf?, 
auch auf verbotenen SDBegen. 3$ mar einige Qa^re Pächter 
oon ©angeS Qagbgebiet unb er ber 3>äger. SBährenb 
anbere im SDBirtfys Ijaug fafjen, fchlid) ber ©igmunb ftiQ 
burch SBälber unb Sieben unb jagte. 



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— 268 — 

Sagen, Stfdjen unb SSogelftellen 
SJerbir&t mana)* guten ©efeüen, 

hetfjt ein alte§ Sprichwort, ba§ ber ©tgmunb aber längft 
£ügen geftraft hat. Obwohl er oft für ben Pfarrer 
fifchte, oor feinem genfter für ihn 3 c *ftö c P n Ö uno f ur 
ihn jagte, trug ber ©igmunb am (Smbe oom ^ahr (Mb 
in bie ©oarfaffe ober faufte ftch ein ©tücf ffetb nnb be* 
3af)lte eg baar; $)inge, benen e3 fein ^adjbar, ber 
Pfarrer, nie gebracht hat. 

Unzählige 9Jlale aber ^at ilm biefer bafür belobt 
unb benmnbert, wenn beibe am 3lbenb im Pfarrhaus 
beifammen fafjen unb oom giften, ^agen unb Sßogel* 
fteüen rebeten. — 

%ex ©dmeiber $Bocf ftrahlte, toenn er nach bem ßerbft 
bie Gebleute in ben Sötoen befteflen unb itmen fchmun* 
$elnb ba§ ©elb oom $irfch unb oom ©eligmann oor* 
wählen tonnte. 

©r felbft oerbiente babei fein gut* ©tücf ©elb, benn 
er mar ein ehrlicher SJlaHer unb ging mit feinen (£f)ef$ 
^um aHerminbeften fo ehrlich um, al§ biefe mit bem £ag* 
nauer 2Bem. Stttein, hatte er ©elb, fo fing er an, nicht 
blofj feinem „geliebten £ottd)en* ju fjulbigen, fonbem 
auch bem ©röjjemoahn eine§ SBeinhanblerS. ©r faufte 
felbft 2Bein unb oerfaufte Um roieber billig, ©o fam er 
tn immer ärmlichere SBerhä'ltntffe, tooju ^ranf^eiten feiner 
grau auch noch beitrugen, unb fchliejtfich mit fetner grau 
in ben „$of", reo er freies Quartier befam. 

®iefe, eine oon ©idjt unb Sllter gebeugte ©reifin, 
trug troi ©chmers unb 9lrmuth immer noch bie ^ßfmfto* 
gnomie einer 9lmtmann§tochter. 3a, noch mehr. S)ie 
meiften mobemen 3lmtmann§töchter unterfcheiben fleh in 
ber Siegel oon anbem Töchtern fo wenig, als ein ©an* 



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— 269 — 

lein von bem anbcrtt. $)ie grau be§ Scf)netber8 SBocf 
aber trug unoerfennbar bcn £opu§ alter 9lf)nenbtlbcr. 
Sic fjatte grojje, bunfle 3lugen unb eine lange, feine 5Jtafe. 

9Ba§ nidjt febr afjnenmäfjig auäfaf), roar, bafs fie 
ferner Stabaf fdntupfte. 9118 td) fte auf bem Xobbett 
befugte, Ijatte fte, rooljl au§ 9lrmutt>, iljren Sabat in 
einer grauen $)üte neben fic^ auf bem 93ette liegen. 

Sie fjatte biefe Untugenb oon tf)rem Sdjneiber geerbt, 
roie benn faft ade Sdjnetber roegen if)re§ letzten £anb* 
roerf§ jum 3eitoertreib fdjnupfen. 9ftan wirb 100 Schnei* 
ber finben, bie fdjnupfen, bi§ man einen ©robfdjmieb 
finbet, ber biefem Sport Ijulbigt. 9Kann f>at bei 
feiner ferneren Arbeit feine 3eit baju. 

9lber grauen, bie fdjnupfen, unb foldje, bie SdjnapS 
trinfen, unb jene, meiere bie ©aare furj fdjneiben roie 
bie 93uben, fyaben bei mir nebeneinanber feil. 

$)ie „Sööcftn", roie bie ^agnauer bie ehemalige 9lmt* 
mann§tod)ter tyiefjen, ftarb 1882, nur fünftel ^aljre 
weniger al§ ljunbert alt. 

öftrem Sarge folgte auger bem Spanne audj S3em* 
Ijarb, ber Sof)n. $)er aber mar mir ebenfo betannt, rote 
fein 93ater fremb; benn er fjatte roäfjrenb meiner Stubienjeit 
in s Jiaftatt alz äajaretljgeljtlfe gebient, einzelnen oon un§ 
©nmnaftaften nebenher bie $aare gefdjnitten unb mit un3 
in ber „blauen ftafce" gefnetpt 

9113 td) eines £age§, balb nadf) meiner 3lnfunft in 
Hagnau, narf) einem ©aarfdjneiber oerlangte, trat bei mir 
ein junger, fd)öner SJlann mit elegantem Vollbart ein 
unb fpradj: f ernte ®uer £od)roürben felbften oon 
^aftatt fjer.* Sftidjtig, e§ roar ber Sajaret^ge^ilfe SBocf, 
oon bem e§ eines $age§ in ütaftatt l)ief}, er fei mit einem 
öfterreirf)tfd)en Lieutenant ber ©arnifon nad? granfreid> 



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— 270 — 

befertirt. ©ettbem fjatte idj nichts mefjr uon it)m gehört, 
itod) aud) je gerougt, bag er t-on £ange fei. 

@r f)atte jld) in ^ßari§ anwerben Iaffen unb in ber 
3*embenlegion al§ ©olbat anno 1859 bie ©djladjten bei 
aJlagenta unb ©olferino mitgemacht. 

©einem Regiment würbe, fo er8ät)lte er ben ©lau* 
bigen, für ^eroorragenbe $apf erfett bei SHagenta ba§ 
(£t)renbürgerred)t von $art§ üerfprodt)en, aber nicr)t ge* 
galten, ©tatt als ©fjrenbürger nadf> *ßari3, fam ber 
SBernfyarb mit feinem Regiment nadj Slfrtfa, roo bie 
Regionäre in bie fleine ©at)ara hinein Söege unb ©tragen 
bauen mugten. 

£)a§ gefiel it)m fo wenig, bag er e§ oorjog, nad) 
Ablauf feiner 2)ienftjeit fjeimjufefjren unb fxdt) al§ $)efer* 
teur 5U ftetlen. ©r biente feine ©trafjeit ab, machte 
1866 roieber al§ Söunbarpetbiener mit unb fjatte ftd) 
bann in £ange niebergelaffen al§ <£lnrurg, SKafeur unb 
grifeur. 

Slber ba§ aüe§ ernährte feinen SJlamt nirf/t, obwohl 
er nodt) mit einigen niebem SJcebicamenten Ijanbelte, bie 
er „felbften präparirte", nrie SBurm* unb SBrecfjpuloer. 

3)ie wenigen „9Jcane*, meiere ftc^ rafiren liegen, 
bejahten blutwenig pro 3fat)r, unb ba§ £aarfd)neiben 
würbe mit t)öd)ften3 10 Pfennig üergütet. Slber lange 
nid&t alle #angouer liegen ftd) oom S3ocf fcfjceren; bie 
meiften fabelten ftdt) ba3 roallenbe £aar ber Germanen 
gegenfettig f elber ab. 

gatte einer beim fpäten 9?adt)f)aufegef)en ben J$ u & 
übertreten ober fid) beim gufyrwerf »erlebt, fo pro* 
btrte ber uerle^te Sftebmann juerft be§ ^farrer§ SEBaffer* 
für unb erft, wenn biefe nid)t f)alf, rief er ben 
93oct 



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— 271 — 

3)et fftm nun jeben Sag jum SSerbinben, tranf nadj* 
t}cr feine Stoppen beim Patienten, unb baS baate ©elb 
war in 5lnbetrad)t be3 £runfe§ flein. 

80 Derbtente ber gute SBernljarb woljl uiele ©djop* 
pen, aber wenig ©elb, unb würbe baburd) ba3 £rinfen 
fo gewohnt, bajj er aud) ba§ wenige ©elb, weites er 
»erbiente, nod) batan rücfte unb fdjlte&ltdj fo wenig 
ßleingelb Ijatte, wie fein Später. 

Qa, wenn er 3>amenfrtfeur gemefen wäre, Ijätte bet 
SBemfyarb ein gute§ ©efdjäft gemacht. $)enn foweit ift 
Kultur unb 9Jlobe in bie ©eebörfer gebrungen, bafj 
ein ©aartünftler 93efd)äftigung ftnbet fowofjl in £ange 
als in Qmmenftaab. 

9lber mit ©aarfledjten gab fid) ber SBerntyarb, ein 
©olbat unb grembenlegionär, SWitfieger von SJlagenta 
unb ©olferino unb oerfprodjenermafjen (Sfjrenbürger r»on 
*ßari3, ntdjt ab, barum blieb er aud) olme Ißerbienft oon 
©eite bet £angouer tarnen, bie am SBerftag mit ber 
Surfe unb am ©onntag mit falfdjen paaren burdj $)orf 
unb glur fpagierten. 

©ie ruhten aud} nid&t, bi§ ein $>amenfrifeur ftdt) in 
$ange nieberltefj in ©eftalt eine§ jungen $agnauer§, ber 
in St ©allen ftubirt Ijatte unb mit feinem Vornamen 
©eoerin fjiefj. 

$)er ©eoerin, ein braoer, ftiller SBurfd^e, l}attc ftetS 
Arbeit in gülle für bie SHebfräuIein in unb um £>ange. 
Slber eine SSruftfranffjeit legte ilm balb gum ©terben 
nieber. 

2Bie oft I)ab' id) an Ijeifien ©ommer*;jftadjmtttagen, 
wo aUeS im gelb unb in ben Sfteben war unb man nidjt§ 
im $>orf fyörte, al§ meine ©djritte — ben guten ©euerin 
befugt! gm $aufe war er allein, ben ©d)lüffel Ratten 



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— 272 — 

feine Seute hinter ben ßüdjenlaben gelegt. $ott naljm 
icf) if)n, öffnete unb ging hinauf p bem ßranfen, ber in 
einet fonnigen ©tube bem ©nbe feinet jungen SebenS 
entgegenfal). 

2Bie freute er fidj, fo oft td) in jenen einfamen ©tun« 
ben ifm auffud)te, unb nrie erbaute id) mief) an feiner gröm* 
migfeit unb an bem ftiHen $)ulberfmn fetner reinen (Seele! 

9iie — befc' Bin id) ftdjer — f)at, feitbem e§ tarnen- 
frifeure auf ©rben gibt, ein fo frommer 5ttenfdj bicfeS 
©arfümirten <5tanbe§ gelebt, roie ber ©eoerin einer mar. 
$)arum gaben aud) bie Jungfrauen be§ Dorfes in meinen 
Kleibern bem SBraoen ba§ ©eleite jur legten Sftufje. — 

^)er (£f)irurg SSernfjarb machte aud) ben ^^bjug oon 
1870 als 2Bunbarsneibienet mit unb fe^rte nad) beffen 
Seenbigung roieber nad) #ange surücf, mo er blieb, tro§* 
bem feine ^rajiB nid)t beffer ging al§ guoor. 3lttein 
ber 53ernf)arb roufjte, bafj in $ange nod) !ein 2Jtenfd) 
oerburftet fei, unb ben junger fürchtete er nidjt. 

(£r war natürlid) nad) roie oor mein 5*if cur - Unb 
obrooljl td) ifmt mit ber 2Bafferfur oft unfreiwillige &on* 
Jurrenj machte, ftunben mir ftet§ auf bem aUerbeften JJujj, 
unb roä^renb id) if)m jum £aarfd)neiben fafc, fpradjen 
mir oon ben alten, oergangenen Reiten, bie mir in SHaftatt 
»erlebten. 

9113 im Saufe ber adliger Ja^re feine Sage immer 
prefärer mürbe, jog er, ber bi§t)er eine eigene Haushaltung 
geführt ^atte, aud) ju feinen ©Item in ben $of unb 
rourbe, roie bie ©agnauer fagten, £ofd)irurg. UebrigenS 
^atte ber SSernfjarb, roie einft fein 6d)netber*23ater, geit» 
roeilige 93ejief)ungen ju einem £of. 

Qux ©ommerssjeit, roenn ber ^ßrinj SÖßilljelm oon 
SBaben £of tyüt im na^en ©dtfofj Sftrdjberg, roar ber 



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— 273 - 

*8ernf)arb ber $erf$önerung§fommiffär für bei ^rinjen 
$Öd)e unb $utfd)er. SlHein bic ©innafjmen oon bort, fo 
gut flc aud) roaren gegen bie fonftige $raj;i§, halfen bem 
SBemljarb fo wenig auf einen grünen 3 roc iö/ fttt feinem 
SSater ba§ SÖBeinfommiffariat oon Stuttgart. 

31 ber in einem fünfte roaren beibe, 93ater unb ©ofm, 
gro§. Stie faf) idj einen unglüeflid) über feine Sage, nod) 
weniger bettelfjaft. ©ie trugen be3 SöeltaUl Kummer 
unb ©orgen mit bem ©leidjmutf), ber SUlenfdjen befeelen 
foö, bie in ber Befolgung iljrer Neigungen unb 2öünfcf)e 
ifjr |)immelreid) feljen. 

$)a§ ©djicffal traf ben 93emf)arb naef) bem £obe 
ber 9Jtutter fo fjart, bafj ifmt ein $lrm abgenommen roer* 
ben mufjte. Qefct mar er oöllig brobloS, unb bie ®e* 
meinoe mujjte tyn erhalten, toafyrenb ber SSater if>n im 
£of oerpflegte. 3lud) ber anbere 9lrm fodte nod) ab* 
genommen roerben, aber beffen fträubte er f!d). Qn 
©eftmerjen unb @lenb ©erbrachte er unter ber Pflege be§ 
SBaterS nod) jroei 3af)re, bis ber Stob ifm erlöfte. 

3n allen ©fjren begruben ifm feine üftitbürger, unb 
mand) reifer 9ftann f)at feinen Seidjenjug, toie ber Söern* 
fjarb iljn gehabt, ber ftetS aufrieben mar mit feinem £oo§ ; 
fröfjlidj mit ben grbfylidjen, roenn er ©elb Ijatte, unb 
nidjt unglüdlid), toenn er fein§ Ijatte. 

ßlemenS aber, ber SSater, mürbe nad) beö ©ofjneä 
£ob aud) ortSarm. ©djneibern fonnte er ntdjt meljr, unb 
bie Sage bce 2BeinIjanbel§ maren für iljn aud) oorüber. 
©r behielt feine 2lrmenftube im $of, unb bie (Semeinbe 
bejahte if)m bie Stoft bei einem Bürger , bem er be3 
$ag§ über bie fttnber fjütete. 

Unb raie mein groger ©acriftan am 2lbenb feine« 
£cben§ flinbSmagb mürbe unb nebenher 2Beltgefdjid)te 



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— 274 — 

la§, fo bcnf t bcr ftlemenS, in gleicher (Stellung, über boS 
„bauerifdje Sotto" nad). ©r f)at e8, nadj feinen eigenen 
2Borten, fjeutc, „nnd) öOjäfjrigent ©tubium, fo roeit ge* 
bracht, bafc er bie Hummern, roeldje geroinnen, oorau3= 
beftimmen fann unb, roenn er nod) einmal Rimbert Wlaxt 
fe^en tönnte, in furjem ein reifer Sftann raäre". 

$)a tlmt bte l)unbert 9flarf niemanb borgen roiU unb 
e§ mit bem Steinum nid^tS ift, fudjt er auf anbere 2lrt 
ftd) nod) btöroeilen einen guten $ag ju oerfcfyaffen. ©o 
fam er oor einiger $eit bei feinem ftinberfjüten auf ben 
©ebanfen, ein „JJeft ber alten Seute von £ange" oer* 
anftalten. 

Sttan fagt fo gerne, ber ©eeroein fei ungefunb, mad&e 
©rieS unb ©tein unb oertalfe bie ©efa&e be§ Stftenfdjen. 
Unb bodj leben in ben Dörfern am ©ee, oorab in $ange, 
fefyr oiele fteinalte tote, bie if>r ganjeS fieben lu'nburd) 
ben ©eeroein nie gefpart fjaben, aufier, roenn fle leinen 
Ratten. 

£)iefe alten Seute beiberlei ©efd(jled)tg gu einem ^eft* 
tag ju fammeln unb für biefeS ffeft bie nötigen ©elber 
aufzutreiben, baS roar ber *ßlan be3 alten f&od. ©r 
führte tfm glä'njenb au§. 

(£ine§ $age§ fdn'cfte er mir nadf) fjreiburg einen von 
ifjm gefcfyriebenen Aufruf, in roeld)em mit berebten 2Bor* 
ten ba§ Hilter al§ eine „©fjreufrone" gefdjilbert roar, bie 
bcfonberS ben greifen beuten in $agnau gebühre, roeil fte 
in ©orgen unb 3Jlü^en be§ SebenS alt geroorben feien. 
(£3 fei befjfyalb beabftdjtigt, einen gemeinfamen Sag ju 
feiern mit Stirdjgang unb JJeftmafjl. 

Qd) foHte tfjm ben Aufruf forrigtren, ben er bann 
als ©inlabung an alle $reunbe feinet ©ebanfenS fanbte, 
öon benen er glaubte, fte Ratten fiuft, etroaS beisteuern. 



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- 275 - 

@r erhielt namhafte ©aben, befonberS auch vom 
^rittjen SBilhelm. Qch ftiftetc ein JJafj greiburger ©chlojj* 
berger. 9ln alle ©eber richtete bann ber alte Siemens 
ein brillante^ $)anffd)retben. 

SJtich nmnberte eS aber, baß ber ©dmetber, meldet 
nie in bie flirre fam, in baS von ihm ©erfaßte Programm 
einen „fttrehgang" aufgenommen hatte. Unb nun erfuhr 
ich, baß et feit einigen fahren roteber in bie Hirdje gehe. 

SJtein Nachfolger im Pfarramt, ein mel frömmerer 
3Jtonn als id), mar bem verlorenen (Schaf nachgegangen 
unb hatte ben 3llten interpetlirt, warum er nie gur Sirene 
fomme. 

9Jlag baS Hilter ilm mürbe gemalt haben, er be* 
tonnte, baß er in feiner Qugenb ein Söerfprechen abge* 
legt habe, eine SGBaQfatjrt nach ©inftebeln ju machen. ©r 
fei aber nie baju gefommen. Qmmer höbe eS am ©elb 
gefehlt, unb wenn er folct)c§ hatte, habe er eS bem ßotto 
geopfert unb nicht ber SöaUfahrt. 

©o lange baS ©elübbe ihn gebrüeft, habe er geglaubt, 
untoürbig ju fein für 9Jteffe, Seicht unb Kommunion, 
unb fo fei er jur Beruhigung feines ©etviffenS fd)lief}* 
lid) bem ©otteSbienft ganj fern geblieben. 

&er Pfarrer tyfyxmbatyx gab ihm nun baS ©elb 
jur Söaflfahrt. ftteubig reifte er nach ©tnftebeln unb 
fehrte jurücf mit guten SBorfä'fcen. ©eitbem geht er jur 
ßirche, fo oft eS fein 3lmt als ÄinbSmagb erlaubt. 

Qch möcht' eS aber begroetfeln, ob auS bem „alten 
93ocf" ein frommes ©chäflem getvorben. — 

$er luftige ©dmetberSmann fpringt heute, 1902, nodj 
rüftig burchS %orf als gmeiunbueunjigjähriger. 3 a e * 
machte bis vor Äußern felbft mieber ben SBeinagenten für 
baS #auS £irfcf). ©onft amtet er jur >}eit als ßinbSmagb 

18* 



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— 276 — 

unb Dberfeflner beim 2Btrtf) Freiheit ober er fungtrt als 
£uf djneiber bei einer Sterin, bie and) für „$erren" arbeitet 



SBS^renb ber ©djnetber SBocf gu meiner geit nie in 
bie Sirdje tarn, waren feine groet 2Jtitfc$netber meine beften 
Shrdjgänger. $)en einen lernten mir, ben Subrotg, bet 
anbere, ber britte unb lefcte unferer $)orffd)neiber, mar 
ber SflatyäuS SBegiö. 

$)er 9flatl)ä, nod) älter als bie anbern, mar bem 
Stange nad) ber unterfte Srfjneiber. @r Ijatte faum gu 
flicfen. 5lber in einem Übertraf er feine beiben 3 un f^* 
genoffen , er mar ber etngige ©djneiber, melier ©egel 
machen tonnte, unb ba§ ift eine tuet größere ftunft als 
ein $aar £ofen gufammen gu nä^en. 

@in ©egel gu fdfntetben, baß e§ fu§ elegant gu einer 
(scfjroanenbruft anfdjroeUt unb fo ba§ 6d)iff burd) bie 
SBetlen treibt, baS bringt nid&t leidet einer guroeg. 2)er 
Sttatljä aber fonnte ba§. 

©in Segel tyält giemlidfj lange, big ber SBinb £öd&er 
tyneinreifct, unb be^alb roirb ein neues ©egel feiten be* 
ge^rt. ®o mar ber 3ttatl>ä meift Segelfiicfer, aber aud& 
bieS ^liefen ging tfjm ab, nad&bem bie $)ampffdjtffe bie 
©egelfdjiffaljrt am (See faft gänglidf) vertrieben Ratten, 

3n feinem mingig flehten, gerfaUenen ©SuSd&en am 
(See faß er gu meiner Qt\t bei ber raupten unb orbi* 
närften glief arbeit, ein SBilb beS JJriebenS unb ber ^trmut^ 

$)er ßubroig mar geroig ein ftiUer, befdjeibener Sftann, 
aber ber 2ttatf>ä übertraf tlnt no$ an ©tule unb SBc- 
fdjetbenfjeit. 

SQSenn er an ©onn* unb Feiertagen in feinem langen, 
blauen Sftocf unb feiner großen ©dfnlbfappe gur ftirdje 
ging, fd&rttt er fo frtebltdf) unb f^roeigfam neben ben 



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— 277 — 

übrigen Kirchgängern Ijer, als ob et ein ftrembltng »fite 
unb ben erften £ag im $)orfe. 

©eine ©timme tönte fo ruf)ig unb fdjuajtem auS bem 
SJcunbe, als ob er fürchtete, mit bem Sieben ben ©d)laf 
eine§ ßranfen ju ftören. 

3$ frug midf> oft, wenn bie fülle Diebe unb bie ge* 
roaltige SHulje beS alten ©dmetberS mir, bem laut unb 
oiel ©d)toät)enben, imponirte, ob baS Temperament beS 
©d)neiberS ein fo glücflidjeS fei ober ob fein freubenlofeS 
fieben ben SJlann fo ftitl unb roetter^art gemalt Ijaben 
mochte. 

2Bie bie Äiefelfteine oor feinem #äuSdjen bie Spellen 
beS ©eeS ru^ig an ftd) lnnfcf)lagen unb roieber fortlaufen 
fa^en, fo fttU trug ber 3ttatl)ä baS Seben unb feine ftotf). 

911S er ju üd) fam in biefer SGBelt, als ftinb, be= 
fanb er fiel) fdjon im 5lrmenf)aufe oon $ange, bamalS, 
unb elje „ber £of" an bie ©emeinbe fam, eine elenbe 
^oljbaracfe, in melier ftegen unb ©cfjnee ben Firmen 
auf bie Letten fielen. 

©ein 93ater, ein blutarmer ©d)uf)mad)er, fjatte fein 
§auSdf)en unb feine Sieben im ©antroeg oerloren unb faß 
bei ben DrtSarmen, müfjfam ein fargeS SBrob für ftd) 
unb bie ©einigen oerbienenb. 

Sftit bem neunten SebenSjaljr mufjte ber 9ftatr)5 fort 
unter frembe Seute. 3lber er tarn oom ^IrmentyauS in 
ein ^arabieS, als ber alte SMller brausen in ber ©ar* 
lachen ilm als Dc^fen^irten aufnahm. 

©art mar bie Arbeit: Um 3 U^r beS Borgens auf« 
fielen unb bie Ockfen jur SBeibe führen; um 7*6 Ufa bie 
Slnere oor ben ^Pflug fpannen unb „mennen" *); am 
SWac^mittag roieber jum Sßflug unb bann auf bie SDSeibe 

») SDie Ctyfen am $flug treiben. 



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— 278 — 

Bis in bic tiefe 9tedjt; fo Berging bem Birten ber 
©ommertag. 

9lber baS ©ffen war ein ftürfteneffen für ben SBuben 
aus bem StrmenljauS. S)od& ging biefe $errli$!eit nur 
einen ©ommer unb einen ©erbft lang. %ann tarn ber 
SBinter wteber beim armen ©d)uf)madf)er*$Bater, unb als 
ba§ grüljjaljr fam unb mit iftm baS ^ungerja^r 1817, 
wollte fein S0lüUer unb fein SBauer einen Ddjfenbuben, 
weil baS ©ffen fo rar mar. 

©in ^ungerja^r in einem SlrmenljauS verbringen, 
baS lögt fid&, fprad) ber 9ttatf)ä nodf) als ©reis, nur 
füllen, nid£)t betreiben. 

2)ie ©emetnbe gab ben 9lrmen aUe p>ei Sage einige 
Portionen ^aferme^I, aber baS mar meift gefälfd)t unb 
enthielt wenig -iHäfjrftoff. 

$)odf), mie ber §txx ben Quben in ber SBüfte baS 
SJlanna fanbte, fo f Riefte er jeben SJtorgen ben ©unge- 
rigen oon £ange eine anbere ©abe, bie SöembergSfd) neefen. 
# Qe mefjr mir ©tfjnecfen fingen/ erjäfjlte ber alte ©dmei* 
ber, „um fo meljr waren am anbem -ättorgen wieber ba." 

$>er 33Rat^ä las nid&t nur jeben Sag einen ßorb ooH 
für bie eigene ffamilte, fonbern fammelte audfj nodf) jum 
Sßerfauf. 93om erlöften ©elb faufte bie 2ttutter bann 
SHeie unb buf ben Äinbern $8rob. 

9llS bie Hungersnot t) vorüber war, ging ber SBube 
wieber in bie grembe als $\xtt in baS jwif^en SJteerS* 
bürg unb Hange auf einer 9lnb,ölje gelegene $)orf ©tetten 
tmlgo „©tettlmim". 

$)ie ©tettlmüner fhtb meift regelrechte dauern, bie 
bem SBtnnenlanbe ju eine große ©emarfung haben unb 
nur an ben Halben gegen ben ©ee fyn 2Bein bauen für 
ttjreu eigenen £)urft, ber aud) nid)t Hein ift 



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— 279 — 

Slber aud) Originale Ratten ftc ju meinet fyit ein* 
jelne, fo ben Sörunnengefjler, ben ©trobel unb ben 3Jtegerle. 

£)er SBrunnengefjler, ber größte $8ur im $)örfd)en, 
meldet feinen tarnen oon bem Brunnen führte, hinter 
bem fein $au$ ftunb, mar ber £opu§ eines dauern* 
proben. 

©r rouf$te , bafj er ber erfle S3ur ringsum fei, unb 
lieg baS ntd&t blofj au§ feinem biefen ©eftdjt lefen, fon* 
bem audj in feiner ©pradje oernefjmen. 

SBenn er mit feinen jmei SBraunen bafcrfuljr, fo 
toufjte man ntdjt leicht, toer fldj ftoljer trug, ber $8ur 
ober feine ©äule. 

Qd) mag alle Sauern, fogar bie pro 13t gen, brum 
rebete icf) aud) gern mit bem Sörunnen geiler, ©in 93ur, 
ber ftolj ift auf feinen £of, feine hatten, feine gelber unb 
SÖSälber unb auf feinen 93tel)ftanb, ift mir weit lieber 
als ein Ijalbgebilbeter ©elbprot;, ber fein ©elb burdj oer* 
bärtige ©peculationen ergaunert ober oon feinem „grunb* 
efnrlidjen" 93ater ererbt f)atunb befjljalb meint, er müffe 
für gefd)eibt gehalten unb nad) ber ©röjje feines ©elb* 
facfS refpefttrt werben. 

SDBenn ein SBauer profct ob feines frönen ©uteS, baS 
er jroar aud) ererbt Ijat, aber in gutem ©tanb erhält 
burd) eigenen fjleig unb emftge Slrbeit, fo roiU mir ba3 
bafj gefallen. Unb toenn ein S3auer ftolj ift barauf, bafj er 
ein SBauer ift unb fcioar ein rechter, lob' id) mir ben Sftann. 
Unb fo mar ber SBrunnenge&ler oon <5tettf)uim einer. 

Qn ftujj ging er nur am ©onntag borgen. %<x 
tarn in aller gritye fein ©dnoager, ber SJtüller oon ber 
$arlad>en, ben Stettfjuimer „SBtdjel" herauf, ftidoergnügt 
ob beS ©onntagS. 3lm SBegioeifer ftunb bann ber 
SBrunnengejtfer, unb nun marfdjirten beibe langfam auf 



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— 280 - 

ber $öf)e f)in jur JJrüfmteffe nad) 9Jtecr§burg. üftadjbem 
fte gebetet, mürbe getarnten imb erft gen 3Jlittag ber 
^eimroeg angetreten. 3lm SBegroeifer, oor bem 5lbfd)ieb, 
befteflten fte ftd^ triebet auf ben fommenben (Sonntag, 
benn beibe gingen für§ Seben gern in bie 3*üf)tneffe unb 
noef) lieber nad) berfelben in£ SBirtl^auS. Unb mein 
alter greunb, ber Füller, glaubte, eine für je, ftiöe 9fleffe 
unb ein langer, ftiUer Srunf feien für einen geplagten 
ÜJlüQer unb für ben SBrunnengefjler an (Sonntagen ba§ befte. 

Qaljrelang jogen bie beiben in bie Jrü^meffe nad) 
9fteer3burg unb am SJlittag roieber fjeim. 9lber atle§ 
nimmt ein (£nbe auf ©rben, fo au<$ ber ftiUe ©ang ber 
beiben frommen öeter. 3)en SBrunnengefjler Ijaben fte 
längft begraben, broben bei ber ©tettfjuüner Kapelle, bie 
roeitfjin in ben ©ee fdjaut, unb feitbem fd)leid)t „ber §ar* 
lacrjer" an Sonntagen abgehärmt in bie grüfjmeff nad) 
§ange unb bann roieber Ijetm — ofyne %xm\t. 

9tuf bem gleiten, fonnigen ftirdjljof liegt neben bem 
reiben ©cgier ein anberer ©tettfyuimer, ber ein armer 
Teufel, aber ein geiftretdjer 2Jlenfd) mar. 

5lnfang§ ber ftebjiger Qafjre fam eines 9lbenb§ ein 
frember, grofjer 93ßann mit einem blaffen, fdjarfbltcfen« 
ben ©eftdjt unb ftruppigen, fdjroarjen paaren ju mir unb 
bat tnid) um SBüdjer junt Sefen. 

5ttuf mein befragen ftetlte er fldt) »or aU „ber ©trobel 
r»on Stetten, Korbflechter, £ol$fd}uf)mad)er unb s #lefcger\ 
$)a biefe ©orte oon fieuten ntcr)t gerabe erpicht ift auf§ 
Sefen, fo tefommanbirte ber Sflann fidt) bei mir fdjon oon 
oornljerein. 9Iber id) erfaf) audj balb, bajj id) einen 
geiftreidjen Sftann au§ bem 23olfe oor mir fjatte. 

3$ tarn fortan öfters in SBetfeljr mit bem ©trobel 
unb freute mid) jebeSmal feiner geifttgen ptle unb 



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— 281 — 

Sd&ärfe. 2Bo man iljn anbohrte, war er bafjetm, unb 
über alte ©efctndjte formte er fo gut rebett, rote über neue. 

Nebenbei roar er ein f reuabraoer WUam unb gamiltcn* 
Dater, ber im Sommer fein deines ©ütdjen bearbeitete 
unb im SBinter ^oljfd^u^e machte, ftörbe flocht unb oon 
£>au§ su £>au§ ben dauern bie Sdiroeine fd)Iadf)tete unb 
SBürfte fabrigirte, unb jroar aUe§ in befter 3lrt. 

2Bie feingetftig ber Strobel roar, Neroon nur ein 
SBelfpiel. $n Stettlmim roar in ben fiebriger Qafyrcn ein 
£>au§ angejünbet roorben. $)ie Stcttlmimer Ratten ben 
©igentfyümer in ftarfetn 93erbad)t, fein #au§ felbft ange* 
fteett gu Ijaben ; aber SBeroeiS roar feiner oorf)anben, unb 
niemanb getraute ftd) befjljalb ber entrüfteten SBolfömeinung 
2(u3brucf ju nerleifjen. 

$er Strobel fanb ba§ erlöfenbe 2Bort. S 2U§ eine§ 
Sonntags bie Stettljutmer im $>orfroirtf)§f)au3 fa&en unb 
ber oermetntlidje üöranbftifter aud) fam unb ftd) an ben 
$tfd) fetzte, fprad) ber Strobel ju ifjm: „$)u, t)eut 7 
•ftadjt fjat mir'S geträumt, S)u ijabeft Dein £>au§ an* 
gejunben!" 

Sprach unb ingrimmig Iahten bie Stettlmuner auf. 
Sei betroffene aber tonnte nicf)t§ machen, roeil träume 
befanntlidi nidjt ftrafbar ftnb. 

$orbfled)ten, fjoljfdjufjmadjen unb metjgen gel)t ntd)t 
jufammen mit Stubium unb fiefen. %xum ftarb ber 
Strobel nod) jiemlici) jung an einem ©cl)irnleiben. 

£)en britten Stettfjuimer lernen roir im nädjften 
Kapitel tennen. — 

Unb nun roieber jutn 9flatr)ä. 

SBon Stetten 50g er anno 1824 al§ Änedjt nad> 
Lippenlaufen ju bem dauern SBäletin, ber bem jungen 
änedjttein für 16 ©ulben 3afire3lor)n alle Arbeiten auf* 



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— 282 — 

f)ing, mäfjrenb er, felbft an SBerftagen, bem ©angfäie&en 
oblag. 

$)a§ @an§fd)ie&en blü^t fjeute nocf) in ßippenlmfen, 
bem meland)olifd)en 2)orfc, bem ber 93licf auf ben ©ee 
burdE) einen SBergrücfen oerbecft ift, an bem bie Äippen* 
f)ufer einen garten SBein pflanzen, ©ie felber aber ftnb 
weit meljr Säuern als Gebleute, unb barum galten unb 
pflanzen fte audf) ©anfe, beren e§ in #ange ttity ein 
©tücf gibt trot> be§ großen 2Baffer§ an feinen Käufern Ijin. 

S)er edjte Diebmann Ijafjt aUeS, ma§ ©an§, (£nte 
ober $ul)n fyeifjt, metl e3 i$m in ben SBeinbergen unb 
©arten ©dfjaben mad)t. 

$)rum gab'S in ©ange nie ein ©anSfdn'efjen. S)ie 
alten ©angouer waren groar eifrige ©dnifcen, bie iljre 
©dne&ftänbe in ben ©ee Ijtneinmadjten, aber um „Sinn* 
gefdjirr" fd&offen. 

Sftan finbet befjf)alb in oielen Käufern nodf) alte§, 
fc!)öne§ gitmgeföiii, Seiler, ©Rüffeln, Sfrüge; aHe§ $ro< 
p^&en ber einfügen ©djfitjenjeit. 

Süppenlmfen f)at, roie gefagt, Ijeute no$ fein @an§* 
fdf>ie&en, roäljrenb in ©ange längft nid)t me^r gesoffen 
wirb. 

©ar oft, roenn idj an ftiHen ©onntag*9lbenben nad) 
Svtppenljufcn roanbelte ju meinem Dhdjbar, bem nafjeju 
blinben, jefct feit Sauren tobten Pfarrer <Scr)roff / fragte 
eS im $)orf beim ©anSfc^te&en. 

allein ^reunb mar jeroeilS bö3, baj? feine *ßfarrfhtber 
fo gerne fnallten, aber id) nafmt fle immer in ©<$ufc unb 
meinte, i^r $)orf fei fo abgelegen, bafj ber SBanbeter am 
©ee r)in gar nicfjt glauben mürbe, baß bahnten autf) nocl) 
Seute roolmten, wenn bie Säppenfjufer ni<$t ifjre ganten 
biäroeilen fragen liefen. 



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— 283 — 

2lber nidjt blojj bcr Pfarrer oon ßippenfjufen mar 
mein greunb, fonbcm aud> ber SBirtf) be3 Dorfes, ob* 
roof)l id) nie fein $au§ betteten. 

£)er ©ternenroirtl) Nablet unb td) Ratten JJreunbfdjaft 
gefdjloffen auf ber ©ttafje. 

©3 gab 3**^/ wo id) auf meinen (Spaziergängen 
täglid) burd) Süppenfjufen fam ober in feinem 33ann 
l)erumftteifte. Unb fo oft ber (Sternenroirtf) unb id) un§ 
trafen, gelten mir großen $)i§cur§ ; benn ber alte Gabler 
mar ein gutmütiger 3Jlann im työdjften ©inne be§ 2Bortc§ 
ober wie bie |>angouer fagen, „ber Sttann ift brat), bräoer 
wäre nit gut". 

3lber ber ©ternenroirtl) oon ftippenfmfen ^ielt tro$ 
feiner meljr als gutmütigen S)enfung§art fefjr oiel auf 
fidj, unb gerabe bef^alb Ijielt tdj fef)r oiel auf ilm. trafen 
mir un§ am Slbenb auf bem ftelbe, unb id) fragte ilm, 
ob er fletjjig fei, meinte er regelmäßig : „Qd) arbeite fyeute 
fd)on 8 ©tunben im JJelb unb bin bod) fdjon über 75 Qaljre 
alt, aber ber 3Jlann bin id}." 

Qu allem, n>a§ er oon fldj erjä^lte, fefcte er rüfymenb 
jeweils ingu: „S)er 3ftann bin tdj." Unb um biefer 
Lebensart mitten liebte id) ben alten ftabler, unb mir 
waren allezeit gut ^reunb, rocil id) ifjm burrf) alle mög* 
lidicn SReberoenbungen (Gelegenheit gab, feinen Seibfprud) 
anzubringen: „$)er -äftann bin id)." 

2lm meiften aber mar er ftolj barauf, baf? er hl 
feinen alten Sagen erft geheiratet unb nod) eine junge, 
fdjöne grau unb jroet ftinber befommen habe. SBenn 
er auf biefeS $f)ema ju reben fam, fdjlug er auf feine 
SBrujt unb fprad) mit ©mpljafe: „$)er 9Jtann bin id), 
£err Pfarrer/ 

Qd) weiß nidjt, ob er heute nod) lebt, ber alte ftabler, 



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— 284 — 

an bcm i<$ gar oft meine IjeHe gfreubt fyatte, aber idt) 
benfe, jener tjabe il)n längft geholt, ber wie fein anberer 
fagen tarnt: „3)er 2Jtann bin id>* — ber 9ftann mit ber 
großen ©enfe, mit roeldjer er alle 3Jtänner, audt) bie 
ftoljeften, niebermät)t unb felbft ben ©temenmirt^ oon 
fttppenlmfen. — 

Unfer SJtotfjä' f)örte als ®ned)t in ftippenlntfen nur 
ba§ ©gießen, aber bie ©änfe unb ba§ 2BirtI)3f)au§ fat) 
er nie; benn einmal mußte er olrne Sftaft unb 9hil) ar* 
betten, unb bann holte fein armer 6dmt)mad)ers$ater ben 
2ol)n, et)e er oerfallen mar, auf #eüer unb $reujer. 

2)iefe@rfal)rung entletbete bem9ttatf)ä' benftnedjtSftanb, 
unb er befdt)loß, ben $flug mit ber Sftabel $u oertaufdjen 
unb ein — ©dt)neiber $u werben. 

Sßater unb@olm roaren entjücft über biefen©ebanfen; 
benn, ber eine ©d)ut)mad)er, ber anbere ©cf)neiber, unb 
beibe in Kompagnie arbeitenb im 9lrmenl)au§ JU $ange, 
ba§ müßte in g^lge beS großen 93erbienfte3 ein roa^reS 
Schlaraffenleben fjeroorrufen. 

2lber roo einen 3ftetfter finben, ber e§ billig tfyäte, 
ben 3Jlatl)ä in bie ®unftgriffe ber ©dmetberei einju* 
meinen ? Ueberall, in unb um ©ange, f orberten bie Sef)r* 
fjerren ber ©dmeiberjunft fünfzig ©ulben, bie aufau* 
bringen roeber ber SBater nodt) ber <5olm im ©tanbe mar. 

®a gingen beibe auf bie 2Banberfcf)aft, um einen 
billigen -Ifteifter &u fudjen, fnnein in§ SBinnenlanb, in ben 
fiinjgau. UeberaU, roo ein (Sc^neiber einfam rooljnte unb 
auf feiner $öUe faß, warb gefragt, roa§ eg fofte, ben 
9Katf)ä jum ©dmeiber &u machen. 

$)er eine moUte fünfzig, ber anbere fünfunboieraig, 
ber britte oierjig ©ulben; alle aber roaren bem armen 
Sdjufter ju treuer. 60 Ijauftrten Sßater unb ©oljn ba§ 



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- 285 - 

elegtfcfje ©alemerthal hinunter, big fie ben altefjrroürbigen 
Rloftergebäuben oon Salem fia) nagten unb furj baoor 
in Stefangfelb, einem flehten SBeiler, noch einen Sdnteiber 
trafen. $er war jugletch Sobtengräber für Salem, roo 
feit ber Sätularifatton beg ^errlic^en Stiftg bie Beamten 
jagen ber SJtartgrafen oon Stoben, benen Napoleon I. 
bag Softer fammt feinem großen 93efifc burd) ben SHadjt* 
unb ftechtgfprud) ber Kanone gefdjenft hatte. 

Snefer Sdjneiber moUte ben Sftatha lehren für fünf* 
unbbreifjig ©ulben; bar-on fottten fünfunbjroanjig nach 
ber Sßrobejeit bejaht werben, bie legten jehn aber ber 
ße^rling alg ©efette aboerbienen. 

£e$t fdtjlug ber alte Schufter bem Schneiber feinen 
Sohn ju. Sann begab er fich vox ben hohen Matt) JU 
£ange unb erbat aug ben „milben Stiftungen" bie fünf* 
unbjroanjig ©ulben unb erhielt fie. 

©o Hein #ange ift, fo hat eg bodj fchöne Stiftungen, 
meift gegrünbet r-on ©eiftlichen, bie ehebem ba wirften, 
aber mertroürbigerroeife mehr oon ben ftaplänen als oon 
ben*ßfarrt)erren. ©inft hatte £agnau bei feinen 600 Seelen 
einen Pfarrer unb brei felbftänbige Slapläne; ber erftere 
hatte ftebenhunbert ©ulben ©ehalt, mufjte aber baoon 
noch ^unbert an bie bifdjöflidje $afel nach ßonftan$ ab* 
geben, bie lefctem je breifnutbert unb jeber eine elenbe $ütte 
aB 2öohnung unb einige fleine SBeingärten. 

Sämmtliche*Pfrünbme{jer waren alfo blutarme Teufel, 
wähtenb ber gürftbifa)of in ftonftanj unb feine abeligen 
Domherren im fjett fchroammen, big, alg ein roohloer* 
bienteg Strafgericht, bie Säfularifation hereinbrach unb 
ben 2lbel aug ben SBigthümern unb Äanonifaten Innaug* 
fdjroemmte. 

Unb boefj Reiten biefe armen ^ßriefter ju $ange, oorab 



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— 286 — 

bie ßapläne, nodj (Stiftungen f)interlaffen für bie ©e» 
metnbe. 2Iber fle lebten fo einfach, roie bie Gebleute, 
unb tyre Haushälterinnen UaxUiUtzn bie Äaplaneireben 
unb Iafen ba§ nötige 93renn§oI$ im 2öalbe auf. 

3$ lebte in ©ange roafjrlid) auef) rndjt im SujuS, afc 
jahraus jahrein faft täglich ben gleiten ftotyl unb ba§ 
gleite gietfd), aber id> fam mir, fo oft id) oon ben 
Stiftungen ehemaliger S?apläne prte, cor roie ein SBer* 
f$roenber unb £ump. — 

gibt feiten ein $f)at, ba§ frieblic^er brein fd&aut, 
al§ ba§ fruchtbare %1)al oon (Salem mit feinen im (Sommer 
weithin roattenben £frud)tfelbero, feinen füllen Dörfern 
unb Söeilern, unb im ©intergrunb bie emfien, monumen- 
talen ftloftergebäube. 9Iber nie $at mid) ein £!jal fo 
elegifcf) geftimmt, roie bal oon (Salem. 

SÖBenn i$ oft auf ber #öf)e oon SBaiten^ufen ftunb 
^ur (Sommerzeit unb l)inabfcf)aute in§ tobtenftide kfyal, 
überfom mief) jeweils eine fernere, aber roo^It^uenbe 
9JleIandrolie. 

©3 mag bie§ baljer gefommen fein, baf$ ber 2Ban* 
berer, ber eben ^inaufgeftiegen roar an £ügeln mit ftern* 
ftdjt auf baS roogenbe fd&toäbifäe SJteer unb bie im <&3 
bli^enben ^irfte ber Sllpenroelt, plö^licf), auf ber anbem 
(Seite ^inabfteigenb, baS einfame, friebltdje £f)al oor ftd) 
fal), unb baß fo ber plöpc^e 2Bed)feI in ber Statur in 
ber (Seele bie 9JMancf)olie beroirfte. 

Sind) unfern 3Katf)ä rnodjte eS angreifen, roie roilbeS 
£etmroef>, roenn er in bem einfamen ©tefanSfelb fag als 
(Sdjneiberlein, feinen (See me^r fa§ unb um feine ©ans 
me^r fliegen Ijörte. 2Iber jutn $)ulber geboren, trug 
er ftia feine Se^rjeit, nebenher eine poefteoolle unb eine 
a,rauftge Slrbeit oerrid)tenb. 



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- 287 - 

©ein SJletfter mat neben feinem Sobtengrftberamt 
aud) nod) ©löcfner für bie ftapeUe von ©tefanSfelb nnb 
übertrug e§ fortan bem 9flatfyä, ber al§ einftige§ $ned)t* 
lein graben fonnte, ben lobten ba§ ©rab ju öffnen unb 
&u fernliegen unb breimal be§ £ag§ ba§ ©löcflein auf ber 
HapeHe ju läuten. 

Unb roenn am frühen borgen, am fpäten 5lbenb 
unb am fonnigen 2Jlittag in ben Qafyren 1825—27 ba§ 
2loe*©löcflein auf ber Capelle oon ©tefanSfelb fxicblicr) 
unb tjell burd) ba§ ftide Sfjal Ijintönte, mußten roofjl 
wenige baoon, baß ein nielgeplagter ©d)netberlef)rling e3 
läuten machte, ber nebenbei bie lobten begrub, ben SBauern 
ringsum bie Kleiber fliefte unb ©eimroel) fjatte nad) bem 
Söobenfee, roierooljl fein 9Sater im 9lrmenfmu§ roofjnte. 

@o roaefer aber t>iclt ber SJlattjä au§, bajj felbft fein 
SJleifter ©rbarmen füllte unb ifmt ein f)albe§ $af)r an ber 
fiefjrjeit fd)enfte. Sftad)bem ber junge ©efede nodj ben 
[Heft feine§ £el)rgelbe3 abnerbient Ijatte, jog er, vom 
Sunftgefefc getrieben, in bie fjrembe, 

Söefdjeiben, oft mit junger fämpfenb, roanberte ex 
jroei Qa^re lang lanbauf unb lanbab im ©abifdjen unb 
in ber ©djroeij. 3Jleifter aber fanb er jemeilS nur für 
furje 3eit, meil eben ber gute 9Jlatt)ä in ©tefanSfelb feine 
„feine Arbeit" machen gelernt ^atte. 

2Bie genügfam ber braoe ©efelle mar, beroeift bie 
2f)atfad)e, bafj i^m bie @tabt SKaftatt, roo er eines 
£age§ Arbeit gefunben, tro$ i^rer Debe unb Sangroeile 
überaus gut gefiel; nur ba§ besagte tym nidjt, baß er 
beim SJleifter junger leiben mußte. 

3$ bin ein alter ©d)n)ärmer für fHaftatt^ aber nie 
fjabe id), midj nicr)t aufgenommen, einen -äftenfdjen gehört, 
ber behauptet ^ätte, in Slaftatt fei** fd)ön. — 



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— 288 — 

$ret SBanberjafae roaren üorgefdjrieben, aber, nadjr 
bcm er bereit sroansig 2Bod)en im £erbft beS jroeiten 
3al)reS arbeitslos „auf ber 2BaIj r " geroefen, ging er 
heim, (Snbe 1829, unb machte einem ©angouer ein Sßaar 
©ofen. 

3)iefe Sflorbtljat erfuhr ber einzige Sdmeiber im 
$)orf, ber $faff aus bem ßafcenmooS, unb t>erflagte ben 
attatltf, roeil er o$ne ein 2Keifterftücf gemalt unb ofme 
brei 3af)re geroanbert ju fein, ftd) erfüllt fjabe, einen 
^unben anzunehmen unb biefem ein *ßaar #ofen ju feinet* 
bern. 9hir ber Umftanb, bag ber neibifdje ©dmeiber 
biefe greuelt^at tticfjt genügenb beroetfen tonnte, rettete 
ben jungen ©ef eilen oor ©träfe. 

2BaS foUte er aber je$t madjen, um fein Sörob ju 
cerbienen? ^n ber grembe fanb er feine Arbeit unb 
bafjeim burfte er für anbere Sterbliche feine SRabel unb 
feine ©cfyeere in Bewegung fetjen. 

$u taglöljnem auf bem gelb unb in ben Sieben gab 
eS ntdjtS, roeil eS falter SBtnter mar, unb im 2lrmen$au3 
bem 33ater Stfmfter jur Saft ftfcen, ging and) nid)t länger. 

$a fam — roie bie ©c^neefen non 1817 — bem 
iUtotftf $tlfe burdf) jenes feltene ©retgnifc, bafc anno 1830 
ber SBobenfee überfror unb mit föofj unb SBagen befahren 
roerben fonnte. 9hm gab'S für ben ©cfjnetber, ber nid)t 
fefmeibem burfte, SSerbienft. 

<£r 30g auf einem ©glitten täglich einem Sdjroeijer 
$rud)tf)änbler ftorn, baS biefer im SBabtfdjen gefauft, 
über baS (£iS hinüber in bie ©djroeij. 

©S mar eine harte Arbeit unb ein weiter 2Beg non 
brei ©tunben, aber fröhlich machte ihn ber 2Jtathä unb 
bebauerte eS fchmerjlich, als baS (£iS auftaute unb ihn 
»ieber brobloS machte. 



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— 289 — 

£)ocf) ba§ gtüf)jaf)t l am tn§ £anb gebogen, unb balb 
gab'§ £aglof)n im ^etb, unb als autf) biefer 31t ®nbe 
ging, nafmt ber ©dmeibet ben SBanbetftab unb ging 
triebet in bi€ fttembe, fein btitteS 2Banbetjaf)t abju* 
machen. S>odj um fielet ju fein, bafc et nicfjt wegen 
feinet SBauetnfdjneibetei nut lutje Sltbeit fanbe, &og et 
in bie ©egenb, in bet et geletnt hatte. 

Oberhalb ©tef an§f elb , am JJu&e be3 £eiligenbetg8, 
liegt bet ättefte Dtt beg ßinsgauS, 5lltenbüten, mo fetyon 
gut $eit ß a ** § ^ bie Sinjgaugtafen an bet 

©teile, bie fjeute nodf) ©d&attbud) tjei^t, untet einem ut* 
alten SBud&enbaum &u ©eti^t fa&en. 

£>ier na^m bet 9Jtotf)ä 9ltbeit bei einem Sfteiftet, bet 
jal)tau3 ja^tein auf bet ©tot atbeitete unb bie $8uten am 
ganzen ^eiligen* unb ©e^tenbetg Inn mit ftleibetn oetfal). 

@§ roaten abermals hatte Sage. Um 4 ttljt motgenS 
roatb auf geftanben , ob ©ommet obet SCBintetj benn um 
7*6 Ufjt mußten bie ©djneiber bie ©töt antteten unb 
hatten oft ftunbenlang gu laufen, bt§ fte auf bem §of 
anfamen. 

2ftand)mal roatb bis gen 9ftittetnadf>t f ottgefdfmeibett, 
um fettig §u roetben, ba am anbetn Sttotgen einem anbetn 
©uten baS kommen retfptochen roat. 93ci ©tutm unb 
Wegen, bei ©i§ unb ©dmee sogen bie ©dmeibet bann 
noch ^eim, um in allet gtitye nriebet nach einet anbetn 
§ftid)tung aufoubtechen. Unb ba§ alleg ttug bem ©efellen 
48 ßteujet (1 9Jtt. 40 *ßfg.) Söochenlofm ein. 

Sto^u waten bie SButen an ben SBetghalben Inn oft 
unbatm^erjig gegen bie atmen ©dmeibet. SBenn jene 
am 2Kotgen fd&on if)te ©uppe gegeffen hatten, ehe biefe, 
butch ©tutm obet unroegfame ©egenb aufgehalten, ba 
n>aten, fo befamen flc nichts meht ju effen. 

$an3jaf 06, Schneebällen. SDrttU ftetyf. 19 



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— 290 - 

%xo§ aller (Sntfd&ulbigung, bajj flc unmöglt<$ Ratten 
früher tommen fönnen unb fdjon feit tuet U^r auf ben 
Seinen wären, fpracij bex fyarte Sur: „3ftr lieben ©djneiber, 
eg fann aßa^r^eit fein, n>a§ Qfcr oa f a öt a ^ wir effets 
ieben Süiorgen um 5 Ufjr unb Ijaben fjeute big 7 a 6 Uf>r 
auf @u<$ geroartet, unb bann §at alles im &aufe gegeffen. 
.ßroetmal be§ SttorgenS wirb bei mir md)t gegeffen, au3* 
genommen, wenn jemanb im $aufe franf liegt. Söentt 
Qftr franf feib, fo märet 3för ba!>eim geblieben. 9flittag§ 
tod&t man roieber, bann fönnt 3ftr ©d&neiber ba$ Sftorgen* 
effen einbringen, wenn 3$r moUi" 

©pradfj'3, fefetc feine fd&roarje £ipfelfappe auf 
unb ging, gur 2Binter§jeit in bie Senne jum ®ref d&en, 
im ©ommer auf§ gelb. 

$>ie ©djneiber festen ftd) gebulbig an bie Slrbeit unb 
hungerten bi§ Wittag, toenn ntdfjt eine mitleibige Säuerm 
hinter bem Sftücfen if)re§ SJtanneS tljnen etroaS gufteefte. 

©o blieb ber Sttatljä in ber Jrembe, nic^t ein Qaljr, 
fonbern fünf Sa^e. Son 3^* 3 U «8 e ü ßt«9 über ben 
Serg, melier ba§ Sljal oon ©alem oom ©eelanb trennt, 
unb brachte feinen armen ©Iteru etroaS oon feinem fauer 
oerbienten £ofjn. 

3m ©erbft 1835 blieb er bafjeim unb machte fein 
©d£)neibers©taat£eramen, um Sfleifter feiner 3 u nft werben 
$u fönnen. 2)er 3unftmetfter oon $fteer§burg, ©cfyneiber 
2f)um, gab il>m auf, allein ein $aar ©ofen unb einen 
©onntag§rocf ju madjen, unb tarn bann roäf)renb ber 
5lrbeit einige Wlal unoerfjofft nadf) ©ange, um &u fe^en, 
ob bem 3Jtatl)ä niemanb fyelfc. 

2113 ba§ 3Jleifterftü(f fertig mar, oerfammelte fiel) ba§ 
l)oIjc Kollegium ber 3unft, ber ©djneiber a#nm, ber £ut* 
mad)cr ©cpbler oon 9ttarfborf unb ber ©eiler Saitner 



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— 291 — 

Don SfleetSbutg, in lefcterer ©tabt unb f eftfugen ben SJtatp 
gum ©cfjnetbermeifter, für melden SHitterfdtfag er fed)jel)n 
©ulben unb einen gehörigen £runf bejahen muffte. 

Qetjt war er -äfleifter, fefcte ftdt) feinem SBruber 
ftonrab, ber ©ctyufter mar, ein £äu3djen erroorben unb 
bie ©Itern au§ bem Slrmenfywfe ju fid) genommen Ijatte, 
unb fjalf tym JBater unb Sftutter ernähren in it)ren alten 
klagen. 

3e^n $al)re lang „meifterirte" er fo, fonnte aber 
neben bem $offtf)neiber 93ocf unb bem fanften Subroig 
nidjt red)t profperiren, roe^alb er ftd) nebenher al§ ®pe* 
jialift in ber ©egelfdjneiberei auftrat. 

3113 foldtjer befam er naef) bem $obe feiner ©Uern 
SJlut^ für fünfounbert ©ulben, bie er natürlich fdjulbig 
blieb, ein fletneS ©fluten am (See ju faufen unb ftdj 
ju r-er^eirat^en. ©in armer ©dfjneiber, ber feine $ütte 
fcfyulbtg ift, befommt nid)t leicht eine reidje $tau, unb 
fo fam e3, bafc be§ 9Jlatf}ä§ (SreSjenj fo roeutg tyatte, 
aB er felber, unb baju nodj eine fdjroäcftfidje, franfe 
^erfon mar. 

($in <5tM Sieben unb etroaS #elb für ein ftfttyefat 
ober ein ^ßaar ©aifen muß auef) ber armfte §agnauer 
J)aben, roenn er ein $au§ fein eigen nennt. Unb ba§ 
fann er atte§ audj befommen oljne ©elb, roenn er fein 
£ump ift, unb aroar, roie fdjon oben erjagt, oom „Qub". 
$)er gibt i^m SKeben unb Jfelb, wenn er nur ben 3in§ 
bejaht an SJtartini, unb läfct fie iE>m felbft bann no<$, 
roenn er ein ober ba§ anbere 3<*f)* nid)t bejaht. 

2lber babei bleibt ber 9ttann eben immer ein Sttär* 
tnrer, ber faft nie bar an benfen fann, oon feiner ©cfyulb 
Io§jufommen. ®o f)atte auef) ber arme Wlafyä feine 
©Bulben nod) am ©nbe feines Sebent. 

19» 



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— 292 — 

2Ba§ et aufbraßte neben feinem färglichen SebenS» 
unterhalt, fta^en bie 3infen unb bag alljährliche ftranf* 
fein fetner 3*au. $a e3 ging ihm im Hilter, ba bie 
©egelfchneiberet einging, faft fchlechter alg früher. 

TO ich nach £ange tarn, maren er unb feine JJrau 
f<f)on im beginnenben ©reifenalter; er bog SBilb beg frieb* 
liefen $>ulberg, fte ber bulbenben, »on äranfhett unb 
©Ienb abgehärmten Patrone. 3$ habe bie franfe $rau 
öfters befugt in ihrer armfeltgen ßammer, roährenb ber 
9Jtatbä fchnetbernb in ber ©tube fag. 

(Sin lebhafter ©eift flaute aug ben abgewehrten 3 u 9 ett 
beg f leinen 2Beibeg. ©te jammerte jemeilg, bafj fie feit 
3ahr unb £ag nichts mehr arbeiten fönne unb ihrem 
Spanne fo uiele Soften mache mit $octor unb Slpothefer. 

Sh^e SBärterin n>ar ihre einige Softer, bag „Säbele", 
bie treu in all' ben Döthen 511 ben Altern ftunb, unb 
ber man auf ben erften SBlicf anfah/ bafj fie nie im Seben 
erfahren höbe, wag ©IM unb greube bebeuten. 

Slber eg ift ferner einem ^ranfen abroarten, roenn 
man arm ift unb eg an allem fehlt, wag bem äranfen 
leiblich frommt. 

$a t am ein rettenber (Sngel unb &war aug ^reufjen, 
tum wo, wie ich big bahin gerne glaubte, feiten etwag 
©uteg fommt. 

$ch h^be bi§ h*«te in meinem geben nur nor brei 
freuen sollen SRefpeft begüglich ihrer Seiftungen. $)er 
erfte ift mein Snceumg'S)irector ©chraut von SHaftatt, 
oon bem ich in ben Erinnerungen „%xi§ meiner ©tubien* 
jeit" gefprochen höbe, ber jwette ift ber gürft SBiSmarcf, 
welcher bag ©ehnen unb träumen von einem einigen 
Sßaterlanb oerroirflicht, ung S)eutfche in ber 2ßelt &u etwag 
gemacht unb bafür heute beg fceufelg S)ant geerntet hat 



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~ 293 - 

unb ber britte ift eine — ^teufci«, ein 3*&ulem 9tomen8 
2Bilcf, n>el^e§ bie arme, tranfe Sdmeiberin ton £ange, 
be§ SftathäS 2Betb, treu verpflegt hat. 

SJlitte ber ftebjiger Qaf)re nmr ein penfionirter preu* 
tttfäer ginatqbeamter nteberer Drbnung mit feiner Sit* 
liehen Softer, kh n>ei$ nicht nne, nach Hagnau gefomtnen 
unb hatte fidt) im sroeiten <5tocfe „beS #of§" eine 2Boh* 
nung gemtethet mit ^errlid^er 9lu§ftd>t auf ben (See. 

SBeibe waren *ßroteftanten , bie einzigen im $)orfe, 
aber fic haben im§ ®atholtfen allen ein leuchtenbeS 93eu 
fpiel rf>riftlicf)cr 9^ä(^ftenltebe gegeben. 

$>er 93ater mar ehebem in Sftorbbeutfchtanb ein be* 
rühmter ftaturarjt nach <priejjnifc gemefen, unb bie Softer 
machte, wie auch ich, ebenfalls in Sßafferfuren unb baju 
in $egetariani§mu8, unb in ber erjtern mir wiUfommene 
Äonturrenj. §atte mit meiner SBaffer^eilfunbe fch*w 
ziemlich ^ßrartö in unb um $ange, unb oft famen Seute 
Don auswärts $ur SBeratfmng in mein ^Pfarrhaus. 

Qdt) wies fie nun, namentlich bie vom £)orf, jum 
Fräulein SBifcf, meines bie SBicfelungen w. felbft machte, 
w&hrenb id) Dotier meinen eingelernten ^ffiftettjatjt, ben 
S^ac^bar ©igmunb, hatte f Riefen müffen, ber wenig #eit 
F)atte. 

60 tarn bie *ßreufjin auch &ur $rau be3 ©dmeibetß 
SJlatha, unb weil fte biefelbe in Sftoth unb Slrmuth faf) 
«nb ber gute ©chneiber unb fein Nabele bie SBafferpro* 
jeburen nicht recht oerftehen unb machen wollten, nahm 
ba§ fträulein bie franfe $rau, beren Sftanfljett manche 
fehr Iäftige unb wibrige (Srfcheinungen jeigte, ju fleh in 
ihre Söohnung, gab ihr ein eigenes Limmer, pflegte fte 
unb wollte fle tyilm burch »egetariauifche gebenSweife 
unb burch SBafferfur. 



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— 294 — 

$)en 58egetariani8mu8 war bie gute ©dmetberSfrau 
nur aHju fe!>r unb in fd^ledE)tcr 2lrt geroolmt unb gerabe 
baoon fo elenb geworben in i^ren Gräften. 

ftür ältere fieute ift ber 93egetariani§mu8 nichts. 3$ 
felbft Ijabe lange gett al§ SBegetartaner gelebt, würbe 
aber babei immer bläff er unb blutärmer. 

2Ber ben größten Sljetl feines SebenS mit gieifdj 
ficf) genährt l)at, für ben ift lebiglid) *ßflanjenfoft, im 
fpätem £eben angefangen, nichts meljr. S&er aber von 
$inbf)eit an, wie unfer Sanboolf auf bem ©djwarjwalb, 
meift fräftig oegetariantfd) gelebt l)at, für ben ift biefe 
$ojt ficrjer eine ganj oernünfttge unb gefunbe, unb wenn 
bie dauern in ben Tälern unb auf ben Söergen be§ 
©d&warftwalbeS, wo fte be§ Qa^reS nur einmal, an ber 
Äird&wetfj, grüne§ ftletfd) effen, ben ©d)nap§ wegliefen, 
wären fte bie gefünbeften SJlänner ber SSÖelt 

2öie frifcf) unb gefunb feljen in jenen ©egenben bie 
■tUlaible au§, weil fte bem ©d)nap§ ferne bleiben! — 

%k 2öafferfur in täglichen ^ßrojeburen mar für bie 
abgelebte, blutarme, alte grau unfereS ©djneiberS erft 
redjt nichts. 2)rum mürbe fte trofc ber oortrefflidjen 
Pflege nic^t beffer. 

©o oft id) fte befugte in bem gellen Limmer unb fte 
in einem 93ett mit blenbenb weifjem Sinnen unb in ber 
peinlichen SKetnlidtfeit baliegen fal), joHte id) ber Sßreufjin 
meine 93ewunberung. $)te ^ranfe felbft aber meinte, fie 
fei „im £immel". 

Unb al§ eines SageS ber djriftltdje preugifd)e 3Jtann 
mit feiner £od)ter roieber fortjie^en wollte, fagte mir bie 
arme ©cfjneiberin, wenn fie nur oorf>er fterben fönnte, 
benn in if>r armfeligeS $äu3lem jurücf wolle fie nid)t 
mef)r. 



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— 295 — 

Unb ber £err übet Seben unb $ob erhörte ihren 
SBunfdj. £)ie alte Jrau ftrahlte oor gufriebenhett, als 
ich tl)r bie ©terbfacramente braute, unb fie füllte, ba{$ 
fie bett irbtfchen §immel bei ^räuletn SBilcf mit bem 
ewigen oertauf chen fottte. — 

S)ie barmherzige ©amaritanerin 30g mit ihrem SSater 
an baS nörbliche (£nbe beS SBobenfeeS, nach SubtoigS* 
hafen. $ier toohnten fte in einem eigenen 93erghäuSchen 
mit herrlicher SluSftcht bis ju beS SBaterS Stob. 

Sefct heiratete bie ältliche Tochter einen oegetaria* 
nifdjen Kaufmann in Sttagbeburg, ber aber balb ftarb. 
(Beine SCßitttoe oerfuchte nun ihr ©lücf in 3lmerifa unb 
praftijirte als SWaturärjtin in -Wem g)orf. 

©nttäufcht fam fte nach <3 a ^ ren surücf nach #ub* 
nrigShafen in ihr £äuSd)en unb trieb ^icr ihren SBeruf 
um ©otteSlohn, oorab bei Firmen, benen fte noch «eben 
bem £eilbienft toufch, pufcte unb !ochte. ©ie ftarb 1894 
faft gänzlich oerarmt im ftienfte ihrer 3Jlitmenfchen. 

©eboren mar flc ju ©erberShaufen , ftretS ^eiligen* 
ftabt, oon proteftantifdjen ©Item, aber fatholifch getauf t, 
weil ber SBater mit bem fatholifchen Pfarrer befreunbet 
mar. Sßroteftantifch erlogen, rourbe fte fpäter freireligiös 
unb blieb eS bis %\x ihrem (£nbe. 

©eit bem £obe feiner 3*au ftnb jroanjig Qatjre 
oerfloffen, unb bis oor turpem fa§ ber 3flatha an falten 
unb fühlen Sagen in feiner ©tube unb flicfte, unb an 
toarmen ging er in feine Stteben unb „oerlegte" ober fjacfte. 

©eine alte Stoppe, bie fdjon über fünfjig $ahre fein 
frieblicheS #aupt fchmücft, h*t w oor äioanjig fahren 
mit einem neuen SBoben oerfehen unb trug fie bis jum $ob. 

93om 2Bein aber, ben er pflanzte, traf eS ihm jähr* 
auS jahrein feinen tropfen; benn er mußte jeben Kröpfen 



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— 296 — 

»etfaufen, um 3infen jaulen $u fönnen. 9lbet triefet ©t* 
lös würbe nictyt fnngetetdjt Ijaben, bie ßinfen $u becfen, 
roenn et nidjt bie SlltetStente oom 9teid) befommen ^ättc„ 
übet bie et glücflid) roat, mil man ifmt ofme fte fd)on 
atleS oerfauft Ijätte. 

Sftur einen Kummet äußerte er, a(§ id) mid) in ben 
neunziger ^a^ren nad) ifjm etfunbigte, bafc er jur SÖSinterSjeit 
ntdjt jeben Sag in bie Stttdje fomrae, weil et feine 
warmen bleibet mefjr fjabe. 

©eltg, breimal feiig bet SJtann, meldet nadj folget 
$lrmfeligfeit be§ SebenS am @nbe beSfelben, in tietftärftet 
3ltmutlj lebenb, feinen anbern Kummet mef)t ijat aB ben 
be3 atmen £>otffdjneiber§ uon §ange! 

liefet Kummet abet nmtbe geseilt unb bet gute 
SJlat^ä butfte im SBintet nic^t mefyt frieren , bi§ ©ort 
ifnt in ein beffeteS SHima oetfefcte. 

©ben ^atte id) ben btaoen 3Jlann für ben SBtntet 
1895/96 roiebet mit roatmen Äleiberu oerfotgt, als bet 
£ob iu ifmt fam unb bem faft ^eunjigjä^tigen bie Saft 
beS SebenS abnahm füt immet. — 



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Der Sranjos. 



'JSaS in ga§le unter bcn „nrilben ftirfdjen" ba3 
©efd)Icd)t ber ©anb^afen, ba§ finb unter ben (Schnee* 
baden in $ange bie com Stamme 2Begi3. 

Qfjm gehörten „bie jroei gürften" an, iljm entfprofjte 
ber Stoiber Sttatfjä, unb, ber lefcte ift nicftf ber fd)led)* 
tefte, ilmt säljlt „ber ^ranjoS" ju unb jroar in crfter, 
ganj echter Sinie; benn fein ©rogoater Ignatius SBegtS 
mar ber (Stammten:. 

tiefer Blatte ftd) im uorigen Qatyrljunbert <*u§ 
Äanton SöaüiS nad) £anae üertrrt unb war, weil ba§ 
$orf bamalS baS 2Beibre$t im 2Balb Weingarten befag, 
^u^irte geworben. 

S8on altem 9lbel rooHte er ftammen, aber ber 5lbel§* 
tittf mar längft untergegangen in bem freien Sßolt üon 
2Balli§, ba§ fidj fdjon früfföextig von ©aoonen IoSgemarf)t 
unb mit ben ©djroetjern oerbunoen f)atte, unb bei bem 
mit SKedjt ein freier Äu^irt mef)r galt, benn ein abeliger 
$)tenftmimn ber $erjoge t>on Söurgunb ober ©aoonen. 

9ttein eigener Slfyne mag n>ol)t, nad) ben neueften 
IJorfdntngen über ba§ erlaubte ©efcf)lecf)t ber $an§jafob, 
aud) ein foltfjer ftul^irte in 2Balli§ geroefen fein. 

äomrnt ba im Pommer 1892 ein alter Sftann au§ 
aftarlud) im ©Ifajj in meine ©tube unb fteUt ficf) oor 



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— 298 — 

al§ SBäcfermeifter $)aoib §an§jatob, beffen Stamm fett 
groei Qa^rljunbertctt im ©Ifafj fttjt, unb bcr t>on feinem 
Urgrofjoater gehört f)at, bog ba§ ©efd)led)t au3 bem 
2BQÜt§ eingemanbert fei. 

2)af} ber 9flann meiner Familie fei, beroie§ fc§on 
feine ©igenfdjaft als SBäcfer, ein ©eroerbe, ba§ neben ber 
^mil^farberei alle mir befannten ©enerationen meinet 
„l)otyen $aufe£* mit SSorliebe betrieben ^aben. 

2Beber mein SSater nodf) mein ©rofcoater, ber ©fel§* 
becf, melier im ©Ifafc in ber grembe mar, ^atte eine 
Slljnung baüon, bafi über bem 9tyein ©bie t-on unferm 
©efcfyledjt fäfjen. :Qf)r ©tammftt* ift ©unaroeier bei 9Rap* 
poltSroeiler, roofjer aud& mein Söätfer in -äflarfird) ftammt. 

%a bie $an§jafob in $a§le audj erft nadj) bem 
$)reif$igiäl)rtgen $rieg an ber ^injig auftauchen unb in 
jener Qtit jaljllofe ©djmeiser in bie »om ftrteg entr-ölfer* 
ten Sljäler be§ ©dur-aramalbeS unb be£ SBretSgauS ein* 
manberten, fo jroeifle idj gar nid&t, bajj ber greife 9Jtar* 
!ird)er rea)t fyat unb mir ade fammt unb fonberS au§ 
bem 2Balli§ flammen, mo ba§ ©efdjledfjt jetjt nod^ 
florirt. 

%a% t$ eine groge greube tyatte über bie 3Jtittl)ei* 
lung beS alten ©IfäfferS, uerfte^t ftd^ oon felbft. 3$ 
fteHe mir feitbem meinen ©tammoater r-or als einen ftuf}* 
Birten, ber mit bem fjodfjgefdfjnmngenen „SJlorgenftem" 
feinen ©enoffen fjilft, bie gfreifpit fid) gu erfämpfen, bie 
weiften bitter beS ©erjogS von ©aoogen jurücffcfjlägt 
r-on feiner £ütte unb fo ein freier 3Jlann roirb. 

Saufenbmal lieber r-on einem armen, freien ftuty 
Birten abfiammen, als »on einem reiben, mebernen. 
39örfet*gauner unb ^nbuftrieritter, ben man „geabelt" 
$at wegen feines ©elbfacfeS. — 



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— 299 — 

2Ufo ber Ignatius 2öegt§ war ©enn, ^u^irt unb 
^icrar^t in £ange unb ein freujbraoer 9Jlann. <£r 
fannte alle Kräuter, bie für3 liebe 93iel) gut waren, unb 
würbe weit in§ £anb hinein geholt als „$tel)bocter". 

©o oerbtente er ein fdfjön ©tücf ©elb unb faufte 
bie Stammburg ber 2Begi3, ein grofce£, ftattlidjeS £>au§, 
in bem fein Urenfel, ber ftranjoS, nodj 1894 wohnte, 
ein Slc^iger. 

5)enn alt werben ift ein ©rbgut aller ed&ten SöegiS. 
£)ie jwet dürften waren eben, mir wiffen e§, bürfen'3 
aber mdf)t fagen, nicfyt ganj eckten ©tammeg, brum 
würben fie aud) nid)t alt. $)er ©djneiber 3Jtatf)ä aber 
unb ber granjoS würben fteinalt 

55er ßul^irt unb Sfjierarjt Ignatius amtete nod) 
rüftig, obwohl einige adjtjig Qafjre alt, bi§ gum Sage 
feiner golbenen #od)jeit, bie feftlitf) begangen werben 
follte unb ju ber 160 *ßerfonen gelaben waren. Slber 
in ber fjrü^c be§ #od(jjett3morgen3 würbe ber Qubtlar 
Don einem SHebmann ju feiner Stuf) gerufen. 

©S war an bem Slnere alSbalb eine fernere Dpera* 
tton oorjunelmten. $)er greife Reifer machte ftd) baran, 
ermübete fiel) aber fo feljr, bafc er, Ijeimgefommen, fid) 
nieberlegte unb fein SBetb unb bie fjeftgäfte ofme Um jum 
feierli^en ©otteSbienft in bie ftirdje abgeben fnefc. 9113 
fie Ijeimfamen, lag ber Sßater tobt in feinem SBett. 

2lber ba§ £odjaeit3mal)l im Söwen war befteUt, unb 
ber alte Ignatius, ein ©elb, $atte ber Wärterin, bie bei 
tym geblieben war, nod) erflärt, er werbe jefct fterben, 
aber bie ©äfte fottten nur ba3 9Raf)l galten, als ob et 
felbft nod) babei gewefen. 

Unb fo gefdjafj e§. Unter ben ©äften aber fajs in 
erfter fiinie, *ur ftedjten ber Butter, ber „30*8*1", xfyc 



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— 300 — 

©oljn, in einem Ijodjrotljen fixad, ben er au$ SßariS mit* 
gebraut fjatte. 

$er ^örgel mar groar ntcf)t ber ättefte, wo!)l aber 
ber berüf>mtefte ©oljn be§ alten Äu^irten. S)enn obwohl 
nur ein ©cfjuftergefeHe, mar er mit meiern ©elb unb 
einem munberbar frönen, rotten %xad oor Qatyr unb Sag 
au§ ber ftrembe gekommen, mie nod) nie ein £angouer. 

g^rü^eitig fdfjon mar ber ^örgel t>om ©Itern^auS 
fortgegangen nadf) Sfyann im Dberelfafc, roo ber SBater 
Ignatius einen Detter Ijatte, ber Kaufmann mar. 

tiefer roottte ben Söuben al3 3ttagajinier benufcen 
unb nebenher ©dfjufter werben laffen. 

SRadj metyr benn se^njä^riger 9lbroefenljett fam ber 
Qörgel roieber f)eim mit fernerem ©elb unb Herren* 
mäßiger Reibung, beren ©alafdfjmucf ein rotier graef 
mar mit gülbenen Sfttöpfen. 

93on Sfjann roeg f)atte er al§ ©d&uftergefette gan§ 
#ranfreidf) burdjroanbert unb fdjltefjtidf) in ^ßartS bauernb 
Slrbeit genommen, ©ein 5fletfter arbeitete für bie femfte 
flunbfd&aft, unb ber ^örgel lernte herbei bie eleganteren 
©$ul)e unb ©tiefei machen. %a bra$ bie grofce 9teoo* 
lution lo§, unb ber junge #angouer mad&te flc als 3lugen* 
jeuge mit, bi§ ein £>ef ret ade 3lu3länber au3 ber #aupt* 
ftabt oerbannte. 

3e$t roax bie 9totl) grofc. 3>er SJteifter liefe tfjn 
nidfjt gerne jie^en, getraute fidf) aber audj rodfjt, bem @e- 
feilen, ber gerne geblieben märe, Obbadf) ju geben. 

3lber noef) jemanb f)atte ein ^ntereffe baran, ben 
jungen ©ef eilen nid&t au§ *ßari§ oerbannt ju fetyen, unb 
ba§ mar be§ ©df)ufter§ Södfjtertein, unb baä roufcte 9taÜ), 
toie gefdjeibte Selber überhaupt fietS 9tat& roiffen, wenn 
bie SJlänner oecjmeifeln motten. 



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— 301 — 

(Sie, bic <ßariferin, *erftectte tyren geliebten borget 
von £ange gegen SBtffen unb SBoHen beS <5chufter*93ater5 
unter bem Sache ihres väterlichen £aufe8. Wochenlang 
braute fie ihm bie nötige Nahrung in fein SBerftect, bis 
bie ©efahr norüber mar. 

%ann rteth fie ihm, ftch fühn als JJranjofe in bie 
SRenolution ber großen Nation in ftürjen unb tapfer mit* 
äumadjen. @r folgte bem SRath unb mürbe eine 2lrt von 
SBerber, b. h- w lub Die @chufter§* unb ©djneiberSgefellen 
feiner S8efanntfcr)aft ein, in bie 3(rmee einzutreten. S)abei 
fam er in fernerem ©elb. 2Bie, ba§ §at er nie erzählt. 

2ll§ er ©elb genug hatte, wollte er e§ aU ein meifer 
Sttann in Sicherheit bringen, nerliefc 1795 $ari§ in 
©hren, um feine Altern ju befugen, fein ©elb fehen in 
laffen, e§ §u r»erforgen unb bann mieber nach ^ßari§ ju* 
rücfaufehren. 

@§ machte nicht wenig Huffehen, als be§ ftuhhrcten 
Qörgel h*"ntam inS fülle $)orf mit herrlichen Kleibern 
unb fo nielen £oui3b'or, ba& er fte faft nicht tragen tonnte. 
2ln SBerf lagen trug er einen hechtgrauen fjracf nebft 
©nlinber, an ©onn* unb ftefttagen aber feinen fd)arlach» 
rothen. 

©eine (Sltem, beforgt, ber ^örget tonnte in ber 
franjöftfchen Dieoolution ju ©runbe gehen, hotten ihm 
ba3 SBerfprechen abgenommen, fo lange fie lebten, nicht 
mehr nach granfreich jurücf&ufehren. 

(Er gab bieg Sßerfprechen unb tydt e§, obwohl er 
»m£ Seben gern mieber fortgegangen märe; benn er 
fchmärmte für $ari§ unb für bie granjofen, unb balb 
trug er im 1)orf ben tarnen ,ber ^rangoS". 

Qahr unb Sag wartete ber Qörgel in aufrichtiger 
$ietät auf ben £ob feiner ©Item, tagtäglich befchäfttgt 



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— 802 — 

mit (Spielen unb £rinfen. @r fpielte aber nie billiger al3 
um einen Hronentljaler unb tranf nur vom beften SRotljen. 

©erne Ratten feine Mitbürger unb Sttttbürgerinnen 
ftd» von ifnn ©djufje unb ©tiefei machen Iaffen, um etroaS 
©legante§ ju tragen. 9lber ber Qörgel erflärte, er fjabe 
in s ßart§ ftetS nur für abelige -freuen unb Tarnen ge* 
arbeitet unb mad)e, fo lange er frangöftfd^eS ©elb fyabe, 
feine ©dml)e für dauern unb Gebleute. 

@ine§ £age§ famen franjöfifdje Emigranten im Slbler 
5U $ange an unb fragten aud) nad) einem ©cfmfter. %zt 
Slblermirtf) fcf)icfte alSbalb nadj bem granjoS. S)er fam 
unb mar balb im intimften ©efprftd) mit ben Jremb- 
lingen, bie er feinen ©angouern als ben ^rinjen (£onb6 
mit ©efolge benannte. 

gür biefe £erren machte er bie erfte ©cfjufterarbeit 
auf beutfdjem 33oben feit feiner ftücffeljr au§ <ßari§. ©ie 
blieben fünf Söodjen lang in #ange, unb ber granjoS 
mar ifjr ®efellfcf)after, $)olmetfd)er unb £etbfd)ufter. 

9tl§ fte aber fort waren, fteßte ber 3=ranjo§ feine 
©djufterei alsbalb mieber ein unb naljm fte fcfjnmngljaft 
erft mieber auf, al§ bie napoleomfdjen granjofen auf 
ifjren ßrieg8$ügen von 1806 unb 1808, burdj ©djroaben 
uad) Defterreid) oorbringenb, an ben Söobenfee famen. 

Qn £>ange unb ber ganzen Umgegenb aber rief aHeS 
nad) bem granjoS, bamit er bie 3 ron 5°f en belehre unb 
befänftige, unb bie freuten ftdj felbft, einen alten ^ßarifer, 
ber bie grofje üteoolution mitgemacht, am SBobenfee ge* 
funben ju Ijaben. ©olbaten unb Offiziere wollten iljr 
©dmfjroerf nur oon bem £angouer ftranjofen gemalt 
unb reparirt haben. 

©o lange granjofen im £anbe roaren, arbeitete ber 
^örgel mit fünfeefm bis sroanjig ©efellen. 



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— 303 — 

STbcr faum war ber letfte ^ranjmann fort, fo net* 
legte fid) ber ©djufter^ranjoS abermals aufs Spielen 
um #ronentf)aler unb aufs Xrinfen unb gab baS ©djuftero 
roieber auf. 

©o wartete er big 1814, ba fein SBater ftarb. SBett 
er aber bei bem jahrelangen SOSarten felber alt geworben 
roar, fo befdjlofc er, £ange nic^t meljr au nerlaffen, unb 
Ijeiratijete, 44 Qaljre alt, eine 22jäl)rige £angoueruu 

De§ SBaterS Calais nebft ©ut übernahm er, jaljlte 
feine ©efdjroifter aus unb rourbe ein SHebmann. ©cfjuftero 
tfyat er nur nebenher unb meift nur für feine balb 
ja^lrei^e gamilie, weil er fein SBauernfdmfter fein 
roollte. 

2lber, faum oerljetratljet, entfagte er gänslid) bem 
©ptel unb bem 2Birtfj§f)au£ unb rourbe ein raaeferer 
gamilienuater, fo ba{j ade§ ftaunte über bie SBefeljrung 
beS fpiel* unb roirtf)3l)aii3füd)tigen Jranjofen. 

©inft roar ü)tn in *ßari3, ba er roä^renb ber 9too* 
lution um Sttitternadjt über einen fördjlrof ging, eine 
©eftalt begegnet, bie ilm nid)t roeiter gelten lieg. 3n 
biefem 33ann unb biefer Slngft gelobte er, roenn er loS* 
fomme unb feine ©Item nochmals felje, jebe 9lac§t um 
bie groölfte ©tunbe im £angouer 33einfjau§ einen SRofen* 
frans 8« &eten füt bie SBerftorbenen. $>ie ©eftalt oer* 
fdjroanb hierauf. 

$eimgefel)rt, fjictt er treultd) fein grauftgeS 93er* 
fpredjen. $inter ber ^ßfarrtirdje ftunb bis in bie breiiger 
Qaljre eine deine Capelle jutn fjL Äreuj, in beren ©rüften 
bie ausgegrabenen ©ebeine löngft geftorbeuer §agnauer 
aufbewahrt rourben. $)alnn roanberte jebe Stfacljt, fo lange 
Capelle unb SkinljauS eriftirten, ber Sdjufter 3örgel, ber 
gran^oS, unb betete einen SRofenfrana. 



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- 304 - 

SKodjtc et noch fo lange beim Spiel unb Beim $tunt 
gefeffen fein, roemi e§ gen 3ttittetnad)t ging, ethob fld^ 
ber luftige Sttyx, um fein ©elübbe &u erfüllen. 

Sftoch met)t benn bteifjig Qahte long nach feinet 
föüctfebt au3 *ßati§ ftunb ba* S8ein^au§, unb ebenfo lange 
hat bet braoe, unetf chtoef ene Sttann fein SBetfptechen gehalten. 

<£üt Sichtiger, ftatb bet alte ^ran&oS 1847. Slbet 
von ifnn mid ich eigentlich nicht etaä'hlen, unb tt)m gilt 
bie ileberfdjtif t beS Kapitels nicht, fonbern feinem ©ofjn, 
bem ©tben feines XiteB, feines $aufeS unb feinet SReben. 

;3ötgel§ (Srftgeborenet, gtanj Qofef, roatb alSbalb 
nat^ feinem ©tfdjeinen auf bet Stotffitajje von ©ange, 
noc^ in ben Äinbetfchut)en, ba§ „JJtanjöSle" genannt. 
Unb et behielt, auch ob feinet Keinen gigut, biefen 
tarnen bis jum Xoo feines 58atet§, unb von ba an etft 
hiefc et bis gu feinem £obe bet g^ngoS. 

DZte hört' ich il)n untet einem anbetu tarnen nennen, 
ben flcinen ftämmigen 9Ratm mit bem häufen SBotlfjaat 
unb ben f lugen, fchnmt&en 3lugen, von bem man mit 
fagte, et fei in feinen jungen iahten bet ftätfjk unb 
gefürd)tetfte kaufet weithin geroefen. Unb bod) fal) et 
fo fanftmüthig unb befcheiben btein unb mar eht fo ftiUet, 
I)öflid)ct Sftann, bet faft täglich in bet 9ßähe meinet 
|>aufe3 ootübetging bet JJelbatbeit in, fietS einen gtofjen 
SBeintotg an feinem 5lrbett3gefchitt übet bet Schultet 
ttagenb. 

(Snn intimet Qugenbfteunb meinet ©acrijtanS, führte 
btefet ihn mit balb nach unfetem eigenen Sefanntroetben 
&u, unb bet 5tanjo§ unb ich würben gat gut gteunb. 

©3 raat ein metfwütbiget Untetfchieb jnrifchen biefen 
jmet geiftteichen Sftatutmenfcheu, jmifchen bem gtofen 
dübele unb bem Keinen ^tan&oä. 



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— 305 — 

tiefer ftunb mit feinet fanften, fttßen (Stimme neben 
bem gtofjen, lebhaften 3Jlef$net roie eine im 9lbenbn>inb 
flüfternbe ©tle neben einet Sfttefeneictye im ©türmet 
roefyen. 

9Jtein ©actiftan roat, roie fein $farret, ©anguinttet, 
$bealift, SQ&olfenfeglet unb Stäumer, bet Heine fttanjoS 
(£f)oletifet, äufjetlid) tuljig, ftitt, tief unb ptaftifcfj. S)tum 
braute e§ bet Qbealtft dübele jum ©emeinbeatmen, bet 
granjoä aber behielt §ab unb @ut unb Sieben. 

3^ut in einend ftanben flc einanbet nalje, in i^ren 
jungen Qatyten roaten beibe geroaltige gedfiet. £)od) leiftete 
bet fleine gtanjoS, wenn e§ fein mujjte, noef) metyt, als 
bet tiefige dübele, roaS oiel fyeijjen rooHte. 

$)e§ ^tangofen Qugenb roat hättet als bie beS 
gtofcen ©actiftan. ©d)im im jroölften Seben3jaf}te fdn'cf te 
bet alte ^tangoS fein granjöSle ju ftemben Seuten. @S 
fam als ©ittenfnabe ju einem SBauetn nadj gtentenbad), 
unb jroat als ©d)afl)itt mit einem ©e^alt non btei ©ufc 
ben nebft £emb, $ofen unb einem *ßaat ©d)uf). 

©in ©cfjaffytrte olme §unb ift bet geplagtere aller 
Ritten. $fmt bleibt feine &tit jum ©ingen unb ©innen. 
(St muf?, wenn fein SBeibfelb nic^t unbegtenjt ift, unauf* 
fjörlid) fptingen unb ben Rieten meßten. 

Sßoefie liegt roentg me^t im ^ittenleben am ©ee, roeil 
alles £anb, baS nu$ 2Balb ift, bebaut roitb. 2Bo bie SBeibe 
eingeengt ift von Slecfetn obet gat non SBeingfitten, ba 
mag bet Teufel £itte fein. $)a ift'S nichts mit alT ben 
JJreuben, bie bet &itte auf bem ©c^roatjroalb t)at 

2Bet abet nid)t n>ü&te unb eS mit ntd&t glauben 
wollte, nrie bie fogenannte ßultut bie $oefie netfolgt 
roie bet ©enbatm einen ©ttomet, bet fönnte eS felbft 
am ©djroatjwälbet #ittenleben etfaljten. 

Sansjafob, <S$nee&aaen. I ritte iRei^e. 20 



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— 306 — 

Qn bcn Tälern unb Sergen meines I)eimatl)üd)en 
KinjtgthaleS ^aben in ben Übergangenen ^atjren bie 
meiflen Sauern ba$ „9lu§fat)ren" eingeteilt. 2)a3 Siet) 
roitb im ©taß gefüttert, unb £irten gibt eS nur roenige 
mefjr. 

SQBarum? %a famen bie lanbroirtt)fd)aftlicf)en Kultur« 
Propheten beS mobemen (Staates unb haben, unterftüfct 
vom Slmtmann unb vom erleuchteten S)orffchulsen, ben 
dauern geprebigt: ^©d^afft bie SBetbf elber ab, pflanzt 
SBälber unb führt ©tallfütterung ein/ 3)er Sauer, gut* 
miittng unb gläubig rate in allen fingen, t)at ütelfacf) 
gefolgt ©ein 23tef) ift fyeute an ben Stall gewöhnt, roirb 
fett, ift aber traftloS unb jum 3 U 8 unbrauchbar. Unb 
roenn ber Sauer Sieh faufen mu&, Ijolt er 1 «, xoo noch 
geroeibet wirb ober ber ©taat lägt eS it)m für theureS 
©elb auS ben ©chroeijer Sergen fommen. 

JJrü^er ^at ber ©chroararoälber Sauer parjeüenroeife 
ba8 SBeibfelb umgebrochen, „Sfteutfelb gemacht", #afer, 
Korn unb Kartoffeln gepflanzt unb bann baS £anb roieber 
SBeibe werben laffen, bie bann üppiger mürbe als juoor. 
Qefct pflanjt er einen 2Balb für ben — Urenfel. 

Unb rooju SBalb im ©chroarjroalb? $a ift SBalb 
genug. 

„2Bunn unb 2Beib* aber geht mehr unb mehr ein. 
2öunn, b. i. SBonne, mar ber SBcibgang ben gieren, bie 
jefct, in ben ©tällen an Ketten gebunben, ftöfmen, feufgen 
unb franf fmb. 

%a$ girtenleben aber, Jene ftiHe *ßoefte, meldje bie 
größten dichter beS flafftfchen SlltertlmmS fdjon befangen, 
ge^t unter oor lauter Kultur, mährenb babei ber Sauern* 
ftanb immer mehr |urücftommt. 

„©eitbem bie Herren fommen/ meinte für^td) ein 



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— 307 — 

alter SauerSmann, mein ftreunb ftonrab, bcr ftürft oon 
bct (£df Ijod) oben im ftinjtgtfyil, „unb uns Suren pre* 
btgen, rote machen f ollen, gef)t alleS rücfmärtS". 

%a war teij am ^ßfingftfonntag^a^mittag 1893 
beim ©locfenfeft ber £irten beS m& unb ßinjigtljaleg, 
über baS td) früher fcfwn gefdjrieben. 2Bie armfelig ifl 
bicfcS poettfdje Sergfeft burd) bie mobeme ©tatlfütterung 
geworben ! Serfyältntfcmäfjig nur wenig £irtentnaben 
oon ben f)öd)ften Sergen unb oon „unfulttoirten" §öfen 
waren ba mit ityren ©locfen. Unb biefe ©locfen tönten 
fo traurig, als wollten fte ber alten £>trtenf)errlid)fett jn 
Orabe läuten. Unb bie änaben waren fo ftitt unb tobt, 
als wären fte bie abgeriebenen ©eijter ber einzigen 
#irtenfnaben. 

Qm £t)at brunten aber feufjten bie dauern, bafj fte bei 
bem bieSjäfjrigen Futtermangel ba§ 33icE> nidEft auf bie SBeibe 
treiben fönnten, weil bie Spiere e§ ntdjt mel)r gewohnt 
feien unb £al3 unb Seine brächen. — 

Unb nod) in einem fünfte Ijat bie Bultur bie $oefte 
au§ ber Statur oertrieben, ©ie &at bie ©ingoögel oer- 
folgt. 2Ber älter ift, weife weldf}' unenblidfje Sttenge oon 
infettenfreffenben Sögeln nod) oor breiig unb merjig 
Qfaljren im ©djwarjwalb &u finben waren. 2lber feitbem 
würben bie Säuern belehrt, bie fallen Säume auSju» 
gießen mit Sefjm unb bie lebenbigen S)orn^age um bie 
Sttecfer $u entfernen, ©o ^aben oiele ©ingoögel feinen 
©dfjufc unb feine ©tätte me^r für fRcft unb Srut. $n 
ber Sftatur wirb'S oon Sa^rju Qafyc ftitter unb öber, ber 
©efang fe!)lt, baS Ungeziefer aber nimmt überfymb, jum 
©djaben ber Sanbmirt^fdjaft, befonberS berDbftbaumsuc^t. 

2Benn jie e§ mad&en fönnten, bie Shtlturmenfäen, 
bürften aud) bie Säd&lein nimmer rauften, bie Mannen 

20* 



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— 308 — 

iljre §äupter nidjt meljr fd&ütteln, bic (Srlen am 93adf> 
nifyt mef)r pftern oljne polizeiliche ©rlaubnif? unb gefefc* 
lid&e SBorfdjriften. 

S)em 93tef) fabelt fie baS ^BrüHen unb Glitten auf 
ber 2öeibe fd)on eiugeftellt, ben Sögeln baS Seben unb 
bamit baS ©ingen fauer genug gemacht unb bic £irten* 
fnabcn abgefegt — 

S)a3 £irtenleben am (See tyatte feine ^oefte fd&on längft 
uerloten, als ba§ ftranjösle <3cf)aff)irte mar. ©r raupte 
nur nodO ju erjätjlen t>on ben fallen Stoppclf elbern unb 
ben ungefyorfamen ©djafen, nichts mehr oon $irtenfreuben 
unb Pom ftnnigen £eben ber ©djroarjroalb^trten. 

%<S) fudje fie auf, fo oft id& fann, bie wenigen het* 
matpdhen ©irtenbuben unb ©irtenmaible. 9luf ben 
hofften ßö^en be§ ßinjigthalS Ijüten fie nodt), biefe ftiUen 
■iftaturftnber, au§ benen man ferner einige SBorte heraus* 
bringt unb roeldje bie erfte Gelegenheit benufcen, um bem 
SMturmenfdhen aus bem 9tuge gu fommen. 

$e menfehenfeheuer fie fmb, um fo oertrauter flnb 
fie mit ihren tyiexm. 21m £on ber ©Iocfe ^ört bet S5ub 
ober baS Faible, roo baS ober jenes tykx meibet $fytt 
einzige ftlage ift nicht £angen>etle, fonbera, bafc bie £htere 
oft „milb" werben unb mit einanber Jörnen* unb ber 
tleine $irte nicht immer Sttteifter nrirb als JJrtebenSftifter. 

Unb ba Ijeut ju £ag fein SHenfch oor ber ftultur 
fl$er ift, finbet man bie £irtenfinber oielfach auch mit 
ben (Schulbüchern im ©rafe liegenb unb buchftabtren, 
lefen unb auSroenbig lernen. 

©tn jmölf jähriger SBube, ben t$ eines $age3 auf 
,bem ftlad&enberg" mit bem Sefebudf) bei feiner $eroe 
traf unb bem ich fagte, bajj er eS fo fd)ön habe ba oben, 
roo er ben ganzen Sag mit über 93erge unb X^äler 



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- 309 — 

fdjauen fthtne, meinte: „^o, 'S rocir fd)ö, roenn i nit 
Iäre (lernen) mufft'.* 3$ gab bem SBuben ein gut ©tücf 
(Selb für bie treffliche Slntroort. 

3um ©tücf für SBelt unb 3Jlcnf^^cit ruinirt bie 
Shtltur alle Sßölfer, bie fte belecft, unb roirft fte bann, 
wenn au$ erft nad) Qfafjrtaufenben, weg. (Sie fangen 
bann toieber oon oome an, werben Birten, Säuern unb 
poettfdje 9iaturmenfd)en unb fultiotren fid) toieber hinauf 
bi3 jum profaifcfyen unb unfeligen Unioer jitätSprofeffor. 

(So gefjt ber 2Belt Sauf, unb bie Statur fommt immer 
roieber ju ifjrem Sftecfjt, wenn bie Kultur oöllig jur Un* 
natur gebieten ijt. — 

Som ©d)aff)irt weg rourbe baS ^rattjöSle „<5tier* 
unb SKojjbub" bei einem Säuern in SIfmfen, bem ein* 
famften $)örfdjen beS ©alemer ${>aleS. 9lud) oon biefem 
2lmt toeifj er nur nodj oon bem junger ju ergäben, ben 
er leiben mufjte. 

9ftittlenoeUe mar unfer „^ranjfepper" (ftranj Qofef) 
fedfoefm %af)tt alt geworben, unb nun aoancirte er jum 
gauftrer. ©ein Detter, ber ftübter ftlo£ r-on #ange, fteUte 
ilm an, bamit er ilrai feine ftübel „tjerfjauftre*. 3ttit einer 
2faäaf)l 9Mf* unb 2Baff erf übel belaben, 30g ba§ granjoSle 
Dom See au§ tnS oalcmer Zljal unb bot oon §auS ju 
©au§ feines Detters äübel an. 2lm 9lbenb teerte er 
gurücf, um am fommenben Sttorgen neubelaben wiebet 
auSjujie^en. 

Unb fein &rtm? %tt beftunb, buc^ftäblic^ unb roaljr, 
auS jwet 3Jlilc^fuppen, bie eine beim SluSjug, bie anbere 
bei ber #etmtel)r. Profit fonnte er feinen auf feine SBaare 
fd) lagen, benn jeber ßübel foftete, roaS bie Säuerinnen 
alle wufjten, fed^S ftreujer oon alterSljer, unb baS ©eib 
war in ienen Reiten rar. ©twaS ju effen unb einen 



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- 310 — 

fcrrot! 3Roft bcfam baS Ijaufirenbe 3*an8öSle, menn'S notl> 
tyat, überaß, aber fonft biente er feinem armen ftübler* 
»etter um ©otteSlof)n unb um jroei SMdtfuppen. 

%a !am ein SBiebertäufer mit feiner ^amüie nad> 
$ange. ©r fjatte ben 8lofterf)of unb äße einft baju ge* 
hörigen gelber vom ©taate gepachtet unb führte Defo* 
nomie im großen ©tul 

SQBiebertäufer, fonft ebenfo gotteSfürd)tige als arbeit* 
fame Seute, meiere oiele anbere ©Triften übertreffen, waren 
in jenen Sagen, anfangs ber jroangiger ^afyre, feine be* 
fonberS roillfommene (£rfd)eimmg in einer fattjolifdjen 
©emeinbe, um fo weniger, als ber frembe 9Jtann f aft alle 
Slecfer unb Sötefen um #ange Ijerum in betrieb betam 
unb fie ben feibarmen £angouern entjog. 

Sftur yiofy unb 3lrmutl) trieb bie $angouer, bei bem 
unbeliebten ftefcer £)ienfte &u nehmen, fei eS als #ned)te, 
fei eS al§ Saglöljner. 

Unfer granjösle badjte, ein ©ulben SÖBodjenloljn beim 
SÖßiebert&ufer fei immer nodj beffer, als für jroei 9ttild)« 
fuppen täglid) mit Lübeln Ijauftren, unb roarb mit 93er* 
gnügen Stiegt bei bem „fefcerifgen* «Wann. 

%a gefdjaf) ro&^renb feines miebertäuferifgen ftnegtS* 
bienfteS etroaS, baS gotteSfürgtigen SBiebertäuferSleuten 
nidjt pafftren foUte. 

©ben mar ber famofe ©erbft 1834 im SeHer. £)er 
©taat fjatte ben 2öein oon ben ßlofterreben im „£ofl eUer", 
unter ben Söo^nräumen beS 2öiebertäuferS. ©ein Softn 
unb ein &ned)t feines roiebertäuferif^en SefenntniffeS 
brauen nun in einer Sftagt in ben Seiler ein unb ftatyfot 
93terunbbretjjtger. $)ie ©arfje tarn an ben Sag, unb bie 
beiben Sßßiebertäufer mürben eingefperrt. %tm alten 
iffiiebertäufer mar baS ein fernerer ©glag auf fein <£bri- 



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— 311 — 

ftentlmm, bcn et md>t übetnmnb, unb befftalb befd)lof$ 
et, feine gute *ßad)tung aufzugeben unb bie ©djanbe in 
2lmettfa netgeffen ju machen. 

$)a3 granjo^lein roat roäljtenb bet ©efängnifeeit 
bet groei SBeinbtebe bie einjige ©tütje be8 9Uten geroefen 
unb tyxttt fein t>olle3 93etttauen, weil et feinen Sßtetunb* 
bteifjiget geftof)len. 

5lbet ba§ flehte, f^roarjgelocfte fttanaöSletn Ijatte 
inbefj etroai anbetet geftofyten, ba§ bem roaefetn SBiebet* 
taufet noef) n&fyet üetroanbt roat, al§ bem ©taat fein 
SSietunbbteifjiget im $offeHet 3' $ange — ba8 $ets 
feinet %o6)ttx S3ine (^acobine). 

S)a§ menfd)lid)e §etj ift befanntlid) von Statut au§ 
intetnational unb f onf ef fton§Io§ , unb batum fjatte ba§ 
ftteng fatfjolifäe gtanjöSlcin auef) feinen 9luftof5 genom* 
men an bem 2Biebettäufettf)um bet Sine unb umgefef)tt. 

S)em alten SBiebettäufet abet lag biefet $>iebftaf)l 
lange md)t fo fd&roet an, nrie bet anbete, ©t x>etfptad) 
bem gtanjitöle bie Sine, wenn et mitgebe nadj Slmetita. 
$ott Ijätte et n>ot)l ben jungen ©angouet roiebettäufettfd) 
unb bann etft feinen ©djnriegerfolm roetben laffen. 

S)a3 cetliebte gtangöSle roat mit bet Steife emoet* 
ftanben, benn um bet SBine mitten weite et btö an§ @nbe 
bet üßelt gebogen. Mein bet SBatet gtanjoS, obrooljl 
felbft einft in *ßati3 ein ^atobinet, litt ba3 rotebettäu* 
fetiföe Safobinettlmm feine« gtanjfeppet nidjt in feinet 
gamilie unb fommanbitte jum dableiben. 

3)et alte SKeooluttonSmann roat felbet einft feinen 
©Itetn )u lieb bageblieben unb nitfjt mef)t nadj *ßatt§ 
jutücfgefeljtt, btum fotbette et aud) von feinem ©olme 
ben gleiten ©eljotfam unb erhielt ihn. 

2Ba3 bem fttanaöSle ben ©e^otfam nodj etleid)tette, 



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— 312 — 

war ber ©eig be§ 2öiebertäufer§, ber oon feinem gufünf* 
tigen ©cfjimegerfofjn oerlangte, bafc biefer fünfzig ©ulben 
SKeifegelb aufbringe, toäljrenb er itym nur einen ©ulben 
2Bodfjenlolm oerabretd&t unb ba§ 3*angö§le fo mdjtS 
Ijatte erfoaren fönnen. 

Slber auf be§ $nedE)tlein§ (Sfyrltdjteit baute ber reiche 
SBiebertäufer Käufer. (Sr oerfteigerte alT feine fafyrenbe 
§abe vox ber 9Ibreife nad) 9lmerifa, roeld&e SSerftetgerung 
t)iele £eute in§ |>au§ braute. %a fteßte ber 9Ute ba§ 
grangöSle als 2Bäd)ter auf für feinen Sftammon, ber in 
jraei großen 2Bafd)f örben ooU günf^iore^^alern beftunb, 
bie ber SBiebertäufer im Sauf ber ^a\)te au§ bem 33er!auf 
von fixufyt unb 93iel) an bie <5cf)n>eijer gefammelt fyatte. 

■iHad)bem bie Söinc fort mar, rourbe ba§ granjöSle 
©teinflopfer in ber #ie§grube bei ber luftigen Kompagnie, 
al§ beren (£ljef ber „grofj' üübele* fungirte unb ©on ber 
wir oben ergäbt Ijaben. Qm SBinter, wenn bie $ie3* 
grübe eingefroren mar, madjte bie Kompagnie, wie wir 
bereits nriffen, §olj. 

S8ei ben gafjrten ju ben umliegenben SBauem, benen 
bie e^rlid^en ©oljmad^er geftofjleneS ©olj lieferten, lernte 
ba§ 3 ran ^ e au $ f e i ne S^wnftige ftiHe, braoe grau 
f ernten, bie getreulid) mit iljm feine jungen unb alten 
Sage teilte. 

$)ie ©tetntlopfer unb ÄieSroerfer Ratten tf)re Slrbeit 
im 3lccorb, uerbienten (Mb wie §eu unb gogen befjfyalb, 
nrie oben au<$ fd^on gefagt, oft an gellen SBerttagen bem 
Vergnügen nad). ftam eS babei ober an (Sonntagen gu 
Laufereien, fo geigte fid) ba§ f leine granjösle als ben 
genmnbteften SBorrc unb „§ofenlupfer". 

©elbft ber ^ring §anne, fonft ein 9ie<fe ftörffter 
9Irt, unterlag meljr als einmal bem granjöSle. Slber 



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— 313 — 

mcf)t al§ einmal fam ber kleine audj Ritter ©d)lofj unb 
Siegel roegen feiner Styatfraft 

©ein greunb, ber groß' ftübele, mar jroar oft babei, 
wenn ba3 ^ran^ösle ftd) fcf)lug, ließ biefen aber in 2lugen* 
bliefen ber ©efaljr ftet§ im ©tid), weil er tfm feine Äraft 
allein wollte erproben laffen. 

9lber roenn bann ba§ ^ranjöSle in SJleerSburg im 
©efängniß faß, erftieg ber dübele tobe§mutf)ig in ber 
■iftadjt ben Ijofjen, fieilen Reifen, auf bem ba3 SSurgoerlteß 
gebaut ift, unb brachte bem ©efangenen üftadiridjt über 
baS ^eugenoerfjör unD oen ©aug beS ?ßrojeffe§. ©3 
mar ba3 ein SBageftücf erften SftangeS unb machte bem 
©roßen alle ©f)re magrer gfteunbfdjaft. 

SBtele ^afjre, e^e ber $rinj ftonrab feine £eibe§fraft 
probujirte, war ba3 granjöSle ber gefürd)tetfte fjauft* 
fdmpfer unb SKinger unb als foldjer weithin be!annt unb 
r«erfdf)rieen. 

SlnfangS ber oierjiger Qa^re mar ein neuer 3lrjt 
nad) SJteerSburg gefommen, Dr. Sfrau§. $)er fd)lug balb, 
naa)bem er bie ©äure beS ©eeroeinS gtütflid> überrounben 
$atte, im Dörnen §u $ange fein ©tanbquartier auf. 

©ein ftänbiger ®efellfd)after rourbe baS ^ranjöäle, 
mit bem er, ein großer, ftarfer ÜJtann, bojte, rang unb 
tränt. 9Kef)r benn einmal braute jeber ber beiben Printer 
e§ auf 20—30 ©djoppen in einer unb berfelben 93ojer* 
©ifcung. 

3$ ^abe in ©ange nie einen anbern ber früheren 
Slerjte nennen unb rühmen työren aU ben Dr. SfrauS. 
„3)er," fo fagen bie alten ©angouer §eute nod), „tfd) a 
g'fdjtcfter SDocter gfi, fjot immer bi glid) SJlebijtn oer* 
fdjriebe für alle ftranfljeiten unb trinfe fjot er fönne, 
beffer al3 an föebma.* 



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— 814 — 

©tetS fyab* id) nur mit #ocf)acf}tung oon bcm üttanne 
reben hören, ber bic f raufen £angouer gefunb madjte 
unb mit bcn ©efunben tränt. — 

SöiSmeUen matten bic Sflttglteber ber ftieSgr&ber* 
©efeUfd&aft amt eine ©djmeijerreife eigener 2lrt. (Sie 
f auf ten gur Sommerzeit Äirfdjen unb tranSportirten fte 
ftait nad) äonftanj, oon wo auS in ber Siegel bie ©djwetg mit 
§angouer (Striefen oerfeljen nmrbe, birett nadj ©t. ©allen. 

3n einem ©egelfdjiff, baS iljre Äirfdjen unb pro 
Sftann je einen ©djubfarren trug, fuhren flc nad)tS über 
ben ©ee nad) SHomanSljom. $)ort gelanbet, mürben bie 
Jtirfdjenförbe auf bie Marren gelaben unb müf)fam brei 
©tunben roeit bergauf unb bergab gehoben big nad) 
©t. ©allen. $ier lüften bie Surften einige Wappen 
met)r fürs $funb als in $tonftan&, unb bie gehörten bem 
Vergnügen einer furzen ©d&roeiaerretfe. 

©inb baS nidfjt Sttenfd&en auS einer guten, alten Qeit, 
roeldje oljne 9ß adjtrufjc über einen großen, ftürmifc^en ©ee 
fahren unb bann brei ©tunben lang f djroerbetabene Marren 
fdjieben, um eine freie $al)rt unb freies ©ffen unb Printen 
in ©t. ©allen unb Umgebung $u haben? 

$eut ju £ag wollen bie 9ttenfdjen ihre Vergnügungen 
oiel billiger haben, unb lieber jungem fte ba^eim auf 
ber faulen £aut, als bajj fte ftdj ein Vergnügen auf foldje 
Slrt erfauften. — 

Qm Qahre 1847 ftarb, wie mir oben gehört, ber 
alte, echte granjoS, fyodjbttaojt, unb oon ©tunb T an nmrbe 
au§ bem grantle ber granjo*. 

Slber, obwohl er balb hernach in ber babifd)en SRe* 
oolution eine ^eroorragenb franjöftf^e ©igenfchaft, baS 
SReüolujjen, hätte üben fönnen, unb obroofjl er ber©proffe 
eines ehemaligen fran^öftfchen SHeooluttonSmanneS war 



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— 315 — 

unb feine beften greunbe, x>oran ber grofT ftübele, an ber 
©pttje ber £>augouer Bewegung ftunben, blieb ber Heine 
granjo§ ein treuer Untertan unb machte nicht mit. 

Qa, er biSputtrte bei jeber Gelegenheit gegen bie neue 
gretheit unb opponirte namentlich bem großen dübele. 

3H3 nach ber SKeoolution afle§ ben $opf oerlor unb 
ba&u noc^ fd)lecf)te Qahre famen, jeigte fidt) erft ba§ praf* 
tifdje ©ente be§ granaofen. 

waren harte ^ahre, bie erften günfjiger unfereS 
3at)rt)unbertS im Babtfchen, nicht blofc für bie föeoolu* 
tionäre von ber ©orte be§ großen ftübele, fonbem auch 
für alle Untertanen. ©ine gewaltige föeaftton lag er* 
barmung§lo§ über ©chulbigen unb Unfdjulbigen. 2lber 
bie fchroerfte 9toth trugen bie Gebleute am Bobenfee, weil 
£agel unb 9ttifjwarf)§ ihr $auptemfommen aug ben Sieben 
faft auf nichts rebujirten. 

©charen weife jogen bamal§ bie jüngern SJlänner als 
£aglöf)ner hinunter nach -iSJceerSburg, um beim Bau etue§ 
neuen £afen§ täglich bretjsig ^reujer ju oerbienen unb 
fo bie ärgfte Sftoth oon ihrer gamilie abzuhalten. 

Oft hat baoon ber Machbar be§ granjoS erjählt, ber 
©oloefter Bet^, ein alter SRebmann ootl ©chneib, ©d)lag* 
fertigfeit in ber S^ebe unb ooH nie oerftegenben $umor§. 
©ein ©roftoater mar „£eufelSbanner*, fein Bater Bäcfer 
unb er felber nacheinanber 33äcf er , Sfle^ger, Bierbrauer 
unb fchliefjUch föebmann unb SDcartgrer geworben. 

9Il§ ber ©uloefter anno 1841 heiratete, befafcen er unb 
fein SBeib, obwohl biefeS ba§ ^ochjeitSmahl felbft bahetm 
in ihrer ßüche gefocht hatte unb nur eine glafchc 2ßein ge* 
trunf en mürbe, noch c ^ ncn cinjigen ©ulben baareS Vermögen. 

$>er SJtann warb Nachtwächter unb Hafenarbeiter, 
baute fein gelb bei 2Konbfchein unb 30g bie ©gge felber, 



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— 316 — 

wenn er Joggen fäte, Ijolte ba§ Jutter für fein &üf)lein, 
forcie ba§ §oIj au§ bem 2öigarte, ebenfalls nadjtS, um 
am Sage im fio^n arbeiten &u fönnen. 

9U§ fein erfteS &inb ftarb, Ijaufirte er »on #au§ 
gu §au§ mit feiner $afd)enuf)r, bie er jum SSerfauf an* 
bot^ um bie Seictyenfoften bejahten 311 fönnen. 9ttemanb 
na^m fie if)tn ab. traurig manberte er gen 9Jteer8burg, 
um fie bort feil ju bieten. UnterroegS fommt ber Qub 
$u U)m, ber 9Jtoo§ uon ©ailingen, unb leiljt tljm in 
djriftlidjem ©eifte wer ©ulben auf feine Uljr. 

3m ©erbjt 1850 befam ber ©uloefter faum für 
einige SBodjen Kartoffeln unb oon feinem 9lcfer, auf ben 
er bei 9Jtonbfd)etn Joggen gefät, einen gangen fyal&en 
©efter ©rtrag. Gittere 9totl) feilte balb in feiner £ütte 
ein. S)a eilt er fn'nab in§ $)onautf>al, n>o in Söerren* 
wag eine ©djroefter oon if)tn in befferen SBerljältniffen 
Derfjeirattyet ift. 

©ie gibt ttym einen ©ad £afermef)l für feine Ja* 
milie unb einen Saib 93rob auf ben 2Beg. Dlnte einju* 
fefjren, nur an ©trafjenranbern rufjenb, trug ber ©nloefter 
ben ©aef 9Jtel)l auf feinen ©djultern Ijeim, einen 2Beg 
von breije^n ©tunben. UnterroegS füllte er feinen ©unger 
mit bem 93rob unb ben $urft mit SBaffcr. 

%xq$ feineg ©lenbe§ Ijtelt ber ©uloefter, ein alter 
©olbat, m fern oon ber SKeoolution oon 1848 unb 49. 
©r Ijalf jroar bie $angouer Jretfcfjärler eine^er^iren, aber 
al§ biefe autogen unter bem Kommanbo be§ großen ©an* 
guiniferS unb Qbealiften Kübele, blieb er weife baljeim. 

$er ©uloefter lebt §eute nod&, mefjr benn a^tjig 
Qafjre alt; fein ©dntriegerfofnt, ber Robert Zauber: 
Kird^enmaler, ©lafer, Kaufmann, #opfenfjcmbler unb 
hantier in unb um $ange, tyat ifnt fxd) genommen 



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— 317 — 

unb oerflärt, rote ich hoffe, bcm alten, roacfern, unoer* 
br offenen ©reife feine legten £eben§tage. — 

3n jenen fchlimmen Reiten alfo nach ber SKeoolution, 
roo ber Gimmel bie Sauern unb Gebleute ftrafte unb bie 
s Jtcafticm ihre unbarmherzigen £änbe auf ftc legte, ba 
prallte ber ©eift be3 ^ranjofen am saften. 

%a roeber SQBein noch grucfjt mehr geraden rooUte 
auf ben ©eftlben oon #ange, fo proMrte ber benfenbe 
3*anjo3 e3 mit anbern fingen, ©r fing an, *ßafttnaf, 
5tteerrettig, Döhren, $abaf, £anf unb gtachS ju pflanjen. 
Kartoffeln f djaffte er neue, au§ ©an 3*anct§co belogene, 
herbei unb führte mit feinem Machbar, bem 2lblernrirth 
fjecht, bie erfte £opfenpflanäitng am ©ee ein. 

9lKcS geriete unb roäljrenb anbere hungerten, hatte 
ber granjoS „3eug" ™ Ueberflufj. 3)te Einführung be§ 
§opfen§, bie in ben f ehielten 2öein jähren ber fommenben 
Qahrjehnte unter ben $angouern mehr unb mehr um fich 
griff, rourbe junt wahren ©egen für bie ©emeinbe. 

3ludj ba§ erfte englifdje SRacefchroein braute ber 
ftranjoä in fein Sßaterborf unb mäftete e§ bt§ auf ein @e* 
roi^t oon jroei ©entnern jum ©taunen feiner 3ttitbürger. 

9lber noch etroaS erfanb ber fleine, ruhige, benfenbe 
5Jcann in jenen $ungerjahren. ©r fing eine ^ferbe* 
fchlächterei an. $Bi§ bahin galt e§ am ©ee, roie faft 
überall in ©übbeutfdjlanb, als ein ©reuel, ^ferbefleifch 
$u effen, unb e§ h a ^e auch niemanb Appetit baju. 

£)er granjoS führte biefe zweifelhafte ftelifateffe in 
£ange ein. Unb um fte munbgerecht ju machen, lub er 
arm unb reich baju in fein eigen $au§ ein. SBochenlang 
gab er alltäglich ©aftereien mit ^ferbebraten unb fchenfte 
baju SBein, fo oiel bie ©elabenen roollten unb tränten, 
um ju aeigen, bajj SKofjfleifch gut unb gefunb fei. 



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— 318 — 

Sftod) $u meiner 3eit fdjladjteten bie #angouer bi3* 
weilen ein alteS *ßferb, fochten fein $leifd> in einem 
Sörennfeffel unb gelten s 3Jhl)[ unb Inmf. 

33ei atT biefen Beiträgen jur Söfung ber fojialen 
^rage oerfäumte ber f^ronso^ feine eigene nriffenfdjaftlidjc 
2lu§bübung mdu\ 3We§ 2Biffen§roertlje tnterefjirte tlm 
unb in allem mar er ba^eim. ©in SBltcf in feine SBiblto* 
t&et überzeugt un§ baoon. %a fanben ftd) SBerfe über 
Religion: $ogmatif, 9Koral, *ßrebigten; über ^fjilofopfjte, 
• f o bie -äftetaplroftf ber (Sitten r»on ftant ; über Sanbroirtljf djaf t, 
Sln'erfjeilfunbe unb ©Hernie; 2Beltgefd)id)te unb (Special* 
geftfnd)te; ©Triften oon SBietanb unb ben bebeutenbften 
ftird&enoätern neben ben Romanen oon 3ttejanber $uma§. 

3tHe biefe Südjer Imtte unfer granjoS mef)t benn 
einmal gelefen unb fonnte oiele oon ifmen faft au8roen* 
big. Unb er mar barüber gar nirfjt ftolj. (Still unb 
bef Reiben cor ftdj fjinfdmuenb, gab er Oicbc unb 9lntmort 
mit einer fanften ßtnberfttmme, bie an ftd) fdmn ben be* 
fcfjetbenen SKann oertätlj. 

©ein fdjöneS, tootyt bemirtf)fd)aftete§ ©ut tibergab et 
$u meiner $t\t feiner Eodjter unb behielt für ftd) nur 
einige fHcbftüctc unb einen Hopfengarten, ©ein ©dfjtoieger* 
folm aber ift ba§ fdjon oben angebeutete Original oon 
Stettfmim, ber ftarl 9Jtegerle, ein 9fa$fomme ber ^a« 
milie, au§ melier ber berühmte Slbraljam a <5anta Ülaxa, 
Ulrid) 3Jtegerle, abftommt. 

$er „ftaxli" von ©tettlmim ift ber gefalligfte Sttenfdj 
in $ange unb mar mir unb meiner ©djroefter titele 
Qaljre lang ein treuer |>elfer in allen irbifc^ljäuSlidjen 
Sftötfjen. ©r fjolte mein |>ola au§ bem 2Balb, führte ben 
$)ung in meine SReben, machte ^Botengänge unb leiftete 
mir am 2lbenb, abroecfrfelub mit bem STCadjbar ©igmunb, 



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— 319 — 

©efeafäaft, wenn td), unfähig gutn ßefen, jemanb Ijaben 
wollte jum „©d&roäfcen 4 ', nadjbem bcr ©acriftan fi$ &ur 
Sftulje begeben fyatte. 

$>er ftarle ift nebenbei 9Jtuftfant, 93irtuo§ auf bem 
§orn, unb blie§ bi§ cor wenigen Qafyren mit einigen 
ßonf orten au8 ©tettfjutm unb 3tteer3burg auf allen %an& 
böben ber Umgegenb bei ^ocfföeiten unb in ber ftaftaad&t. 

2lud> fungirte er al§ actioe§ SJMtglieb bei ben fta* 
pellen oon StteerSburg unb $ange. 2)a§ gehört audj 311 
ben ßulturfortf dritten ber Gebleute am <5ee, bajj faft 
jebe§ $)orf eine tooljlorgamflrte Söledfjmuftf I)at. Qm 
ftinjigtfjal gibt'S auf ben Dörfern nur je groei ober brei 
$odE)jeit§muftfanten mit ©eige unb Klarinette; an eine 
SJtufttfapeUe raagen ftdj nur bie SKenfd&en „im <5täbtle". 

3lber ein§ ^aben alle 3ttuftfanten ber 2BeIt mitein* 
anber gemein, fte trinfen gern unb ftreiten ftd) um ben 
<5piellof)n. (So ging'3 aud) in §ange, unb oft Ijat mir 
ber $arle baoon erjä^lt. Slber immer mieber Ijaben ftdfj bie 
Parteien oerföljnt, um aufä neue $u trinfen unb ju 
ftreiten. 

®ie #angouer ftapeHe mar ju meiner Qzit berühmt. 
2ln iljrer ©ptfce ftunb SBttyelm, ber ©ptegler, einft Ober» 
trompeter bei ber ftaoaüerie unb ©olobläfer erfter Drb* 
nung. (£r fjat einem Jreunbe von mir, bem 9Jtajor oon 
©Riding, meinem bie Capelle einft oor meiner £ütte ein 
©tänbdjen braute, fo baSgerj gerührt, bafc er bem SBifyelm 
einen Saftftocf au§ ©Uber unb ©Ifenbein madjen lieg. — 

2Bar ber Äarle auf flunftreifen, fo beforgte tfnn ber 
©d&nriegeroater JranjoS boJ ganje ©ut beffer, al§ wenn 
er felbft e8 bearbeitet §ätte; benn gute SJluftfanten fmb 
nicf)t immer bie beften ^elbarbeiter. *ßoftljom unb 9Jttft* 
gabel paffen aud) fd)led)t aufammen. 



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— 320 — 

£)od) griff bct SJtegerle audj Bei bcr Arbeit roieber 
rüftig $a, roenn er genug „geblafen" Imtte. 

2Iber er ift nid&t blog SBirtuoS auf bem £orn, fon* 
bem auc§ im ©infaljen uon ©cifnnfen. $)a3 mad)t ilmt 
feiner nadfj. (Seine ©d£)infen fmb ptfant, rote bie Sieben 
feines berühmten Agnaten Ulrid), unb roer nod) nie oon $arl 
9JtegerIe3 ©d^infen gegeffen unb nie Ulrid) 9ftegerle§ Sieben 
gelefen, bat nodj nidjt oon ben beften iljrer %ct gefoftet. 

3Ba§ ifjn aber, fo lange idj in #ange lebte, am metften 
auszeichnete, roar bie grofje gürforge für feine alte -äftutter, 
bie auf ber t>äterlidf)en #ütte in ©tettlmtm roolmte. $)er 
5ttutter, einer ernften, finnigen 3?rau non oornebmem 9luf« 
treten, tiefe ber $arle nichts abgeben, unb roenn er felbft 
bätte barben müffen. Unb fo oft er 3eit Jjatte, eilte er 
hinauf nad) ©tettlmun, um nad) ber Butter au fef)en. 

£)a3 SJlufif machen foß tlrat jefct ganj oergangen fein. 
(Statt auf auswärtigen ^anjböben luftigen fieuten aufju* 
fptelen, ift er Slgent für ein Nürnberger $opfengefdfjäft 
geroorben. 

©o fef)r ift burdt) bie „©rfmbung" be§ fjranjog ber 
£opfenbau in £>ange gebieben, bajj bie Nürnberger 
„gopfenjuben" i^re Agenten „am Sßtafc" f)aben. Unb 
Don ifjnen einer ift unfer 3Jtegerle. 9Kit 9tojj unb 
äßagen futfdjirt er pr (Srntejeit weit tn3 ßanb hinein 
unb fauft £opfen für Qfrael. 

S)er SJranjoS aber rourbe in feinen alten Sagen, 
ofjne e§ je gelernt &u Ijaben, nod) ©df)ubmad)er. SBeim 
93ater, bem alten granjoS, §at er blofe sugefefjen, roie er 
bisweilen ©dfmlje madt)te unb fliefte. SDreigig Qabre nad) 
bem £obe beS SBaterS fommt ber ©olm auf ben ©e* 
banfen, jum 3eitoertreib bi* ©dfjufterei aud) anzufangen. 

@eba$t, getrau, 93alb madjte unb reparirte er alles 



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— 821 — 

©djuljroerf für§ $au§. 9Jtel)r benn einmal IjaV iä) Um 
in feinet ©tube im obern ©toef getroffen, wie er, feine 
grofje Hornbrille cor ben 9lugen, f djufterte. 9luf ber niebern 
©ctyufterbanf lag irgenb etneS feiner 93üd)er, in welchem 
er, abtoedjfelnb mit ber ©djufterei, gelefen tjatte. — 

9ln Dftern 1893 Ijatte id) ben ftranjoS ju mir nad) 
ffreiburg etngelaben. ©3 fteöte ftdt) babei heraus, bafj 
er feit oterjig fahren md)t mefjr auf ber ©ifenbafm ge* 
fahren mar. (Sr fam in eine neue SBelt, aber fie impo* 
nirte ifnn nidjt. 2Bie jeber alte SHebmann am ©ee hatte 
er nur nod) ben einzigen SBunfdt), einen guten $erbft ju 
erleben, dje er ba§ ßeitlidje mit bem ©roigen oertau fc^te. 
<£)a§ 3aljr 1893 hat biefen SBunfch befriebigt. $er 9üte 
tranf oom guten ^reiunbneunjiger ben £erbft unb Bittter 
über, unb bann legte er fteh in ben erften Xagen be3 
Jahres 1894 jum Sterben nieber unb ging in eine beffere 
SBelt, toohm fein 2Beib ihm fdjon oorauSgegangen mar. — 

.freute ift ber ©djnetber Klemens ber lefjte ^Hcft einer 
mit ihm oöClig abfterbenben Qtit. fjortan wirb e§ in £ange 
roeber mefjr „roilbe Sftrfchen" noch „Schneebällen" geben, 

$ie $alb*#ultur hat fchon übermächtig um fid) ge* 
griffen. (£3 fmb feine $orfmenfchen mehr in ben Geb- 
orten am ©ee, unb e§ ftnb ©täbtle^örfer, giuitterbingcr 
am fdnoä'bifdjen 9tteer. 

93on Qaljr ju 3at)r machen bie ©eroohner mehr unb 
mehr bie Sfloben unb ©Uten unferer blaftrten ©täbte* 
Kultur mit. $)ie ftleibung roirb nachgeäfft, SBerlobungS--, 
£od)3eit§* unb 9teu ja hrSf arten werben oerfanbt, M SobcS* 
[äßen gebruefte Sinnigen oerfchieft unb ju £cid)cubcgäng* 
niffen 93eileiblfränje bebijirt. SDBo aber biefe Jfränje 
grafftren, §M ber fatfjolifcfje ftofenf ranj , ba3 fchönfte 
©ebet für SSerftorbene, gar balb auf. 

SanSlafob, S^neebaDen. »ritt« Seit«. 21 



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— 322 — 



3[n ben je^n Sauren, ba idj vom ©ee roeg bin, Ijat 
bjefe Unnatur mit 3Jtad)t jugenommen gum Sftad)tf>eii für 
ftamilie, 6taat, flirre unb ©efetlfdjaft. 

Sflur eines fann, gottlob, nid&t fulttoirt werben, 
bie gro&e 9iatur, %a§ fdjroäbifdje 9Jteer fdjlägt feine 
mächtigen SBogen nod) Sag unb 9tad)t an bie Ufer, bie 
©türme braufen nod) roie eljebem über feinen Söaffern, 
bie eiftgen gimen ber ©ebirgSroelt glühen nod) im Slbenb* 
fonnenfdjein in feine gfbttyeii In'nab, bie Sannen im 
garte" flüftern nod) im 3ttorgenroinb, unb bie SBa'djiem 
eilen nod) bem <5ee ju. 

Sie Sftenfdjen mögen ftdj änbern: ^Bauern unb Geb- 
leute in ßnlinbern unb Sanbmäbdjen in ©taubmänteln 
unb mit „©onnenbädjle" am €>ee f)tn unb Ijer gießen, fein 
Pfarrer mefjr mit feinem ©acriftan im 3Binfel hinter ber 
ftirdje ftyen unb oon alten Reiten reben, eines nrirb 
bleiben — bie große Ijerrlidje Sdjöpfung ©otteS, bie 
iflatur. Erfüllen wirb ftd) be3 ®id)ter§ 2Bunfdj: 

2)oaj ma§ bie 3eit un3 aua) »erfpriajt, 
SRatur, oerftege bu nur niajt! 
2>u mächtige, mannigfache, reiche, 
... SJerftnfe nic^t in§ flad)e ®Ieid)e! 

Ünb red)t f)at berfetbe Sic&ter, raenn er unferer 
$cit unb iljrer Shtltur* unb 3ttobe*©ud)t juruft: 

eraie^t nur, bilbet unoerbroffen, 
(53 fpielt Statur eu<$ allen einen $offenl 
$od) wirb ein (Sfel eu$ geboren, 
eo .Mitritt i$m Ja bie D$ren! 




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«erlag toon granj Seichter in Dfjlau. 

— = "" — 

gut £cf>war$imtR>. 

gür bie beutfd)e reifere 3"flcnb auggemäljU au« ben ©Triften 
Don Bnnrufi BansialnUn 

elegant fartonirt 1 SRarf. 
3n^alt: 3)ie &eimat — 2)a8 S3aterl)au$. — greunbe unb 
ftameraben. — SSic ber „©djnetber-Sepp" $u feinem Xeil 
3)ummt8 fontmt. — 83om (Sterben be« alten $erme$buren. — 
$er s JiiftIeljan8le unb ber §an«jörgle. — $ie tarfunfetftabt. — 
$er ^eilige fieutnant. — $ie fieiben ber Sauern im brei&ig* 
jährigen $rieg. 

iiöfnifrfif !Sorß5jetf uttß : „2 tc «u«löa&t tft nicfjt vom ©erfaffer aus- 
gegangen, er roar fogar ntd)t red)t bamit etnoerftanben — fonbern oon 
fetnem Verleger, Mber btc beutfdje Sugenb rotrb roofcl ber 9lnftd)t be« 
letjtern fetn, ba| ber origtneüe ftreiburger Pfarrer gan$ Der SWann tft, 
um t&r mtt feinen frtfeben, gelunben, urnjüd)ftgen ©djtlberungen unb 
perföntld)en örtnnerungen eine Rreube au ntad)en." 

Aa-ßemeines Literatur 6 tatt (tieo = (SefeUf djaf t) : „©effere «oft al« fle 
§an«jafob btetet, tonnen rotr unfercr Sugenb ntd)t geben. $a« tft 
träfttge, gefunbe, nietjt nur ftletfd) unb ©tut, fonbern aud) ftnodjen unb 
Wart btlbenbe Wahrung." 

£atf<$ettfrfje |Sfotter: „3)ie feftönften Partien au« ben Scbriften oon 
£>an«jatob flnb jur Settüre für bie beutfd)e 3ugenb auögeroablt. älber 
ntebt minber gerne werben bie SUten tn bem rotrlttd) guten ©olf«bud) 
lefen. ©« rotrb roobj ntd)t bet ber erften Stuflage bleiben. 2>te Schrift 
tft aufgenommen tn ba« Sugenbfcbrtftenocraetcbnt« be« fatboltfdjen fietjrer= 

oeretni tn »aoern, roa« aUetn fdjon etne oortreffltdje ©mpfeblung tft." 

. — . — . , — 

Jörittttd) ^atl^iaßoß, ber @c$ttaratuäU>er »orfbufcter. 

©ine literarifdje ©tubie 
üon %tttrtrfl Bt|tft0lf> ^rofeffor an ber Untberptät Süttid). 

3flit bem Sifönis Äansjafiofis. 

$rei8: geheftet 2Kf. 1.60; gebunben 3Rf. 2.20. 
3n 6 ftapiteln : I. $an8jafob unb bie beutfdje $orfbicf)tung, 
II. ^ugenb unb ©tubienaeit, III. 2)er *JJrofeffor unb ber ®taat§" 
gefangene, IV. $er Sanbpfarrer, V. $er ©tabtpfarrer, VI. 
öanSjafob al« 2)orfbid)ter — bietet bie ©djrift ba$ ausführliche 
£eben«bilb eine« ber merftuürbigften 2Jlänner unferer Seit unb 
einen bebeutenben ^Beitrag jur ©efdjidjte ber jeitgenöjfifdjen 
beutfdjen Literatur. 3)er SBerfafJer legt ba8 $>auptgenricf)t auf ba« 
fedjfte ftapttel, in bem §an«jarob« &orfbtd)tungen einer bis in« 
Äleinfte einbringenben SBürbigung unterjogen werben, ©in 
©efamturteil über §an«jafob fdjliefjt bie Arbeit ab, bie auf ftreng 
tüiff enf ct)af tltcfjcr GJrunblage beruljcnb, juglciä) öolf«tfimlidj ge* 
balten tft. ßiebeüoU aber unparteiifa) waltet ber SBerfaffer 
feine« ?lmte3. 

• • * * t # »r i . . t . • 



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3n ber ^crbcr'fdjen SerlagSljattMuttfl ju ftrctfmrg im 
Sreiggau ift erf^tenen unb bur$ alle 39ua)f)anblungen ju H* 
Steden: 

Der 

Pogt auf Znüfylftem, 



(Eine (Ersä^Iung aus bem Sd}wax$voalb. 

*<m teinrtcb Dansjafcob. 

Prachtausgabe mit 8 §eltoarat>üren naa) Drtgmal*3ei$ium9 e n 

von SStlJjelm jpafemann. 

4°. (IV u. 58 6.) 3n Drig.»(Einbanb: Seinw. mit ©olbfc^nitt unb reia)er Stabil' 

preffung in ®olb unb garten .* 12.— 



„Sine 99auerngefa)io}te, tn ber ba« eajte Seben unb treiben ber alten, 
etngefeffenen $of6auem pulftert. 2>a« ftnb leine Seemen, fonbem wtrflidje 
fraftooHe TOenf^en, bte oon ibren alten ©ebräua^en unb 8lnfa)auungen nta)t 
abgeben unb lieber ade« brennen, wa« ftcf; nta)t biegen lägt. ©ut&erjig wie bte 
Äinber, aber ftarr wie bie Qranitfelfen töter £etmat, nenn fia) ein anberer 
SBille bem i&ngen entgegenfe&t. Jer iß er f äff er gilt a(« einer ber beften .Renner 
be« Sa)marjwalb« unb feiner 83ewo$ner unb er bietet in biefer Crjäblung ge* 
rabeju eine $erle, bie wohl wert mar, bajj bie öerlag«&anblung fie in ein fo 
f cböneä öeroanb bullte. Sag bie 3ü*uftrationen meifterbaft ftnb, bebarf bei bem 
tarnen #afemann« feiner weiteren Berfia)erung, ift boa) biefer Äünftler ber 
ecbmargwalbmaler par excellence, beffen Stift gleio)roert wie $an*jarob* 
geber ift." ($eutfa)e Mcoue. Stuttgart 1896. gebr.) 

„SU« eine $erle unter ben a>orfgefa)la)ten , glela) auSgejefc&net bur<$ 
feinen tiefergreifenben 3nbalt wie bura) feine poetifc&e, gemütoolle DarfteHung, 
fann ber „Sogt auf >JHüblflein\ eine (Jrjfiblung au« bem ©a)marjwalb oon 
£ e i n r . § a n 8 j a f o b , bejei^net werben. . . . £ er 93erf affer ha t In ber f o Reiter 
beginnenben unb boa) fo tragifa) auSflingenben ®efa)ia)te ein SBilb vom fa)wä« 
blfcben »olWleben au« bem <Snbe be« oorigen 3abr&unbert« geboten, wie e< 
wobl feiten fc&öner unb leben«wa&rer gejeiebnet werben ronnte." 

Oauftrlrte äeitung. 2elpjig 1896. Hr. 2739.) 

„. . . 21 m mlrtfamften erfcbelncn bi« |e|t bie Borjüge ber fcansjafob'fcben 
Äunft unb 6a)reibweife in feinem „Sogt auf aRü&lfteln" oereinigt . . . Die oor« 
liegenbe »uSgabe ift ein ^raebtwerf erften Wange«. 8o)t oornüglicb gelungene 
$eliograoüren naa) Driginaljeia)nungen oon2Bilbelm$afemann, bem meifter. 
baften Scbilberer be« Sa)mariroälber S3olf$leben«, erböten ben SRelj unb bie 
Sirfung ber einjigartigen 92ooeDe; bie oornebme 8tu3ftattung in fcrud, Rapier 
unb Ginbanb au« ber fcerber'fcben Dffijin mao>en bie $anöiafob'fcbe ffiei&nacbt** 
audgabe «u einer wertooüen öereltberung unferer SJolfäfcbriften." 

(Äarl«r. 3eitung. ÄarlSruije 1896. 9ir. 896. 

„. . . SBir wollen nur no<b erwähnen, bajj bie gUuftratlonen fia) bem £er.l 
oon $an8jafob anfcbliefjen, wie eine gute üRuftt einem guten üiebertert. Sie 
äufeere *u«ftattung be« ÜBerfe« ift glängenb unb gelungen, unb wir flnb Ober« 
icugt, ba* „ber Sogt auf SJlü&lftein" bie weitefte Berbreitung finben wirb." 

(Unloerfum. »reiben 1896. 11. $cjt.) 



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DEC 13 1916 

MAR 5 1919 
JUL 9 19W 



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